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ffirf*««* m m Verlag: Langgasse 27. Anzeigen-Preis-

ÄI - Jahrgang.

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Verlag: Langgasse 27

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Uo. 6.

Berlags-Ferusprecher N». 2953.

Abend«Ausgabe.

Dir marokkanische Frage.

Von den drei internationalen Fragen, die wir aus dem Jahre 1902 in das Jahr 1903 übernommen haben, verursacht den Mächten zur Zeit nur eine ernstere Sorgen, nämlich die marokkanische Frage. Die venezola­nische Frage kann überhaupt nur als eine Frage sekundären oder tertiären Ranges betrachtet werden, da es sich hierbei nicht um internationale Machtsragen, sondern lediglich darum handelt, einer der verlotterten südamerikanischen Republiken Achtung vor den Rechten -Privater und vor demRecht der Völker beizubringen. Mag es auch noch einige Zeit währen, bis die venezolanische -Affaire chre befriedigende Regelung, die vielleicht noch manche Winkelzüge des Präsidenten Castro ver­zögert werden diirste, finden wird, so war diese Regelung boch von dem Augenblick an zweifellos, wo die nord- gmerrkanlsche Republik ihren Willen dokumentierte, nicht Äs ein Protektor südamerikanischer Raubpolitik in An­spruch genommen zu werden.

Ein etwas ernsteres Gesicht als die venezolanische weist dre macedonrsche Frage auf, doch sind auch hier zur Zeit internationale Verwickelungen nicht zu fürchten. So wenig Vertrauen man in die macedonischen Reformen des Sultans setzen kann, und wie wahrschein, lich es auch ist, daß die große Rcformaktion sich zuin Schluß als eine Art „Reformkleid" entpuppen wird, nnt dem mair lue Blößen der macedoniscken Mißstände verhüllen zu suchen wird, so wirkt doch immerhin die durch die Reise res Grasen Lambsdorff aufs neue bekräf­tigte österreichisch-ungarische Übereinstimmung über diesen Teil der Balkanfragen dafiir, daß die macedonische Frage einen lokalen Charakter behalten wird.

Weit ernsterer Natur als die venezolanische und aiich die macedonische ist unverkennbar die m a r o k k a n i s che Frage, da es sich bei dieser um eine internationale Machtfrage von ganz hervorragender Bedeutung handelt. Die marokkanische Frage ist alt, sehr alt. Es sind mehr als vier Jahrhunderte verflossen, seit der letzte der Maureiikönige, Boadil, dem Könige Ferdinand von Ara- gonieii den Schlüssel der Alhambra übergab und das Reich der Mauren von Europa irach Afrika verlegte. Das Ende der marokkanischen Frage in Europa bedeutete da­mals den Anfang der marokkanischen Frage in Afrika, und sie ist in diesen vier Jahrhunderten in der Tat eigent­lich niemals zur Ruhe gekommen.

Ganz besonders hat sich die marokkanische Frage unter dem jetzigen Sultan Abdul Asis zugespitzt, der am

Die Eidechse.

Roman von A. v. Klinckomström.

(11. Fortsetzung.)

„So werde ich Ihnen ein Zimmer in der Nähe be­sorgen. Aber wohlverstanden, ich zahle direkt Ihrer Wirtin und von Woche zu Woche. Lassen Sie mich im Stich, so werden Sie hinausgesetzt."

Fanchon glitt ruhig von ihrem erhöhten Sitz herab und stellte sich, die Hände auf dem Rücken, mit zurück- geworfenem Kopf vor ihn hin.

„Warum geben Sie sich die Mühe, sich zu diesem hohen Ton hinaufzuschrauben? Sie sind ja doch inner­lich nur zu froh, mich malen zu können. Jcb sagte, daß Sie mir im Augenblick gefallen, kommen Sie aber noch mit einer weiteren Bedingung, so verlasse ich Sie sofort, und zwar auf Nimmerwiedersehen. Es gibt noch andere Maler auf dem Montmartre."

Er erschrak. Sie. fortlassen, hieß jede Aussicht auf das Bild verlieren. Gleich darauf schlug bei dem beweg­lichen Ding die kampflustige Stimmung wieder in Ge­mütlichkeit um, und ihm gutmütig auf den Rücken klopfend, lachte sie: „Da habe ich Ihnen einen schönen Schreck eingejagt. Es war nicht so schlimm gemeint. Ich sehe nur, daß Sie mich brauchen, und stelle darum meiner­seits Bedingungen."

