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si. Jahrgang.

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4» Berl«,»-Fernsprecher N». 2953.

Samstag, öen 3. Januar. Redaktions-Fernsprecher No. 52. 1903.

Abend-Ausgabe.

Trief««-Ruf für:

Tagblatt-verlag No. 3953.

Lagdlatt-Redaktion No. 58.

£. Lchellenberz'sche idosbuchdruckerei No. 3366.

PoMsche Urbersichl.

Der Übergang vom Jahre 1902 in das Jahr 1903 hat sich in einer politisch bewegten Zeit vollzogen. Auf dem Gebiet der inneren Politik dauern die aus Anlaß des Kampfes um den Zolltarif ent­standenen Auseinandersetzungen zwischen den Parteien noch fort, und insbesondere hat sich zwischen der Reichs­partei und dem Bund der Landwirte eine „reinliche Scheidung" vollzogen, die in der Erklärung des Abgeordneten v. Kardorff ihren Ausdruck fand.

Mt noch weit stärkerem Interesse freilich verfolgte inan allenthalben den Fortgang des Ehedramas am sächsischen Hofe, das nun bald seinem Schlußakt entgegen gehen dürste. Kronprinz Friedrich August hat den entscheidenden Schritt getan, um auch äußerlich die Lösung der innerlich längst gelösten Ehe mit der Kronprinzessin Luise herbeizuführen, und der vom König Georg von Sachsen eingesetzte Gerichtshof wird nunmehr darüber zu entscheiden haben, ob die kron- prinzliche Ehe nur durch die Aufhebung der ehelichen Gemeinschaft oder durch die radikalere Scheidung gelöst werden soll. Für die weitere Entwickelung des Liebes­romans der .Kronprinzessin wird diese Entscheidung von einschneidender Bedeutung sein.

Das herzlichste Beileid wendet sich bei dieser Ehe- tragödie dem greisen König Georg von Sachsen zu, auf dessen ohnehin ungünstigen Gesundheitszustand die schweren seelischen Erregungen der letzten Wochen leider sehr ungünstig eingewirkt haben. Doch darf man nach den letzten Krankheitsberichten hoffen, daß die gute Natur des Königs den schweren Jnfluenzaanfall, der ihn aufs Krankenlager geworfen hat, in Bälde überwinden wird.

Wie auf dem Gebiet der inneren Politik, so wies die Jahresscheide auch auf dem^Gebiet der äußeren Politik eine recht lebhafte Signatur auf, denn das alte Jahr hinterließ dem neuen als Erbteil drei inter­nationale Fragen. die venezolanische, die marokkanische und die macedonische Frage. Me erste dieser drei

Me Eidechse.

Roman von A. v. Klinckowström.

(10. Fortsetzung.)

„Weil ich mit den Verhältnissen nicht vertraut war und meinte, ich könne ruhig wie zu Hause während eines Zwischenaktes im Theater allein auf meinem Platz bleiben. Ich fürchte. Tu verstehst meine Lage nicht recht zu beurtherlen und nimmst alle Dinge zu leicht."

„Und mir trüll es Vorkommen, als suchtest Tu seit Kurzem jeden Anlaß, mit mir zu nörgeln. Sag es doch lieber frei heraus, wenn ich Dir nicht mehr gefalle. Es wäre zwar ein brschen überraschend, aber ich würde Deine Offenheit zu schätzen wissen."

„Maxi!" — Jenny legte sanft den Arm um seine Schultern — „sprich nicht so zu mir. Ich möchte ja so ern, daß nur Friede und Freundschaft zwischen uns errschte. Kannst Du es mir verdenken, daß mich der gestrige Vorfall unangenehm berührt hat? Gerade an Deiner künfttgen Frau sollte es Dir lieb sein, wenn sie zurückhaltend und auf ihren Ruf bedacht ist. Wir sind beide noch jung und können Jrrthümer begehen. Da sollte eines dem andern dankbar sein, wenn es eine Ge­fahr erkennt und darauf aufmerksam macht."

