S1. Jahrgang.
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||t0+ 3» Red aktionS-Fernsprechrr N». 58.
Knwslirg, de« 3. Januar. »erlags.F-rnspr,cherN,.2953. 1833.
Morgen -Ausgabe.
für:
lagdlatt-verlag No. 8953.
Tagblatt-Redaktion No. 53.
£. Lchellenderg'fche Lofbuchdruckerei No. 3366.
„Heiliger Kriegs in Marokko?
Die neuesten Nachnichten aus Marokko lauten für den Sultan unü seine Armee so ungünstig, daß man an die ernstesten internationalen Folgen denken mutz, wie das Verhalten Spaniens, welches sofort militärische Matznahmen in seinen südspanischen bezw. nordasrika. Nischen Gebieten (Cluta) eingeleitet hat, erkennen läßt.
Bekanntlich steht der Sultan mit einem Prätendenten, der sich Ahmed Ben Mohammed Hassan nennt, im Kampfe. Letzterer hatte sein Hauptquartier in Tazza, wo er sich als Souverän des Reiches ausgab. Er hatte sich des dortigen Staatsschatzes, der Geschütze und des Waffendepots bemächtigt, er erhob Stenern und ließ Stempel- und Postwertzeichen drucken. Die von dem Sultan vor einiger Zeit zur Bekämpfung des Aufstandes im Semmur-Getiete, das südwestlich von Rabat liegt, abgeschickten Regierungstruppen wurden von den Insurgenten nicht nur geschlagen, sondern auch umzingelt. Der Prätendent gewann damit freie Hand, um von Tazza nach Fez vorzudringen. Die Lage des Sultans Muley Abdul Asis wurde dadurch reckst kritisch, denn seine Truppen wurden im Westen bei Rabat festgehalten, während der Prätendent von Osten heranzog Er eilte dem Prätendenten entgegen, und es kam zwischen Fez und Tazza zum Kampfe. Bei diesem erlitten die Truppen des Sultans eine vollständige Niederlage. Tie Verlustliste soll 2000 Tote und Verwundete zählen. Die Trümmer der kaiserlichen Armee ließen alles im Stich und flohen in wilder Unordnung nach Fez. Kanonen, Zelte, Gewehre, Munition, Geld und Lebensmittel fielen den Aufständischen in die Hände. Diese marschieren auf Fez, das in völlig verteidigungsunfähigem Zustande ist, erstens vermöge seiner exponierten Lage, ferner wegen des baufälligen Zustandes der Stadtmauern, endlich durch gänzlichen Mangel an Vorräten. In ein paar Tagen kann die Stadt ausgehungert werden. Der Sultan hat sich in seinen Palast zu Fez zurückgezogen, alle zur Hand befindliche Artillerie und Munition mit hineingenommen und den Palast stark verschanzt, da er fürchtet, daß die siegreichen Rebellen die Stadt angreifen werden.
Der Prätendent seinerseits versichert, daß er keinen
Thron für sich zu erobern beabsichtige, sondern einen „Dschihad", einen heiligen Krieg gegen die Christen führe und den Sultan und die augenblickliche Regierung wegen ihrer europäischen Tendenzen stürzen wolle. Die Rebellen hätten keinen Thronkandidaten unter sich, sie würden aber im Falle des Sieges aus einer der Scherif- familien einen Sultan ernennen, der sich verpflichten müsse, dm Krieg gegm die Christen fortzusetzen. Die
Boten meldm, daß der Feind sehr stark sei und wahr- scheinlich an 30,000 Köpfe zähle. Die Tore von Tazza sind mit dm Köpfen der Soldatm behängt, die in dem letzten Kampfe fielen.
Die in diesen Darlegungen sich aussprechmde Wendung der Dinge ist das für die europäischm Staatm Bedrohliche an dm Ereignissen. Me spanische Regierung beschloß daher auch bereits, Truppen in Malaga, Cadiz
und Algesiras oufzustellm, die bereit sind, auf die erste Benachrichtigung hin die Garnison von Ceuta und Melilla zu verstärken, und dm Kreuzer „Jnfanta Jsabella" zum Schutze der spanrschm Untertanen abzu- fenden. Ministerpräsident Silvela erklärte in einer Unterredung, der Minister des Auswärtigen in Tanger halte die Lage nicht für verzweifelt; denn die Niederlage der Truppm des Sultans sei die Folge einer Über
raschung, nicht einer ernstlichen Schlacht, aber dies ändert an der Schwere der Niederlage selbst nicht das Blindeste. Ein Telegramm aus Tanger besagt denn auch: In Folge der unsicheren Lage sind die Missionsfraum von Fez und Tetuan nach Tanger abgereist.
