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fetuuifiuT Taglilstt.

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N«. 5. _Sonntag, »e« 4. Januar.

Morgen ■Ausgabe.

Rebaktigns-Ferusprecher N». 52.

1903.

für:

Tagblatt-verlag No. 2953.

Tagblatt-Redaktion No. 52.

L. Lchellenberg'jche Dosbuchdruckerei No. 2266.

Marokkanisches.

Bei d-em allgemeinen Interesse, welches die zur Zeit herrschenden Wirren in Marokko beanspruchen, geben wir in folgenden: eine Unterredung wieder, die ein Deutscher, der mehrere Jahre in dem marokkanischen Hafenplatz Tanger weilte undReisen nach dem Innern desSultanats unternahm, mit einem Mitarbeiter der „DeutschenWarte" hatte. Das Gespräch verlief im wesentlichen wie folgt:

„Abdul Aziz scheint in arge Bedrängnis geraten zu fein. Glauben Sie, daß er am Ende doch den Steg über die Rebellen bavontragen wird?"

„Das kann kaum jemand beurteilen, der sogar augen­blicklich in Marokko weilen würde. Meiner Ansicht nach wird es im wesentlichen davon abhängen, ob es dem Sultan gelingen wird, ausreicheirde frische Truppen um sich zu sammeln."

„Wie beurteilen Sie die Truppen, die ihm jetzt zur Verfügung stehen?"

„Das Heer besteht aus meist kampflusügen Leuten, die zu dem Herrscher als dem Nachfolger des Propheten mit gläubigem Fanatismus emporblicken. Allerdings darf man sich nicht etwa eine Armee nach europäischein Muster darunter vorstellen. Es existieret: etwa 3000 Mann Askari-Jnfanterie, 11.000 Mann Kavallerie und gegen 6—700 Mann eingeübte Artilleristen. Dies ist in Friedenszeiten der Stamm des Heeres. Sie sehen daraus, daß die Reiterei den überwiegenden Bestandteil der Truppen bildet."

„Wie verhält es sich mit der Organisaliousbewaffunug und Ausbildung?"

„Mauren und Araber sind vorzügliche Reiter von Jugend auf — das ist bekannt. Ihre Art, sich auf dem Pferde zu tummeln, gutgezielte Schüsse abzugeben und den Säbel zu sichren, verdient Bewunderung. Auch wenn sie in Massen auftreten — was allerdings viel lockerer, wie z. B. bei unserer Kavallerie, geschieht — attackieren sie entweder mit ungeheuerer Verve oder geben, ganz nach Art der Beduinen, vorher eine Salve ab, machen dann kurz Kehrt u:ll> tauchen an einer anderen Stelle, wenn möglich in der Flanke, zu ähnlichem Vor­gehen auf. Sie fühlen sich eben mit ihrem Pferde ver­wachsen und leisten Erstaunliches an Gewandtheit. Auch die Bewaffnung ist eine ihrer Eigenart zweckentsprechende. Tie lange maurische Steinschloßflinte wird wie spielend Im Gürtel stecken Pistolen, Dolche und ein großer Säbel, meist ohne Korb und mit gerader Klinge,

vervollständigt die Ausrüstung. Ihre Uniformierung ist allerdings nach unseren Begriffen recht einfach. Ledig- lich ein roter, kegelförmiger Fez, die „Sck^eschich", kenn- zerchnet sie als kaiserliche Kavallerie."

„Die Infanterie ist wohl bebeutend minderwertiger?"

„Sowohl an Zahl wie an Ausbildung. Sie ist nach den: Muster der Zuaven, wenn ich nicht irre, vom Sultan Muley Abdurrhaman vor einem Kriege gegen die Fran­zosen errichtet worden. Das Hauptkontingent garnisoniert in Fez, und die übrigen sind in kleinen Abteilungen bis zu sechzig Mann in den Städten verteilt. Höchst originellerweise ist die Dienstzeit bei dm Askaris eine lebenslängliche, weil man offenbar froh ist, Leute für dm Fußdienst gewonnen zu habm, und sie nun nicht mehr loslassm will. Man dmke sich nun Knaben von 13 Jahren nebm Greism, einigermaßen geradegewachsene Lmte neben Lahmm und Krüppeln aller Art, denn — dies ist noch wunderbarer — auch die Körperbeschaffenheit der Eingestelltm wird nicht in Betracht gezogen." ’

