Einzelbild herunterladen
 

Wiesba-emr Tsgblstt.

_ *®‘ Äahkgnng« SRorfrtn* QnnnnnRe 9.7 yimeirti'ttü'lttviÄ •

Aurgabcii zusammen.

Verlag: Langgasse 27.

1 ®,®©© Abonnenten.

Llnzeigen-PreiSr Die einspaltige Pctitzeile für locale Anzeige» 1» Psg.. für auswärtige Anzeigen 25 Psg. — Reklamen die Petitzeile für Wiesbaden 50 Psg, für Auswärts 1 Ml.

Auz°ig°u-A««ai,me a r £;ja»,sa 8^aa8g^ajs^ssgt!gte?£jg igjssgr ~ 8i " "E"' ->»«'»...

N«. 602. Samstag, de« 27. Dezember.

Berlags-Femsprechcr No. 2953.

1S0L.

Abendausgabe.

Telefon R«f für:

Tagblatt-verlag No. 2953.

Tagblatt.Redaktion No. 52.

£. Lchellenberg'sche Losbuchdruckerei No. 2266.

Die Lage.

lieble Nuchredo hat den Reichskanzler verfolgt, aber sie trifft nicht zu. Nein, dieser bemerkenswertbc Staats­mann hegt die Pläne nicht, die Mßtrauen rrnd mehr noch die Ueberschätzung seiner Gaben ihm zugeschrieben hatten. Er geht nicht im Geringsten darauf aus, sich die Konservativen dienstbar zu machen, wie es doch der Fall zu sein schien, als er sie dazu brachte, die Getreidemindest­zölle anzunehmen, freilich die Braugerste ausgenommen. Aber was thut ein „siegreicher" Staatsmann nicht, um seine Großmuth zu zeigen? Er bringt ein hübsches, kleines Gerstenopfer, und dann bleibt er siegreich wie zuvor. Also, wie gesagt, unterkriegen will er die Konser­vativen nicht. Eine konservative Partei, die vom Bündler- thum bis in ihre letzten robusten Nerven durchsetzt ist, ge­fällt ihm besser. Jedenfalls zeigt sich, daß der Reichs­kanzler unschuldig ist an dön Hoffnungen und Befürch­tungen, die sich m logischer Folge aus den Vorkommnissen bei den Zolltarifkämpfen ergeben hatten. Er denkt nicht daran, eine Politik des langen Athems und der weiten Gesichtspunkte zu treiben. Er hat die Konservativen zu nichts verpflichtet, nicht zur Bewilligung eines Börsen- reformgesetzes, nicht zur Annahme der Kanalplänc. Die Börsengesetznovelle wird nicht kommen, die Kanalvorlage wird nicht-kommen; die Regierung war und ist selbstlos bis zur Unheimlichkeit. Am Ende wird es sich noch Herausstellen, daß die Konservativen ihre Zustimmung zu den Getreidemindestzöllen nicht bloß von der Erhöhung des Braugerstenzolls, sondern von dem Regierungs­verzicht auf Börsen- und Kanalgesetz abhängig gemacht haben. Zwar wäre das ein Stück verkehrter Welt; aber warum nicht? Wo nachgerade Alles möglich geworden ist, muß man das anscheinend Unmögliche nicht mehr be­staunen. Und dann was das Centrum anlangt, so scheint die Geschichte ja besser zu stimmen. Oder sollte die Ueber- einkunst mit der Kurie über die Errichtung der Straß­burger theologischen Fakultät auch dann zu erwarten ge­wesen sein, wenn das Centrum sich nicht als Zolltarif­retter erwiesen hätte. Da beide Ereignisse zeitlich zu­sammenfallen, so liegt es nahe, hier von Leistung und .Gegenleistung zu sprechen. Nach der beispiellosen Aus­

