Üirsliaiifiur TsgM.
51. Jahrgang.
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|lo. 10 . Berlags-Fernsprecher No. 2953.
Mittwoch» den 7. Januar.
Redaktions-Fernsprecher N». 52.
1903.
Abend-Ausgabe.
Der deutsch-tschechische «.Ausgleich".
Zwei polnische Inden, heftige Gegner und Konkurrenten, hatten sich am „Versöhnungstage", der Sitte ihres Feiertages folgend, beim Eintritt in die Synagoge versöhnt. Als sie das Bethaus verließen, sagte der eine zum anderen: „Ich wünsch dir, was du wünschst inir!" ,'Fängst du schon wieder an!" rief entrüstet der andere. An diese Anekdote wird man erinnert, wenn man die Verhandlungen zwischen den Deutschen und Tschechen über den Ausgleich in der Sprachenfrage verfolgt. Die deutsch- tschechische Ausgleichskonferenz, welche die feit dem Jahre 1890 vergeblich angeftrebte Aussöhnung der beiden Nationalitäten zu stände bringen soll, ist jetzt infolge der Bemühungen des österreichischen Mnisterpräsidenten Herrn v. Körbec aufs neue zusammengetreten Aber die billigen und gerechten Vorschläge der Deutschen, deren Programm sich mit den vorher erwähnten Worten charakterisieren läßt: „Ich wünsch' dir, was du wünschst mir!" stößt bei den Tschechen auf eine Gesinnung, die in ihrer Hinterhältigkeit den Worten des polnischen Juden ent- spricht: „Fängst du schon wieder an."
Nach dem bisherigen Verlauf der Verhandlungen über den Ausgleich in Böhmen und Mähren kann man den Beratungen der jetzt zusammengetretenen Konferenz nur ein ganz minimales Zutrauen entgegenbringen, und auch dieses minimale Zutrauen hätte zur Voraussetzung, daß die Tschechen die Anmaßung und die Begehrlichkeit von sich absireiften, die sie bisher ausgezeichnet hat. Die Aussichten für die Erfüllung dieser Voraussetzung sind aber verschwindend gering. Eines muß jedenfalls fest- gestellt werden, nämlich, daß es nicht an den Deutschen liegt, wenn die Verhandlungen scheitern. Die Deutschen sind den Forderungen der Tschechen so weit entgegem gekommen, als sie es mit den Grundsätzen der Erhaltung des Deutschtums überhaupt nur vereinen konnten. An einem entsprechenden Entgegenkommen haben es aber die Tschechen bisher gänzlich fehlen lassen.
Der von deutscher Seite gemachte Vorschlag zur Herbeiführung eines Ausgleichs geht dahin, an Stelle der bisherigen Verwaltungs- und Gerichtsbezirke nach Möglichkeit national abgegrenzte Kreise zu schaffen. In den deutschen Kreisen soll die deutsche Sprache volle Aner- kennung finden, während in den tschechischen Kreisen die tschechische Sprache als innere Amtssprache eingeführt werden soll. D. h., die tschechische Sprache soll für die Verhandlung aller mehr lokalen Angelegenheiten maßgebend sein, während für alle überwiegend den Gesamtstaat angehenden Sachen das Deutsche die Staatssprache bleiben soll. Daneben sollen, wo es nicht anders angeht, national gemischte Kreise errichtet werden, in denen das
Deutsche und Tschechische im inneren Menst gleichberechtigt nebeneinander stehen, während selbstverständlich das Deutsche, wie überall in Böhmen und Mähren, die Staatssprache bleiben soll.
Diese letztere Forderung ist nicht nur vom Standpunkt der Deutschen, sondern auch von dem des österreichischen Staatsgedankens eine unerläßliche, denn eine allgemeine Staatssprache ist für den österreichischen Staat ein Lebensbedürfnis; als eine solche Staatssprache kann aber selbstverständlich nur die deutsche in Frage kommen. Das haben zum Schluß sogar auch die Tschechen, wenn auch nur in verklausulierter Form, zugestanden, aber sie verlangen, daß für ycrnz Böhmen und Mähren durchweg die Doppelsprachigkert in der Weise eingeführt wird, daß das Deutsche und das Tschechische gemeinsam als Amtssprache zu gelten haben.
