Wiesbadener TaMt.
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Montag, 9. August t91S.
Kbend-Ausgabe.
Nr. 366. ♦ 63. Jahrgang.
Die letzte ttriegswoche.
Tie Eroberung der Festungen Warschau und Jwangorod bildete den glänzenden Höhepunkt der verflossenen Kriegswoche, der ersten im neuen Kriegsjahr. Die Wirkung dieser Nachricht, besonders die des Falles von Warschau, war deswegen so verblüffend für die ganze Welt, weil die vorhergehenden Tage und Wochen keine Meldungen^ brachten von Kämpfen um die weit vorgefchobenen Stellungen und Werke. Diese Stützpunkte sind demnach mit einer derartigen Wucht bearbeitet worden, daß ein ferneres VeMeiben für die Besatzung^ ein Ding der Unmöglichkeit gewesen fein mag. Nur durch diese gründliche Arbeit , unserer schwersten Kampfmittel, konnte diese gewaltige Aufgabe geleistet werden und was in den Werken noch standhielt, vermochte dies nicht länger unserer heldenmütigen Infanterie gegenüber. Die bisherige zeitliche Folge bei der Eroberung einer modernen Festung — Einschließung, Belagerung, Sturmreife und Sturm — gilt nicht mehr für den Sicgcszug unseres deutschen Heeres. Die gewaltige Tragweite unserer großen Geschütze läßt eine längere Belagerung unnötig erscheinen.. Ist erst der hermetische Abschluß der Festungsbesatzung, auch nur auf einem Sektor — bei Warschau auf dem westlichen zwischen den Armeen der Weichsel — durchgesetzt, dann beginnt bereits die systematische Niederkänipfung der Forts und Werke. Die heute schnell arbeitende Technik schaltet hierdurch die lang dauernde Belagerung vollkommen aus, keineswegs aber die aufopfernde Tätigkeit der Pioniere und Musketiere, welche mit stürmender Hand und den modernen Dritteln des Nahkampfes den feindlichen Wall und Graben erobern müssen. In letzterer Hinsicht haben unsere alten bewährten Grundsätze sich voll und ganz bewährt und werden auch weiter als unumstößlich bestehen bleiben. Wir wenden im Gegenteil uns sest ins Gewissen prägen müssen. Laß nur eine Willensstärke und tapfere Futztruppe Las Zerstörungswerk ihrer Schwesterwafse vollenden kann, so wie sie es vorbildlich tat bei Warschau und Jwangorod.
Am 4. Februar dieses Jahres hörten wir zum ersten Male durch die heftigen Kämpfe' bei Bolimow und Sochaczew von eineni Kampfe westlich von Warschau. Die gewaltigen Ereignisse der winterlichen Masurenschlacht ließen jene Kämpfe den Zuschauer bald vergessen. Erst einige Wochen nach der Durchbruchsschlacht in Galizien. Mitte Juni, lasen wir in einer Meldung, daß bei Bolimow ein Einbruch in die russische Stellung erfolgt sei. Auch dies kleinere Ereignis verblaßte unter dem Schein unserer Siegessonne in Galizien. Unter ihren Strahlen reiste auch unsere Siegesfrucht Warschau, nachdem nach der Eroberung Przemysls und durch die heftigen Kämpfe am San und später am Bug die geschlagenen Nussenheere allmählich gegen die Linie Cholm-Lublin zurückgedrängt wurden. Jetzt machte sich auch die Wirkung dieser Siege auf die Front westlich Warschau fühlbar, denn am 19. Juli wurde der Gegner auf die befestigte Blonie-Projec-Stellung zurück- gedrängt. Ebensolchen Anteil an diesem Erfolg vor Warschau wie die immer weiter fortschreitende Offensive Mackensens hatte unser siegreiches Vordringen bei den Armeen Scholz und G a l l w i tz gegen den Narew. Die Fortschritte in Kurland stehen mit dem Zurückweichen der' Russen vor Warschau letzten Endes auch in Zusammenhang. Der feine Mechanismus unseres strategischen Uhrwerks arbeitet so genau, daß das von einem Hindenburg oder Mackensen, gedrehte Siegescad auch das Md vor Warschau in einer Unidrehunq sich ausschwingen läßt. Nur so erklärt sich der so rasend schnelle Fall von Warschau. Und mit Jwangorod ist es nicht anders. Nach dem gestrigen Bericht haben wir bei Warschau das Ost ns er der Weichst! gewonnen. Die Vorstadt Praga muß demnach in unstrer Hand sein. Auch die schachbrettförmig Praga vorgelagerte Gruppe von acht Forts wird bald unser sein. Zn stark ist der Druck, welcher im Norden vom Narew her ausgeübt wird. Dem werden die Verteidiger von Praga nicht lange standhalten können.
