Beilage nun Wiesbadener Tagblatt.
Uo. 8. Morgen-Ausgabe.
Mittwoch, den 7. Januar.
81. Jahrgang. 1903.
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Sich
Schöpfung«!!, [ft das höchste erreichbar«^!«!.
st entbehrlich zu machen in den eigenen
Tyeod. Billroth.
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(19. Fortsetzung.)
Ich.
Roman von Iba Boy-Ed.
„Ich?! Nein, unter
keinen Umständen!" sagte an dem er noch geraucht.
--, neulich Geld in das Schränk^
chen?" fragte Agnes leichthin.
„Das hat Dir wohl geträumt!" erwiderte Gustav und zog die Decke bis an die Ohren hermif.
^ schwiegen Beide. Agnes legte sich nieder, löschte die Lampe und wachte in die Nacht hinein. Sie horchte auf Gustavs Athemzüge. Lange konnte sie keine erlauschen,' er lag regungslos wie Jemand, der wacht und denkt. Endlich kam der leise schnarchende, langsam ruhrge Athemton, der verkündete, daß Gustav schlafe Agnes setzte sich im Bett auf. Sie hatte die Vor- hange vor den Fenstern nicht zugezogen. Die sich schon . abflachende Mondscheibe stand am schwarzen Himmel, roth und fahl wie bei getrübter Luft und leuchtete nicht. Agnes starrte vor sich hin; ihr Auge gewöhnte sich all- gemach an die Dunkelheit; sie glaubte aut der weißen Marmorplatte des Tischchens neben Gustavs Bett das Blinken seines Schlüsselbundes zu sehen.
Wenn sie leise aufstände, wenn sie die Schlüssel nähme? Nur nachsehen, nirr einmal Nachsehen, wieviel Geld in dem Schränkchen sei, nur hie brennende Neugier befrie- digen, wie viel Gustav seinen Gläubigern vorenthalten wolla Aber warum nicht auch davon nehmen! Sie hatte ein Recht sogar, denn sie hatte ihrein Gatten ein Ver- ichogen zugebracht, ein kleines zwar nur, aber doch mehr, ibtd. mehr, als sie jetzt nehmen wollte. Daß sie chr Eigen- thum schon lange durch ihren Luxus verbraucht, gestand sie sich mcht. Und weim Gustav es morgen entdeckte? Ach er mußte wohl schweigen, denn Agnes wußte genau, daß er kein Recht hatte, in einem so kritischen Augenblick Geld aus dem Geschäft zu entfernen. Plötzlich fiel ihr ein, daß es am Ende Olgas Eigenthum sei, was Gustav so m Sicherheit gebracht. Nun, dann konnte sie es erst recht nehmen: Olga hatte hier so schöne Jahre verlebt, ste als Dank gewiß gern einen Theil des Ihrigen für Agnes opferte.
t ., unb geschmeidig wie eine Katze erhob Agnes sich, schlrch um die Betten mit wankenden Füßen und griff nach den Schlüsseln. Sie schauderte zusammen; Marmor und Stahl fühlten sich an wie eine Leichenhand. Und wie kalt es war! Sie nahm die wollene Decke von ihrem Bett und schlug sie sich um die Hüften.
.„Wenn Gustav davon erwachte, daß sie die Thür öffnete? Was chm sagen? Er würde ihr Ziel erkennen Sie konnte durch Hansis Zimmer gehen. Wenn die knarrende Thür sie dann verriethe, konnte sie sagen, Hans P. e im ^rraum geschrieen. Kälteschauer rannen ihr durch die Adem mit den nackten Füßen schien sie auf Eis zu Gßen. Wie der Drücker knackte, wie die Thür kreischte! Pf? Gustav schläft. Weiter auf schleichenden
Sohlen. Da — ein neuer Ton — ein anderer Menschen- athem. ^odesschreck zittert durch ihre Glieder' aber nein, wie thöncht — es ist ja Haust, Hansi, der süß und in Frieden schlaft. Dort steht sein Bett, die verhüllte Nachtlampe wirft matten Schein darauf Vorüber — firn zur anderen Thür. Wie das Kind sanft athmet! Es hat keme Sorgen in der Brust. Es ist so mild, darauf >u horchen. Und welch eine heitere Ruhe auf seinen Zügen regen mag!