Ihr weicher Ton und mehr noch die Nähe ihres hübschen Gesichtes verfehlten nicht, Eindruck auf ihn zu machen, und sie rasch küssend, che sie noch daran denken konnte, sich zu sträuben, entgegnete er liebevoll: „Du hast recht, Herzchen. Ich bin gewiß oft noch sehr unbedacht. Wir wollen in Zukunft vorsichtiger sein, uns aber nicht den Jugendfrohsinn durch allzu große Pedanterie der- kümmern. Sich, ich wage jcht kaum noch damit heraus­zurücken, daß ich eine Einladung für Dich habe, aus Furcht, Du könntest wieder etwas daran auszuschen finden."

„Eine Einladung? Für mich?" Sie war ganz strahlende Erwartung.

„Ja, ein entfernter Bekannter von mir, der Maler Boilier, giebt am kommenden Samstag ein kostümirtes Atelier- und Gartenfest. So etwas hast Du wohl noch nie gesehen, es wird Dir Spaß machen. Wie ich höre, hat er ein paar hmrdert Aufforderungen herumgeschickt

Fragen, die venezolanische, zeigte erfreulicherweise im neuen Jahre ein etwas freundlicheres Gesicht als iin alten Jahre. Me Erklärung Castros, daß er die von Deutscksiand, England und Italien gemachten Vorschläge im Grundsatz acceptiere und sich bereit erkläre, sich dem Spruch des Haager Schiedsgerichtes zu unterwerfen, be- deutet einen wesentlichen Schritt vorwärts. Aber auch nur einen Schritt, denn es wird abzuwarten sein, ob diese Erklärung erstens ehrlich und aufrichtig gemeint ist, imd ob zweitens Venezuela bereit sein wird, den Spruch des Schiedsgerichts nicht nur anzuerkennm, sondern auch zu erfüllen.

Sehr alarmierend lauten noch immer die Nachrichten aus Marokko, wo der Sultan von dem Kronpräten­denten Bu Hamara hart bedrängt wird und anscheinend nicht viel Aussicht hat, mit seinen geschlagenen Truppen dem weit stärkeren Heere Bu Hamaras Paroli zu bieten. Trotz der Alarmnachrichten aus Marokko wird man die Hoffnung hegen dürfen, daß von der marokkanischen Krisis internationale Komplikationen ferngehalten wer- den, da die interessierten Mächte einmal entschlossen sind, bei dieser Gelegenheit eine ernsthafte Aufrollung der marokkanischen Frage zu vermeiden, und weil zweitens die beste Bürgschaft für diese gute Absicht in der gegen­seitigen Rivalität der interessierten Mächte liegt.

In ein ruhigeres Fahrwasser ist infolge'des erfreu­lichen Einvernehmens zwischen Österreich und Rußland die macedonische Frage geraten. Als das Er­gebnis der Reise des russischen Mnisters Grafen Lambs­dorff darf man die erfreuliche Tatsache bezeichnen, daß die beiden an den Balkanfragen am meisten interessierten Mächte auch fernerhin die macedonischen Angelegen­heiten in einmütigem und friedlichem Sinne behandeln werden. Ein wertvolles Neujahrsgeschenk ist dem österreich-ungarischen Reiche noch vor Sch'cksalstores- schluß unerwarteter Weise beschert worden, nämlich das nach schweren Mi'chen und gefährlichen Krisen doch noch erfolgte Zustandebringen des Ausgleichs zwischen Ö st e r r e i ch und Ungarn.

Ein Neujahrsgeschenk, das freilich etwas vorträg- lich an den Adressaten bestellt wurde, haben auch die Pariser erhalteir. Paris hat die entflohenen Hum- b e r t s wieder, aber von den schönen Millionen ist nicht viel mehr geblieben, als der berühmte Hosenknopf, den man einst im Geldschrank der geflüchteten Familie Humberts gefunden hat. Wie einst der römische Kaiser Augustus seinen: geschlagenen Feldherrn zurief: Varus, Varus, gib mir meine Legionen wieder!, so mögen jetzt auch die Parrser ihren zurückgekehrten „teuren" Mit­bürgern zurufen: Humberts, Humberts, gebt uns unsere Millionen wieder!

