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Jahrgang

Erscheint in zwei Ausgaben. — BezugS-PreiS: durch den Verlag so Pfg. monatlich, durch die Post » Mk. SO Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

Verlag: Langgasse 27.

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|to. 608. _Mittwoch, den 81. Dezeml-er.

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Berlags-Fervfprcchcr R». 2953.

1S0L.

Abend-Ausgabe.

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Tagblatt-verlag No. 2953.

Tagblatt-Redattion No. 52.

£. Lchellenberg'schc Lofbuchdruckerci No. 2266.

Glück aus 1903!

»Noch mehr als vor einem Jahre erfolgt diesmal der Abschied von: alten Jahr an vielen Orten in quälen- ler Sorge und ernster Furcht vor der ungewissen Zu­kunft. Die wirthschaftliche Situation hat sich im Laufe lies Jahres noch weiter verschlimmert, der industrielle Rückgang ist noch stärker geworden, und die Arbeitslosig­keit hat bereits geht einen Umfang angenommen, der Staat und Gemeinden zu schleunigen Abhülssmaßnahmen Swang, die freilich das schwere Uebel der Arbeitslosigkeit nicht von Grund aus zu heilen vermögen."

Diese pessimistische Betrachtung haben wir dem Artikel entnommen, mit dem lvir vor Jahresfrist das Jahr 1902 begrüßten. Der Verlauf dieses' Jahres hat gezeigt, daß es nicht viel besser war als der Ruf, der ihm voran ging. Noch immer leiden wir unter den Folge­erscheinungen des wirthschaftlichen und finanziellen Rückschlages, den im Jahre 1900 unser Erwerbsleben erfuhr. Insbesondere in der ersten Hälfte dieses Jahres hielt der wirthschaftliche Tiefstand an, ja es hatte viel- fach den Anschein, als wenn die auf den meisten Gebieten unseres Erwerbslebens lastende Depression sich noch Wecker verschärfen sollte. Diese Befürchtung ick immerhin erfreulicher Weise nicht in Erfüllung gegangen. Wenn die wirthschaftliche Situafion auch Alles in Allem leider eine sehr ungünstige geblieben ist, so haben sich doch in den letzten Monaten des Jahres hier und da Anzeichen einer Besserung geltend gemacht, die sich hoffentlich nicht als trügerische erweisen werden. Auch wenn man jedem Opfimismus abhold ist, braucht man diesmal in die wirthschaftliche Zukunft nicht ganz so trosllos zu blicken, als dies vor Jahresfrist allgeniein und leider mit gutem Grund geschah. Freilich wird die Gestaltung dieser wirthschaftlichen Zukunft in sehr wesentlichem Maße von der Gestaltung der künsfigen HandelsvcrtragSpolirik ab- hängen. Und diese Sorge haben wir, wenn auch der Kampf um den Zolltarif selbst im alten Jahre beendet wurde, mit in das neue Jahr hinüber genommen.

Ist die wirthschaftliche Bckanz des verflossenen Jahres keine besonders günstige, so wird man über die politische Bckanz des Jahres 1902 kaum ein günstigeres Urtheil fällen können. Auf dem Gebiete der inneren Polittk hat der heiße Kampf um den Zolltarif fast alle Kräfte in An-

Die Eidechse.

Roman von A. v. Klinckowström.

(8. Fortsetzung.)

Fanchon saß für sich allein unter einer Gruppe von Ausländern beiderlei Geschlechts von spießbürgerlichem Aussehen, die Wohl nur durch Zufall hier herein ge- rathen waren. Sie hatte sich offenbar gelangweckt; als sie nun Engler gewahrte, heiterten sich ihre Mienen auf, und die eingesotteneir Kirschen von dem Glastellcrchen vor sich schnabulirend, nickte sie ihm lachend zu.

Er grüßte zurück und sah sich erstaunt um, als Jenny ihn ain Aermel zupfte.

„Du brauchst nicht so augenfällig voii ihr Notiz zu nehmeir."

„Warum nicht? Ich kann das arme Ding doch nicht schneiden?"

„Nein, aber mir scheint, daß Du die Rücksicht auf mich darüber außer Acht lässest."

„Das thue ich durchaus nicht."

„Doch, das thust Du."

„Höre, Schatz, ich entdecke da ganz neue Seiten an Dir. Ueber kleinliche Eifersucht solltest Du wirklich er- haben sein."

