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Morgen.veilage der Wiesbadener Tagblatts.

Nr. 181. Kreitag, 6. Nugust. 1915.

&B. Fortsetzung.) $tOU RbCtS tXöCfftC?« 1 Nachdruck verboten.)

Roman von Emma Hanshofer-Merk.

<;n manchen Familien gleitet jahre- — jahrzshnte' lana, das Hetzen io glatt und heiter dahin, als stünden sre in einer stillen, sicheren Bucht geborgen, in die keine Stürme hineindringen. Sie hören wohl, daß draußen so manches Opfer vom Unwetter erschlagen wird, daß der Blitz den und jenen ereilt, daß Jammer und Leid über den Besten zusammenschlagen. Aber vdcr rhnen rst der Himmel gleichmäßig blau, so fried- und sonnig reiht ein Tag sich an den anderen, daß sie sich wie gefeit erscheinen und in kindlicher Zuver- f: 5>t kaum so recht an das Düstere und Traurige ata üben. Plötzlich aber droht sich der Wind, der Sturm kommt auch in die stille Bricht, und nun trifft Schlag aus Schlag die lange verschonten Kinder des Glückes.

Mst einer dumpfen Enrpfindung, als hämmerte mit einem Male das Schicksal auf sie los, packte man in Fischbach die Koffer. Der Selbstmord des jungen Mädchens hatte peinliche Erörterungen in den Zeitun- gen gefunden, und gerade weil doch vieles geheimnis­voll und ungesagt blieb, konnte die Phantasie so inan- ches Unwahre und-Falsche durcheinander mischen, dem man nicht gegenüber zu treten vermochte, da zu ernste Taffachen den halben Lügen und Verleumdungen zu­grunde lagen.

Frau Ada hatte schlimme Nächte mit Beklemmungen und Atemnot. Sie behailptete. der Schrecken, die Auf­regungen der letzten Zeit hätten ihr diesen quälenden Zustand gebracht. Aber Dr. Nobertus konnte ihr nicht verhehlen, daß sie selbst ein wenig Schuld an ihrem Be­finden habe, daß es nicht bloß seelische Einwirkungen seien, unter denen sie leide, sondern ein körperliches Erschlaffen infolge ihrer ungesunden Lebensweise. Sie habe nicht bloß von der Badekur, die er empfohlen, nichts wissen wollen, sondern auch seinen Rat. sich Be­wegung zu machen, es allmählich mit Steigen zu ver­suchen und sich zu kleinen Bergwanderungen zu trai­nieren, nicht befolgt, war wieder immerfort Herumge­lsgen und hatte Süßigkeiten geknabbert, was für sie Gift sei, wie er ihr off versichert hatte. Er müsse nun daraus bestehen, daß sie noch im Herbst eine Kur in Marienbad Lurchmache, um der Herzverfettung zu steuern.

Ada blickte ihn nach dieser Unterredung mit vor­wurfsvollen Augen an und fühlte sich schwer beleidigt. Allmählich aber versöhnte sie sich mit dem Gedanken an die Badereise und machte sich, während die andern packten, mit wichtiger Miene Notizen über alles, was sie in Eile in München besorgen mußte. Die Beschäf­tigung mit Toilettefragen ließ sie sogar ein wenig ihren Kummer um Bruno und ihr Üb elbefinden ver­gessen.

Bruno, der noch immer Schinerzen hatte, sollte in «ine chirurgische Klinik, obwohl Dr. Robertus wenig Hoffnung hatte, daß seine verunstaltete Nase je wieder verschönert werden könnte.

Fanny war nach dem Begräbnis der Tochter fort, <4ne Abschied zu nehmen. Nur dem Doktor hatte sie

nochmal die Hand gedrückt. Sie fühlte selbst, Laß sie nicht mehr in dem Haus bleiben konnte, in dem sie so viele Jahre geweilt, daß sie sich als Zugehörige zu der Familie betrachtet hatte.

Nun mußte sie sich beiseite drücken wie eine Ver­femte. Ihr Kopf war ihr ganz wirr von dem Zwie­spalt, der in ihr Denken geraten war. An der Leiche der Tochter hatte sie sich mit heißem Grimm gefreut, daß sic Bruno zu Boden geschlagen, fast Reue empfun­den, ihn nicht noch stärker getroffen zu haben. Hier lag ihr armes Kind, das Opfer seines Leichtsinns und — er lebte! Er vergaß! Aber wenn sie dann Bruno sah, so gänzlich entstellt mit dem trübseligen Ausdruck auf den früher strahlend heiteren Zügen, dann machte das Mitleid mit ihm sie wieder irre. An den hübschen Knaben hatte sie ihre mütterlichen Gefühle gehängt, da sie ja ihr eigenes Kind bei Fremden lassen mußte. Auf seine Schönheit war sie stolz gewesen; ihn hatte sie lieb gehabt. Nun litt sie mit dem jungen Menschen, den sie eigentlich hassen mußte! Der gnädigen Frau, die ihr so harte Horte gesagt, die nun so feindselig über sie hinwegschaute, gönnte sie ihre Sorgen, während sie uni des Doktors willen, den sie mit der Ergebenheit einer treuen Dienerin verehrte, von Reue zermartert wurde.

Diese widerstreitenden Gefühle, dieses Schwanken zwischen Rachelust und Zerknirschung wirkten so heftig auf ihr bisher nur von einfachen Instinkten beherrsch­tes Gemüt, daß sie fürchtete, den Verstand zu verlieren und in ihrer Verzweiflung, in ihrer Ratlosigkeit flüchtete sie in die Dorflirche und kniete in dem Beicht­stuhl nieder, in dem heißen Verlangen, leinmal ihr Herz cmszuschütten, sich dem Priester anzuvertrauen, den ihr ftandhalten mußte, während alle anderen Menschen ihr wie einer Gezeichneten aus dem Wege gingen.

Uiit> der alte erfahrene Landpfarrer fand in seiner schlichten Herzensgüte den richtigen Ton. Er sagte ihr. daß alle ihre Wirrsale und ihre Hcrzensnot daher kämen, weil sie selbst hatte eingreifen wollen in bi« Wege des lieben Gottes, weil sie strafen und vergelten wollte und der weisen Mahnung nicht eingedenk ge­wesen, die sie doch auch in der Schule gehört hatte: .Mein ist die Rache, spricht der Herr." Und er er- inahnte sie zur Buße, zur Demut; und als er sie dann fragte, ob sie denn auch tief bereue, was sie getan, kamen ihr zum erstenmal heiße Tränen, und unter wildem Schluchzen stieß sie ihr Ja hervor. So wurde sie absolviert, und nach Tagen qualvoller Unruhe, trost­loser Bangigkeit, senkte sich in der kleinen, füllen Kirche, durch deren gemalte Fenster die Sonne herein- fiel, ein Gefühl des Friedens in ihr Herz. Sie war bisher wohl am Sonntag zur Messe gegangen, hatte am Freitag kein Fleisch gegessen und zu Ostern ge­beichtet, aber sie war trotzdem eine laue Katholikin ge» wqscn. Nun rettete sie sich in die Frömmigkeit mit »er dankbaren Inbrunst des Schiffbrüchigen, der ei« Stuck