si. Jahrgang.
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BerlazS-Femsprecher R». 2953. 1903.
|t(). 2. Redaktions-Fernsprecher No. 52.
Freitag» den 2. Januar.
Abend-Ausgabe.
Telrfo« R«f für:
Tagblatt-verlag No. 2953.
Laztlatt-Redaktion No. 52. r. Lchellenbcrg'sche lbokbuchdruckerei No. 2266.
Aas Ausland im Jahre 1902.
Das Jahr 1902 zeigte alles in allem eine ziemlich un» friedliche Signalur. Die erste Halste des Jahres stand mach im Zeichen des südafrikanischen Krieges, der am >1. Juni mit der völligen Niederwerfung der beiden Burenvölker endete, die, sich in heldenmüstgcm Kampfe igegert die englische Übermacht verblutet hatten. In der zweiten Hälfte des Jahres begann alsdann die orientalische Frage, insbesondere in Gestalt der macedonischeir. ilien Mächten mancherlei Sorge zu bereiten, aber das Einvernehmen zwischen Österreich und Rußland, das in ^der Reise des russischen Ministers Grasen Lambsdorff nach Wen seinen Ausdruck fand, vermochte die orientalische Gefahr einigermaßen einzudämmcn. Zu Ende des Jahres wurde die venezolanische Frage zu einer venezolanischen Gefahr, die Deutschland. England und Italien mit vereinten Kräften zu bannen suchten, und es besteht die Hoffnung, daß das neue Jahr eine befriedigende Lösung dieser Frage bringen wird. Kurz vor Jahresschluß wurden die schon vorhandenen „Fragen" noch um eine neue, die freilich historisch genommen ziemlich alt ist. um die marokkanische Frage bereichert, doch sieht man der Lösung aller dieser internationaleir Fragen mit größerer Zuversicht als früher entgegen, da sowohl der am 28. Juni v. I. erneuerte Dreibund, wie auch der Zweibund wiederholt ihre feste Entschlossenheit zu einer Politik des Friedens dokumentiert haben.
Von den Staaten des Dreibundes hat besonders Österreich-Ungarn ein polistsch sehr bewegtes Jahr hinter sich. Wie seit langen Jahren, so bildeten auch im verflossenen der Nationalitätenhader einerseits und die Differenzen zwischen den beiden Reichshälften andererseits den Kernpunkt der politischen Schwierigkeiten. Diese Schwierigkeiten bestanden auch am Jahresende un- geschwächt fort. Der Versuch, den Ausgleich zwischen Österreich und Ungarn herbeizuführen, ist bisher ebenso mißlungen, wie der Versuch, eine Verständigung zwischen Deutschen und Tschechen zu ermöglichen; und die politische Situation hat sich infolgedessen sehr bedrohlich zugespitzt. Eine verhältnismäßig ruhigere Entwickelung hat in
diesem Jahre Italien zu verzeichnen. Das Kabinett Zanardelll hat fich mit inehr Eifer als seine Vorgänger einer Politik positiver Arbeit zugetvandt; ob diesem Eifer die Erfolge entsprechen werden, wird vielleicht schon das iieue Jahr zeigen.
Me politische Tästgkeit Englands ist im vergangenen Jahr fast ausschließlich durch die Abwickelung der süd- afrikanischeii Angelegenheiten in Anspruch genommen worden. Während die englischen Truppen in den ersten Monaten des Jahres noch mehrfache blutige Schlappen in Südafrika erlitten, erkannten zum Schluß auch die drei heldenmüttgen Führer der Buren, Botha, Dewet und Delarey, daß ein ineiterer Widerstand zur Vernichtung des burischen Volkstums führen müßte. So Unterzeichneten denn die Delegierten der Buren am 1, Juni mit blutendem Herzen den Friedensvertrag, der das Ende der Burenreöublikcn besiegelte, und England hatte, freilich mit ungeheuren Opfern an Gut und Blut, an militärischen: und moralischen: Ansehen, sein Ziel erreicht. Ae Feier der Krönung König Eduards VII., die zugleich eine Siegesfeier sein sollte, konnte jedoch infolge der schweren Erkrankung des Königs statt Ende Juni erst am 9. August in wesentlich gedrückterer Stimmung begangen werden. Unterdeß hatte, am 14. Juli, der Premierminister Lord Salisbury seinen: Neffen Balfour, nicht wie manche erwartet hatten Herrn Chamberlain, Platz gemacht. Dieser will sich anscheinend erst durch feine „südafrikanischen Lorbeeren" die Sporen für die Premierministeranwartschaft verdienen.
