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Der Roman.

j =--tB i Morgen.veilage der Wiesbadener Tagblatts. »—--■ ■ )

Nr. 184 . Plcnslag.lO.fluaillt.

[(26. Fortsetzung.)

$tOU Höö$ tEö^tef, «Nachdruck verboten.).

Roman von Emma Haushofer-Merk.

Ein paar Stunden später schritten sie denn auf der Landstraße anr See dahin, auf der sie einst so viel zu­sammengegangen waren. Dornberg damals als leiden» jchaftlich Verliebter, der sich von Ollys Übermut be­herrschen ließ.

Nun lag winterliches Weiß auf den Hügeln un­düstere Siebe! wallten um die tiesgrüne starre See- släche. Nur die Raben flogen über die Felder, und nur einzelne beschneite Tannen hoben sich dunkel aus der ersten Landschaft unter dem schweren, grauen Himmel. Und wie die Blumen verblüht und alles Grün erstor­ben war, so hatte auch der Frost jenes warme Gefühl erstickt, das einmal hier aus einem jungen Gesicht ge­sprochen. Ob Dörnberg sich noch erinnerte?

Llly fragte sich mit einem glühenden Wunsch, in seinem Herzen zu lesen.

Nun filmen sie vorüber an der Villa, in der sie da­mals gewohnt hatten, an der Laube, in der sie ihm so bitterlich weh getan! Aber er plauderte, unbewegt, in bester Laune mit Bruiw. Kein Blick fiel auf das kleine weiße Haus, in dem sie ihm einmal so lieb gewesenl

War das nun schon die Vergeltung, mit der er ihr ge­droht -hatte, daß sie mit so brennendem Interesse an jene Vergangenheit zurückdachte, tvährend ihin die Jahre, die dazwischen lagen, offenbar so viel gebracht hatten, daß der kleine, unglückliche Roman, den er mit solchem Feuer durchlebt ihm nur mehr eine vergessene Episode bedeutete?

Sie zwang sich, auch die Augen von dem Garten ab- zuwenden, obwohl sie sich noch deutlich stch'n sah mit Dem Büschel Herbstblumen in der Hand, und ihr die Laube wie verklärt schien durch die Erinnerung.

Bruno wurde von einem Bekannten angesprochen, der mit Skiern auf der Schulter an ihnen vorüberkam.

Nun ging Olly mit Dörnberg voran. Einen Augen­blick wartete sie noch, ob er denn kein Wort von ihrer alten Villa sagen würde, und 'dann fing sie an, mit ganz ungewohnter Prahlerei von ihrer Schriftstellerei zu reden, von ihrer Novelle zu erzählen, nur damit er ihre Gedanken nicht erriet.

„O, Sie schreiben, gnädiges Fräuein!" sagte er mit freundlichem Interesse. „Ein literarischer Bekannter behauptete einmal, jede junge Dame könne eine Novelle schreiben, eben ihre Novelle. Und da möchte ich mir sogar zutrauen, den Stoff zu erraten!"

„Bitte, versuchen Sie es doch! Ich bin sehr neu­gierig, was Sie da meinen!"

„Also, der Held: ein sehr verwöhnter, schr reicher junger Mann, der sich für eine geistreiche junge Dame Lebhaft interessiert, der ihr den Hof macht, mit dem sie joine Autofahrt unternimmt! Aber der reiche junge rn reist eines Tages in die weite Welt, und bei der lckkchr heiratet er die Komtesse, die seine Mutter für auserkoren hat und die ganz das Gegenteil der Ätzistreichen jungen Dame ist: Blond, phlegmatisch, ein Wnig dümmlich! Ist das nicht Ihr Stoff?"

..»Mein, meine Novelle ist es nicht, r— Ich schreibe

nicht meine persönlichen Erlebnisse; ich finde, daß an­dere Leute mehr Interessantes bieten. Aber woher wissen Sie das, um Gottes willen?" rief Olly, vor Ver­wunderung stehen bleibend. „Sie sind ja urcheunlich!"

„Die Mama jenes'reichen jungen Mannes ist meine Patientin und hat eine Zeitlang schr gefürchtet, — Ihre Schwiegermutter zu werden! — Ein Arzt hört sd mancherlei, wissen Sie!"

„Natürlich. Das war auch die Beleuchtung, in der Mütter die Erlebnisse ihrer Söhne darstellen! Tat­sächlich verhielt es sich doch ein bißchen anders. Tat­sächlich fand die junge Dame, daß die Mama ihren Sohn zu sehr verwöhnt und verzogen habe, und daß sie sich nicht von einem „roi fain&int" und Egoisten tyrannisieren lassen wollte!"

„Wirklich!" rief er zum erstenmal wieder mit einem heißen Blick wie in alter Zeit, mit einem freudigen Aufglühen seiner Züge.

Es schien ihn offenbar sehr zu vergnügen, daß sie dem reichen jungen Döann auch einen Korb gegeben hatte.

„Schade, daß Ihre Novelle kein Selbstbekenntnis ist!" warf er dann lachend hin. „Aber lesen möchte ich sie doch!"

„O, bitte nur keine erzwungenen Artigkeiten! Ich hasse, es wird noch mehr und Besseres erscheinen!"

Bruno war ihnen nun wieder nachgekommen und Dornberg blieb den ganzen Tag in derselben höflich­kühlen Stimmung, die Olly innerlich zur Raserei brachte. Sie gestand sich nun erst, daß sie von diesem Ausflug, gerade an die alte Stätte seiner tollen Liebe, ein Aufflackern der alten Glut erwartet hatte.

War sie denn nicht mehr dieselbe wie einst? Nicht nwchr schön und reizvoll, wie sie ihm damals erschienen'? Sie fühlte mit einem Male, daß sie nicht gut aussah in dein Schwarz. Sie brauchte Farben, um zu wirken! Es machte sie kleinlaut und scheu, wenn sie dachte, daß ihre Erscheinung ihn enttäuschte, daß sie so viel strahlen­der und glänzender vor seinen Augen gestanden hätte!

Wie eine entthronte Königin erschien sie sich, der das Zepter aus den Händen gefallen war. Damals, als übermütiges, junges Ding hatte sie ja geherrscht, über ihn, der nun so fest und selbstbewußt an ihrer Seite ging, sich nicht mehr beugte vor ihren Launen, nicht aus jeden mutwilligen Einfall lauschte, ihr nicht mehr mit jedem Blick gestand, daß er ergeben war wie ihr Sklave!

O, wie sie sich sehnte nach der verlorenen Macht! Wie sie die Olly von damals beneidete!

Als marr dann in dem behaglichen Gastzimmer in Fischhausen frühstückte, kamen in Grirppen die Rodler und Skiläufer herein mit frischen Gesichtern und lusti­gen Augen. Von all der frohen Jugend, von den kraft­vollen Gestalten und lachenden Menschen ging förmlich ein Hauch von Lebenslust aus, die Olly, die so lange nur Trauermienen gesehen hatte, stark erfaßte, in ihr ein heißes Begehren nach Glück erweckte/