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®l. Jahrgang.

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Uv. 7. Berlags-Femsprecher No. 295?. DieNSlttg» fc*lt 6. Ittt UKr. Nedaktions-Fernfprecher No. 52. 1903.

Kioirgen ■Ausgabe.

Mrfrn mir unsere Kinder ;nr KedürfnislojiZdeii erziehen?

Wer ist glücklicher, die Bedürfnislosen oder die Be­dürfnisvollen? — Die Frage ist so einfach nicht zu ent­scheiden. Eltern und Lehrer, nach deren Wirken die Zu­kunft unseres Volkes sich gestaltet, müssen sich einen über die Frage: „Dürfen wir unsere Kinder zur Bedürfnis­losigkeit erziehen?" Ein voller Chor fällt mir sofort in die Rede: „Aber natürlich! Was soll daraus werden, lvmn wir anspruchsvolle Adenschen erziehen wollen?" — Doch gemach; Ihr habt recht. Aber ich habe auch recht, wenn ich sage: „Nein und abermals nein! Wir müssen die Kinder dazu erziehen, daß sie Bedürfnisse haben!" Zunächst gebe ich natürlich zu, dag in gewisser Hinsicht eine Erziehung zur Bedürfnislosigkeit sehr nötig ist. O, wenn erst allen Mensäien jene Bedürfnislosigkeit aner­zogen wäre, die des Bierkrugs, der Cigarre und der Spielkarte entbehren kann! Was wäre damit gewonnen? Wir hätten mehr vernünftige Menschen unter uns, die nicht mehr im Taumel des Alkoholgenusses Worte redeten, über die sie nachher lachen, und Taten verrichteten, über die sie später weinen; mehr vernünftige Männer, die, weil sie der Kneipe sich entwöhnt hätten, undFraum, weil sie des Putzes nicht niehr bedürften, Geld und Zeit be­säßen, ihr Heim traulich und schön zu gestalten, zu einem Tempel edlen, geheiligten Familienlebens. Ihr Eltern alle und ihr Erzieher, laßt uns die Erziehung zu dieser Bedürfnislosigkeit üben! Wie chun wir's am besten? Durchs eigene Beispiel. Kein Wunder, wenn der Vater beständig das Bierglas neben sich stehen hat, wiü's der Sohn shäter auch so haben. Er glaubt damit einen Be­weis seiner Reise und seiner Mannhaftigkeit zu liefern. So laßt uns denn den Kindern zeigen, daß es viel männ­licher ist, dem Lachen und Spötteln der anderen zum Trotz mäßig und vernünftig und bedürfnislos zu läben. In gewisser Hinsicht müssen wir unsere Kinder dazu er­ziehen, daß sie Bedürfnisse haben. Das ist kein Wider­spruch gegen daS früher Gesagte. Den niederen Bedürf­nissen gegenüber die Bedürfnislosigkeit! Den Gütern der höheren Welt gegenüber wäre aber Erziehung zur Bedürfnislosigkeit Sünde. Leider wird in diesem Punkt oft gesündigt. Daß wir's gleich mit einem Worte sagen: wir müssen die Kinder so erziehen, daß sie dürsten nach Schönheit. Beim Innersten muß es anfangen. Es nützt nichts, daß wir dem Kinde dies und jenes anhängen, was aussieht wie Liebe zum Schönen. Wir müssen das Herz, die Gesinnung des Kindes so zu beeinflussen suchen, daß es nur sich wohlfühlt, wo Schönes und Gutes es umgibt.

Wie ich mir solche Kinder denke? — Von Haus aus haben sie einen starken Eindruck davon empfangen, was

Feuilleton.

Allerlei vom Januar.

Von Elimar Kernau.

t anuar mich krachen, oll der Frühling lachen.

So sagt eine alte Bauernregel vom ersten Monat des Wahres, die in ähnlicher Weise von einem anderen Wetter­spruch variiert wird:

Ist der Januar hell und weiß,

Ist der Sommer sicher heiß.