Das bildet den Schluß der Saison, denn eine Woche später ist die gute Gesellschaft aufs Land gegangen, und Boilier legt eben Werth darauf, die besten Kreise bei sich zu sehen."

„Mer ich keime ihn ja nicht."

„Das macht nichts. Er weiß eben — durch wen, kann ich selbst nicht sagen —, daß meine Braut hier ist. Da hast Du die Karte, schau her! „dlovsienr" und so weiter „est prlä ainsi que mademoiselle Hoverdink d’asaister" und so weiter. Unten steht noch: „On

dansera," Na, was sagst Du dazu?"

„Reizend!" Dann kamen chr Bedenken. „Ist es auch schicklich, daß ich mit Dir hingehe?"

„Natürlich. In der Menschenmenge achtet kaum Jemand darauf, unter wessen Schutz Du eintrittst. Uebrigens werden die Hellingers sicher auch eingeladcn, und wenn es Mr lieber ist, an der Seite der guten Frau zu erscheinen, so bitte sie, Mch einzuführen. Wir treffen uns dann dort."

,Hch laufe gleich morgen wieder zu ihr. Nein, wie ich mich freue! Wegen des Kostüms will ich auch mit ihr Rücksprache nehmen."

„Erlaube, das schlägt in mein Fach. Ein Kostüm wird doch ein .Künstler am besten zusammenstellen können. Oder traust Du meinem Urtheil auch darin vielleicht nicht?"

„Selbstverständlich. Wenn Du Mr die Mühe machen willst. Geschwind, sage, was ich anziehen soll."

Er maß sie mit prüfendem Blick.

„Ich habe da einen sizflianlschen Bäuerinnenanzug, doch dafür würdest Du dich nicht eignen. Aalt! — ja, das ist eine gute Idee! Wir stellen eine griechische Ge­wandung her. Du besorgst weißen Wollstoff, der weiche Falten wirft,, ganz billigen, und ein bräunlich rotes Tuch, bunt gemustert, aber nicht geblümt. Das wird dann als loser Mantel, der Hals und Arme freiläßt, über dem weißen Untergewand drapiert. Dein guter Wuchs und deine famose Haltung werden darin am besten zur Geltung kommen. Für Schulterspangen und Kopf- schmuck laß mich sorgen. Ich weiß schon Jemand, der mir diese Dinge leiht."

„Herrlich! Und das wird nicht zu viel kosten?"

„Eine Kleinigkeit. Ich zeichne dir alles auf, und du nähst es selbst."

Jur Flucht der KronprinzeM von Mchseu und Ihres Kruders.

lid. Chemnitz, 2. Januar. Der Chefredakteur der „Allg. Ztg." besuchte den in Freiburg in der Schweiz als Priester und Universitäts-Professor amtierenden Prinzen Max von Sachsen, der infolge der Aufregung über die Vorgänge am sächsischen Königshofe krank darnieberliegt. Trotzdem bat der Prinz seinen Besucher um Mitteilung seiner Erfahrungen in Genf, die er mit Ausrufen bitter» ster Schmerzen und tiefster Abscheu entgegennahm. Prinz Max schiebt die Hauptschuld an dem ehelichen Zerwürf­nis des Kronprinzenpaares dem Erzherzog Leopold Ferdinand zu, der, den freiesten Anschauungen huldigend, es verstanden habe, sich am sächsischen Königshofe beliebt zu machen, sodatz ihm der Kronprinz vertrauensvollste Freundschaft entgegengebracht habe. Wahrhaft rührende Sorgen äußerte der Prinz um seinen Vater, König Georg, und die Königin Carola. Bon seinem Bruder, dem Kronprinzen, sagte er: „Kann er wohl nun noch König werden?" Sachsen verlangt doch eine Königin. Die Kronprinzessin schien dazu angetan, das Band zwi­schen dem Volke und dem Königshause noch inniger zu knüpfen, als es schon ist."