Wir haben aber nicht nur in der verflossenen Kriegswoche glänzende Erfolge gegen die großen Waffen- Plätze Rußlands gehabt, auch gegen die lebendige Kraft unseres großen Gegners schreitet die Abnutzung und drohende Vernichtung immer weiter. Die Armeen Scholz und Gallwitz gewinnen weiter Raum zwischen Narew und der Bahn Warschau-Bialostock. Durch das Überschreiten des Narew nördlich Ostrolenka hat siS unsere Front erweitert, so daß nunmehr unser linker Flügel jetzt südlich Lomscha zu suchen ist. Der feindliche Widerstand wurde überall gebrochen, die noch vom Feinde gehaltenen Festungen Ostrolenka und Lomscha von der Außenwelt abgeschlossen, ihre Eisenbahnen sämtlich durchschnitten. Durch einen
kühnen Durchbruch gegen die Narew-Bug-Mündung bei Nasielsk ist unser rechter Flügel dort hart an den Narew herangeschoben, wo dieser Fluß bei Nowageorgijewsk von der Weichsel ausgenommen wird. Letztere Festung ist so fest e i n g e s ch l o s s e n, daß unser rechter Flügel an der Narew-Bug-Front nicht mehr eingedrückt werden kann. Wir scheu also auch hier erfreuliches Fort- schreiten; ebenso bei unseren kühnen Luftsahrern. Wir können gewiß sein, daß die Bahn Warschau- Bialostock gründlichst durch ihre Bomben unterbrochen sein wird, nicht mehr fähig, den bis zum Höchsten gesteigerten Ansprüchen der russischen Heeresleitung
Argonnen arbeiten sich unsere tapferen Truppen rn un-l unterbrochenen kleinen, aber heftigen Kämpfen an dre westliche Verbindungslinie von Verdun heran, in, den Vogesen flackerte an manchen Tagen, der Kampf wieder auf. Im großen und ganzen sind hier keine Ereignisse von Bedeutung zu verzeichnen.
Zieht man das Ergebnis der ersten neuen Kriegs- jahrwoche auf dem italienischen Kriegsschauplatz zusammen, so läßt sich nur das eine sagen: Auch nach Ablauf der 10. Kriegswoche sicht Italien genau so weit wie damals. Es hat nicht vermocht, das Zünglein an der Wagsckale auch nicht um ein Gramm zugunsten der
vollauf genügen zu können. Ruhe, Ordnung, überlegtes Handeln werden nun gewiß nicht mehr herrschen. Eine Armee, die wie die russische während fast eines, Jahres von Niederlage zu Niederlage geschritten ist, ist nicht mehr fähig, die gewaltigen Schwierigkeiten, eines schnellen, auf wenige Eisenbahnen angewiesenen Rückzuges ohne folgenscktzvere Reibungen zu^bewerk- stelligen. Wir können daher mit ziemlicher Sicherheit annehmen, daß eine N e u g r n p p i e r u n g des russischen Heeres, wie sie der neue russische 'Kriegs-Minister angckündigt hat, fast als ein Ding der Unmöglichkeit bezeichnet werden kann. Wohin sich auch die Armee des Zaren zurückzieht — überall ist sie in Flanke und Rücken bedroht, von Dünaburg bis Brest-Litowsk. Das ist der Hauptgewinn der vergangenen Kriegswoche: Bis auf
Hunderte von Kilometern von unserer Grenze kann nirgends das russische Heer eine halbwegs aussichtsreiche Umgruppierung vornehmen.
Gegenüber der gigantischen Kraft der weltevschut- ternden Ereignisse, welche wir gegenwärtig auf dem östlichen Kriegsschauplatz erleben, erscheinen die Vorgänge aus allen anderen Fronten geradezu verschwindend klein. Sie sind es auch, nicht aber die Männer, die t.apferen Verteidiger Deutschlands, Österreich-Ungarns und der Türkei, welche mit langem und stahlhartem Arm sowie durch die Stärke ihres Charakters dem Feinde das Heft entrissen haben. Unsere glorreichen Erfolge in Polen wären nickst denkbar, wenn unseren tapferen Kämpfern am Weichsel, Bug, Narew und Njcmen mit eisernem Schild nicht der Rücken gedeckt würde. Hierauf kann nicht genügend hingewiesen werden. Unsere Front im Westen steht am Ende dieser Woche ebenso ehern wie noch vor Monaten. An der englischest Staut ist es fast ganz still gewesen, ip de.«
Entente sich senken zu lassen. Man begreift, daher auch die panikartige Bestürzung des Volkes, als sich in Mailand die Kunde von dem Fall W a r s ch a u s verbreitete.
Das kurze Ergebnis dieser glänzenden Erfolge rn der ersten Woche des neuen Kriegsjährs läßt sich dahin zusammensassen: Schwindende Hoffnung und bange Sorge im Lager unserer Feinde, weiter wachsendes Vertrauen, steigende Zuversicht bei uns rn der Heimat wie bei den Tapferen vor dem Fernde. M,
von den östlichen Kriegsschauplätzen.
ver Auszug aus Riga in vollem Gange. /
Die Räumung von Kowno vollendet.
Berlin, 9. Aug. (Jens. Bln.) Die Räumung von Riga ist, wie aus Rotterdam nach englischen Blättern gemelvel wird, in vollem Gange. Die Straßen sind mit dichten Men- schcnmengen qcfüllt. Die Bahnhöfe werden von Flüchtlingen belagert — Daß die Russen auch Kowno räumen, mcloei der „B. L.-A" nach der „Daily Mail". Im Laufe der Wocke habe die ganze Bevölkerung die Stadt verlassen.
Ein norwegischer Militärkritiker über Warschau und Jwangorod.
W. T.-B- Christiania, 9. Aug. sDrahtbericht.) Der null* torische Mitarbeiter des „Morgenbladet" schreibt über den Fall von Warschau und Jwangorod: Zwei so starte Festungen wie Warschau und Jwangorod mit einer weit vor- gezogenen d o p v e l t e n Fortslmie, den dazwischen liegenden pcrmanenken Befestigungen aus Erde, Eisen und Beton, den unzähligen Feldbefestigungen und Schützengräben, umgebe« von einem breiten Gürtel von Stacheldrahchindernissen, Mrue« und Wolfsgruben, ausgerüstet mit Massen schwerster Geschütze, Kanonen, Maschinengewehren, und solch eine moderne Verteidigungsanlage größten Stils, sollte man