„— Also nach unserem Begriff eine von Invaliden durchsetzte Truppe, die sich höchstens bedingt für die Verteidigung eignen würde —"

„Gewiß. Dabei solltm mropäische Instrukteure die Ausbildung besorgm. Engländer, Franzosen, Spanier, Türkm, Deutsche rc. habm sich mit den Askaris versucht; bis jetzt ist man natürlich nie zu einem nmnenswertm Ergebnis gelangt. Vielen der Stämme ist die Art der Rekrritierung sehr recht, dmn sie könnm auf diese Weise ihr unbrauchbares Material los werden."

„Sie sprachen noch von d«r Artillerie?"

„Das ist der Stolz des reformfreundlichen Sultans, der am liebsten ganz Marokko in einen modernm europä­ischen Staat umwandeln möchte. Die vorhandmen Artilleristen sind mit mehr Glück von Europäern aus- gebildet worden, und die fünf Batterieen moderner Ge­schütze (meist von Krupp bezogm) sind eine nicht zu der- achtmde Waffe. Vor kurzem sollm sogar Kruppsche Schnellfeuerkanonm der kaiserlichen Armee eingereiht wordm sein. Das übrige Material ist allerdings minder- wersig. Alle möglichm Kaliber und Modelle sind vor- Händen, Munition, Bespannung und Bedimung, die natürlich infolge der in diesem Falle übel angebrachten Vielseitigkeit der Waffe nicht recht Bescheid weiß, sind aber entweder untauglich oder gar nicht zu beschaffen."

„Wird die Armee im Kriegsfälle nicht bedeutend vermehrt?"

„Jeder wafftnfähige Marokkaner „soll" zum Kriegs- dimste herangezogm werden. In Wirklichkeit sind es natürlich nur die, welche Waffen habm, dieselben führen können und nicht auf der Seite der Rebellen stehen. Falls Marokko sich einmüsig gegen einen äußeren Feind er- heben würde, könnte der Sultan immerhin doch ein Heer von 300,000 Mann aufstellen."

„Wodurch entsteh«» eigentlich die nie aufhörenden Aufstände?"

„Erstens sind stets unbotmäßige Kabylen und Berber­stämme vorhandm, die sich dm Tributen, die sie dem

Sultan zahlen sollm, widerfetzen. Zweitms gibt es Am Hänger seiner älteren Brüder, die er bekanntlich als jüngster Sohn feines verstorbenen Vaters in Gefangen­schaft hält, und drittens tauchen immer nme Prophetm

eine Art Mahdi — auf, die ihm Rang und Titel streitig zu macken suchen. Seit dem Beginn seiner Regierung hat Abdul Aziz nur Kämpfe zu bestehen gehabt."

„Ist das kaiserliche Heer aber au Kampffähigkeit nicht den Rebellen überlegen?"

_ „Meiner Ansicht nach würde dies nur durch eine ge­schickte Verwendung der Artillerie zu erreichm sein. Die Reiterei der Aufständischen, die als echte Naturkinder äußerst fanatisch, hinterlissig und kampfesmutig sind, wird der des Sultans wmig nachgeben. Als günstiger Umstand kommt für erstere:wch in Betracht, daß sie das Gelände, das meist äußerst schwierig zu übersehen ist, gmau kennen. Gelingt es ihnm, dem Feinde die Artillerie abzunehmen, so kann die Lage Abdul Aziz', auch wmn es ihm gelingen sollte, frische Truppen aufzubringen, äußerst gefährlich werden. Augenblicklich soll er ja mit etwa 10,000Mann 30,000 Aufrührern gegenüberstehen."

„Welche europäischen Mächte sind am angesehensten in Marokko?"

