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Dienstag, 10. Huguft 1915.
Der Krieg.
von den östlichen «riegsschauplatzen,
wie die Deutschen in Warschau einzogen.
Die deutsche „Lodzer Zeitung", die seit dem 9. Dezember v. I., zwei Tage nach der Eroberung der Stadt durch unsere Truppen, im Verlage der nach Moskau gefluchteten früheren Herausgeber Petersilge in neuem- Gewände erscheint und, von tüchtigen Fachleuten geleitet, erneu erfreulichen Aufschwung genommen hat, bringt folgende Einzelheiten über den Einzug der deutschen Truppen rn dre polnische Hauptstadt:
Die Nacht zum Donnerstag war eine h, stör: sch e Nacht. Die Bevölkerung schlief nicht. Am Abend hatte es schon den Anschein, als ob die letzten Minuten der Krisis ern- träten. Auf der Marschalkowska - Straße standen viele Menschen, die dem Aufblitzen der Schrapnelle zuschauten. Gegen 10 Uhr abends hörte man einige kurz nach einander erfolgende außergewöhnlich starke Explosionen; die Forts wurden gesprengt. Dichte Rauchwolken stiegen auf und verbreiteten erstickende Gase in den Straßen. Alsbald war der Himmel über Praga hell erleuchtet. Es brannten die Feuer- lvehrdepots und Militärgebäude auf der Petersburger Straße sowie die Werkstätten der Weichsel- und Terespoler Bahn. An Schlaf war um so weniger zu denken, als der Kanonen- donner immer deutlicher hörbar wurde. Um 11 Uhr abends übergab der Oberpolizeimeister die Stadt der Obhut der B ü r g e r m i l i z, die teilweise schon am Mittwoch in Tätigkeit getreten war, und zog sich mit seinem letzten Aufgebot von etwa 100 Revieraufsehern und Polizisten nach Praga zurück. Gegen 2 Uhr nachts zogen große Truppenmassen von Wola und Mokotow nach den Brückenübergängen, wo sich die Heeresmassen stauten, da die Übergänge nur schmal sind. Es sammelten sich zahlreiche Einwohner an, die diesem Schauspiel zuschauten. Gegen 5 Uhr begannen die Brücken- sprengungen und zwar wurde zuerst die dritte Brücke (die zuletzt gebaute), dann die Schloßbrücke und endlich auch die Bahnbrücke gesprengt. In Praga stiegen wieder Rauchwolken zum Himmel empor.
Gegen 6 Uhr früh erschien ein Automobil, besetzt mit zwei deutschen Offizieren, auf der Chlodnastraße, die nach dem Rathause fuhren. Kurze Zeit darauf fuhren sie mit dem Vorsteher der Bürgermiliz zurück, um mit dem in Wola stehenden deutschen Militärkommando über die Über- gabe der Stadt zu verhandeln. Gegen 61/2 Uhr früh zog deutsche Kavallerie, die Lanzen mit Blumen geschmückt, unter dem Gesang der „Wacht am Rhein" in die Stadt ein. Bald darauf fuhr ein Automobil die Jerusalemer Allee entlang, in dem die höheren Offiziere in Be- gleitung des Milizvorstehers saßen. Sie begaben sich zu dem Magistrat. Bis 12 Uhr mittags zogen deutsche Infanterie, Kavallerie und Artillerie durch die Chlodnastraße ein. Nachdem die Russen sich nach Praga zurückgezogen hatten, fielen russische Granaten und Schrapnells in die Stadt; hauptsächlich war die Stellung an der Weichsel durch die Explosionen der Geschosse gefährdet. Es ereigneten sich viele Unglücksfälle und die Wagen der Rettungsstation fuhren über hundertmal in die Stadt, um den Verletzten Hilfe zu leisten. Trotz der Gefahr war die Krakauer Vorstadt sehr belebt. Donnerstag gegen 11 Uhr früh stellte sich das Warschauer Bürgerkomitee im Schlosse der deutschen Behörde vor. Es wurden verschiedene Angelegenheiten, wie die Aufrechterhaltung der Ordnung in der Stadt nsw. besprochen. Gleichzeitig wurde von der Behörde mitgeteilt, daß 12 Geiseln genommen würden, deren Namen noch nicht bestimmt seien. Vorläufig werden die Mitglieder des Bürgerkomitees als verantwortliche Geiseln betrachtet. Es wurde ein Stadtpräsident ernannt und die BürgermUiz bestätigt, die für die Ordnung in der Stadt zu sorgen hat. Das Warschauer Bürgerkomiree wurde durch Heranziehung bekannter Persönlichkeiten ans verschiedenen Klassen der Bevölkerung vergrößert. Das Bürgerkomitee forderte die Besitzer von Lagern von Mehl, Zucker und Salz auf, ihre Bestände bis 6 Uhr abends anzumelden.
