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Freitag, 6. Äugust 1913. RfeCIldsHUSÜCtbfc. Nr. 362. . 63. Jahrgang.
Der militärische wert des Falles von Warschau.
Von unseren militärischen Mitarbeiter wird uns schrieben:
Durch Stadt und Land, von Turm zu Turm meldeten uns gestern die Siegesglocken den Fall von Warschau. Was wir seit Tagen gehofft, woran wir seit Monaten gedacht und doch nicht so nahe bevorstehend erachtet hatten, es ist zur Tatsache gewovoen. Seit dam 5. August, vormittags, wurde die Stadt durch unsere Truppen besetzt. Tapfere bayerische Truppen waren in erster Linie die Stürmer von Warschau, unier der Führung des Bruders ihres ehrwürdigen Lanldes- fürstcn. Den tapferen Helden gebiihrt der Dank des Vaterlandes für jetzt und kommende Zeiten.
Der volle militärische Wert dieses glänzenden Erfolges läßt sich zurzeit nur in rohen Umrissen beschreiben, da nähere Angilben Mer Elnzelheiten nicht vor- liegen und entsprechend der Größe des gewonnenen Objekts noch nicht vorffegen können. Eine starke Armee, ausgerüstet mit den Angriffsmitteln schwerster und vielseitigster Art, wird nun frei zur neuen Verwendung. Die .Festhaltung Warschaus kann durch andere und kleinere Truppenkörper erfolgen als zu seiner Eroberung notwendig waren. Unsere Ostfront hat durch die Eroberung Warschaus eine neue K ü r- z ung unserer Front erhalten. Da aber der Besitz dieser gewaltigen Festung nicht Endzweck, sondern nur Mittel zum Zweck bedeutete, lassen sich noch >weitere Betrachtungen daran knüpfen. Die Sieger von Warschau werden dem Feinde scharf auf d e n F e r s e n bleiben. Die Verfolgung wird aber wahrscheinlich nicht nur eine auf- folgende sein, sondern sicherlich eine überholende, d. h. möglichst umfassende. Wir können gewiß sein, daß diese überholende Verfolgung, die darin besteht, dem Gegner möglichst den Abzugsweg zu verlegen, schon zurzeit im vollsten Maße im Gange ist. Bedeuteten doch die Kämpfe, welche sich an den großen Durchbruch in Galizien knüpften, letzten Endes nichts weiter als eine unaufhörliche, scharfe Verfolgung, mit Lunge und Kolben, mit Gewehr und Kanone. So auch diesmal. Wenn auch die Russen schon seit Tagen mit dem Abtransport eines großen Teiles der Festungs- vesatzung werden begonnen haben, so konnten sie sicherlich nur einen Teil rechtzeitig in Sicherheit bringen, sowohl an Menschen wie an Material, da die Zahl der verfügbaren Eisenbahnen nur eine beschränkte geweien ist. Sie wunden belastet durch das Hin- und Herrollcn der an die Russen Munition und Proviant tragenden Züge, durch den Abtransport eines großen Teils der Warschauer Zivilbevölkerung, durch die notwendigen Truppcnverschiebungen an der bedrängten Front südlich des Narew. Also zuviel war die Inanspruchnahme der wenigen Bahnen östlich Warschau, als daß sie allen Forderungen hätten gerecht werden können. Selbst wenn dies alles den Russen geglückt wäre, so täte es -unserem Riesenerfolg keinen Abbruch. Nowoge o r g i j e w s k — und das ist eine weitereFrucht unseres Sieges — wird nunmehr auch von der Ostfront eingeschlossen werden. ©ein Fall kann jeden Tag erfolgen, sein gegenwärtiger Besitz für Rußland nur als ein verlorener Außenposten angesehen werden. Der Kräftcgewinn, der im großen Matzstabe uns mit Warschau zusiel, wird mit N o w o- gcorgijewsk wieder uns ähnlich zuteil werden. Ebenso wie der Besitz dieser beiden Brückenköpfe sich für Rußland nicht voneinander trennen ließ, ebenso muß der Verlust des großen Sohnes auch den Fall des kleinen Bruders nach sich ziehen. Der g-einieinsame Zweck — die Sperrung der W e i ch s e l u f e r — verknüpft ihr beider Schicksal auf das engste.