Beharren die Tschechen auf dieser Forderung, dann wird die Ausgleichskonferenz im Sande verlaufen. Vielleicht wären die Führer der Tschechen im Grunde nicht so abgeneigt, auf die billigen Vorschläge der Deutschen einzugehen, tvenn sie nicht die Konkurrenz derjenigen tschechischen Gruppen fürchteten, die sich, wie die Agrarier und die Sozialisten, von der offiziellen Tschechenpartei abgesondert haben und sich noch radikaler als diese geberden. Me Furcht vor dieser Konkurrenz einerseits und der Mangel an Interesse für die Erhaltung des österreichischen Staatswesens andererseits ist es, was die Tschechen zum Festhalten an ihren unberechtigten Forde- rungen veranlaßt und somit das abermalige Scheitern der Ausgleichskonferenz befürchten läßt.
Das Scheitern dieses Ausgleichs wäre aber gerade jetzt von schwerwiegender Bedeutung, weil mit dem Schicksal dieses Ausgleichs zum Teil auch das Schicksal des österreichisch-ungarischen Ausgleichs verknüpft ist. Der Ausgleich zwischen Österreich und Ungarn hat zwar die Genehmigung der beiden Regierungen gefunden, aber seine parlamentarische Durchsetzung steht noch aus. In Österreich könnte diese nun auf schwere Hindernisse stoßen, tvenn die Tschechen ihre Drohung wahrmachen, wonach sie im Falle des Scheiterns der deutsch-tschechischen Verhandlungen im Parlament in die Obstruktion eintreten wollen. Es sind mithin in zwiefacher Hinsicht kritische Tage, die in dem Mitte Januar zusammentretenden österreichischen Reichsrat zu erwarten sind.
Aus dm Deichshauslillllseitt für 1903.
rvb. Berlin, 6. Januar. Die „Nordd. Mg. Ztg." meldet: Der P o st e t a t für 1903 beziffert sich in den Einnahmen auf 456 220100 Mk. (mehr gegen Vorjahr 15 590 970), davon für Porto und Telegraphengebühren 426 Millionen (mehr 15 Millionen). Unter den fortdauernden Ausgaben werden gefordert für die Betriebsverwaltung 895 778 129 Mk. imehr 11 668 020). Das Postamt Tsingtau wird in ein solches erster Klasse, die Post
anstalt Swakopmund in ein Postamt zweiter Klasse um gewandelt. Neu gefordert wird ein Vortragender Rai in der Centralverwaltung, 7 Posträte bei den Oberpost- öirektionen, 3 Oberpostinspektoren, 39 Kassierer, 50 Obersekretäre, wogegen 24 Sekretärstellen in Assistentenstellen nmgewandelt werden. Damit ist die Rückumwandlung der seinerzeit neugeschaffcnen Sekretärstellen beendet. Im ganzen sind 2 0 0 0 A s s i st e n t e n st e l l e n für bisher diätarisch beschäftigte Assistenten neu geschaffen. Ferner werden gefordert 148 neue Gehilfinnenstellen, 2000 neue Unterbeamtenstellen. Für die Ausgestaltung des Telephondienstes auf dem flachen Lande werden -1000 000 Mk. gefordert, 400 000 Mk. für Ersetzung des Kabels Kuxhaven-Helgoland, 400 000 Mk. für Anschlutz- kabcl Emden-Borkum und für das zweite deutschatlantt- sche Kabel Emden-Azoren-New-Uork. Die einmaligen Ausgaben des ordentlichen Etats belaufen sich auf 13 474 899 Mk. (mehr 498 246), darunter sind eine Reihe erster Raten, sowie einmaliger Forderungen zu Grund- stttckserwerbungen und Neubauten. Der Titel „Wohngebäude für Untebbcamte und geringer besoldete Beamte" fordert 1400 000 Mk. (mehr 500 000), als einmalige Ausgabe des außerordentlichen Etats werden 22 095 000 Mark für Fernsprechzwecke verlangt. Hierzu wird bemerkt: Angesichts der außerordentlichen Steigerung des Fernsprechwesens sollen, wie im Vorjahre, Anlagen, die vorzugsweise der Zukunft zu gute kommen, aus Anleihemitteln bestritten werden.
Deutsches Reich.