Es ist immerhin ein eigen Ding, sich am Anfang eines Jahres zu befinden. Unwillkürlich fragt man sich, ,oas werden diese zwölf Monate wohl bringen? Vorläufig weiß man nur eins von ihnen: daß nämlich etwa im

September die Pflaumen reif sein werden urrd daß der IM wärmer als der Januar sein wird. Vom Januar ober weiß man, daß er recht ungemütlich sein kann, schon seine Durchschnittstemperatur sagt uns genug. Wir greifen nur ein paar Orte heraus. In diesen beträgt sie: Hamburg — 0,1 Grad, Berlin — 0,5 Grad, München - 2,6 Grad, Karlsruhe —0,8 Grad, Stuttgart —0,8 Grad, Prag 1,4 Grad, Wien —1,7 Grad, Basel — 0,4 Grad 2C. Dem hundertjährigen Kalender zufolge sind die ersten vier Tage des Monats trübe, dann folgen, zwei Schnee- und Regentage, die wiederum von zehn trüben und windigen Tagen abgelöst werdeir. Mit dem 21. Januar setzt dann die große Kälte ein, die ihren Höhe­punkt am 25. erreicht, am 30. hingegen abflaut, an welchem Tage Schnee zu erwarten ist. Nach Falb ist der Januar in seinem ersten Drittel ziemlich trocken, nur hin und wieder treten ein paar Schneefälle auf. Die starken Schneefälle stellen sich erst im zweiten Drittel ein, das wieder von dem trockenen letzten Drittel abgelöst wird, das jedoch gleichfalls stark mit Niederschlägen vermischt ist. Habenicht schließt sich mehr dem hundertjährigen Kalender an, d. h. er prophezeit für den Verlauf des ganzen Januarmonats ziemlich viel Schnee.

es heißt, gut sein. An ihren Eltern haben sie das ge­sehen und in der Schule kann es ihnen bei Behandlung der Person^ Christi am klarsten vor die Seele gestellt lverden. Sie haben das Bedürfnis, reinlich zu sein. Me so manchem Kinde ist es eine Qual, sich ordentlich zu waschen und zu kämmen und die Kleider sich zu bürsten. Taschentücher kennen manche nur vom Hörensagen her. Fort mit dieser Bedürfnislosigkeit! Wir wollen unsere Kinder so erziehen, daß sie das Bedürfnis haben, rein­lich zu sein — und ordentlich.

Wohl, der Vater ist den ganzen Tag über auf Arbeit, die Mutter vielleicht auch. Trotzdem wird das Heim nicht „unheimlich" und liederlich auSsehen, wmn die Kinder insofern bedürfnisvoll sind, als sie nach Ordnung verlangen. Ta werden die Fenster vor dem Erblinden behütet. Die Dielen scheuern sie glänzend weiß. Auf den Kommoden wird „aufgeräumt". Über den Tisch wird wohl eine billige Decke gebreitet und ein Blumen­strauß in die Mitte gestellt, den das Kind gepflückt hat, als es mit den Geschwistern auf der Wiese spielte. Die Stühle werden ordentlich hingestellt. Die Bilder müssen gerade hängen. Der Spiegel muß blank sein. Alles muß so sein; das Kind fühlt sich sonst nrcht wohl daheim, und wir wollen doch wohl die Kinder in diesem Sinne bedürfnisvoll machen.

Auch nach Naturgenuß sollen sie dürsten. Auf ihrem Fensterbrett sollen sie chre Blumen pflegen. Sonntags aber, da sollen sie hinauswandern in Wald und Feld, nicht um gleich rm ersten Gasthaus einzukehren. Besseres sollen sie verlangen. Höheres ersehnen und ersehen. Ihre Augen sollen sich öffnen für die stille Schönheit der Natur. Sie sollen lauschen dem Wogen und Weben und Flüstern in den Zweigen und dem Säuseln in den Blättern und dem Rauschen in den Gräserhalmen, sehen das Spiel der Lichter und Schatten zwischen den Stämmen, der Farben im Wald, der^ Farben am Himmel, das Ziehen dm Wolken, das Schimmern der Sterne am nächtlich dunklen Firmament. Die Zahl derer ist erschreckend groß, die von der Herrlichkeit des Sternenhimmels gar nichts wissen. Unsere Kinder sollen das alles schauen, an dem allen sich freuen und nach solchen Freuden sich sehnen. Die kosten ja alle nichts, aber sie machen reich, und wer Verlangen trägt nach solchen Freuden, wird unempfindlich werden gegen so manches, was man wohl auch Freude nennt, was aber nur die Seele vergiftet.

