st. Jahrgang.
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Uo. 9. Brrlags-Fernsprecher No. 2953.
Morgen-Ausgabe.
Brauer und Wirte.
Wenn heute in einem Hause die Errichtung einer Schänke genehmigt wird, so ist es gleich einige und unter Umständen auch viele tausend Mark mehr wert. Aus dem Nichts sind anscheinend neue Werte geschaffen und der glückliche Besitzer kann im voraus im Verkaufspreis seines Hauses das Geld kapitalisieren, das der deutsche Zecher dort einst „sitzen lassen" wird. Die Schänken sind ein Spekulationsobjekt geworden. Sie gehen in manchen Städten wie ein Börsenpapier von Hand zu Hand, jeder Verkäufer will einige Tausend verdienen und schließlich ist der Preis ein so hoher, daß ihn entweder nur ein sehr reicher Mann bezahlen oder ein Habenichts ihn schuldig bleiben kann. Ost ist es dann trotz aller Reklamen und der Anwendung stärkster Zugmittel nicht möglich, einen so großen Umsatz zu erzielen, daß die Verpflichtungen er- füllt werden können. Eine stilvolle großstädtische Kneipe, deren Wert von freundlichen Taxatoren auf einige hunderttausend Mark bemessen ist und auf die Vertrauensselige dieser Taxe entsprechend Geld gaben, wird in der Versteigerung vielleicht für etwa die Hälfte der- kauft. Das sind fast alltägliche Vorgänge. Ost sind die Brauereien die größten Gläubiger und sie sind daher häufig Käufer. Entweder setzen sie einen Mrt ein, der nichts ist als ihr Angestellter, oder sie verkaufen wieder an einen Mrt, der nichts besitzt und nichts verlieren kann und also bei dem Wagnis auch nichts riskiert. Natürlich ist er mit Ketten und Banden an „seine" Brauerei ge- fesselt. Er darf keinen Nagel aus der Wand ziehen ohne chre Genehmigung. Doch das macht nichts; es grbt beute genug abgetakelte Wirte, Hoteliers, „Traiteurs" stmd ähnliche Geschäftsleute, die froh sind, derartig den „Besitzer" spielen zu können: sie haben wenigstens ihr Aus- kommen während dieser Zeit. Das Verhältnis liegt natürlich nicht immer so, aber oft. Selbswerständlich darf ein von „seiner" Brauerei abhängiger Wirt nur deren Bier verkaufen, nebenbei höchstens noch auswärtiges, da dem Geschmack der Trinker entsprechend mehrere Biere geschänkt werden müssen.
Obgleich die Kneipen sich in den größeren Städten und ihren Vororten und in manchen Bezirken selbst weit hinaus auf dem Lande sehr stark vermehren, so müssen die Brauereien doch ganz außerordentliche Mittel aufwenden, um für ihr Erzeugnis den großen Absatz zu finden. Denn noch mehr als die Zahl der Kneipen aller Grade und noch stärker als der deutsche Bierdurst ist die Produktionsfährgkeit der Brauerei-Jndustrie gewachsen. Gewalstge Kapitalien sind in ihr angelegt, die nach guter Verzinsung, nach hohen Dividenden schreien. Jede dieser
Mittwoch, drr, 7. Januar.
großen Brauereien muß also jährlich einen kleinen Ozean von Bier Herstellen und ab setzen. Die eine Brauerei sucht der anderen den Rang abzugewinnen, sucht „in die Kundschaft" zu kommen. Die kleineren und ganz kleinen müssen sich gleichfalls ungeheuer anstrengen, wenn sie am Leben bleiben wollen, und so hat sich denn im Braugewerbe ein Wettbewerb entwickelt, der alles hinter sich läßt, was in irgend einem anderen Erwerbszweige in dieser Beziehung geleistet wird.