Der Rückzug der Russen kam für diese so überraschend, daß sie mehrere große Kirchenglocren am Krasinski-PIatz, die bereits herabgenommen und ihrer Größe wegen in vier Teile zerschnitten waren, zurücklassen mußten. Die Wasserleitung. Gasanstalt und das Elektrizitätswerk sind in bester Ordnung, dre Wasserleitung in Praga hat durch Sprengungen an verschiedenen Stellen gelitten. Am Mittwoch vernichteten russische Soldaten und Offiziere mehrere Fabriken ganz oder teilweise.
Mit dem deutschen Militär trafen auch Korreipondcnten der deutschen Zeitungen ein. Die größeren Cafes, wie „Bristol", „Polonia" u. a. waren gestern von deutschen Offizieren stark besucht. Die Theater sind bis auf weiteres geschlossen. Der Verkehr auf den Straßen wie auch auf der Straßenbahn war sehr belebt.
Im Feuilleton derselben Ausgabe des Blattes findet sich ein Stimmungsbild, „Im Auto nach Warschau", dessen Schlußteil lautet:
Warschau macht am dritten Tage nach der Einnahme der Stadt durch die deutschen Truppen fast den Eindruck einer großen deutschen Stadt an einem Festtage. Nur die Fahnen fehlen. In das Gewimmel und Getöse der Großstadt, in das Rollen der dahtnjageaden Droschken, in
das Geklingel der zahlreichen elektrischen Bahnen mischen sich plötzlich scharfe Töne. An den Ufern der Weichsel wird noch gekämpft. Während eben ans den Straßen der geschilderte lebhafte Verkehr sich abspielt, pfeifen um die nächste Straßenecke die russischen Kugeln. Menschenleer sind die dicht am Ufer gelegenen Wege, wo sich das Feuer der Infanterie mit dem Geknatter der Maschinengewehre und dem Donner der Kanonen leichten und schweren Kalibers vermischt. Man erlebt so Augenblicke, wie sie sich in der Welt wohl selten wiederholen werden: Hier der Ausdruck größter Daseins
freude: Volle Kaffeehäuser, plaudernde Menschen, auf den Balkons plaudernde Damen, in sommerliches Weiß gekleidet, und nur ein paar Straßen weiter, höchstens fünf Minuten entfernt, das tosende Kampsesfeld, auf dem zwei Nationen miteinander ringen. Unsere Fahrt geht an den Menschenmauern entlang. Mit jedem Schritt st e i g e r t und v e r st ä r k t sich der Eindruck, daß die Bevölkerung den Einzug der Deutschen mit Freuden begrüßt und vielleicht dasselbe freudig im Herzen bedenkt, was die Russen notgedrungen empfinden: Sie weichen vor der deutschen Macht zurück aus Warschau ans Nimmerwiedersehen. Nur wenige Läden sind geschlossen. Wo man eintritt, wird man freudig begrüßt und schnell bedient. Um unsere braven Krieger sammeln sich große Gruppen Neugieriger. Jetzt haben sie die gefürchteten Feldgrauen mit den Teufelskanonen lebendig vor sich stehen und können sie in Muße betrach, ten. Auf dem Wiener Bahnhofe liegt eine Kompagnie. Deutsche Heimatlieder tönen von dort herüber und ein Blick in die von Publikum leeren Warteräume zeigt uns die Leute beim Waffenreinigen. Sie sollen, wie uns einer von ihnen erzählt, in den letzten Kampftagen schwere Verluste gehabt haben. Aber freudige Siegeszuversicht unv Stolz, mit zu den Eroberern von Warschau zu gehören, spricht aus aller Augen, und Siegeslieder tönen aus den geöffneten Fenstern des Bahnhofes, hinaus auf die Straßen der eroberten Festung.