Bedürfnisvolle Menschen möchten wir erziehen, die auch nach Kunstgenuß sich sehnen und durch die Kunst ihr Leben und sich selbst veredeln und verschönen möchten. Kunst im Hause! — Da denke ich nicht an die reichen Häuser, wo man für Gemälde und Statuen Tausende ausgeben kann. Dort hat die Kunst ihr Heim schon lange. Aber nun möchte sie gern das kleine Haus sich erobern, möchte auch vier Treppen hoch noch wohnen und stellt keinerlei oder doch nur geringe Ansprüche an den Geld- beutel. Bist denselben Mitteln kann man eine Wohnung

Daß man in einem so kalten Monat auf gute Ernäh­rung sehen nmß, ist selbstverständlich. Immerhin ist ja das Problem der Zusichnahme von Speisen undGetränken an und für sich schon interessant genug. Der Nahrungs­mittelchemiker sagt: Der arbeitende Mensch braucht zu seiner täglichen Ernährung durchschnittlich 126 Granim Stickstoff und 821 Gramm Kohlenstoff. Doch das ist nür die Theorie, denn in die Praxis, auf einzelne billige Lebensmittel umgesetzt, würde das heißen, ein ausge­wachsener Mann müßte z. B. täglich 3,75 Pfd. Reis ver­zehren. Das dürfte sogar einem Chinesen eine Gänsehaut machen. Um noch ein paar Beispiele zu geben: die ge- nannteKohlenstoff- und Stickstoffmenge ist gleichbedeutend mit 17 Pfd. Kartoffeln rc. Bei Fleisch tut es natürlich schon eineinviertel Pfd., bei Käse dreiviertel Pfd., bei Brot 3 Pfd., bei Erbsen 1 Pfd. :c.

Es gehört zu unseren klimatischen Eigenfiimlichkeiten, daß sich der Mensch der ihn umgebenden Temperatur anzupassen sucht. So verlangt der Organismus in der kalten Jahreszeit entschieden mehr Fette als in der warmen. Er liebt im Winter die Fleisch- und Milchsuppen mehr als im Sommer, dessen Spezialität bekanntlich die Mehlspeisen mit Fruchtsauce bilden.

Unser Januar, von dem diese Zeilen handeln, ist nun einer der kältesten Monate des Jahres. Küche und Keller sind während seines Regimentes nicht gerade kalt gestellt. Da sind die mannigfachsten Suppen: Brotsuppe, Mehlsuppe, Linsensuppe, Wildsuppe, Erbsensuppe, Bier­suppe, Griessuppe, Hirsesuppe, Chokoladensupperc. Nicht minder reichhaltig ist das Wintergemüse vertreten, das hier gleichfalls aufmarschieren soll: Weißkohl, Grünkohl, Rotkohl, Blumenkohl, Erbsen, Bohnen, Linsen ic. Von den Fischen seien hier genannt: der Bars, der Blei, der Karpfen und der Plötz. Über dem Wild und der Gans marschieren folgende Fleischsorten auf, die sich vorzüglich zum Braten eignen: Schwein, Kalb, Rind und Hammel. Zum Schluß noch ein kleines Kochrezept: eine Suppe von kräftigem, vorzüglichem Geschmack, die nicht allen be­kannt sein dürfte, jedoch ein richfiges, wärmendesJanuar- essen ist. Diese Suppe wird am besten aus Bratenknochen

geschmacklos, aber auch geschmackvoll einrichten. As schlechten Bilder an dm Wänden sind nicht billiger, als oie schönm Meisterbilder, die der Kunstwort herausgcht, 25 Pf. das Stück. Gleichgültige, bedürfnislose Mensäien geben auf ihr Heim nichts. Aber im idealm Sinne be­dürfnisvolle schaffen sich ein Daheim, in dem man sich wohlfühlt, auf das sie sich frmen dm Tag über, aus dem sie nicht sich fortsehnm hinunter in die Kneipe.

Auch der Gesang und etwas Musik im Hause ist Kunstpflege, die bei der reichlichen Verbreitung musikali­scher Beanlagung sich viele auch ganz Unbemittelte bietm können. Leider werden aber an die Lieder, welche die Kinder zu Hause und auf der Straße hören und singm, so wmig hohe Anforderungm gestellt! Wir wollen den Geschmack, sagen wir lieber die Gesinnung der Kinder so beeinflussen, daß sie am Gassmhauer keine Freude mehr empfinden. —

Was lesen unsere Kinder? Viele gar nichts, viel« andere nichtsnutzige Jndianergeschichtm. Wirklich gute Bücher werden von so wenig Mnder gelesen. Wie unbe­kannt ist z. B. das so herrlich für Kinder geeignete „Heidi" von der Spyri! Wo sind aber auch die Haus­väter, die ihren Frauen und Kindem des Abmds etwas vorlesm? Kein Wunder, daß der Geschmack der Kinder unausgebildet bleibt oder verbildet wird.