„Mein Lieber, hätte ich wirklich Grund,'eifersüchtig zu sein, so würde ich im nächsten Moment auch schon damit abgeschlossen und ein Ende zwischen uns gemacht haben."

„Stolz lieb' ich den Spanier!" '

»Deine Scherze sind ziemlich schlecht angebracht."

„Na, dann wollen wir meinetwegen ernsi sein Es ist mir übrigens schmeichelhaft, daß Du es der Mühe werth hältst, jeden meiner Blicke zu konttolliren Sehen wir also den nach Deiner Ansicht so gefährlicben, kleinen Unhold nicht weiter an."

Er nahm eine ganz karikirte Stellung ein und starrte Jenny ins Gesicht. — „Bist Du jetzt zufrieden?"

„Max!" — Ihr traten die Tbränen in die Augen

„Sie steht wirklich famos aus!" dachte er, „so'mit

spruch genommen, so daß die meisteii anderen polckischen Aufgaben irr den Hintergrund ttaten. Diese heftigen Kämpfe um den Zolltarif haben die politischen Leiden­schaften in stärkster Weise entfesselt, und der Ton in der Politik, der ja die Musik macht, hat in diesem Jahre nicht an Wohlklang gewonnen.

Aber auch »renn wir unseren Blick von der Politik unseres Vaterlandes auf den Schauplatz der inter­nattonalen Polittk werrden, werden wir schwerlich zu dein Ergebniß kommen, daß die Bilairz des Jahres 1902 eine besonders günstige ist. Beim Schluß des Jahres 1901 konnten wir unserer Befriedigung über das Ende der chinesischen Wirren und unserer Betrübniß über die Fortdauer des blutigen Gemetzels in Südafrika Aus­druck geben. Die Situation in China hat sich im Laufe dieses Jahres, wenn auch die Zustände im Lande der Mitte nichts weniger als befriedigende sind, doch vom Standpunkt der internationalen Politik aus weiter ge- bessert. Aber die gleiche Befriedigung veirnögen wir nicht über die Wendung der Dinge in isüdafrika zu em­pfinden. Freilich, die bluttge Kriegstragödie hat in diesem Jahre ihr Ende gefunden, aber es war ein Ende mit Schrecken, nicht nur für die Buren, sondern auch für die Sache der Gerechtigkeit. In Südafrika hat das Un- recht über das Recht rriumphirt, und so schließt die Bilanz des Jahres 1902 auf dieser dunklen Seite mit einem schweren moralischen Defizit ab.

Aber wir »vollen auch nicht vergessen, daß dein Soll des Jahres 1902 doch ein Haben gegenüber steht. Haben wir doch Grund, dankbar dafür zu sein, daß unseren»' Erd- theil auch in diesem Jahre der Friede erhalten worden ist, wenn es auch ein ungemllthlicher, bewaffneter Friede ist, und »venit dieser Friede auch Kriegskosten geirug er­fordert. Freilich hat die Unbotmaßigkeit der venezola- mschen Regierung ein bewaffnetes Einschreitei» erforder­lich gemacht, aber »vir dürfen heute die Hoffnung hegen, daß, wenigstens äußerlich, eine befriedigende Lösung des venezolanischen Konfliktes in naher Zeit erfolgen wird. Das Geschäft dürfte für das deutsche Kapital und beit deutschen Kaufmannsfleiß leider für lange Zeit in Südamerika gründlich verdorben sein. Tie Wirren im Orient brauchen urrs keine ernsthaften Sorge»» zu be­reiten, da sowohl die Dreibundsmächte wie die Zwei- bundsMächte ihre Enffchlossenheit zu einer Politik des Friedens kundgethan habe»». Ist doch mich die an» 28. Juni cr. erfolgte Verlängerung des Dreibundes als eine weitere Garantie des Weltfriedens einzuschätzcn.

So sehe»» wir, wenn wir nur mit dem rechten offenen Bl»ck »ns vergangene Jahr zurückschauen, neben vielen» Unersrerckichen doch auch »nanches Erfreuliche. Daß das neue Jahre uns Besseres bringe»» möge, als uns das alte gebracht hat, das ist der Wunsch, der heute Alle erfüllt, die, sich gegenseittg ermuthigend, einander zurufen- Prosit Neujahr!

dem heiße»» Erröthen und den bebenden Lippen! Wenn stc »»ur nicht in»mer versuchen wollte, mich zu bevor- munden." — „Laß es gut sein, Schatz!" beaütigte er gleich. darauf reuig. „Wir wolle»» nicht um solch eine Kleinigkeit za»»ken."