lieferung staatlicher Rechte an die Kurie im Falle der Straßburger Fakultätsgründung muß man indessen wiederholt feststellen, daß es üble Nachrede gewesen ist, gewesen feilt muß, wenn der Argwohn gegen die Negie­rung geäußert lvurde, sie arbeite an einem dauernden Kartell der Parteien, die den Zolltarif zn Stande ge­bracht haben. Höchstens kann sie an einem konservativ- klerikalen Kartell arbeiten, nicht aber an einem, das mich den dritten Mehrheitsfaktor, die Nationalliberalen, in sich schließt. Denn wie soll es diesen gefallen, daß die Börsengesetznovelle zurückgestellt, die Kanalvorlage im Papierkorb gelassen wird? Wie soll es ihnen gefallen, daß in der Straßburger Angelegenheit Kurie und Centrum einen beispiellosen Sieg erringen durften? So sorgt eine unbegreifliche Regierungspolitik dafür, daß sich ihre Aussichten in demselben Augenblick, wo sie günstiger zu werden scheinen, sofort wieder verdüstern. Die über­eifrigen reaktionären Parteien beider Konfessionen, die Konservativen und das Centrum, werden wohl zu früh triumphirt haben, als sie vermeinten, einen bis nach links hinüberreichenden Heerbann nicht bloß zur Bekämpfung des ^Umsturzes", sondern auch zur Durchdrückung z. B. einer Verfassungsrevision im Reiche, einer endgültigen Beiseiteschiebung der Wasserstraßenpolitik in Preußen und einer Wiederkehr eines konfessionellen Volksschulgcsetzes ebenda bilden zu können. Die Regierung thut durch ihre Begünstigung konservativ-klerikaler Interessen, durch ihre schwächliche Verzichtleistung auf Forderungen, die dem gesammten Liberalismus am Herzen liegen, jeden- falls das Ihrige dazu, um unheilvolle Koalitionen schon im Beginn unmöglich zu machen.

As reEiblidic «Wicht uitii Ms Men.

Es handelt sich in den nachfolgenden Zeilen nicht um die Neigung unserer Damen zum Besuch der vornehmen See- oder Oueübäder, sondern um die ganz einfache Ge­wohnheit des Neinigungsbades Seitens unserer weib­lichen Bevölkerung überhaupt. Gewiß kann man im Allgemeinen dem weiblichen Geschlecht nicht den Vorwurf machen, weniger auf Sauberkeit bedacht zu sein als das männliche: ja, was die Kleidung anlangt, die bekannt­lich Leute macht, sind Frauen zweifelsohne sorglicher auf Reinlichkeit bedacht als die Männer. Was nun die Pflege des Körpers anlangt, sollte man von vornherein auch vermuthen. daß Frauen und Mädchen es den Männern und Knaben zuvorthäten — aber die Statistik lehrt das Gegentheil, wenigstens im Hinblick auf ein äußerst wichtiges Gebiet der Körperpflege, auf das Baden. In den besser gestellten Kreisen, in deren Wohnung sich eine Badevorrichtung befindet, wird dieselbe gewiß von

den weiblichen Gliedern der Familie ebenso häufig be­nutzt, wie von den niännlichen. Auch den Dienstboten wird vielfach wohl allwöchentlich oder doch alle 14 Tage ein warmes Bad gegönnt. In den vornehmeren Privat­badeanstalten nehmen Frauen vielleicht sogar die Mehr­zahl der Wannenbäder. Tie öffentlichen Bade- einrichtungen, die Bassin-, Brause- und Flußbäder da­gegen werden vom weiblichen Geschlecht in auffallend ge- ringerem Maße besucht als vom männlichen, trotzdem gewisse physiologische Vorgänge bei den Frauen ein regel­mäßiges Baden noch nothwendiger erscheinen lassen als bei den Männern. Halten doch auch die altritualen Jüdinnen deshalb noch heute an der Vorschrift des monat- lichen Bades fest! Einerseits scheinen Frauen aus Schani- haftigkeit eine gewisse Scheu vor gemeinschaftlichem Baden zu besitzen, andererseits hängt die Abneigung der Frauen vor dem Baden bei uns mit überkommenen Volkssitten zusammen, vielleicht sogar damit, daß in früheren Zeiten die „Badestuben" vielfach Schlupfwinkel der Liederlichkeit waren, die von allen anständigen Frauen gemieden wur­den. Aber auch der Umstand, daß unsere Hausfrauen, mögen sie nun außerhalb des Hauses auf Erwerb geherr oder nicht, sich selten ein Stündchen abmüßigen können, wenn Kinder daheim zu versorgen sind und die Wirth- schaft mit unaufhörlicher Kleinarbeit ruft, trägt dazu bei, die Frauen vom Baden abzuhallen. Der Mann ist zweifelsohne in größerem Umfang Herr seiner Zeit. Auch eine gewisse Zaghaftigkeit hält vielfach Mädchen vom er- glückenden Flußbad, dem die Jungen entgegcnjubeln, ab.