Wenden wir uns jefet zu dem Besitz Warschaus selbst. Warschau, die Hauptstadt des gleichnamigen russischen Gouvernements, liegt halbmonidförmig auf dem linken Weichselufer, etwa 30 bis 40 Meter über dem Bett des Stromes, seine Hauptbefessigungen bestanden in öer Alexander-Zitadelle, 1832 bis 1836 erbaut, um welche sich "ein schützender Kranz von 16 Forts herumlagerr, während nach Osten zu die Dorstadt Prag« durch sechs Außenwerke ihren Schutz evhalten hat. Bemessen an der vernichtenden Wirkung unserer schweren und 'chwer- sftn Angriffsmittel war Warschau keine moderne Festung. Wohl ist in den letzten Jahren, eng verknüpft mit den Riesendarlehen Frankreichs an Rußland, m fortifikatorischer Hinsicht viel getan worden, wenn auch ein Teil der bewilligten Gelder statt in Stein und Eisen in die Taschen mancher Unternehmer gewandert sein mag — sicherlich ist in den letzten Wochen und Monarcn die'Verteidigungskraft stark erhöht worden. Diese Werke werden nun unseren Zwecken dienen, Warschau wird unseren Truppen ein wertvoller Stützpunkt sein, in einem Maße, wie es bisher noch kerne der vielen eroberten Festungen weder im Westen noch
im Osten gewesen ist. Auf die zentrale Lage Warschaus auf unserer Osffront verdient besonders hin- gewiesen zu werden, in der Mftte der gewaltigen Frontlinie. Weder Lüttich noch Maubeuge, weder stdamur noch Antwerpen, weder Pultusk noch Przemysl lagen so lg ü n st i g als Basis für die Ve. rpfIegungs- n a ch sch ü b e, an Waffen, Munition an Menschen und Material wie Warschau. Da es die größte der bisher eroberten Festungen ist, nur mit Antwerpen vergleichbar, ist die Eroberung Warschaus und sein Besitz für uns von gewaltiger Bedeutung. Wohl werden die Russen ihr Vernichtungswerk in der Stadt zum Teil ausgeführt haben, aber deutsche Arbeitskraft und deutsche Tüchtigkeit verstehen schnell aufzurichten, was eingestürzt war und neu zu schaffen, was wir brauchen. Abgesehen von den sonstigen Reich- tümer der an die 900 000 Einwohner zählenden Stadt haben wir mit Warschau .den wichtigen Kreuzungspunkt der beiden Z a n g e n f l ü g e I fest in die Hand bekommen, die von Nord nach Süd und von Süd nach Nond sich zufammenschließen. Auf dem nördlichen Zangenflügel drücken die Armeen Scholz und Gallwitz scharf v>egen die Straße Wh szko w -Q st r ow - Lo m s cha. Die im letzten Bericht geäußerte Annahme, daß die Armee Scholz die Narew in der Nähe von Lomscha müsse überschritten hMen, findet dadurch seine volle Bestätigung. Nachdem unsere Truppen am 31. Juli n o r w e st l i ch von Lomscha unter heftigen
Kämpfen das westliche Narew-Ufer erreicht hatten, war nur aus russischen Meldungen der ersten Augusttage zu erkennen, daß die Armee Scholz an den Mündungen der Schwka und Pissa ihren Fuß auf das östliche Narew-Ufer gesetzt hatte. Unsere Heeresleitung meldet diesen Abschluß längerer ernster Kämpfe mit den kurzen klaren Worten: „Die Armeen des Generals von Scholz und v. Gallwitz blieben unter heftigen Kämpfen in weiterem Vordringen gegen die Straße Lomscha- Osftow-Wyszkow." Lomscha scheint demnach nicht nur auf der Nord-, sondern auch auf der Südfront ern- geschnürt zu seirn Unsere Truppen haben bereits die