1 Der Roman, ij
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Morgen-veilage der wierbadener Cagblattr.
Nr. 185.
Mittwoch, 11. Nugust.
1915.
1 ( 27 . Fortsetzung.) $¥CtU ÖIÖOS dÖd)tCt, (Nachdruck Benoten.)
Roman von Emma Hanshofer-Rerk.
Es schien wirklich eine gute Wendung in Brunos Leben eingetreten zu sein. Er schrieb dom Vater eingehend über seine Vorlesungen, was bewies, daß er sie wirklich und mit Interesse hörte. Er zeigte, daß ihn seine traurigen Erlebnisse zum Manne gereift hätten. Annas Tod war ihm tiefer gegangen, als er eingestehen möchte. Dr. Dornberg hatte er gesagt, daß er nie wieder diese Schuld von seinem Gewissen abzu- wälzen vermöchte.
„Nichts ist nutzloser als eine untätige Reue!" war dessen Antwort gewesen. „Wenn Sie glauben, ein Unrecht begangen zu haben, so suchen Sie es gut zu macheu. Als Arzt haben Sie dazu die beste Gelegenheit. Tragen Sie Ihre Schuld ab an armen, leidenden Menschen; nur keine müßige Selbstbespiegolung; nur kein armseliges Seufzen und Lrübsalbla-senI"
Nachdem Dornberg sich bei Bruno als so erfolgreicher Seelenarzt erwiesen hatte, wurde sein Name m der Familie Robertus nur mchr mit einem feierlichen Klang der Dankbarkeit genannt. Felicitas hatte auch unbedingtes Vertrauen zu dem Mann, der solche Wunder wirkte und auch sie hoffte von ihm eine Klärung ihres verworrenen Lebens. Sie schrieb ihm, ob er, der so viele Beziehungen habe, ihr nicht eme Reisebegleitung in die Kolonien vermitteln könne, und gestand, daß ihr Herz sie hinziche zu dem Gatten, und daß es ihr doch an Mut fehle, ganz allein die weite Fahrt zu «wagen, ja daß sie einen Anstoß von außen brauche, um ihren Entschluß durchzuführen.
Nur Olly mußte schweigen vor ihm, sie, deren Ge- danken doch so oft um die Villa in Marienbad flogen!
Manchmal durchzuckte sie wie ein bohrender körperlicher Schmerz eine wilde Eifersucht. Wen licbje er? Welche Frau spielte eine Rolle in seinem Leben? Unter den vielen schönen Patientinnen, die ihn anbeteten, wer war die Erkorene?
Und dann oesann sie sich mit Entsetzen, daß er das »a vorausgesehen, daß seine Prophezeiung sich erfüllt hatte.
Das war die Rache, mit der er gedroht, als sie über seine Leidenschaft gelächelt hatte. Er hatte gewußt, daß sie ihn noch einmal lieben würde!
Besaß er denn Zauberkünste, um seinen Willen
iburchzusetzen, um die Menschen zu behexen!
* '
Nun, es war Sonrmer geworden, und zum erstenmal seit ihrer Kinderzeit durchlebten Felicitas und Olly diese warmen, langen Julitage in der Stadt. Es fehlte daS treibende Element, die Mama fehlte, die Sommerpläne gemacht, die gerne Abwechslung ins Leben gebracht hatte. Felicitas wollte die Zeit, die sie noch da- beim verleben sollte, dem Vater widmen, dem sie sich kr ihrer ernsten Stimmung viel näher gerückt fühlte ccks früher, und Olly blieb am liebsten an Ort und Stelle,--vielleicht, ohne eS sich Kar etnzugestehen, weil Dörnberg sie am ehesten in München aufsuchen und
finden würde, wenn er wieder im Flug nach dom Süden reiste. , .
Auch Bruno kam in den Ferien nach Hause. Und doch war es nun so still in dem einstmals so lauten Heim. Dr. Robertus überkam zuweilen ein früher nie gekanntes Behagen, wenn er abends in Ruhe bei seinen Kindern saß, nur wenn sein Blick auf Felicitas fiel, dann flog wieder ein trüber Schatten über sein Gesicht.
Ein Brief Dörnbergs brachte neue Erregung nach dieser Windstille. Er schrieb an Felicitas, er habe sich eifrig in ihrer Angelegenheit bemüht und könne ihr nun eine sehr angenohnie Reisegesellschaft empfehlen, ein junges Ehepaar, das sich in ein paar Wochen auf dem deutschen Dcunpfer „Prinzeß Alice" eiuschiffen wolle, um nach Swakopmund zu fahren, übrigens wäre auf demselben Schiff auch ein Missionar, der sich bei der Weiterreise freundlich ihrer annehmen würde, so daß sie in bestem Schutz und in liebenswürdiger Begleitung die weite Fahrt antreten könnte.
Felicitas antwortete sofort, daß sie nun nicht länger mehr zögern wolle, dankte ihm in warnren Worten und bestellte sich noch am selben Tage ihre Kabine.
In den Wochen, die nun folgten, drohte sich alles Interesse um die junge Frau. Jedes bemühte sich, ihr noch vor der Trennung Liebes zu erweisen, man half ihr bei den raschen Vorbereitungen, studierte mit ihr die Karten, vereiicharte Adressen und eine Ehifse: für Depeschen, so daß die Gedanken der Familie schon mit ihr voraus über das Meer wanderten. Nun blieben nur mehr wenige Tage bis zu ihrer Abreise nach Genua, wo sie ihre Reisegesellschaft troffen sollte.
Sie hatte sich entschlossen, einen Brief an ihre Schwiegereltern zu schreiben, um ihnen zu sagen, daß sie nach Südwest reise und ihrem -söhne ihre Grüße, vielleicht auch irgend eine Sendung, die sie für ihn hätten, mitbringen könnte.
Es war keine Antwort erfolgt.
Dieses Schweigen hatte sie tiefer verstimmt, als sitz den Ihren eingestehen wollte.
Wenn er so unversöhnlich blieb wie die Eltern! Wenn er sick^mch mit stummer Abweisung von ihr ab- wendete! Was dann?
Sie war so zuversichtlich gewesen, als der Vater sie gewarnt hatte vor Illusionen! Dr. Robertus hatte schließlich jeden Versuch, sie zurückzuhalten, aufgegoben. Wenn sie an Walters Verzeihung glaubte, durfte er ihr den Weg zu ihm, den einzigen Weg, um ihr Leben wieder in eine ruhige Bahn zu lenken, nicht versperren Aber ihm war das Herz schwer von Sorge um sie.
Je näher der Abschied kam, desto mchr verließ sitz ihre hofnungsfreudige Erregung, desto banger schienen ihre Nerven zu zittern.
Sie ward totenbleich, als Bruno eines Wends sagte:
„Heute war eine Depesche angeschlagen über neue Unruhen unter den Hottentotten.