Die nicht ganz von der Gnade der Brauereien abhängige Wirte, Leute, me sich rühren können, wissen nämlich in diesen Konkurrenzhetzen die Brauereien ganz gewaltig hoch zu nehmen. Es ist unglaublich, was diese Wrrte von den Brauern verlangen, noch unglaublicher aber, was man ihnen zubilligt. Von den Liefermrten- schmälsten wollen wir gar nicht reden; das ist eine alte Geschichte. Vor uns Iregt eine lange, von einem deut- schen Brauersyudikat aufgestellte Liste über alles das, was im Wettbewerb den Wirten von den Brauern gewährt wird. Ta gibt es zunächst übermäßig hohe Zechen der Brauereivertreter, Lieferung von Freibier, Gewährung von Übermaß, Hergabe von Gesckenken aller Art im Interesse einer Bierlieferung. Hergabe von Dar- lehen unter den: landesüblichen Zinsfuß, Übernahme be- sonders von Biersteucrn, Rückvergütungen aut den Bier- preis oder auf leere Flaschen und Fässer, Zuschüsse für die Küche oder zum Pacht, Stellung von Fuhrwerken ohne oder gegen geringe Bezahlung, Verleihung von Pferden und Wagen, Hingabe von Kohlensäure ohne Ent- gelt. Es giebt Brauereien, die Wirtschaften mieten und dieselben zum Selbstkostenpreise oder noch unter ihm an die Kunden anderer Brauereim überlassm zu dem Zweck, sie zu sich heranzuziehen; sie übernehmen auch die Bürgschaft dafür, daß der Wirt pünktlich die Miete zahlt Andere überlassen ihm das Inventar unmtgeltlich, be- zahlen auch die Geschästsanzeigm desselbm und machen noch die verschiedmarftgstm Zuwendungen, alles des Absatzes willm.
Was muß wohl am Bier verdient werden, wenn die Brauereien sich mit derartigen Aufwmdungm belasten In Sachsen haben sich übrigms kürzlich zahlreiche Brauereien vereinigt und festgesetzt, daß bei einer Verein- barten Strafe ein derartiger Wettbewerb nicht mehr stattfinden darf. Vielleicht hftft das, wahrscheinlich ist es jedoch nicht. Der Zwang, großen und immer größeren Umsatz zu erzielen, wird jedenfalls derartige Abmachun- gm bald wieder beseitigen.
Natürlich hat das hier erörtere Verhältnis zwischen Brauer und Wirt auch ein soziales Interesse. Wer gibt denn eigmtlich dm Anstoß zur Vermehrung der Kneipm? — Es soll angeblich stets ein Bedürfnis vorhanden sein, aber wir glaubm, daß nicht die Bevölkerung dieses Bedürfnis empfindet, sondern irgmd ein kluger Haus
Rrbakti,ns-Fernsprecher N». 52.
1903.
besitzer, ein beschäftigungsloser Wirt, der mü dem leicht gewährten Kredit der Brauereien und unter Ausnutzung ihres beispiellosen Entgegenkommens seinm Vorteil sucht. Hat man je gehört, die Bewohnerschaft eine« Straße oder eines Stadtbezirks habe bei der Behörde um die Genehmigung einer Kneipe als dringendes Bedürfnis nachgesucht? Und wenn das wirklich einmal geschehen sein sollte, dann wird man nicht versäumm dürfen, genau hinter dm Vorhang zu blickm, um die treibende Kraft kmnen zu lernen. o.
Aus dem Ueichshaushallsetal.
wb. Berlin, 5. Januar. Die „Norddeutsche Allg. Ztg." meldet: Der Etat des allgemeinen Penstonö-
fonds weist an fortdauernden Ausgaben in der Ver. waltung des Reichsheeres auf 62 720 525 Mk. (mehr 2111530); davon entfallen auf Preußen 55 771900 Mk. (mehr 1 944 600). Sachsen 4 084 850 Mk. (mehr 129 970), Württemberg 2 863 775 Alk. (mehr 36 960). Das Reichs- Militärgericht erfordert 4 377 Mk. (mehr 3868), die Marine 4 819 454 Mk. (mehr 426 500), die Civtl-Ver» waltung 2 050 884 Mk. (mehr 202 274). An sonstigen Be- willigungen sind 90 000 Mk. (mehr 40 000) zu Beihilfen für ehemalige französische Militärpersonen und deren Hinterbliebenen eingesetzt. Die Gesamtausgaben belaufen sich demnach auf 69 685 240 Mk. (mehr 2 780 828).
Der Etat für das Reichsschatzamt weist an Einnahmen 4 404 580 Mk. (minus 312 670) auf: die fort- dauernden Ausgaben sind auf 548 718 600 Act. «minus 15 529 400), die einmaligen Ausgaben auf 1300 Mk. (minus 18 710) berechnet. Die Überweisungen an die Bundesstaaten sollen 542 092 000 Mk. (minus 14148 000) betragen, und zwar 854 928 000 Mk. (minus 10 883 000) aus dem Ertrage der Zölle und Tabaksteuer, 108 667 000 Mark (minus 1 926 000) aus dem Ertrage der Ver- brauchSabgabe für Branntwein und Zuschlag dazu 78 497 000 Mk. (minus 1835 000) aus dem Ertrage der Reichsstempelabgaben.