* Hof- «nd Perfonal-Nachrichte«. Der Kronprinz wird Ende März Bonn verlassen und vorläufig wieder im 1. Garde- Regiment zu Fuß aktiven Dienst tun. Wie nach der „Post" verlautet, soll derselbe zum Hauptmann und Chef der 2. Kompagnie ernannt werden. Für später ist der Eintritt des Kronprinzen beim Regiment der Garde du Corps geplant.
Pariser Blätter verzeichnen neuerdings das Gerücht von einer bevorstehenden Verlobung des deutschen Kronprinzen mit der Prinzessin Alice von Albany, einer Nichte des Königs Eduard.
Die Besserung im Befinden des Königs von Sachsen hält an. Der Hustenreiz, der den hohen Patienten immer noch sehr quält, scheint etwas nachgelassen zu haben.
Justizminister S ch ö n st e d t, der gestern seinen 70. Geburtstag feierte, hat sich allen Ovationen durch seine Abreise von Berlin entzogen. Vom preußischen Gerichtsvollzieher-Berbanöe erhielt der Jubilar eine künstlerisch gehaltene Adresse übersandt.
Man meldet aus München: Der Prinzregent verlieh der unverheirateten Tochter des Ministers Crailsheim, die ihrem Bater den Haushalt führt, Titel und Rang einer Staatsrats- und Reichsratsgattin.
* Berlin, 6. Januar. In sonst wohlunterrichteten politischen Kreisen wird angenommen, daß zunächst Handelsvertrags-Verhandlungen eingeleitet werden mit Rußland und den Vereinigten Staaten, alsdann erst mit den übrigen Staaten. Die österreichischen und italienischenKvmmissare dürften diesmal nach Berlin kommen und unsere Bevollmächtigten zu den Verhandlungen nach Petersburg gehen. Man macht sich
Die Eidechse.
Roman von A. v. Klinckowström.
(13. Fortsetzung.)
„Wie das interessant ist, alle diese Berühmtheiten zu se^n und selbst neben einer solchen zu sitzen, denn Ihr Name, Herr Professor, ist doch in der Welt ebenso bekannt wie alle die, welche Sie eben nannten. Man macht f'ich nur von den Herren immer ganz andere Vorstellungen."
„Ich bin unbescheiden genug. Sie zu fragen, ob Sie sich auch von mir eine besondere Vorstellung machten; und wenn ja, ob ich derselben entspreche?"
„Nicht im geringsten. Ter Name Jacques Lebrun war mir bisher unzertrennlich von grauein Haar und strenger, hagerer Gelehrtenphysiognomie. Nie im Leben hätte ich gedacht, daß Sie so elegant und jung sein könnten."
Er lächelte geschmeichelt, war vielleicht noch stolzer auf sein stutzerhaftes Aeußere als auf seinen Ruf als Gelehrter.
„Sie würden mir auch wohl kein Talent zum Tanz zugetraut haben?"
„Nicht das mindeste; so wenig wie seiner Zefi Dubois- Reymond oder Helmholtz, als sie auf der Höhe ihres Ruhmes standen."
„Wollen Sie mich einmal auf die Probe stellen?"
„Ob ich will? Natürlich!" — Jenny sprang wie elektrisiert auf und strahlte.
Seine Arme umschlangen sie fest, fast zu fest, wollte es ihr scheinen; doch sie achtete kaum darauf, schwebte mit chm, der leicht und sicher zu führen verstand, durch den Saal, wie getragen von Stolz und Glück, mit dem Manne tanzen zu dürfen, der in hem von ihr erwählten Berus für eine Autorttät ersten Ranges galt und der den meisten ihrer Landsleute unerreichbar blieb.
Vorhin, während der kleinen Episode im Bacchuszuge, hatte sie für einen Moment Aufsehen erregt, um dann wieder in der Menge unterzugehen und nur von
Einzelnen bemerkt zu werden. Jetzt, da sie in Lebruns Gesellschaft war, wandten sich von allen Seiten Lorgnetten und Augengläser nach ihr hin. Man fragte, wer diese auffallend gut aussehende Griechin sein könne, die es verstanden hatte, den bekannten Chemiker aus seiner Bequemlichkeit zu den Anstrengungen des Tanzes aufzurütteln. Das entging Jenny nicht und erregte sie mit einem Gemisch von Triumph und Befangenheit, dessen Ausdruck sie geradezu reizend machte. Als dann Lebrun sie wieder auf chren Platz zurückgeleitete, drängten sich die Herren dazu, ihr vorgestellt zu werden und gleichfalls um einen Tanz zu bitten. Aber der Professor war nicht gesonnen, sich kolt stellen zu lassen, und wehrte lebhaft mit Gesten und Worten.