hd. Berlin, 3. Januar. Aus Wien wirb gemeldet: Das „Neue Wiener Tageblatt" erfährt von besonderer Seite: Am Dresdener Hofe bilde das Schicksal des zu er­wartenden Kindes der Kronprinzessin von Sachsen den Gegenstand sorgfältigster Erwägungen. Es besteht die feste Absicht, das Kind sofort nach seiner Geburt an den sächsischen Hof zu bringen und es gleich den übrigen Kindern des Kronprinzen erziehen zu lasten. Man be­fürchtet den Widerstand der Kronprinzessin, die vielleicht zu einer List Zuflucht nehmen, ja, sogar vor Unter- schiebung eines Kindes nicht zurückschrecken würde, um ihr Kind zu behalten. Die sächsische Geheimpolizei er­hielt die strengste Weisung, in Genf in dieser Beziehung die größte Wachsamkeit zu üben. — Die Praktik des sächsischen Hofes wäre jedenfalls eine höchst sonderbare. Nun, vielleicht ist die „besondere Seite" doch nicht gut unterrichtet.

hd. Meran, 8. Januar. Nach hier eingetroffenen Meldungen wirb der Kronprinz von Sachsen, falls es der Gesundheitszustand des Königs zuläßt, demnächst mit seinen 5 Kindern zu längerem Aufenthalt hier eintreffen.

Deutsches Reich.

* Hof- «nd Perfoual-Nachrichte«. Uber den GefundheitSzustan» des Königs Georg waren in den l^ten Tagen besonder» in der auswärtigen Prcstc beunruhigende Mitteilungen enthalten.

„Ml Guter!" Jenny drehte sich vor Vergnügen ein paarmal im Kreise.

Sie hatte noch nie ein derartiges Fest mitgemacht, und die Vorbereitungen dazu nahmen ihre Gedanken derart in Anspruch, daß sie ganz zerstreut während der Vorlesungen im Hörsaal war und nachträglich die Hülfe der Gefährtinnen erbitten mußte, um die Lücken in Ihren Notizen auszusüllen.

„Ml tätest besser, die Komödie nicht mitzumachen", bemerkte Juhl in ihrer lehrmeisterlichen Weise. „Man kann nicht zweien Herren die,len. Entweder Vergnügen oder Studium, und ich dächte, da du zu letzterem hier bist —"

„Höre nicht auf sie!" fiel Bilinska ein. „Ihr sind die Trauben zu sauer. Herrgott, wenn ich an deiner Stelle wäre, aus der Haut fahren würde ich vor Wonne! Wenn man sich emmal so recht amüsiert hat, arbeitet man hinterher um so besser. Boiliers Feste sind ja berühint, und Du machst bei ihm gewiß eine Masse wundervoller Bekanntschaften."

Jenny hörte gern auf das Weltkind. Wsagen, wie <?uhl es vorschlug? Nicht daran zu denken, wo sich doch alles so glatt und leicht machte! Frau von Hellinger hatte auch schon mit einem petit bleu auf die briefliche Anfrage geantwortet, daß sie gleichfalls dort und bereit sei. die junge Pflegebefohlene unter ihre Flügel zu nehmen. Eine lleine, leichtsinnige Ader regte sich in ihr und selbst die Wahrnehmung, daß nach allen notwen- dlgen Anjchasfungen ihr Geldbeutel eine beunruhigende Ebbe zeigte, machte sie nicht bedeilklich. Sie mußte sich eben ein paar Wochen hindurch im täglichen Leben größere Sparsamkeit auferlegen. Und sie nähte mit roten Backen und flinken Händen und verhandelte dazwischen mit Engler, der die Sache sehr nüchtig nahm und der» schredene Farbenskizzen für ihr Kostüm und das seiniqe anfertigte, denn nach längerem Bedenken hatte er seine blonde Erscheinung ungeeignet für griechische Gewandung gefunden und stellte sich eine norwegische Bauerntracht her. Jedenfalls ließen beide in diesen Tagen die ernste Arbeit ruhen.

Während Eiigler in seinem kleinen Atelier herum- hantierte und Kostümstücke zusammenfügte, klopfte es zu ungewohnter Stunde. Er hatte einen Zettel draußen vor die Tür gehängt, der in deuüicher Schrift verkündete.