1. Beilage mm Wiesbaüenkr Taghlalt.
Wo. 5 Morgen-Ausgabe.
Sonntag, den 4. Januar.
31. Jahrgang. 1903.
jjjj Der Erfolg der Religionen hängt nicht von den mehr j* 2 oder' weniger trefflichen Beweisen ab, die sie von ihrer Z « Göttlichkeit erbringen; ihr Erfolg steht vielmehr im Ver» ^ « hältnitz zu dem, was sie dem Herze» des Volkes mitzntdcilen ^ haben. E. Renan (f 2. Oft. 1892). »
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(17. Fortsetzung.)
Ich.
Roman von Iba Boy-Ed.
Trotz der durchbohrenden kalten Blicke Ulberts, die wie schneidende Messer auf ihn drangen, fühlte Defsky eine große Befreiung. Der Andere kam ihm entgegen. Aber der Zusatz, den Albert nach desLeutnants bejahender Kopfneigung machte, riß ihn aus allen Hoffnungen.
„Was aber ich mit diesen Vorfällen zu thun haben könnte, begreife ich nicht; dmn daß Sie zu mir, zu einem Mesmer, um Geld kommen, will ich nicht glauben!"
Gott im Himmel, dachte der Leutnant zerknirrscht, ich bin ein heillos leichtsinniger Patron gewesen, aber hier büße ich's auch gründlich ab.
„Uird dennoch, Herr Mesmer, möchte ich die Bitte wagen ..." stammelte der Leutnant.
Albert verschränkte die Arme auf der Brtlst und sah auf seine Stiefelspitze herab.
„Euch Offizieren", sagte er langsam, „stehen leider nur zu viele Hülfsqnellen offen. Sie werden zahllose Geldntänner finden, die Ihnen die nöthige Summe geben, denn diese Blutsauger wissen wohl, daß Ihr und Eure Familien mit der ganzen Existenz dafür haftet."
„Ich sehe", rief Defsky in einem Ton, aus dem die Verzweiflung nur zu deutlich sprach, „daß rch Ihnen die ganze Sachlage ^klar darstellen muß! Sie werden mich verachten, aber Die werden mir dann vielleicht die Möglichkeit zu einem neuen Leben erschließen."
„Ich höre", sagte Albert leise, ohne sein Gegenüber anzusehen. Er fühlte die grenzenlose Demüthigung in die Seele des Anderen hinein, er begriff, was für eine Stunde dies für den Mann war, sich selbst einen Richter zu setzen, einen fremden Richter, der nur Kraft seines Feldes berufen ward, über den Sünder zu urtheilen, was für eine Höllenqual es sein mußte, Mannesehre und Selbständigkeit zu verkaufen um Geld.
„Im ganzen", hob Defsky mühsam an, „habe ich bisher mein Schiff mit nicht mehr und nicht minder Schwierigkeiten flott gehalten wie andere junge Käme- ca dem die aleich mir ohne Mittel sind. Meine Schulden waren mäßig und überstiegen ein paar tausend Mark nicht. Spielverluste wurden durch Spielgewinne gedeckt. Erst seit einem Jahr kam ich durch meine mannigfachen gesellschaftlichen Beziehungen in größere Unordnung. Sre wissen, eins zieht das andere nach sich, man empfängt Gastfreundschaft — man sucht sich zu revanchiren ..."
Er stockte. Albert war sehr bleich; er erinnerte sich an die reichen Geschenke, die Defsky dm Mesmer'schen Damm zu Weihnacht gemacht, an die Vielliebchen, die er im Agnes verloren, an die vielen Sträuße, die er ihr gebracht.
„Aber", fuhr Defsky fort, „dies Alles ist nicht schlimm; wie Sie richtig sagten, auf die Offiziersehre hin grebt es Kredit. . Aber dieser Kredit ist begrenzt; er reicht tuletzt nur soweir wie das Familienvermögen, und über dre Ziffer dieses sich auf das Genaueste zu orientiren, -erstehen die Blutsauger. Meiner heutigm Schuld qeqm- über versagt der Kredit."
„Somit", sprach Albert, „hätteu Sie keinm Anstand genommen, Anleihen über Ihr Familienvermögen hinaus *>u kontrahirm, wenn die Manichäer nicht zufällig über neses gmau unterrichtet wären. Eine Auffassung, Herr
Leutnant, die weder Ihrer Offiziers- noch Edelmanns- ehre geziemt."