Me Füße gehorchen nicht: anstatt zur Thür, gehen sie an das Beuchen. Me fülle Oellampe wirft ihre Strahlen durch ein Lichtbild von Milchglas. Es ist ein iitelief und stellt ein betendes Kind dar. Agnes hat es einmal gekauft, weil es Hansi ähnlich ist. Nun schaut sie mit starren Augen darauf. So faltet auch Hans die Hände.
„Bater, laß die Augen Dctn Ueber meinem Bette sein!"
Jetzt sind andere Augen über ihm. Sie beugen sich herab und saufen sich an seinem lächelnden Mund fest. Me Augen ferner Mutter! Nein, die Augen einer
— DiMn!
Wenn er seine blauen Sterne öffnet — sie anschaut
— in ihrem Blick liest, was sie vor hat! — Me Nacht- lampe knistert, flackert auf — wie unerträglich, dies betende Kind auf dem weißen Glas — es soll die gefalteten Hände herabthun, es soll nicht so fromm aus- schauen.
„Vater, laß die Augen Dein Ueber meinem Bette sein!"
Wie kindisch! Es wacht Niemand und sieht Nienrand, was vorgeht. Me Nacht deckt alles zu, und Hansi schläft
— den Schlaf der Unschuld — noch, diese Nacht noch! Aber morgen und immer _ steht das Unheil an seinem Lager. „Denn ich will die Sünden der Väter heimsuchen an den Kindern . . ."
Wahnsinniger Neid faßt plötzlich das Weib. So süß, so friedvoll möchte sie auch schlafen. Nur eine Nacht! Ihr Kind soll nickt genießen, was sie nicht hat. Mit harten Händen rüttelt sie es.
Er rührt sich, es reckt sich, es lallt, was es halb wachend noch, halb schon träumend zuletzt gesprochen, ehe man es zudeckte:
„Vater, laß die Augen Dein Ueber meinem Bette feint-"
Es blinzelt, es öffnet halb die Augen, flüstert' schlaf- trunken: „Bist Du da, liebe Mama?" und schläft weiter. Und seine kleine, müde Stimme hat wie die Posaune des jüngsten Tages an der Seele seiner Mutter gerührt.
Mit einem ersückten Laut sinkt Agnes in die Kniee, legt ihre Stirn an den Rand des Beüchens und weint.
Fünftes Kapitel.
Heut war der Tag, Olga wußte es, wo Hellwang wrederkam. Gestern sagte Hansi, als er von seiner Ausfahrt heimkehrte, daß er morgen nicht mit Onkel Albert fahren dürfe, well der Onkel Besuch bekäme und zwar den Baron Hellwang, und da könne es leicht ge- schehen, daß er verhindert sei, wolle also lieber gar nicht erst Hansi etwas versprechen.
„ Vom frühen Morgen an ging Olga rastlos durch die Räume des Hauses. Keine Beschäfttgung sagte ihr zu, keine hielt sie länger als fünf Minuten aus. Als Agnes erschien, sagte sie ihr zum ersten Male seit vier Tagen wieder freundlich guten Morgen — sie mußte mitJeinand sprechen, wenn sie nicht ersücken sollte — und bekam zu ihrem Erstaunen eine milde, freundliche Antwort. Sogleich sich wieder vollkommen mit Agnes ausgesöhnt fühlend, sagte sie mit einer von innererAuftegung heiseren Stimme:
„Heute kommt Hellwang. Wenn Du mich lieb hast, Agnes, laß uns keine Sekunde allein und verhüte auch, daß Hellwang in Deiner Gegenwart dazu kommt, von seinen Wünschen auch nur andeutend zu reden "
„Was ist das?" fragte Agnes, „Du willst die Ent- cheidung hinausschieben?"
~ -Ä morgen nur aus Barmherzigkeit gieb mir die Frrst!" flehte Olga freberhaft.
„Kind", sagte Agnes kopfschüttelnd, „ich dachte. Du hattest die allergrößte Elle, diese brillante Partie festzu
halten. Wenigsiens wie ich Dich und Deine Bedürfnis^ kenne, findest Mi so etwas nie wieder."
