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Morgen.Veilage der Wiesbadener Tagblatts.

Nr. 182. Samstag. 7. Nugust.

(B4. Fortsetzung.)

a6as <Nachdruck verboten.)

Roman von Emma Hansh,fer-Merk.

Ein Teil seiner düsteren Prophezeiung hatte sich ja erfüllt: Er hatte erreicht, was er mit seiner ganzen Kraft begehrte; er gehörte zu Len Bositzenden, zu den Bevorzugten, die ein ungewöhnlicher Erfolg über die Prasse emporhob! Sie erinnerte sich sehr Wohl, daß er auch von einer Vergeltung für die erlittene Demüti­gung gesprochen, daß er ihr zugeraunt hatte: „Sie werden einmal weniger kühl über die Liebe denken, «nein Fräulein!" — Sie muhte lächeln. Viel kühler, viel ruhiger und unzugänglicher noch als damals war sie geworden. Und ein Mann, der an so starke Huldi­gungen gewöhnt wurde, den die Damen wie einen Halbgott anbeteten, würde erst recht ihren Trotz her- aussordern. Eingebildeten Männern gegenüber — und das war er sicher — wurde sie turntet eiskalt. Viel­leicht paßte cs ihm auch gar nicht, mit Menschen zu­sammenzukommen, die ihn noch gekannt «hatten, als er noch klein und unberühmt gewesen!

Wenn sie es sich auch nicht eingostaNd, es hätte ihr doch «Spaß gentacht, ihm einmal zu begegnen; es wäre ihr interessant gewesen, wie er sich nun als „großer Mann" benahm, der sich hier in dem Badeorte, wo schließlich die Ärzte die Hauptrolle spielten, da ja meist kranke Menschen herkamen, sehr „fühlen" durfte. Manchmal meinte sie auf einem ihrer einsamen Spaziergänge, wenn ein hochgewachsener Mann, mit etwas vorgebeugter Haltung, mit Brillengläsern ihr entgegenkam: „Das rst er nun!" Aber es war imnter eine Täuschung.-

Eines Nachts wurde ihre Mutter, die «sich bisher viel Wähler gefühlt hatte, sehr krank.

Von einem lauten Klingeln geweckt, sah Olly, die pasch zu Hilfe eilte, sie «blaurot im Gesicht in ihrem Bett sitzen und qualvoll um Atom ringen.

Das Zimmerntädchen des Hotels, das znm Glück

C ' von dom Klingeln erwacht war, stürzte, «von dom lick erschreckt, fort, um einm Arzt zu holen. Nach wenigen Minuten kam sie wieder ttnd berichtete der in hilfloser Angst wartenden jungen Dame: Sie «habe in ihrer Bestürzung geläutet an dom nächsten Haus, an dem das Schild eines Doktors hing. Erst hatte man herunter gerufen: Der Herr Doktor mache keine Nachtbesuche. Aber dann habe der Arzt das Fenster geöffnet, und lda sie den Namen der Herrschaft genannt, sofort gesagt: Er wäre bereit und käme gleich.

Mit einem Gefühl, als fiele ihr ein Stein von der Brust, sah Olly Dr. Dornberg eintreten. Der Zu­stand der Mutter war so jammervoll itnd sie wußte sich keinen Rat, konnte die stöhnende, in.it dem Erstickungs­tod kämpfende Frau nur in den Armen halten und ihr die Stirn, auf der der Angstschweiß perlte, mit Toi- Mtenessig reiben, nur mitleidig trösten: „Arme, gute Mama! Der Arzt kommt! In wenigen Minuten! Wr wird dir helfen!"

Nur mit einem dankbaren Blick grüßte sie ihn. »Heiße Tücher! Einen Eisbeutel!" befahl er kurz, tzm nächsten Moment hatte er schon Es einem Etui

ein Fläschchen genommen, ein paar Tropfen auf einett Löffel geschüttet und sie der Kranken eingeflößt.

Das Mittel wirkte auch sofort. Der Krampf löste sich und wie befreit aus Todesnot sank die Kranke in die Kissen.

Die Füße wurden in heiße Tücher gehüllt, der Eis­beutel auf das Herz gelegt und Ada schaute mit ihrem alten, reizvollen Lächeln in das Gesicht des Arztes, den sie nun erst erkannte.

„Tr. Dornberg", sagte sie mühsam.

Er setzte sich neben ihr Lager, «hielt ihre Hand und bat: „Nicht sprechen, liebe, gnädige Frau! Das

Schlimme ist vorüber! Nun müssen Sie sehr ruhig bleiben und dann werden Sie eine gute Nacht «haben und morgen wieder ganz frisch sein!"

Die Zuversicht, mit der er das sagte, übertrug sich auf die Kranke. Olly, die mit der Mutter gelitten hatte, mit ihr nun aufatmete, bogrtff die begeisterte Verehrung, die Dr. Dornberg unter seinen Patienten genoß. Die Sicherheit, mit der er auftrat, die rasche Art, wie er handelte, diese klare, ruhige Stimme wirk­ten förmlich wie eine Suggestion. Nach diesen herzzer­reißenden Leiden schienen es Glllcksmomente, als di« arme Frau nun so friedlich die Augen schloß.

Als Olly dann Dr. Dornberg in den kleinen Salon nebenan führte, wo er ein Rezept schreiben wollte, konnte sie erst beobachten, wie sehr er sich zu seinem Vorteil beräitdert hatte. In dem voller gewordenen Gesicht wirkte die große, kühne Nase nicht so über­mächtig wie früher; er hatte auch nicht mehr die vor­geneigte Haltung eines schmalschultrigen, rasch aufge­schossenen Studenten, seine Erscheinung war breiter, männlicher geworden und auch das Linkische in den Be­wegungen war verschwunden. Trotzdem er sich in Eil« zurechtgemacht hatte, zeigte sein Anzug eine ernste Ele­ganz, wie sie einem Arzt ziemte.

Nachdem er geschrieben, wendete er sich zu ihr. Zum erstenmal überflog sein Blick prüfend, wie mit er- rvachenden Erinnerungen ihre hohe, schlanke Gestalt. Sie hatte in ihrer Angst und Aufregung nicht daran gedacht, daß sie im Morgenkleid war und ihre Haare für dt« Nacht aufgesteckt hatte; die dichten, dunklen Flechten lagen im Kranz um ihren Kopf und wirre Löckchen hingen ihr in die Stirne. Nun errötete sie unter seinen Angen, die fest aitf ihr ruhten.

„Ich sagte Ihnen ja, gnädiges Fräulein, daß wir uns Wiedersehen würden!" sprach er langsam. „Es freut mich, daß ich Sie so unverändert finde!"

Sie meinte, ein triumphierendes Aufleuchten in seinem Gesicht zu bemerken, als wollte er sagen: „Also doch noch Fräulein Robertus! Der Mann mit der glänzeitden Stellung, der Mann aus den upper ten thousaud, hat sich noch nicht gefunden!"

Sie hatte sich zu ihrem Erstaunen etwas einge­schüchtert gefühlt vor ihm, aber dieses Lächeln, das sie mehr ahnte als sah, gab ihr wieder ihren gewohnten kecken Ton zurück. —