„Ter Sultan ist persönlich dm Engländem sehr wohl­gesinnt. Im übriqm hat man wohl am meisten Respekt vor den Franzosen, die seit langem das „corriger la krautiäre" von Algier aus mit Nachdruck vorzunehmm wissm. Sie könntm leicht eine Occupation vornehmen, dmn es fehlt ihnen nicht an Truppen und Einmarsch, wegm. lediglich die Schm vor England und vor der Aufrollung der marokkanischen Frage hält sie zurück. Während des Burmkrieges wäre die günstigste Zeit zum Vordringen gewesen. Ein geeinigtes marokkanisches Heer würde ihnen, auch wmn sie nur langsam vorgerückt wären, ja doch nicht entgegmgestellt wordm iein. Außer- dem käme chre Flotte noch in Betracht. Am wenigsten fürchtet man sich vor Spanien. Me Deutschen sind all- gemein geachtet, aber man weiß, daß sie nicht erobern wollen. Eine Tellung Marokkos scheint jetzt noch nicht beabsichtigt zu sein."

Deutsches Deich

Zur Frage der Handelsverträge.

I,. Berlin, 2 . Januar.

Ma:: kann nur aufrichtig wünschen, daß der Opti- mismus, der im Kanzlerpalais in Sachm der Handels- Verträge herrscht, durch die späteren Verhandluirgen und ihren Ausgang vollauf bestätigt werden möge. Wenn man liest, wie die offiziöse süddeutsche „Reichs- korrespondmz" von hier aus über die bevorftehmden Verhandlungen mit Österreich-Ungarn und Italien be- richtet wird, und wenn man dem entgegmhält, was in Rom undWien über dieselbeFrage mitgeteilt wird, so kann

FemUelorr.

Berliner Stimmungsbilder.

Von Paul Lindenberg.

Profit Nenjabr! — Die Berliner Sylvesternacht. — Der JahreS- fchlutz und feine Überraschungen. — Unser neuer Bürgermeister. — Der Rücktritt des Grase» Höchberg. — Georg v. Hülsen. — Der Kaiser und die Künstler. — Wünsche an de» „blinde« Passagier".

„Prosit Neujahr!" — noch gellen uns die Rufe in dm Ohrm von der Sylvesternacht her, in der die Bevölkerung der Hauptstadt eine Stunde hindurch völlig die Balance verliert. Wenn das Wort wahr ist, daß in schlechten Zeiten der meiste Krakeel gemacht wird, dann ist das alte Jahr ein recht böses gewesen, und wir können froh sein, daß es ii: einem ungeheuren Tohuwabohu zu Grabe getragen wurde. Das milde, trockene Wetter intter- stützte diesmal die riesige Völkerwanderung, die sich in der Nacht vom Mittwoch zum Donnerstag durch die Straßm unserer Stadt ergoß und von der nur jener eine Ahnung hat, welcher selbst daran teilgenommen. Aber trotz dieser schwarzen Menschenmassen, welche im Lindenviertel um Mitternacht in dichtgedrängter Fülle die Dämme und Bürgersteige besetzt hieltm und sich nur schrittweise vorwärts bewegen konntm, sowie des unbe- schreiblichen Hallohs, war es im allgemeinm doch mehr eine Ulkstimmung, die, wie es scheint, nirgmds in schlimmer Weise ausgeartet ist. Mehr und mehr entpuppt sich bei uns diese Sylvesterfeier zu einem Stück Kameval, dmn von Jahr zu Jahr tauchen häufiger Masken im Gewühl auf und whlt's nicht an tausenderlei Abzeichen ulkiger Art und an sonstigm „Überraschungm", welch letztere fast stets die lieben Mitmenschen betreffen. Daß verhältnismäßig wmig gröbere Ruhestörungen zu ver- zeichnen sind —- was wollen hundert und mehr Verhaftun- en für Berlin und für diese Nacht bedmten! — zeigt, aß die Erziehung unserer Einwohnerschaft zu einem Weltstadt-Publikum doch einige Fortschritte gemacht hat.

Einst waren am Sylvesterabend alle Bande frommer Schm zerrissm und suchte man sich in Rüdigkeitm zu übertrumpfen; Moschkm wurdm umgeworfen, Litfaß­säulen angezündet, Schaufmster zertrümmert, Laternen zerstört und nebm solchen und anderen „Scherzen" ein Vernichtungskainpf gegen dm „Civllhelm", den Cylinder, geführt. Das ist jetzt zur Freude aller anders gewordm, man munkelt sogar, daß diesmal einige cylinder- bewafsnete Zeitgenossen unbehelligt die „Linden" passier- ten —- bei dieser unglaublichm Kunde drehm sich die Berliner der 60er und 70er Jahre verflossenen Säkulums gewißlich im Grabe um und murmeln: „Jott, Berlin, wie hast du dir verändert!"' Uns aber, die wir uns mit Katarrh und Jnflumza durch diesm merkwürdigen Winter schleppen, soll eine solche Verändemng gern will- kommen sein!