„Welche zum Beispiel?"

„Daß Sie jetzt mit mir irgendwo, wo es lustig ist, speisen."

„Zugestanden!" rief er erleichtert und überlegte, daß Jenny ihn erst spät am Nachmittag erwarte.

„Das ist noch nicht alles. Samstag gibt die Lelidvre vom VariäÄ —• Sie kennen Sie doch? — in ihren Räumen eine kleine Gesellschaft, und ich möchte, daß Sie mit mir hingingen."

„Unmöglich! Gerade für Samstag bin ich bereits engagiert."

„Das wäre doch kein Hindernis. Sie sagen dort eben ab."

„Nein, nein! Alles, was Sie sonst wollen, ab-er dies geht nicht an. Ich habe bestimmt versprochen, das Fest bei Bollier mitzumachen."

Montag» drr, 5. Januar.

6. Juni 1894 seinem Vater Muley Hassan unter Über gehung seines älteren Bruders Mulley Muhammed in der Regierung folgte und zur Zeit im 25. Lebensjahre steht. Ist es in Marokko schon an sich üblich, daß sich die einzelnen Stämme in gemessenen Zwischenräumen mit Waffengewalt gegen deir jeweiligen Herrscher erheben, so hat sich diese marokkanische Landessitte unter dem jungen Abdul Asis zu einem förmlichen Sport entwickelt. Zu der marokkanischen Landessitte der periodischen Aufstände trat aber unter dem jetzigen Herrscher in ganz besonders inten­siver Betätigung noch ein zweiter Landesbrauch, der der Krcnrprätendenten. DaMarokko, wie alle muselmännischen Staaten, keine. feste Thronfolgeordnung besitzt, so ver­mag ein Sieg in der Feldschlacht einem solchen Präten­denten in den Augen des Volkes leicht eine größere Legitimität zu verleihen Äs die Vorzüge der Geburt und der Thronvererbung.

Der neueste Kronprätendent Bu Hamara wandte noch dazu nach berühmten historischen Mustern den Kunst­griff an, sich für den ältesten Sohn des früheren Sultans Bkuley Hassan, für Milley Muhammed, auszugeben, mit dem er einige Ähnlichkeit besitzen soll. Bu Hamara wußte aber noch andere Umstände für seine Sache aus­zunutzen. Der ,unge, ziemlich modern gesinnte Abdul Asis hatte sich durch seine, nach abendländiscbem Muster durchgeführten Reformen und durch seine Fremdenfreund­lichkeit das Mißtrauen der glaubenseifriaen Moslemin zugezogen, und diesen Umstand benutzte' Bu Hamara, indem er sich für den wahren Sohn des Propheten aus­gab und verhieß, daß er das heilige Schwert des Mahdi aus der großen Moschee in Fez herausholen werde, um den „heiligen Krieg" für den „orthodoxen Glauben" zu führen.

Die Nachrichten über den derzeitigen Stand des inneren Krieges in Marokko lautm so widerspruchsvoll und sind so unsicher, daß sich kein sicheres Urteil über den vermutlicher: Ausgang dieses Krieges fällen läßt. Selbst­verständlich läge es im Interesse der Kultur und damu im Interesse der Mächte, daß der reformfreundliche Sultan Sieger bliebe. Ernsthafte Sorgen aber könn- tcn die Vorgänge in Marokko doch nur dann ver­ursachen, wem: die an Marokko besonders interessierten Mächte, Spanien, England und Frankreich, die Gelegen­heit benutzen würden, die marokkanische Frage im größe­ren Stil auszurollen, um sich das Sprungbrett für ihre marokkanischen Pläne zu sichern. Diese Gefahr kann jedoch als beschworen angesehen werden, da gerade die gegenseitige Eifersucht der Mächte sie zu der Abmachung gezwungen hat, den Status qno in Marokko aufrecht zu erhaltm. Daß die marokkanische Frage schon über vier Jahrhunderte alt ist, scheint uns die beste Bürgschaft dafür zu sein, daß sie noch lange „fraglich" sein wird!

„Wem?"