Die Volksschule bemüht sich fetzt an manchen Orten in dankenswerther Weise, auch die Mädchen durch un­entgeltlichen Unterricht zum Schwimmen anzuregen. Ganz besonders auch ^>ie mehr und mebr znr Ein- führung gelangenden Schulbrausebäder werden die Ge- wohnhcit, regelmäßig durch ein Bad den Körper zu reinigen und die Nerven zu erfrischen, fördern. Leider machen nur sehr wenige Bäderverwaltungen Aufzeich­nungen über das Verhältniß beider Geschlechter unter den Besuchern. Doch ist das Ueberwieqen des männlichen Geschlechts so augenfällig, daß exakte Zahlen kaum nöthig. Eine bezeichnende Statistik liefert u. Ä. das Casseler Volksbad. Unter den im letzten Verwaltungsjahr ver- abreichten 38,406 Brause- und 8746 Wannenbädern wur- den nur 192 Brausebäder und 975 Wannenbäder von Frauen und Mädchen beansprucht! Bei der geringen Be- Nutzung der Brausebäder mag der Umstand mitsprechen, daß vielleicht nicht gutschließende wasserdichte Badehauben zu ganz billigem Benutzungspreis zur Verfügung ge­halten werden. Auch in der Auswahl der Badezeit scheinen vielfach die Frauen unzweckmäßig zu verfahren, indem sie ohne zwingende Veranlassung die Stunden des größeren Andranges, z. B. die späteren Nachmittags­

Me Eidechse.

Roman von A. v. Klinckowström.

(5. Fortsetzung.)

Das kleine, zierliche Mädchen mit dem dunklen Locken­kopf, das von allen Fanchon gerufen wurde, zupfte aus dem großen Strauß, den irgend Jemand mitgebracht und achtlos auf den Tisch geworfen hatte, zwei große, brennend wche Blumen und steckte sie sich zum Spaß unterhalb der Ohren ins lose, gebauschte Haar, so daß sich die weißen Ohrmuscheln zart von dem grellen Farbenton abhoben Lauter^ Beifallsjubel erhob sich. Einer ihrer Nachbarn vervollständigte sogleich den Aufputz indem er ein Büschel heller, traubenartiger Blüthen dem Strauß entriß und über ihrer Stirn im kurzen Gelock befestigte, ohne Rück­sicht darauf, ob er ihr wehe thun, nur von dem Wunsch beseelt, einen hübschen Effekt hervorzubringen.

„Mai« tu iuo fais mal, bäte!" protestirte sie und schlug nach ihm, hielt den Kopf jedoch still, im Bewußt­sein, daß sie sehr lieblich aussah.

Ein Anderer gab ihr einen blühenden Apfelzwcig in die Hand und warf den Rest des Straußes auf ihren Schooß.

„C’est le printemps, liein? Est-elle assez jolie, Ja drölesse?"

Nun setzte sich die rechtmäßige Besitzerin der Blumen zur Wehr gegen diese ungenierte Verfügung über ihr Eigenthum. Sic war neidisch und verlangte, man solle ihr den Strauß augenblicklich zurückgeben, es sei ein Geschenk von Einest. Und sic wandte sich mit böse funkelnden Augen hillseheischend an Diesen, der schmunzelnd dajaß, es weder nüt ihr verderben noch sich

reizenden Anblick stören mochte und daher verlegen are Hände ineinander rieb.

Engler hob auf Jennys Aufforderung hin langsam und widerwillig die Blicke; dann kam ein freudig über- raschster Ausdruck in sein Gesicht. Er hatte diese Fauchen bisher noch nie so recht in der Nähe gesehen, sich geflissent- frch, solange er verlobt war, von Allem fern gehalten, was rhu irgendwie in seiner Solidität beirren konnte. Jetzt umfing er mit dem bewundernden Blick deL Künstlers,

dem eine plötzliche Offenbarung zu Theil wird, die lieb­

reizende Erscheinung.

„Wer das malen könnte", sagte er unwillkürlich. „Die leibhaftige Verkörperung des Frühlings!"