„Ich will ihn ja auch", rief Olga ungeduldig, „aber eS braucht doch nicht so bald zu sein."
„Höre", begann Agnes nach kurzer Bedenklichkeit, „Tu solltest gerade bald machen. Unter uns: Gustav stehen starke Verluste bevor, und die Verbindung mit I Hellwang könnte uns gesellschaftlich eiwrm dienen und halten. Wer weiß auch, ob Hellwang sich nicht gar zurückzieht, wenn er vor Eintritt der wahrscheinlich unvermeidlichen Krisis noch nicht gebunden ist. Und dann sitzest Du da. Dann wird es schwer halten."
Olga schwieg bestürzt. So stand es also? — Das hatte sie nicht geahnt. Sie hatte nie darüber nachgedacht, ob Gustav, der doch ursprünglich genau so viel Vermögen lote Albert besaß, die Mittel verdiente zu dem großen Aufwand des Hauses, und hatte Gustav für einen reichen. Albert für einen mäßig bemittelten Mann angesehen. Jeden nach der Art seines Lebens taxirend. Ja freilich, dann mußte sie um so dringlicher einen Millionär heirathen. Welch doppeltes Glück, daß Hellwang noch so vor Thoresschluß kam!
„Nun", sagte Olga endlich, „die Krisis wird Albert wohl glücklich für Euch lösen, aber trotzdem sei wegen des Barons ruhig."
Sie ging in ihr Zimmer, um sich mit vieler Sorgfalt zu kleiden, so einfach und so vornehm, wie nur eben sie es verstand, sie sah sich im Spiegel an — ja, das dunkle Kleid von dem groben, modernen Stoff stand ihr um so besser, als sie auffallend bleich war. Nren Hals zierten weder Spitzen noch Schmuck, das Kleid schloß mit spartanischer Einfachheit ab; aber an den schlanken Armen, die der enge Aermel nicht sehr weit über den Ellbogen hinab bedeckte, klirrten unzählige Armbänder, Kugelketten und Münzschnüre.
Ein Wagen fuhr vor —- Olga rannte ans Fenster. Richtig, er! Um Gottes Willen, wenn Agnes chn allein empfing, war er im Stande, diese um eine Unterredung unter vier Augen mit Olga zu bitten. Sie lief die Treppe hinab, im Laufen noch einen Knopf am Kleide schließend, kam athemlos im Salon an und rief:
„Also Agnes — Du mußt lieber heute doch noch aus- weichen helfen."
„Der Herr Baron von Hellwang fragen, ob das gnädige Fräulein zu sprechen sind", meldete Wilhelm.
„Wir bitten sehr", antwortete Agnes.
Hellwang trat ein, er war im Frack und trug seim Orden. Er sah aus wie ein stattlicher Freier, aber der Glanz auf seinem Gesicht erlosch ein wenig, als er Olga und Agnes bemerkte. Ohne Zweifel hatte der dumme Wilhelm es nicht ausgerichtet, daß er sich ausdrücklich nur bei Olga melden ließ. Sie wußte ja, weshalb er kam, sie würde ihn auch allein empfangen haben; nun mußte er sich Zwang anthun und erst höflich Frau Agnes die Hand küssen.
Wie Olga ihn so eintreten sah, die stolze Figur hoch aufgerichtet, das sonnenverbrannte Angesicht mit den hellen Augen in freudiger Erwartung strahlend, das ganze Wesen sichtbar gehoben durch das Bewußtsein des Werthes dessen, was er zu bieten kam, und den Glauben an den Werth dessen, was er begehrte, da wurde ihr Herz von unaussprechlicher Angst bewegt. Ein elendes Gefühl, das elendeste von allen, das der Scham, schlug ihr helle Flammen ins Gesicht.
Hellwang deutete ihr Erröchen anders. Es beglückte ihn sehr. Er ergriff Olgas Hand und drückte sie heftig.
„Hier sind Wunderdinge passirt in den wenigen Tagen", begann Agnes zu plaudern, „wissen Sie schon, der arme Defsky ist nach Afrika abgereist."
„In der That?" sagte Hellwang.
(Fortsetzung folgt.)
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