beiden von B i e l o st o ck und W a r s ch a u - O st r o w nach Ostrolenka führenden Bahnen in der Hanid und drücken die Russen in Richtung Ostrow gegen den Bug. Die Zange Gollwitz-Scholz neigt sich stark nach Süden, der den Russen verfügbare Raum wird immer enger. Immer mehr spitzt sich das Drama im Osten zu. Nun bleibt noch die eine, und zwar die größte Frage, von wo wird die südliche Zange kommen, der Flügel, welcher kurz gesagt mit dem Gesicht gegen Scholz-Gallwitz kämpfen wird? Schien es bisher so, als wären die Armeen des Generals v. Mackensen dazu bestimmt, den südlichen Flügel dieser Zange rm Osten zu bilden, so erscheint dies mit dem schnellen Fall Warschaus nunmehr nicht mehr als wahrscheinlich. Vielmehr, cs ist uns gelungen, statt eines großen Kanrpfvierecks zwei, dafür erheblich kleinere zu bilden. Wir haben nunmehr statt eines großen Ringes, zwei kleinere, darum kräftigere um die russischen Armeen geschmiedet. Das nördliche Viereck — das um Warschau — wird auf drei Seiten von Flüssen umflossen, dem Narew, Bug und Weichsel. Während in dem Narew-, Bug- und Weichselgebiet bereits unsere Truppen siegreich kämpfen, ließe sich denken, daß durch üb e r h o l e no e Verfolgung die südliche, noch offene Seite ebenfalls veriegelt wird. Wir werden bald sehen, ob diese Vermutung zutrisft. Die jetzigen Meldungen lassen noch nicht estkennen, ob an den Übergangsstellen der Armee Woyrjch. Truppen nach Norden eingedrsht haben.
Das zweite Viereck liegt in dem Raum: Cholm- Nowo-Alexandria, Brest- Iw angorod. Hier dürsten die Ereignisse noch nicht, trotz unserer schönen Erfolge, so weit herangereist sein, daß man die Enffcheidung als so nahe bevorstehend bereits ansehen könnte wie auf dem Schlachtenviereck um Warschau. Großes haben wir gewonnen mit dem Fall Warschaus, ebensoGroßes steht uns vielleicht nahe bevor. Nicht nur arfl mllitärffchem Gebiete liegen die Riesenvortefle der Eroberung Warschaus, sondern auf politischem und moralischen:. Auf allen unseren Kvmpflinien, von der Nordsee bis zur Schweizer Grenze, von der Ostsee bis irach Bessarabien wird das 'donnernde Hurra unserer Feldgrauen die Kunde von dem Fall Warschau Verkünden, wird die Kunde auch unseren Feinden bringen, die dies Schicksal nicht, wenden konnten. Und in gleicher Weise wird die Eroberung Warschaus auch den Neutralen ein letzter und eindringlicher War- nungsruf sein, welche die Angst vor dein großen Bruder Rußland inr Banne hielt. Dieser militärpolitische Erfolg unserer Waffen gewinnt seine besondere Bedeutung noch dadurch, daß Warschau an dem nämlich e n 5. August gefallen ist, an welchem: uns E n g- la nd vor einem Jahr den Krieg erklärte. Dasselbe ^rrgland spürt jetzt die Schärfe unseres Schwertes im eindringlichsten Maße, und so wird die Wirkung des herrlichen Erfolges sich deutlich fühlbar machen, aufunsere Gegner, die ihren stärksten Soldaten sich verbluten sehen, auf die wankelmütigen Neutralen, die an Die unbesiegbare Stärke unserer vielen Feinde noch immer glaubten, auf uns selbst, die wir am Beginn des neuen Kriegsjahres einen so herrlichen Erfolg errungen haben. Dank unserem trefflichen Heere, Dank unserer unvAs-i gleichtichen Führung!