„Nicht wahr?" stimmte Jenny lebhaft ein. „Ich habe selten etwas Hübscheres gesehn. An und für sich ist die Kleine vielleicht gar nicht einmal so schön, aber es paßt Alles so gut zusammen, das Stumpfnäschen und das rothe, aufgeworfene Mäulchen, die weiße Kinderhaut und die eidechscnartige Grazie. Hat sie nicht etwas von einer Eidechse, die sich immer auf die Sonnenseite legt?"

„Aber keine Idee!" antwortete Engler ebenso lebhaft. „Ein FrühlingSmärchen ist es."

. „Nein, eine Eidechse!" beharrte sie lachend und muth- willig. „Ein schillerndes, kleines, faules Thierchen."

„Na meinetwegen auch ein Eidechschen", sagte er obenhin. „Aber wer das nur malen könnte!"

„Nun, so thu es doch!" ermunterte sie freundlich ohne emm Schatten von Eifersucht. „ Sie würde Dir gewiß mit Freuden sitzen."

„Bewahre. Selbst wenn sie es wollte, die sechs Männer oa wurden es nicht zulassen. Sie füttern und kleiden sie, und zwar recht elegant, wie Tu siehst Dafür beanspruchen sie aber das Recht, ihr Modell in Händen zu behalten CoWare übrigens auch für mich eine kost- spielige Sache.^ Ein so anspruchsvolles Geschöpf kann ich

oa uno netz ick, lächeli Wundern, wie ein kleines Idol, das den Götzendici wohnt ist. ^hre Blicke wanderte auch zum anderen hinüber und begegneten den von Dorther ans si richteten Augen. Ter blonde, schlanke Deutsche r h E'^e,aß eine gewisse Vorliebe für das B hatte ihn schon oft im Nebenzimmer bemerkt und n griffen, weshalb er, der doch jung war, sich stets fer ihr und ihrem Kreise hielt. Auch die stattliche L.ame an seiner Seite, mit der vornehmen Haltuii. der einfachen Frisur, fand ihren Beifall. Die Ar' ,ene sie betrachtete, schmeichelte ihr, und einer' plötzi liebenswürdigen Regung folgend, stand sie auf, gi ^enny hinüber und reichte ihr den Apfelblütenzweü „Wollen Sie das?" fragte sie in sehr schlechte.

hatte NE ^^"ksch, das sie Gott weiß wo aufgeschnappt

, Jenny zögerte, das Geschmk, welches der Geberin gar nicht einmal gehörte, anzunehmen, um so mehr, als die rechtmäßige Elgenthümerin dagegen ProteArte, wandte sich dann verlegen dieser zu und fragte französisch in Höf. kichern Ton, ob sie es erlaube, worauf bei der Erzürnten me sprichwörtliche Pariser Liebenswürdigkeit zum Turch- bnich kam. Lieber noch wollte ste ihre Blumen in den Händen der Fremden sehen, als in denen der beneideten Berufsgenosstn, und so gab sie ihre Zustimmung.

Tie Kleine blieb noch eine Weile bei dem' deutschen Paar stehen, ungeachtet der vom anderen Tisch an sich er- gehenden stürmischen Aufforderung, zurückzukehren Zu ^ennys Belustigung mit dem Finger auf diese zeigend fragte sie, fetzt französisch sprechend, wer sie sei '

„Meiiie Braut!" sagte Engler.

Fanchon warf die Lippen auf

Wozu? l>abt i&r immCC eine Braut, ihr Deutschen.

^ „Vtni zu Heimchen!" lachte der Gefragte, haup? UIt§ Krachet man nicht so jung, — lvcnn über»

«Jung gefreit, hat Niemand gereut."

„O doch, schon oft gereut."

„Ihre Erfahrungen reichen wohl ,ioch nicht weit zuruck. Wie alt sind Sie denn?" ’ ^ aet *

Jahre, gottlob, aber meine Erfahrungen"

drjS3* 9wn - ■* wc -—

heirathet, solange Sie noch achtzehn Jahre haben."

° Tm r hen?i " r Fanchon zuckte humoristisch die Achseln. „Einerlei, es lebt sich auch so gut, wenn man fung Uiid in Paris ist." " ' ENN mau

„Sie sind wohl noch nie herausgekommcii?"

«Was denkeii Sie denn! Gewiß, ich war in Versailles

lÄfe e ®‘- ; <“» -> «No«» mi

«Aber in der Provinz waren Sie nie?"