Jenny nickte, konnte jedoch nicht so schnell über die unangenhme E:npfi»»dung hinweg.

Bei der nunmehr in den Vorträgen eintretenden Pause enfftand eine allgemeine Bewegung. Alles drängte nach dem etwas kühleren Vorzimmer; ein»ge Leute hatten ubexhairpt Fenug und brachen auf. Auch Fanchon ae- horte zu den letztere»».

Engler sah, als sie an ihn» vorüberstricb, gar nicht nach ihr h»i», um seiner Braut keinen neue»» Anlaß zur Verstimmung zu geben, wurde aber bald danach unruhig, beklagte sich irber bie Hitze und meinle, er lvolle draunen ein Glas Bier trinken. „Kommst Du mit?" fügte er zögernd h»nzu.

„Nein. Ich halte unsre Plätze fest."

Schnell war er verschwunden, und sie hatte mit ein­mal die Ueberzeugung, daß er hinter Fanchon her- gelaufen sei. Ihr wurde das Herz schwer. Sie war »»ich» eifersüchtig angelegt, maß diesen plötzliche»» Künstler­launen ihres Verlobten kein ernstes Gewicht bei, aber die Frage drängte sich »hr auf, ob sie vielleicht nicht iin Stande si», »hu zu fesseln, ärmlich, sie sagte immer gerade hera»»s,

Ne dachte und fühlte Das war nicht klug. Auch fehlte »hr die liebenswürdige Grazie der Französinnen- aber er hatte doch bis jetzt Gefallen an ihr gefunden' Bilinska war der Meinung gewesen, daß sie schön sei, und

" K Ö Sj rni ? b 5 1x ' iem beizupflichten, fand es also wohl nicht. Möglicher Weise hatte sie nur m Deutsch- lattf) unter anderer Umgebung auf ihn gewirkt und vor- lor nun durch den Vergleich.

niedersehend, benierktc sie nicht, einzige Inhaber»»» des Tisches geblieben war und h°b erst den Kopf, als ein neueintretmder He r mit der lächelnde»» französisch vorgebrachte»» Frage: Es i wohl erlaubt?" »hr gegenüber Platz nahm

Er mochte »m Anfang der Vierzig stehen. Tie kleinen

Vom neuen Zolltarif.

Nachstehende Tabelle zeigt einmal, in welchem Maße durch die Bunbesrathsvorlage die Agrarzölle im neuen Generaltarif gegenüber den» jetzt geltenden Tarife er­höht worden sind, und dann, wieweit man es fertig ge­bracht hat, die Sätze über die Bundesrathsvorlage hinaus auf Kosten der Koi»su»»»enten zu steigern. Die Zollsätze gelten, wo es nicht anders angegeben ist, für je 100 Kilogramrn in Mark:

Gcneraltarif.

Geltende Rcgiermigs- Reichstags- Mehr gegen S-ttze Vorlage B-lchlüsi- früher

Mk. Mk. Mk. Mk.