. In Frankreich hat das radikale Kabinett Waldeck- Roufseau an: 7. Juni dem noch radikaleren Kabinett Combes Platz gemacht, welches den Kampf gegen die Orden und gegen den Klerikalismus überhaupt mit Erfolg durchführte. Schwere Erschütterungen hatte das Wirtschaftsleben der Revublik durch zahlreiche Arbeiter- streiks zu erleiden, und hart wurde Frankreich auch durch die furchtbare Katastrophe auf Marttnique betroffen, tvo im Mai des Jahres der Ausbruch des Mont Pel^e eine reiche Kirltur und das Leben von 40,000 Menschen vernichtete.
Eine Periode innerer Gärungen und Wirrungei: hatte Frankreichs Bundesgenosse Rußland durchzumachen. Die revoluttonäre Bewegung unter den Arbeitern und unter den Studenten hat in diesem Jahre gewalttge Fortschritte zu verzeichnen, die in verschiedenen Attentaten, so in der am 16. April erfolgten Ermordung des russischen Ministers des Inneren Ssipjagin, ihren blutigen Ausdruck fanden.
Durch gefahrdrohende revoluttonäre Bewegungen ist auch Spanien erschüttert worden, wo der junge König Alphons XIII. am 17. Mai die Regierung angetreten
hat. Da das liberale Kabinett Sagasta an der Möglichkeit, in dem Politisch und finanziell zerrütteten Lands Ordnung zu schaffen. verzweifelte, machte es am 4. Dezember dem konservattvei: Kabinett Silvela Platz, dem es nicht anders ergehen dürfte wie seinem Vorgänger.
Von den anderen europäische:: Ländern halwu in diesem Jahre sich insbesondere noch die Balkanländer alr „interessante Staaten" erwiesen. In der Türkei hat di« alte Llttterwirtschaft ihre:: Fortgang genommen, doch ist der Sultan gezwungen Wörde::, einen Anfang mit den lange versprochenen Reformen in Makedonien zu machen. Den internationalen Rekord der Ministerkrise hat in diesem Jahre Serbien erreickst, wo im Oktober das Kabinett Walimirowitsch und im November das Kabinett Markowitsch ans Ruder Flamen.
In den Vereinigten Staaten von Amerika bestätigten die am 4. November stattgefundenen Neuwahlen zum Kongreß die Herrschaft der Republikaner, und Präsident Roosevclt befestigte außerdem noch seine Position durch die Bettegung des ungeheure:: Kohlenarbeiterstreiks. Tie Rolle der „Karnickel" im „neuen Erdteil" fpiAts in diesem Jahre neben Columbien insbesondereVenezuela. In beiden Staaten wurden die langwierigen Bürger- kriege beigelegt, aber die unehrliche und unbotmäßige Handlungsweise des Präsidenten Castro zwang Deutsch- land, England und Italien zum energischem Vorgehen gegen den böswilligen Schuldner Venezuela. So schloß das Jahr, wie es begonnen hatte, unter dem Donner der Kanonen, die hoffentlich im Jahre 1903 dein wohl- tönenderen Klang der Friedensglocken weichen werden.
Jur Alkoholfrage.
In immer weitere Kreise dringt die Erkenntnis von der Nutzlosigkett und Schädlichkeit des AlkoholgenusfeS. Wenn vor einem oder zwei Decennien die entschiedenen Alkoholgegner nur vereinzelt und nttt einer gewissen Zurückhaltung ihre Sttmme erhoben, so hat sich heute die Sachlage bereits so weit geändert, daß der Kampf auf der ganzen Linie mit großer Entschiedercheit geführt wird.