„Herr Mesmer", sagte Defsky flehmd, „so ganz ver- ächtlich liegt meine Sache nicht. Ich habe eine alte Mutter: sie lebt von der Pension — auch mein Vater war Offizier — nnd von den Zinsen des kleinm Ver mögens, das fünfzigtausmd Mark beträgt. Nahezu so hoch ist meine Schuld. Wenn ich so viel Geld gegen Wucherzinsm erhebe, hat sie sich bald verdoppelt; ich kann sie nach dem Tod meiner Mutter nickt bezahlen. Finde ich einen großmüthigen Frmnd, der sie mir vor streckt, kann ich sie eines Tages zurückerstattm."
Albert erhob sich; alle Farbe war aus seinem Gesicht gewichen, seine Augen blitzten.
„Herr Leutnant", sagte er mit harten, klarm Worten, „Sie haben ehrlos gehandelt."
Defsky erglühte und erblich. Er fuhr auf und wollte etwas sagm.
„Schweigen Sie", fuhr Albert herbe fort, „jedes Gegenwort ist unnütz — ich schlage mich doch nicht mit Ihnen! Sie haben blind in den Tag hinein gelebt, Schulden gemacht, den Muth besessen, sich den Freund eines Mannes zu nennen, dessen Gattin Ihnen näher stand, als sie durfte, Sie haben mdlich gespielt und Ehrenverpflichtungen auf sich geladen, die Sie nie aus eigner Kraft tilgen konnten. Und bei alledem haben Sie auf den Tod Ihrer Mutter spekulirt!"
„Herr Mesmer", begann Defsky, am ganzm Leib zitternd, „ich that, was Hunderte thun. Einmal ist man nur . jung, dachte ich, und es riß mich immer weiter. Ich wollte doch auch mein Leben genießen, Daß es solches Ende nähme, dachte ich nicht."
„Das ist es!' rief Albert. „Sie dachten an nichts; nicht an das Ende, nicht an Ihre alte Mutter, deren Freude, Hoffnung und Trost Sie ohne Zweifel waren; Sie dachten nur an Ihr Ich, und wie Sie demselben am reichlichsten mit Lebensgenüssen dienten. Und darüber verloren Sie Ihre Ehre, Ihre Existenz."
„Sie können mir beides erhalten, und ich werde ein Anderer werden, ich schwöre es!"
„Nein", sagte Albert mit eiserner Stirn, „Ihre Ehre will ich retten, Ihre Existenz haben Sie verloren."
„Meine Mutter!" schrie Defsky auf und legte wie ein Kind seinen Kopf auf den Tisch, die Hände unter dem Gesicht faltend.
„Was ich thue, thue ich gerade für Ihre Mutter und — und aus einem anderen Grund. Wenn Sie morgen Ihre Schulden bezahlen, wird die Gewohubeit und die Verführung, die zusammen thun, als wenn sie die Noth- wendigkcit wären. Sie übermorgen verleiten, neue zu machen. Und noch eins, Herr von Defsky; den Rock, den Sie da tragen, habe auch ich die Ehre, onziehen zu dürfen, und wenn heute der Kaiser zum Krieg ruft, stehe ich an der gleichen Stelle wie Sie. Ich bin Offizier wie Sie; als solcher spreche ich zu Ihnen! Ich will nicht, daß dieses Tuch die Brust eines Feiglings bedecke! Ich erachte einen Mann, der so wenig moralischen Halt hat wie Sie nicht für würdig, treuen und ehrlichen Männern aus dem Volk zu befehlen. Dieser Degen soll nicht länger von einem Mann getragen werden, der seine Mutter nicht achtete."
„Ich liebe meine Mutter", rief Defsky, die gefalteten Hände zu Albert emporhebend, „sonst hätte ich zur Pistole gegriffen!"
Albert lächelte verächtlich.
„Ich werde Ihnen morgen fünfzigtausend Mark zu- stellen. Damit sind die Bouquets, die Sie der Frau Agnes Mesmer widmeten, hoch genug bezahlt!"
Defsky zuckte wie von einem Schlag getroffen, zu- sammen, erhob sich und ging mit lallender Zunge auf Albert zu. Ein maßloses Wort kam von seinen Lippen. Albert fuhr fort zu lächeln.