weitereLinzelheiten zurRäumung Warschaus
Alles, was bewegbar war, wurde weggeschasft. ’
W. T.-B. Rotterdam, 10. Aug. (Nichtamtlich.) Nach dem „Rottevdamschc Courant" veröffentlicht die „Times" eine Meldung des Korrespondenten der „Chicago Daily News", die von diesem am 1. August von St 0 ck h 0 l m aus abgesandt worden ist. Sie enthält iwch folgende Einzelheiten über die Räumung von Warschau: Die Stadtteile wurden kurzer Hand geräumt. Die Besitzer erhielten die Erlaubnis, was sie von ihrem Eigentum in Sicherheit bringen konnten, unentgeltlich nach Osten zu verfrachten. Tag und Nacht hörte man die Explosionen von Sprengungen der Fabrikeinrichtungen. Jedes Bruchstück der gesprengten Ma- schine wurde mit der Bahn verladen. Tag und Nacht gingen lange Wagenkolonnen nach Osten. Die Soldaten waren damit beschäftigt, die kupfernen Telegraphendrähte herunterzuholen. Alles Kirchengerät wurde nach Rußland gebracht. Das ans den Feldern stehende Getreide wurde vernichtet, die Dörfer dem Erdboden gleichgemacht. Rings um Warschau wurden Feldverschanzungen ausgehoven. Den Bewohnern der Vorstädte wurde befohlen, sich zur Stadt zu begeben. Keine Zivilperson durfte weiter als nach Brest-Litowsk reisen. Mit der Räumung der Städte zwischen Weichsel und Bug wurde begonnen. Die Leute bekamen in der letzten Zeit für Papiergeld kein Brot mehr. Die deutschffeundlichen Polen hatten eine Liste von russenfreundlichen Polen aufgestellt, um diese den Deutschen bei ihrem Einzug zu übergeben. (?) Infolgedessen sind viele russensreundliche Polen geflüchtet. Die Polizei hat fünf deuffchfrenndliche Polen, die vor der Wohnung eines Ruffenfreundes eine Kundgebung veranstalteten, kurzerhand erschossen. Mehr als 5000 verwundete Soldaten sind zurück- gelassen worden.
Die „Times" bringt eine Depesche des Korrespondenten der „Chicago Daily News", wonach die Räumung am 15. Juli begann. Die Polizei suchte jedes Haus auf und forderte die Stadtverwaltung zum Bereitstellen von Frachtwagen auf. 35 000 Personen, darunter halbe Ghettos, zogen ostwärts, ungefähr ebenso viele Bewohner aus der Umgebung kamen dafür i n die Stadt. In Warschau sind 10 90G Familien zugrunde gerichtet. Der Korrespondent kennt vier Fälle von Leuten, die in den letzten Monaten 200 000 Pfund besaßen und jetzt bettelarm sind. Alles, was an Meta l l in der Stadt war. wurde entweder nach Osten geschafft oder zerstört. Es ist sicher nicht mehr als eine Tonne Kupfer zurückgeblieben. Die schweren Bronzeglocken der Kirchen wurden weggesührt. Die Lebensmittel waren in den letzten Monaten ungefähr zehnmal teurer als sonst. Die Wasserleitung arbeitet nicht mehr, weil die Maschinen nach Rußland gebracht worden sind.
Die Württemberger in Warschau.
Der König von Württemberg hat ein Telegramm erhalten, wonach ein württembergisches Regiment am 6 . August als e r st e 3 in Warschau einmarschiect ist, f r e u n d l i ch st begrüßt von der Bevölkerung.
Warschaus vernichtete Kriegsbeute.
Haag, 9. Aug. (Zens. Bln.) „Daily Expreß" meldet au? Petersburg, daß die Russen vor ihrem Wegzug aus Warschau in den östlichen Forts 100 schwere Geschütze, deren Transport mit vielen Schwieclgkeiten verknüpft war, Vernich- t e t haben.
Nr. 368. ♦ 63. Jahrgang.
vre Anerkennung des deutschen Erfolges in der amerikanischen presse.
Die deutsche Dampfwalze!
W. T.-B. New York, 10. Nutz. (Nichtamtlich.) Der Vertreter des W. T.-B. meldet durch Funkspruch: Die. amerikanische Presse würdigt vollauf die strategische, politische und moralische Bedeutung der Einnahme von Warschau; sie spricht jetzt van der deutschen Dampfwalze anstatt wie bisher von der russischen. — „Sun" bezeichnet den Versiuh der Freunde der Alliierten, diesen großen Triumph zu verkleinern, als eine Vogelstraußpalitik. Warschau bedeute mehr als dre Errmlahme von Calais. — „Evening Post" erklärt es für müßig, die Bedeutung des letzten deutschen Erfolges ut- materieller und moralischer Hinsicht zu leugnen. Nach der Marneschlacht habe Deutschland.angeblich dem Problem der Aushungerung gegenübergestanden. Es habe aber ein Jahr lang durchgehalten und gewinne jetzt den glänzendsten Sieg am Vorabend der neuem ErNte. — „World" sithrt den Ausspruch eines amerikanisckien Seeoffiziers an, tes meint, dies sei der politische Zeitpunkt für Kitchener gewesen, loszuschlagen. Daß dies nicht geschehen sei. sei Leb beste Beweis dafür, .daß er n i ch t über die vermutete Truppenzahl verfüge. — Die „Times" bezeichnet die Einnahme von Warschau als eine glänzende Wasfentat deutscher Strategie und zäher Ausdauer.