Unseren Lesern wird die beistehende Karte von Marokko, auf der alle vorstehmd genanntm Orte der- zeichnet sind, zur Orientierung gewiß willkommen sein.
FemUrlon.
Gesellschaflsloiletten.
Berlin, 1. Januar.
Die Gesellschaftstoilette ist zu einem komplizierten Studium geworden, von dem man mit Fug und Recht behaupten kann: „Manche lernt's nie!" Es genügt zur
Fig. 1. tfi».
Lleganz durchaus nicht mehr, elegant gekleidet zu sein; es kommt fast ebenso viel auf die Kunst an, die richtige Toilette zu der richtigen Gelegenheit zu tragen. Eine hochelegante Gesellschaftstoilette ist höchst unchic zu einer kleinen, einfachen Gesellschaft, ebenso die Bluse — und sei es die allereleganteste — zu einer besonderen Feierlichkeit. Anders kleidet man sich zum Diner als zum
Souper — anders zum Theater als zum five o’ clock, kurz, die Zeiten, in denen „Das Schwarzseidene", oder wenn's hoch kam, das „Buntseidene" zu aller und jeder feierlichen Gelegenheit genügten, sind unwiderruflich vorbei. Zu den vielen schweren Pflichten der modernen Frau kommt nun noch die der Überlegung, — nicht „was ziehe i ch an", sondern „was zieht man an"!
Für Theater, Konzerte, kleine freundschaftliche Vereinigungen behauptet die Bluse das Feld, die mit dem schwarzseidenen oder — und dies ist das Elegantere — mit dem in der Farbe passenden Seidenrock getragen wird. Auch CrHpe- und Voile-Röcke sind modern. Für praktisch veranlagte Frauen ist ein cremefarbener Crßpe- rock über gleichem Taffetfutter sehr beliebt, da ja fast jede Bluse in ihrer überreichen Verzierung creme Cräpe und Spitzen als Hauptmotiv aufweist.
Diese Blusen sind wahre Wunderwerke der Schneiderkunst — fast hätte ich gesagt Dichtkunst. — Ein Gewirr von CrHpe, Seide, Spitzen, Chiffon, Spitzen-Ein- und -Ansätzen, Fältchen, Plissses, kurz, Garnituren aller Art. An einer Bluse (Fig. 1j aus weißem Seidenmousseline zählte ich acht verschiedene — man kann kaum sagen, ob Besatz-, ob Grundstoffe. Auf der Grundform von weißem Lasset, die rund ausgeschnitten war, sodaß der Hals gerade frei blieb, waren zunächst kleine Fältchengruppen auf weißer Seide mit Zwischensätzen von getupftem weißen Chenillctüll lose arrangiert. Darüber fiel das beliebte, rundum geschlossene llberjäckchen aus weißer Mousselinc mit Silberschnürchen in einem Carreau-Muster benäht und mit Perlmutterplättchen diskret ausgestickt. Die .breite, gewellte Guipürespitze, die das Jäckchen am Halse und unten herum abschlotz, war hellsandfarbig und ebenfalls mit Perlmutterplättchen bestickt . . . Ein cllon mit herabfallenden Enden aus weicher Seide bildete auf der linken Brustseite den Schluß. Die halblangen, offenen griechischen Ärmel aus Fältchen, Tüll und Guipüre woran mit weißer Seide unterlegt unü der gefaltete Gürtel bestand aus sandfarbener Pfanne.
War diese Bluse von diskretester, zartester Farbengebung, so bestach eine andere durch kräftige Kolorierung. Lebhaft grünes, drei Finger breites Samtband war mit' gelben Guipüre-Einsätzen zusammengestellt. Der lose
Vlusenteil wurde durch einen klaren Sattel von schmalen Samtbändchen mit Einsätzen ergänzt, der die Schultern überspannte, nach unten in drei Zacken auslief und einen spitzen Ausschnitt vorn und im Rücken formte. Der Sattel war mit einem Guipüre-Einsatz begrenzt, den Gürtel bildete ein grünes Samtband mit einer wundervollen smaragdbesetzten Goldschnalle. Zu beiden Blusen
&i u . Fig. 4.
wurde ein sandfarbener langschleppiger Eröpe-Rock getragen.
übrigens, um es hier einzuschalten, die modernste Farbe ist augenblicklich in Paris ein „cerise", das aber eigentlich schon mehr ein Korallenrot ist. — Überall taucht plötzlich dieses Korallenrot aus wie die Eintagsfliegen, die ein paar Stunden ums Licht flattern, um dann verbrannt zu Boden zu sinken. Auch diese cerlse-Mode ist so eine Eintagsfliege.