Es widerstrebte ihn:, Jennys Namen hineinzuziehen.

„Jemand, dem ich Wort halten muß. Sie sehen, daß ich hier bereits^die Vorbereitungen für mein Kostüm ge­troffen habe. Schlagen Sie sich's aus dem Sinn."

„Niemand hindert Sie, dieses Kostüm auch bei der Leliövre zu tragen. Jeder erscheint dort, wie er eben mag. Ich nehme keine abschlägige Antwort an. Wir werden uns wundervoll amüsieren. Man führt eine kleine Farce auf, die eigens für den Abend geschrieben wurde, lebende Bilder, Musik, und im Übrigen tut man, was man will. Ich bin auch nicht gerade langweilig."

„Drs glaube ich, aber trotzdem, — ich wiederhole: es ist unmöglich."

„Gut, so werde ich mir einen anderen Kavalier suchen. Rechnen Sie dann jedoch nicht darauf, von mir Sitzungen zu erlangen. Sie abgeschmackter — Preuße!"

Fanchon stand purpurroll mit funkelnden Augen wie der leibhaftige kleine Satan da, hielt ihm eine ihrer winzigen, geballten Fäuste unter die Nase und suchte nach einem auserlesenen Schimpfwort, kein schlimmeres findend als das eben angewendete.

Engler brach in unkontrollierbares Gelächter aus, und ihr Zorn verflog ebenso schnell, wie er gekommen; sie stimmte schließlich in seine Heiterkeit ein.

„Zunächst essen wir nun mal miteinander, das weitere wird sich finden", sagte er,

„O ja, ich denke auch, daß es sich finden wird. Ich habe schon andere Bären gebändigt", meinte sie unbe­fangen.

Er fand es sehr unterhaltend, mit ihr im Restaurant zusammen zu sein. Sie plauderten von Gott und der ganzen Welt, aber mit einer Komik und so urwüchsig drastischer Auffassung, daß er meinte, sich noch nie so aut amüsiert zu haben. Freilich war sie vollständig ungebildet, hÄte nur von Diesem,und Jenem ein Bröckchen Wissen aufgeschnappt und verstand es anzubringen, wenn schon zuweilen an fÄscher stelle, aber anmutig blieb sie trotz alledem.

Engler dachte dazwischen öfters an Jenny, die wirk- lich unterrichtet war und auch gut zu sprechen wußte. Die beiden ließen sich eben gar nicht miteinander vergleichen' es schren ihm sündhaft, überhaupt nur eineir Vergleich an-

Nedaktions-Fernsprecher Ni. 58.

1903.

Im Jlitdjt der KmprlnMn M KWen und ihm Kuders.

llä. Berlin, 4. Januar. Die „Morgenpost" meldet aus Wien: Aus Salzburg wird berichtet, der Grotz- herzog von Toscana sei bemüht, einen Ausgleich zwischen seinem Sohne, dem Erzherzog Leopold Ferdinand, und dem Wiener Hofe anzubahnen. Die Ausschließung des Erzherzogs aus dem Kaiserhause soll rückgängig ge­macht werden, sobald er endgültig Fräulein Adamovic aufgebe,nachWien zurückkehre und reumütig Abbitte leiste.

bä. Rom, 4. Januar. Wie im Vatikan versichert wird, hat Prinz Max von Sachsen die Weisung erhalten, vorläufig weitere Versöhnungsversuche zwischen dem sächsischen Kronprinzenpaare zu unterlassen, damit die Tätigkeit des vom Könige eingesetzten Ehescheidungs­gerichtes nicht gestört werde.

bä. Berlin, 5. Januar. Die „Wiener Neue Freit Presse" erfährt von einer Persönlichkeit, die über die Verhältnisse am sächsischen Hofe unterrichtet ist, daß der Hof entschlossen sei, in der Affäre der Kronprinzessin Louise zunächst eine abwartende Stellung einzunehmen, bis die Kronprinzessin ihre eigene Situation anders auf­faßt, als bisher, und selbst Wünsche hegen werde, in eine neutrale Stellung zu gelangen. Dian wolle sie die Folgen ihres Schrittes nicht schwerer fühlen lassen, als es unver­meidlich sei, und angeblich wolle man sie in eine Iso­lierung bringen, in der ihr Wunsch erfüllt werden könnte, zeitweilig ihre Kinder zu sehen und mit ihnen zu ver­kehren. Sie solle ein völlig abgeschlossenes Leben führen, aber weder in einem Kloster, noch in einer Irrenanstalt, sondern in einem ruhigen Aufenthaltsort außerhalb Sachsens, aber nahe der sächsischen Grenze. Man hofft, die Kronprinzessin werde, sobald durch die von ihr ge- schaffene Situation für sie der Zwang dazu eintrete, durch eine vermittelnde Persönlichkeit die Beilegung der unhaltbaren Zustände an streben, wobei ihr keine Hinder- nisse bereitet werden sollen.