Es lag in der Natur der Sache, daß alle, die vor- urteilslos an ihre Prüfung heranginge::. Ärzte, Lehrer, Volkswirtschaftler :c., bei gcnauererKenntnis vom wahren Wesen des Alkohols zu seine:: entschiedenen Gegnern werden mußten und es darf besttmmt behauptet werden, daß auch nicht ein Wissenschaftler, der sich gründlich mit der Materie besaßt hat. geneigt ist. zur Ehrenrettung des Alkohols aufzutreten.
Freilich wird man noch großer Anstrengungen bedürfen. bis der Alkoholglaube in den breiten Massen
Die Eidechse.
Roman von A. v. Klinckowström.
(9. Fortsetzung.)
Vor Beendigung der letzten Nummer stand Lebrun auf, schüttelte Rttter dieHand, machteEngler eine überaus verbindliche Verbeugung und wandte sich abschisdnehmenü an Jenny:
„Wenn ich meiner liebenswürdigen Kollegin in irgend einer Beziehung dienlich sein kann, so bitte ich, über mich zu verfügen. Es ist mir ein besonderer Vorzug gewesen, einer so reizenden und interessanten Vertreterin der Wissenschaft zu begegnen."
„Ein charmanter Mann!" schwärmte Engler, als jener hinausging.
„Und ein unverschämter dazu!" sagte Ritter pfleg- matisch.
Jenny senkte den Kopf und wurde roth. Sie hatte dem Professor unwillkürlich nachgesehen und noch von der Thür her einen lächelnden Blick von ihm aufgefangcn, der ihr unangenehm war.
Engler stutzte. — „Warum?"
„Mein Lieber, — verzeihen Sie. daß ich Sie daraus aufmerksam mache, — wer mit seiner Braut überhaupt 'derartige Lokale besucht, muß so viel Rücksicht beobachten, sie nicht allein zu lassen, will er nicht zu Mißverständ- nissen Veranlassung geben, die in diesem Fall beinahe hätten entstehen können, wenn ich nicht zufällig gerade Gelegenheit nahm, Fräulein Hoverdink zu begrüßen."
Hat sich der Professor erlaubt? •— Das ist in der That toll!" brauste Engler aus. „Wäre, ich dagewesen, ich hätte ihm den Standpunkt klar gemacht."
„Ja, Sie waren aber eben nicht da, sonst hätte ein Mißverständniß gar nicht entstehen können."
Ritter sprach sehr bestimmt, und Jenny empfand ein lebhaftes Gefühl der Dankbarkeit und Sympathie für ihn, wenn er auch unverblümt seine Meinung kund gab. oder vielleicht gerade deshalb. Trotzdem freute, es sie, dem Professor begegnet zu sein, der ihr von Nutzen sein konnte, sie jedenfalls interessirt hatte.
Es machte sich von selbst, daß sie an Ritters Seite hinausging, während Engler. der sich eine Cigarre an- zündete, ein paar Schritte zurückblieb.
„Mein verehrtes Fräulein", nahm ihr Begleiter wieder sehr ruhig und freundlich das Wort. „Fassen Sie es nicht falsch auf, wenn ich mir erlaube. Ihnen einen Rath zu geben. Sie sind zu jung und unerfahren, um die richtige Würdigung der Pariser Verhältnisse zu haben. Sie sollten nicht so allein und selbständig hier Ihre Wege gehen und vor allen Dingen nicht Nur in Begleitung Ihres Bräutigams diese kleinen, vielleicht an und für sich ganz harnttosen Cabarets besuchen. Gerade in Ihrer Lage, losgelöst von Heimath und Familie, müssen Sie doppelt vorsichtig sein. Aus mir spricht nur das Interesse für meine funge Landsmännin, aber wenn Ihre Eltern hier statt meiner ständen, würden sie ebenso zu Ihnen reden."
„Ich danke Ihnen herzlich, nicht allein für diesen Rath, sondern auch für Ihr Dazwischentreten vorhin. Ja, ja. Sie haben vollkommen recht. Ich will in Zukunft gewiß vorsichttger sein."