Ehe das alte Jahr von uns Abschied nahm, brachte es uns noch verschiedenerlei Überraschungen. Zunächst die erfrerlliche Nachricht, daß Regierungsrat De. j@. Neicke seitens des Trägers der Krone als zweiter Bürgermeister Berlins bestätigt wurde. Damit ist endlich die Kluft überbrückt worden, die seit langem ztvischm Hof und Stadt bestanden und die manch pein­liche Erörterungen hervorgerufen. An gewissen Strömungen, um besagte Bestätigung Dr. Reickes zu verhindern, hat es nicht gefehlt, glücklicherweise waren sie ohne Erfolg. Man darf annehmen, daß der neue Bürgermeister der rechte Mann für die rechte Stelle ist. Ein kerniger Ostpreuße, mit vornehmer, litterarischer Begabung und von feinem künstlerischen Empfinden, trat er als Schriftführer des Goethebundes energisch gegen die die Freiheit der Wissenschaft, Kunst und Litteratur be- drohende lex Hcinze auf und zog sich dadurch die Feind­schaft verschiedener einflußreicher Persönlichkeiten zu; sie sollen es denn auch zu stände gebracht haben, daß Dr. Reicke, der damals als Konsistorialrath dem branden- burgischen Konsistorium angehörte, nach Königsberg ver- setzt werden sollte, gegen welche „Maßregelung" sich aber der Betroffene so entschieden auflehnte, daß bei dieser

Partie seine Widersacher verloren, und Dr. Reicke auf Veranlassung des Reichskanzlers in das Reichsversiche­rungsamt berufen wurde. Was den neuen Bürgermeister neben anderen Eigenschaften auszeichnet, ist, daß er nicht im Aktenstaub alt und grau geworden — er hat noch nicht sein vierzigstes Lebensjahr erreicht — und daß er nicht „verschwistert und verschwägert" ist mit dieser oder jener Clique in unserem Roten Hause. „Und so'n Mann könn'n wir gebrauchen", meint der Berliner.

Tie gleiche Meinung dürfte auch gegenüber unserem neue:: Intendanten Georg von Hülsen am Platze sein. Man wußte schon seit längerer Zeit, daß Graf Hochberg „gehen" würde, aber daß dies so plötzlich erfolgte ohne die üblichen Einleitrmgen und derer: Zeitungsveröffentlichungen von „Arbeitsüberlastung" und „Ermüdung" und „körperlichem Unbehagen", oder wie sonst die schönen Umschreibunge:: heißen, das ahnte man denn doch nicht. Als noch GeheimraU Pierson seüw für das Ansehen unserer königlichen Bühnen nicht allzu fördersame Tätigkeit ausübte, da sagte man bereits: „Geht Hochberg, so geht auch Pierson, und geht Pierson, dann geht Höchberg"; nun, Pierson ging voran in jenes Reich, aus dem kein Wanderer wiederkehrt, und man hörte damals — wo nicht gerad' die liebenswürdigster: Gerüchte über den von höchster Macht Abgerrrfenen auf- tauchten — daß Graf Hochberg sein Entlassungsgesuch eingereicht, der Kaiser dasselbe aber „bis auf weiteres" zurückgeschoben hätte. Darauf wurd' alles still, jedoch sickerte vor kurzem durch, daß der Intendant recht „wackelig" stände und sich gegen ihn eine scharfe Gegen- strömung in der Hofgesellschaft bemerkbar mache; Äußerungen sehr hochstehender Damen und Herren, „daß man seine Töchter nicht mehr ins Opernhaus und Schau- spielhaus schicken könne, wmn „solche Stücke" gegeben würden", wurden weitergetragen, und auch von größeren Meinungsverschiedenheiten zwischen dem. Ministerium des Königlichen Hauses und der General-Jntendantur ver- lautete allerlei. Unter „solchen Stückm" waren das von Strauß komponierte und von Wolzogen verfaßte Sing-