Auch von dm Vorstellungen müssen wir redm. Die Kinder sollen nicht mit solcher Kost zufrieden sein, wie sie Tingeltangel und Bänkelsängertum bietet. Sie haben Freude an der hohen Kunst, schon bei aufdämmerndem Verständnis. Das haben die Tellaufführungen für Kinder im Dresdener Schauspielhaus überzeugend gs- lehrt. Sage niemand: „Soviel Geld kann ich nicht auf- wmdm, daß ich meine Kinder ins Theater schicken kann!" Deine Kinder — wer fordert denn das? Aber l>einen 13- oder 14-jährigm Knabm, dm kannst du Wohl schicken; soviel wirft's am Ende, vollmds wmn du und der Junge das Sparen gelernt habm, noch ab. Am bestm ist's, du gehst selber mit, in dm Weihnachtstagen sitara in ein Weihnachtsmärchen. Für die herangewachsene Jugend bietm die Volksunterhaltungsabende mit ihren Vorträgen, musikalische Aufsührungm und die Acht», und Komponisten-Abende, wie sie jetzt fast überall in Deutschland die Runde machen, Gelegenheit zu geistigem Genuß.

Doch vmgessm wir die Hauptsache nicht! Erwähnt habm wir's, allerdings im Anfang schon; mit äußerer Politur ist nichts gethan; auf die Gesinnung muß di, Erziehung wirken. Vor allem das Bedürfnis nnissm wir unserer: Kindern anerziehen, nur Gutes zu dmkm, Gutes zu redm und Gutes zu tun; nur Schönes sehen. Schönes hören und Schönes empfinden zu wollm.

Dürfm wir also unsere Kinder zur Bedürfnislofig- keit erziehen? — Wmn man's genau besicht, HÄ Sokrates doch nur teilweise recht, wmn er sagt: „Nichts bedürfen ist göttlich." Neirr, wenn sich's um' die Güter

hergeftellt, die fein zerhackt sein müssen. Dann nimmt inan Speck und Suppmwurzeln und die nöttge Quantität Wasser und läßt langsam kochen, bis der'Speck weich geworden ist. Nun gießt man die Suppe durch ein Sieb und läßt sie von neuem aufkochm, tut jedoch nun eine reichliche Hand gelber, bereits aufgequellter Erbsm und etwa 60 Gramni Graupen hinein. Zum Schluß gibt man dem Ganzen außer Salz und Petersilie noch einige kleine Kartoffelwürfel (von 6—6 Kartoffeln) bei. Ae Speck- stückchen werdm nun wieder in die Suppe hineingetan und das Ganze serviert.

Wenn die sorgsame Hausfrau nun all dies in Küche und Keller zu tun hat, was besorgt man dann im Garten? Man hat vor allm Angen die im Freim eingeschlagmm Gemüse zu lüften, auch ist es jetzt an der Zeit, Dünger zu fahren. Im Blummgartm schneidet man jetzt am bestm die Ziersträucher, gräbt dm alten Rasm um und bedeckt alles mit kurzem Mist. Auch die Obstbäume säubert und düngt man jetzt am bestm. Auch der Land­wirt muß jetzt dm auf die Äcker gefahrenen Mist stre uen . Für das Federvieh ist es jetzt gut, wmn es Malz und Kömernahrung erhält. Ae Hasenjagd ist in diesem Monat allmählich einzustellm, von Fischarten sind nammtlich die Forellm zu schonm. Ter Bimmwirt aber lasse seinen Stöckm völlig Ruhe. Sollte sich irgendwo das Brausen eines Stockes zeigm, so wird man das am bestm durch vorsichttges Lüstm beseifigm könnm. Im übrigm aber denke der Landwirt an die beiden viel­sagenden Bauernregeln:

Wächst öas Gras iln Januar,

Ist's im Sommer in Gefahr.

Und

Januar muß vor Kälte knacke»

Wenn die Ernte gut soll sacken.

Hoffm wir — wozu wir ja nach dem bisherigen Vei> lauf des heurigen Winters auch verhältnismäßig Berech­tigung habm — daß der Januar ein echter und rechter Wintermonat wird, damit sich Frühling und Sommer desw reicher, wärmer und üppiger entfalten könnm und