„Haben Sie denn gar keinen weiblichen Verkehr? Ich meine solchen, der Ihnen gesellschaftlichen Halt gäbe und einen guten Wink zur rechten Zeit? Ich kenne mehrere hierlebendc deutsche Familien, welche Sie und Engler gern empfange:: würden, wenn ich Sie einführte. Falls Sie das wünschen sollren, stehe ich Ihnen jeden Augenblick zu Diensten."
Sie bekannte offen, daß sie die heimischen Em- pfehlungen noch immer nicht abgegeben habe, und erwähnte auch den Grund.
„Das sollten Sie nicht länger hinausschieben. Ich begreife ja Ihre Gründe, die jedoch nicht sttchhaltig sein dürften. Engler hat sich das wohl nicht recht überlegt. Kommen Sie, seien Sie ein gutes Kind, und benutzen Sie Ihre erste freie Zeit, um Besuche zu machen."
Jenny war nahe daran, in Thränen auszubrechen. Eine große Herzensgüte lag in seinen Worten, ein liebenswürdiges Interesse. Es schien ihr. als fpräche Jemand von den Ihren zu ihr, und das machte sie weich und zerknirscht. Zum ersten Mal kam ihr der Gedanke, daß Englers Führung unzureichend sei und sie sich derselben nicht allein überlassen dürfe.
„Wie gut Sie sind! Ich werde Jhncr: das nie der- gessen — nie! Ich lerne Sie ja heute Abend erst wirklich kennen, aber es ist mir, als hätte ich in Ihnen einen zuverlässigen Freund gefunden."
„Na, na!" wehrte er humoristtsch ab. „Gar zu ■ enthusiastisch dürfen Sic mich auch nicht auf den Altar der Freundschaft heben. Sehen Sie, der Enthusiasmus, zu dem Sie neigen, und den ich vorhin schon dem Professor gegenüber konstatirte. der ist auch eine Gefahr. Bei mir hat es natürlich nichts auf sich; ich bin kein Adonis und mich nicht eitel, aber Andere könnten ihn falsch auslegen."
„Sie nicht, das weiß ich bestimmt."
Engler kam in diesem Augenblick hinter ihnen her und nahm unbefangen Jennys Arm in den seinen, aber sie zog den ihren etwas heftig zurück und hielt Ritter^ welcher zugleich stehen geblieben war, um sich zu verab- schieden, die Hand hin.
„Auf Wiedersehen! Ich würde mich so sehr freuen. Ihnen öfters zu begegnen."
Sie standen im Licht einer Gasflamme, und ihr« Augen begegneten sich mit freundlichem Aufblick. Dann gmg das Brautpaar weiter, und Ritter schleuderte seiner Wohnung zu.
„Gott soll mich bewahren!" sagte mit komischem Entsetzen vor sich hin. „Das Mädel kann einen ansehen, daß man ganz heiß darüber wird. Ich muß mich wahr- hafttg davor hüten, ihr öfters zu begegnen. — Aber sie thut mir leid, ist ein frisches, unverdorbenes Geschöpften, und der blonde.Junge, der selbst so unsicher in der Kunst w:e :m Leben umhertappt, giebt ihr keinen genügenden Schutz. Ja, diese dünnen Windhunde!"
Ritter besaß in selbstzufriedener Schätzung des eignen stämm:gen Körperbaus, der jedem Anprall Stand hielt, eine gewisse Nichtachtung für schlanke Männer.
Fünftes Kapitel.
Tie erste freie Stunde des folgenden Tages benutzte Jenny in der That gewissenhaft, um mit ihren Besuchen zu beginnen.
Frau von Hellinger, deren Mann ein Konsulat inne- hatte, wohnte ihr zunächst in der Rue Drouot und kannte auch die Famitte Hoverdink persönlich. Jenny beschloß, zuerst zu ihr zu gehen, freute sich jetzt ordentlich darauf, von den Ihrigen sprechen zu können, und begriff es selbst gar nicht .daß sie so lange mit diesem Besuch gezögert hatte.
Auf der Treppe lief ein :wch sehr junger Mann ia