Roggen. 5,00 6,00 7,00 2 00

Weizen und Spelz . . 5,00 6,50 7 50 2,50

Gerste. 2,25 4,00 7,00 4,75

Hafer. 4,00 6,00 7,00 3 00

Buchweizen. 2.00 3,50 5,00 8 00

Mais aus Dari ... 2,00 4,00 5,00 3,00

Malz aus Gerste . . . 4,00 6,25 »0,25 6,25

Malz ans and. Getreide 4,00 9,00 31,00 7,00

Raps, Rübsen rc. . . 2,00 3.00 5,00 s'oo

Kartoffeln. frei frei 2,50

Hopfen . 20,00 60,00 70,00 50,00

Hopfenmehl. 20,00 90,00 100,00 80,00

Küchengewächse frisch . frei frei 4,00 4,00

Desgleichen Artischocken,

Melonen rc. frei frei 20,00 20,00

Desgl. Rothkohl, Weiß­kohl, Wirsingkohl . . frei frei 2,50 2 50

Champignons .... 4,00 10,00 50,00 50'00

Leb. Pflanzen in Töpfen frei frei 80,00 30,00

Rosen «lebend» .... frei frei 40,00 40,00

Andere leb. Pflanzen frei 6,00 »5,00 15,00

Weintrauben .... 10,00 15,00 20,00 10,00

Aepfel, Birnen re. . . frei frei 3<C0

Pflaumen rc. frei 2,00 6,00 6,00

Gerb-Rinden rc. . . . 0,50 0,50 » 50 100

Grubenholz. 0,50 1,00 7,00 6,50

Pferde für ein Stück . . 20,00 80—300 90—860 70—8

Lebendgewicht für 100 kg

Rindvieh für ein Stück 9,00 25,00 18 00 etwa 40 00

Jungvieh desgl. . . . 6,00 »5,00 18,00 etwa 15,'oo

Kälber desgl. 3,00 4,00 »8,00 etwa 15 00

Ochsen desgl. 30,00 12,00 18,00 etwa 40 00

Schafe desgl. 1,00 2,00 18,00 iffoo

Schweine für 100 kg . 1—6 10,00 18,00 12—l’i

Fleisch frisch .... 20,00 30,00 45,00 25,00

Desgl. eins, znbereitct 20,00 35,00 60,00 40 00

Desgl. feiner .... 60,00 75,00 120,00 60 00

Schweinespeck .... 20,00 80,00 36 00 16'oo

Würste . 20—30 45,00 70,'oo 4(k-50

Mehl . .. 10,50 13,50 18,75 8,25

Graupen, Gries, Grütze 10,50 16,00 18.75 8 ‘>5

Sonstige Müllerei - Er­zeugnisse .... 10,50 13,50 18,75 8 25

Desgl. ans Hafer . . 10,50 16,00 18,75 8,25

Man hüte sich, etwas von der nach Genuß der vor­stehenden Zusammenstellung aufdämmernden Erkenntnitz in den Sylvestcrpunsch gelangen zu langen. Er wird da- durch gänzlich unfchmackhast.

Gattchen um die Augen vcriethen dies, obgleich sein sonstiges Acußeres ihn jünger scheinen ließ. Das röth- liche Haar war kurz geschnitten, der gleichfarbige Bart spitz gestutzt, die Gesichtsfarbe frisch. In der Kleidung trng er einfache Eleganz zur Schau, keine Ringe an den Perle ' ^ ™ n:fIen Kmwatte nur eine große graue

Es wurde Jenny unter dem durchdringenden Blick der ungewöhnlich Hellen Augen beklommen zu Much. Lre Wünschte von Herzen, Engler möge zurückkchren.

»Ganz allein?" eröffnete ihr Gegenüber mit verbind- licher Verbeugung die Unterhaltung.

schlvttg^ ^ CB öerft ^ c fie kein Französisch, und

„Ah, ei»»e Ausländerin!" benierkte er. Vielleickit Deutsche? Ich spreche etwas deutsch, — »venu Sie Nach- sicht »mt ineineu schwachen Kenntnisse»» haben wollen_"

Ihr Blick irrte hülsesuchend umher, und mit einmal ksiNl ihr von unerwarteter Seite Beistand. Eine breite Gestalt schob sich an »hr vorbei, setzte sich neben den Zu- dringlichen und stellte mit einer gewissen herausfordern, der» Energie sein Bierglas auf den Tisch.

. r "Guten Abend, Fräulein Hoverdink! Verzeiben Sie daß »ch Sie erst jetzt begrüße, Ich saß hinter Ihnen, Sie bemerkten mich nicht, und ich mochte mich vorhin nicht fessor!" au ^ ranoen - Ergebenster Diener, Herr Pro-

»Herr Ritter!" rief Jenny geradezu bealückt. „Me ttebenswurdig von Ihnen!" "

. „Ich sehe nichts besonders Liebenswürdiges darin daß^ich meine Landsmännin begrüße. Ter reinste Egoir- inus! -ach hatte eben Verlangen nach ein paar deutschen Worten. Die Herrschaften gestatten, daß ich sie mit­einander bekannt mache? Herr Professor Lebrun _

Fräulein Hoverdink, die Verlobte eines geschätzten Kollegen, der im Augenblick dort in» Nebenzimmer dem Gambrmus huldigt."

Die schiefe Sttuattou war mit einein Schlage beseitiat und so taktvoll, daß jeder Schein von Absichtlichkest ver' mieden wurde.