Viktoria!
8. Berlin, 6. Aug. (Eig. Meldung. Jens. Bln.) Im Lustgarten vor dem Königlichen Schloß wurde heute mittag zwischen 12 und 1 Nhr zur Feier des Falles von Warschau und Jwangorod Viktoria geschossen.
Die Einnahme Warschaus in neutraler Bsurteiluno,.
VV. T.-B. Basel, 5. Aug. (Nichtamtlich.i Eine Besprechung der Kriegslage Lberfchreibt der „Bund": „Die
ruffische Front bricht zusammen; Druck auf allen Seirenck" Stegemann schildert eingehend das erfolgreiche Borgrhen der Deutschen und die verzweifelte Lage der russische« Heere und schließt: Der russische Kriegsministcr erklärte der Duma, daß diese Heere planmäßig znrückgehen; das ist richtig. Aber dieser Plan ist nur eine Rcflcxwirkung des überlegenen Planes der Verbündeten. Wir sehen nun eins der schwierigsten Probleme seitens der Russen in der A»s- führung begriften, die Vollziehung einer nenen Umgruppierung unter dem konzentrischen feindlichen Druck nach ungr- zählten taktischen Niederlagen und den schwersten Verlusten an unersetzlichem Material und anSgkbiideten Truppen. Wird diese Bewegung sich als strategischer Rückzug vollziehen oder unter diesem Namen ein überstürztes Zurückfluten der Massen cintreten, das bedeutet, sich der Umklammerung entreißen? Die letzten Meldungen stellen der Durchführung eines strategischen Rückzuges der Russen das übelste Horoskop. Alle Vorgänge vollziehen sich immer noch, ohne daß im W e st e n von der englisch-französischen Heeresleitung einige E n t l a st n n g versucht würde. Die große Offensive der Italiener am Jsonzo kann als vorläufig gescheitert betrachtet werden und hat keinen Versuchen zur Aufrcchtcrhaltung der Kampflage Platz gemacht.
Sr. Amsterdam, 6. Aug. (Erg! Drahtbermst. Jens. Bln.) Über den Fall Warschaus schreibt „Nicuwes van den Dag": Durch die Einnahme von Warschau ist dem Feldzug dev Deutschen und Österreicher in Polen die Krone aufgesetzt. Der Widerstand von Rußlands westlichen Verteidigungslinien ist gebrochen und die Wiederaufnahme der russischen Offensive scheint auf viele Monate unmöglich zu sein. Ob es nun die Absicht des deutschen Generalstabs ist, jetzt den Blick nach Westen zu richten und noch einmal den Marsch nach Paris zu versuchen, kann kein Außenstehenden sagen: Der Kronprinz hat kürzlich derartige Andeutungen gemacht. Nachdem die Deutschen die Russen aus der Weichsellinie vertrieben haben, können sie sich dort in Verteidigungsstellung setzen, und zwar mit einer beträchtlich kleineren A r m e e, als sie zum Angriff brauchten. Auch die politischen Folgen des Falles von Warschau können beträchtlich sein. Daß er auf jeden Fall einen großen Eindruck bei den neutralen Balkanstaaten machen wird, die geneigt scheinen, sich auf die Seite der Entente zu schlagen, braucht nicht hervorgehoben zu werden.
Der Eindruck in Zürich.
Bi-, Zürich, 6. Aug. (Eig. Drahtbericht. Zeus. Bln.) Di« kiesigen Abeuidblätter bringen kurz vor Redaktionsschluß die Nachricht von dem Falle Warschaus. Die Meldung wird hi den Straßen lebhaft besprochen, und rhr tiefer Eindruck ist nicht zu verkennen. Die Artikel der französische:: Presse^ welche die Tatsache des Rückzuges der Ruffon in ihrer Be-: dentung abzuschwächeu suchen, finiten hier nur eine