Jenny hätte in jugendlichem Frohsinn getanzt, immer wieder getanzt, aber es schmeichelte ihr doch, den Professor ausschließlich an sich gefesselt zu sehen.
„Nicht wahr, Sie haben nichts dagegen, mich heute als dienenden Ritter im Schlepptau zu behalten?" fragte Lebrun mit einem seiner ausdrucksvollen Blicks, die mehr sagten als Worte. „Wir sind doch sozusagen Kollegen und gehören zusammen. Freilich muß ich wohl erst den jungen Mann da um Erlaubnis bitten." — Er wies mit dem Kopf auf Engler, der jetzt zurückkehrte und sehr angenehm berührt schien, seine Braut in dieser Gesellschaft zu finden. Sein heiteres Gesicht verriet nicht allzu großes Leideri.
„O, der da?" lachte sie. „Der ist im Begriff, mich hier meinem Schicksal zu überlassen. Er behauptet, Migräne zu haben und heimgehen zu müssen."
Engler erinnerte sich rasch wieder des Vorwandes und setzte eine leidende Miene auf.
„Es freut mich wenigstens, Mch in so guter Obhut zu wissen, so daß ich mich beruhigt zurückziehen kann."
. »Seien Sie überzeugt, daß ich Mademoiselle sicher heimgeleiten werde!" versicherte Lebrun rasch.
„Danke verbindlichst, aber ich brauche zum Glück Ihre gütige Fürsorge nicht in Anspruch zu nehmen, da ich unter Frau von Hellingers schütz hier bin", beeilte sie sich zu sagen. Er sollte nicht denken, daß sie immer nur mit
Ihrem Verlobten allein umherzog. — „Willst Du jetzt schon gehen, Max?"
„Wenn Du es wünschest, bleibe ich natürlich noch, aber ich muß Dir bekennen, daß ich mich nichts weniger als wohl befinde."
„Nein, nein, geh nur. Ich würde doch keine Freude haben, wenn ich wüßte, daß Du Dir meinetwegen Zwang auferlegtest."
Sie stand auf, beugte sich freundlich besorgt zu ihm rrnd gab ihm flüsternd einige Verhaltungsmaßregeln. „Antipyrin oder ein Brausepulver und dann gleich niederlegen."
„Und Du halte Dir den Professor warm und mache rhn auch auf meine Bilder aufmerksam; er kann uns beiden nützen!" flüsterte er lächelnd zurück.
Er hatte es scherzend gesagt, aber sie füblte, daß er es ernsthaft mcrnte, und das verlstzte ihr Zartgefühl. Etwas unangenehm berührt, nahm sie den Platz neben Lebrun wieder ein, während Engler dem Ausgang zu- strebte.
Der Professor bemerkte, daß ein Schatten über ihr' Gesicht geglitten war, nahm jedoch scheinbar keine Notiz davon. „So, so", meinte er, „also mit Frau von Hellinger sind Sie hier? Eine gute Person, ich kenne sie. Ihre kleinen Eigentümlichkeiten werden Ihnen nicht entgangen sein. Sie ist die unverstandene Frau, die stets mit den größten Schwierigkeiten zu kämpfen hat, obwohl ihr Leben sich in Wahrheit glatt und gewöhnlich abspinnt und ihr Mann die Duldsamkeit und Nachgiebigkeit selbst ist. Die versonifizierte Anständigkeit, — gehört doch zu ihrem Wohlbefinden eine platonische Leidenschaft für irgend einen Jüngling, der den Jahren nach ihr Sohn sein konnte, und in dieser Leidenschaft geht sie dann jedes- mal ganz auf, ohne sich durch jeweilige Enttäuschungen in ihren „Johannitrieben" — so nennen die Deutschen das ja wohl — beirren zu lassen. Wird der Gegenstand ihrer Neigung fahnenflüchtig, so zieht schon der Nachbar triumphierend in das tugendhafte MaOonenherz ein, wenn er so glücklich ist, noch in den Zwanzigern zu stehen. Wir Älteren, wir zählen bei ihr nicht mit. Doch ich