Der Etat des Reichs-Militärgerichts erfordert an fortdauernden Ausgaben 518 700 Mk. (21026 Mk. mehr als im Vorjahre), abzüglich der von Bayern allein zu tragenden bayerischen Kosten. Ein Teil der Mehraus- gaben ist auf die Umwandlung einer außeretatsmätzigeu in eine etatsmüßige Stelle zurückzuführen.
Der Etat für das preußische Reichs-Militär Kon- tingent und die in preußische Verwaltung übernommenen übrigen Kontingente weist für 1908 auf: ordentliche Einnahmen für Rechnung der Bundesstaaten ausschließlich Bayerns 11445 052 Mk. (mehr 1408135 Mk.), für Rechnung der Gesamtheit aller Bundesstaaten 866 866 (mehr 158 791) Mk., an außerordentlichen Deckungsmitteln, namentlich aus dem Verkauf von Festungsgelände 4 565 959 Mark (mehr 809 773 Mk.). Die fortdauernden Ausgaben belaufen sich auf 448160 814 Mk. (mehr 6 451 773 Mk.). Bei Kapitel „Geldverpflegung" wird
Feuilleton.
Pie Fortschritte der Physik und Chemie
im Jahre 1902.
Das jetzt vergangene Jahr hat in dem weiten Bereich der Physik und Chemie welterschütternde Entdeckungen nicht gebracht, und doch wird es in der Entipicklungs- geschichte der Wissenschaft einen ehrenhaften Platz beanspruchen dürfen. Die vorausgegangenen Jahre hatten vorgesorgt. Es steht noch immer eine Anzahl so großer Probleme zur Bearbeitung, daß eine Legion der schärfsten Geister damit beschäftigt werden kann. Und in der Tat fehlt es nicht an Flammenzeichen, die hier und da, entfacht von weitsichtigen Gelehrten, austauchen und uns eine neue Lehre, eine größere Zukunft wissenschaftlicher Erkenntnis ankündigen. Das Eigenartige der Gegenwart liegt eben darin, daß durch verenrzelte große Entdeckungen die Erörterung über die Grundlagen der Wissenschaft wieder in Fluß gekommen ist und daß man jetzt Anschauungen in Frage zieht, die noch vor verhältnismäßig kurzer Zeit als ein eiserner Bestand, als ein rocher de bronce, erschienen.
Es kann kein Zweifel darüber obwalten, daß der Anstoß dazu hauptsächlich von der Entdeckung der sogenannten Körperstrahlen ausgegangen ist. Es war eine llngerechtigkeit, daß dieser Fund trotz aller Würdigung in wissenschaftlichen Kreisen doch längst kein so weit- schichtiges Aufsehen erregt hat, wie etwas vorher die Entdeckung der Röntgenstrahlen. Ae Röntgenstrahlen zeigten, daß es eine Form der Energie mehr in der Natur gebe, aber diese neue Form der Energie stand doch in unmittelbarem Vergleich zu anderen bekannten Formen, wie namentlich den Kathodenstrahlen oder den elektrischen Wellen. Die sogenannten Körperstrahlen aber waren etwas gänzlich Neues, überhaupt ist es ja interessant, daß sich der Grad der Sensation, die von wissenschaftlichen Entdeckungen erregt wird, meist an Kleinigkeiten heftet. Hätten die Röntgenstrahlen nicht zufällig die Fähigkeit, das Knochengerüst des lebenden
menschlichen Körpers sichtbar zu machen, oder wäre man später auf diese Eigenschaft aufmerksam geworden, so wären sie vom größeren Publikum als eine vielleicht ziem» lich merkwürdige, aber doch im Grunde genommen nur die Gelehrten angehende Sache behandelt worden. Die Bedeutung der Körperstrahlen ist jedenfalls um ein Viel- faches größer. Das Verhältnis läßt sich etwa so aus- drücken: Wenn man vor der Entdeckung der Röntgen- strahlen einem Physiker von Ätherwellen gesprochen hätte, die sich von den Kathodenstrahlen, der elektrischen Strahlung in den und den Punkten unterscheiden, so würde er das vollauf verstanden haben. Hätte man aber dem sachkundigsten Vertreter der Physik noch vor 6 oder 7 Jahren von Körverstrahlen oder von Radioaktivität gesprochen, so hätte er sich davon nicht den geringsten Begriff machen können.