Nach der Eroberung von praga:
Der Kampf an der Weichsel.
Ofenpcst. 10. Aug. (Zens. Bln.) Über die Kämpfe am Weichselufer wird dem Bukarester „Az Eft" aus Warschau berichtet: Als die Russen vom rechten Nfer der Weichsel aus der Vorstadt Praga ihr Feuer gegen Warschau richteten, entwickelte sich ein regelrechtes dauerndes Schietzen, bald spärlich, bald mit größerer Heftigkeit, und die Kugeln verirrten sich häufig in das I n n e r e der Stadt. Inzwischen hauten die deutschen Infanteristen kaltblütig ihre Deckungen aus und besetzten die zur Erwiderung des Feuers geeigneten Gärten und Häuser an der Weichsel. Spät nachmittags gaben auch einige Batterien Schüsse ab. Bei Morgengrauen begann nördlich der gesprengten Weichsclbrücke der Übergang über die'Weichsel. Als die Russen diese Bewegung bemerkten, räumten sie schleunigst ihre Stellungen und Praga ging in die Hände der Deutschen über. Bor dem Verlassen dieser Borstadt setzte der Feind den d-rligcn Bahnhof uttv die Häuser und Vorräte in Brand.
Die gefährdete Bahn Jwangorod-Nowo-Minsk.
Haag, 9. Aug. (Zens. Bln.) „Daily News" meldet ans Petersburg: Hier verlautet, daß ein großer Teil der Eisenbahnlinie Jwangorod-Minsk bereits in die Hände der Deutschen gefallen sei. Die Russen scheinen bei Minsk r^och große Artilleriereserven in Stellung gebracht zu haben, um den Rückzugzudecken.
Der Vormarsch Belows.
Haag, 9. Aug. (Zens. Bln.) Der „Rotterd. Courant" meldet aus Paris: Der Petersburger Korrespondent des „Tenips" erwartet die Entwicklung der kriegerischen Operationen vom linken Flügel der Deutschen aus längs der Eisenbahnlinie R i g a - P 0 n j e w i e c z in der Flanke der Russen. Die „Liberte" schreibt, daß der gefährd et sie Punkt der russischen Front bei Kowno liege, sie glaubt jedoch, daß es möglich sein wird, den russischen Rückzug zu beendigen, bevor die Deut'chen Wilna erobert haben werden. Der „Intransigent" schreibt: „Der Rückzug der Russen ist mit
Schwierigkeiten aller Art verbunden. Wir vertrauen jedoch darauf, daß es den Russen gelingen wird, ihre Streitkräste »ö"ig in Sicherheit zu bringen. Das „Echo de Paris" sagt, daß die stärkste Bedrohung des russischen Heeres von der Seite der Bel 0 wschen Armee komme.
Nowno — der gefährdetste Punkt.
Haag, 9. Aug. (Zens. Bln.) Die „Times" meldet aus tersburg: In den baltischen Provinzen dauern die Kämpfe ischen russischen und deutschen Streitkräften an. Mehr als , Armeekorps der Armee des Generals v. Below haben den äschaflutz erreicht.
liegt.
Zum deutsch-russischen Invaliden-Austausch:
B.-. Stockholm, 10. Aug. (Eig. Drahtbericht. Zens. Bln.) Prinz Karl, ein Bruder des Königs, besichtigte heute die ersten Züge, die einerseits nach Trelleborg, andererseits nach Haparanda gehen, um die deutschen und russischen Kriegsinvaliden durch Schweden zu transportieren. Die deutsche und die russische Regierung haben jetzt zusammen 700 000 Kronen vorgeschossen, um die ersten Kosten zu decken.
Liebesgabe» der Königin von Schweden für die internierten deutschen Matrosen.
W. T.-B. Stockholm, 10. Aug. (Nichtamtlich.) Dis Liebesgaben der Königin von Schweden an die deutschen Internierten auf Gotland, die aus An- laß ihres Geburtstages verteilt wurden, waren sehr willkommen, erzählt ..Dagens Nyheter". Sie bestanden aus Pfeifen, Notizbüchern, Messern, Mundharmonikas, Zigaretten und ähnlichen Dingen. Die Offiziere bekamen Photographien in Rahmen, Zigarren usw. Fregattenkapitän West verteilt«