„Sie können mich nicht beleidigen", sprach er ruhig: „ich wiederhole es: mit Ihnen schlage ich nach nicht. Morgen haben Sie das Geld, sodann nehmen Sie in selbiger Stunde Urlaub, reisen nach Amerika oder nach den neuen Kolonieen und quittiren von da den Dienst. Drüben mögen Sie in harter Arbeit lernen, ein nützliches Mitglied der Gesellschaft zu werden. Und wenn eines Tages Selbsterkenntniß und Reue Ihnen sagen, daß Sie einen neuen, würdigen Menschen aus sich gemacht haben, dann mögen Sie zurückkchren und diesen Rock wieder anziehen, der jetzt durch Sie enüvecht wurde."
Wider seinen Willen war er in tiefe Bewegung ge- rathen, und in einer Aufwallung des, Mitleids streckte er dem Leutnant die Hand hin. Dieser nahm die Hand und ließ sie schnell wieder fallen, um sich abzuwenden. Unterdrücktes Schluchzen durchbebte seine Gestalt. Albert wartete ruhig, bis die erste Erschütterung vorüber schien, dann sagte er mild und leise:
„Geben Sie mir die Adresse Ihrer Mutter. Ich will ihr schreiben, daß sie in wenigen Jahren ihr Kind als geläuterten Mann wiederfindet und daß bis dahin, wenn sie Rath und Stütze braucht, ich immer bereit für sie bin."
Durch alle Grade der Angst, der Demüthigung, des Zorns war Defsky endlich bis zu einer grenzenlosen Zerknirschung und Rührung gelangt. Er erschien sich wie ein Elender und der Mann vor ihm als Held und Priester. Aufweinend fiel er Albert um den Hals und stammelte:
„Ja, so soll es sein. Ich will meiner Mutter Ehre und Ihnen Freude machen."
„So gehen Sie mit Gott! Morgen um elf Uhr haben Sie das Geld. Abends können Sie schon in Hamburg sein. Jede Stunde hier bedeutet neue Versuchung."
Auch Albert war gerührt. Er glaubte an die ehrliche Reue und den ernsten Willen des jungen Mannes. Als Defsky gegangen war, setzte Albert sich erschöpft in den Stuhl und blickte zum Bild seines Vaters hinauf. Er nickte dem gemalten Gesicht zu. Ja, der Alte mochte ruhig in seinem Grab schlafen, der wurde nicht mehr von der Gewitterwolke beängstigt, die über dem Hause Mesmer lag. Aber Albert fühlte die Blitze schon zucken, er sah schon den drohenden Schein. Und seit heut Abend wußte er, daß sie auch sein Glück mitverzehren würden. Er hatte heut Abend den Glauben an Olga verloren und wußte, daß sie nie den Muth haben würde, den Versuchungen des Reichthums zu widerstehen. Er suchte endlich sein Lager auf mit der Hoffnungslosigkeit eines, der sein bestes Gut verlor und dem alle anderen Güter dieser Welt nun nichtig erscheinen. In einer schlummerlosen Nacht dachte er über die seltsame Logik des Schicksals nach, das ihn offenbar dazu bestimmt hatte, auszuessen, was seine Geschwister einbrockten. Gustav und Agnes waren die Verführer gewesen, die den leichtsinnigen, jungen Offizier weiter auf der abschüssigen Bahn geleitet hatten — er mußte die Freuden, die sie genossen hatten, mit seinem Gold bezahlen. Dennoch war er keinen Augenblick darüber im Zweifel, daß es seine Pflicht sei, für die Geschwister sich aufzuopfern, soweit Ehre und Klugheit es nicht verboten. Sie auch waren die Ursache, daß die junge Olga, in Eitelkeit und Egoismus verstrickt, den Weg zum Guten nicht mehr finden konnte; der Ton ihrer noch unbefangen gewesenen Seele war in den Händen von Agnes und Gustav zu einem hohlen Gefäß geformt worden, und wieder war er, Albert, der Leidende. Der Geist in der Familie ist das Geschick ihrer Mitglieder. Der gute trägt auch die Minderwerthigen mit empor, der böse reißt erbarmungslos auch den einen Würdigen mit in das Verderben. Er kann ein Eherubsfittich oder ein Bleigewicht sein.
(Fortsetzung folgt.)
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