Über das Wesen dieser merkwürdigsten aller Strahlenarten ist im Lauf eines halben Jahrzehnts selbstverständ- lich auch zwecks Aufklärung weiterer Kreise sehr viel geschrieben worden, und wir können uns daher mit der Aufgabe genügen lassen, die wesentlichsten Fortschritte der Forschung während des letzten Jahres kurz zu kenn- zeichnen. Der Altmeister der Chemie, Berthelot, hat sich ganz besonders dem Studium der chemischen Eigenschaften der strahlenden Körper, namentlich des sogenannten Radium, zugewandt und zunächst festgestellt, daß eine chemische Wirkung den Strahlen jedenfalls anhaftet, die sich auch in völliger Dunkelheit, aber auch mit ungewöhnlicher Langsamkeit äußert. Ae Verbindung von Jod und Sauerstoff, sowie die Salpetersäure wird durch die Radiumstrahlen ebenso zerfetzt wie vom Licht, während sich anderen Stoffen gegenüber Licht und Körperstrahlen verschreien verhielte; auch ist ihre chemische Wirkung eine andere als die des elektrischen Stroms. Der deutsche Chemiker Giesel stellte fest, daß unter dem Einfluß von Radium auch gewöhnliches Wasser die Fähigkeit zur Entsendung kräftiger Strahlen annimmt, desgleichen auch die Luft, jedoch verlieren diese Stoffs die Strahlungsfähigkeit nach einiger Zeit wieder vollkommen. Theoretisch beachtenswert sind diese Be- obachtungm deshalb, weil man darm einen Beweis für
den Satz erblicken kann, daß die Radiumstrahlen nicht rn kleinen Teilchen des Stoffs selbst bestehen können. Ein wirklich!es Aufsehen erregte die Erörterung von Vignon vor der Pariser Akademie der Wissenschaften über das berühmte Grabtuch Chrisft, das in Turin aufbewahrt wird und angeblich ein Poiftrait des Heilandes zeigt. Berthelot war geneigt, die natürliche Erklärung dieses mystischen Wunders selbst für eine Mysfffikation zu halten, während andere, ebenfalls nicht ganz wenig gelehrte Leute, ihr mehr Glauben entgegenbrachten. Es wurde daran erinnert, daß schon vor einiger Zeit der Nachweis der Strahlungsfähigkeit für viele ganz gewöhnliche Körpev erbracht worden war, und so auch für gewisse nichtflüchtige Oie, mit denen vielleicht die Leiche Chrisft einbalsamiert hätte sein können. Sogar der menschliche Körper selbst dürfte eine Strahlungsfähigkeit besitzen, und zwar vielleicht nicht nur der lebende, sondern auch der tote, d« doch dieselbe Eigenschaft in der leblosen Natur so west verbreitet ist. Viel wichftger als diese einzelnen Rätsel ist jedoch der Einfluß, den die Entdeckung und Er- forschung der Körperstrahlen auf die grundlegenden Anschauungen der Naturwissenschaft auszuüben begonnen hat. Der größte Gegensatz in der Natur ist derjenige zwischen Kraft und Stoff.
Seine Überbrückung durch den menschlichen Geist er> klärte Dubais Reymond für eine „Grenze des Natur- erkennens", an der er sein „Jgnorabimus"! aufrichtete. Es ist deshalb ein außerordenftiches Zeichen der Zeifl werm ein so hervorragender Physiker wieWilliamCrookes,' der sich freilich immer gern mit den transeendentalen Endzielen der Wissenschaft beschäftigt hat, mit Rücksicht auf die Eigenschaften der strahlenden Bakterien die Äußerung wagen durfte: „Wir haben dort tatsächlich das Grenzland berührt, wo Stoff und Kraft ineinairder über- zugehen scheinen." Schon beginnt auch die alte Atom- Theorie ins Wanken zu geraten, freilich nicht zu völliger Wandlung, aber doch zu einer wesentlichen Erweiterung und Vertiefung. Cs sind jetzt nicht mehr vereinzelte Stimmen, die darauf Hinweisen, daß die Atome nicht die kleinsten Teile des Stoffs im allgemeinen darstellen können, so sonderbar diese Behauptung auch klingen mag.