*

Die Wiener „Z e i t" veröffentlicht längere Jnter- vrews eines Mitarbeiters mit der sächsischen Kron­prinzessin und mit Giron, die nach mancher Richtung hin neue Aufschlüsse geben. Für die Richtigkeit des Mitge­teilten müssen wir natürlich dem Wiener Blatt die Ver­antwortung überlassen. Giron sprach nur von der zwi­schen ihm und der Prinzessin herrschenden Liebe. Sie habe ohne Liebe geheiratet, man dürfe sich also über das Geschehene nicht wundern. Wenn es ihm ums Geld ge­schehen wäre, würde er andere Wege etngeschlagen haben. Die Kronprinzessin erklärte aus die Frage, ob nur die Liebe zu Giron sie zur Flucht veranlaßt habe:

Fliehen wollte ich schon oft. Und schon lange hatte ich die quälende Em pfindung, daß mir in jedem Erdenwinkel

zustellen, dazu stand ihm seine Braut zu hoch. Dennoch vermochte er sich des Gedankens nicht zu entschlagen, daß sie hrer und da ein wenig pedantisch sei, auch überempfind­lich; und bei der Vorstellung, was sie dazu sagen würde, wenn sie rhn hier mit der Kleinen sitzen sehen könne, wurde ihm direkt unbehaglich zu Mut.

, Fanchon wußte nichts von Pedanterie und Empfind- Iichkert, und ihre Beredsamkeit besaß so viel Ein­schmeichelndes, daß es ihm gar nicht zum Bewußtsein kam, wre sie ihn unmerklich um den Fiirger zu wickeln begann. Noch glaubte er sich Herr der Situation und hatte doch schon beim Dessert ein halbes Zugeständniß ge- mackit, um nach dem Kaffee das feste Versprechen zu geben, von neuii bis zwölf bei Bolier zu bleiben, dann jedoch unter irgend einem Vorwand fortzugehen, und mit der Kleinen das Fest zu besuchen, an dem ihr Herzchen so besonders hmg.

. "Es braucht ja Niemand etwas davon zu erfahren", tröstete sie ihn, wie er sich noch einmal Gewissensbisse machte. „Dafür ist man doch in Paris, daß man nach Belieben^untertauchen lann, ohne daß ein Mensch danach frägt. Ja, wenn wir in der Provinz wären! Eine kleine Notlüge, und alles ist in Ordnung. Sie sind wirklich ein guter Junge! Dafür verspreche ich aber auch, ein sehr artrges, geduldiges Modell zu sein. Und wenn dann die Menschen zu Ihnen gelaufen kommen, um das Bild zu bewundern, werde ich an Ihrem Ruhm mit Teil haben."

Als ihm zum Schluß die Rechnung präsenfiert wurde, war er ein wenig bestürzt über die Höhe derselben.

„Da, was Sie eine Verschwenderin sind!" scherzte er.

Sie war ganz erschrocken.

„Wir haben doch gar nicht so extra gut gespeist."

„Es scheint, Sic sind eine sehr verwöhnte, kleine Prinzeß. Jetzt verlangen Sie aber nicht noch ein Kleid für Ihr berühmtes Fest, denn das müßte ich Ihnen aus Rücksicht für meinen Geldbeutel rundweg abschlagen "

„Was denken Sie denn!" rief sie entrüstet. „Wenn ich nicht einmal die elende, kleine Toilette besäße, wäre ich in der That sehr heruntergekommen."

Vor der Thür des Restaurants trennten sie sich Engler sah ihr noch eine Weile nach, wie sie graziös davontrippelte, schlug sich dann mit der Hand vor die