Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts,
Nr. 180. _ Donnerstag, 5. August. _ 1915.
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(82. Fortsetzung.) $töU H6(l$ ^Eöd)tCt, (Nachdruck verboten.)
Roman von Emma Hanshofer-Merk.
Von Lein Bellen des Hundes war auch Frau Robertus erwacht. Sie hatte eben wieder einschlafen & r? n ', f’ e Schritte Hörte, gedämpfte Stimmen, Wasser,chapsen. Nttn warf sie ihr Mvrgenkleid über und schaute in den Flur hinaus. Sie sah den Licht' schimmer, der aus Brunos Zimmer kam, den man oben auf das Bett niedergelegt hatte.
Mit großen, angstvollen Augen stürzte sie herein, und als sie das leblose, blutige Gesicht ihres Lieblings erblickte, verfärbte sie sich, und Olly konnte gerade noch die Wankende umfassen: ohnmächtig lag sie in ihren Armen.
Eine erdrückende Last der Sorge und Verantwortung hatte sich plötzlich auf die Schultern des jungen Mädchens gewälzt, das an dem trübseligen Tag über die Uberflüssigkeit und Leere ihres Lebens geseufzt hatte. So antwortete das Schicksal herb und streng auf ihre müßigen Klagen.
Die Mutter öffnete wohl bald wieder die Augen, und sie Mite sich dann so müde und schwach, daß sie sich mit der Versicherung trösten ließ: Bruno wäre im dunklen Park »gefallen, es sei ahne Bedeutung. Übrigens müsse der Arzt gleich kommen, um den Fanny fortgeeilt sei. Sie ließ sich auf ihr Lager bringen und sank erschöpft in die Kissen. Olly atmete erleichtert auf, als wenigstens die Mutter ruhig schlief. Sie meinte ja ohnedies, der Kopf müsse ihr zerspringen vor banger Erregung. Bruno war noch immer bewußtlos. Nur ein leises Stöhnen, als man chm die Kleider ab- Sichcn wollte, hotte verraten, daß er noch lebe. Fanny kam nicht wieder. Es sollte doch sofort ein Telegramm an den Vater abgehen, damit er, gleich nach seiner Ankunst in München, herausfuhr. Und Anna, nach der man im ganzen Hause suchte, blieb verschwunden.
Als «dann der Doktor von Fischbach endlich kam, brachten seine Fragen das junge Mädchen in Verlegenheit. „Wie ist das passiert? Hat der junge Herr Händel gehabt mit einem Bauer? Soll ich eine Anzeige machen wegen eines Überfalles?"
Sie wollte doch nicht gestehen, daß der Bruder bei einem Stelldichein mit dem Stubenmädchen ertappt, von der aufgebrachten Mutter verhauen «worden war. „Wir fanden ihn ohnmächtig im Garten", sagte sie ausweichend.
Gegen Morgen kam Bruno wieder zu sich. Mer er hatte starke Schmerzen und fieberte.
Auch Frau Ada fühlte sich elend, behauptete, daß der Schrecken ihr geschadet habe, und daß sie nicht auf- stehen könne. Sie klingelte aber alle zehn Minuten, um zu fragen, wie es Bmrno gehe, so daß Olly, die die ganze Nacht nicht aus den Kleidern gekommen war, von einem Schlafzimmer in das andere eilen, dem Bruder Umschläge machen, Mama mit Baldriantropfen beruhigen und ihren Fragen nach Anna ausweichen mußte, während sie selbst sich doch immer mehr um das Mädchen ängstigte.
Fanny irrte mit eingefallenem Gesicht, als wäre sie in der einen Nacht um Jahre gealtert, in: Garten umher, hatte keine Ruhe, wenn sie draußen war, schaute wieder scheu nach Bruno, der mit verschwollenem Gesicht, kaum mehr kenntlich, in den Kissen lag, und ward von deni Krankenzimmer wieder weggetrieben durch die Angst um die Tochter.
Als spät am Sonntagabend Dr. Robertus mit Felicitas eintraf, stürzte Olly dem Vater wie einem Erlöser entgegen. Fanny aber kauerte demütig in einem Winkel in Brunos Sticke.
Als Dr. Robertus den Sohn, nachdem er «untersucht und konstatiert hatte, daß ihm das Nasenbein zerschlagen worden war, mit bestürztem Gesicht fragte:
„Was hat sich da ereignet? So sprecht doch", schleppte sich Fanny vor ihn hin, fiel ihm zu Füßen und stieß zitternd hervor:
,^Herr Doktor! Ach, Herr Doktor! Ich — ich Hab's getan! Treten Sie auf mich! Schlagen Sie mich tot! Mir wäre besser! Mein Mädel — Ich Hab' mich ja nicht mehr vevwußt, wie ich sie verwischt Hab' mit einem Schatz in dem zugesperrten Hüttel, un!d wie ich sie Hab' weinen hören —! Und im Finstern da Hab' ich los- g'schlagen auf den Sahn von meiner guten Herrschaft. — Zeigen's mich nur an, Herr Doktor, wenn er sterben muß! Ich weiß schon, daß ich ins Zuchthaus komm', und ich will ja auch meine Straf' anshalten. Bloß wegen Ihnen, Herr Doktor, tut's mir fo schrecklich Weh» daß ich Ihnen das angetan Hab'."
Das Gesicht des Arztes war immer ernster und trauriger geworden. Er warf einen finsteren Blick auf den Sohn, der den Kopf gegen die Wand kehrte.
„Stehen Sie nur auf, Fanny!" sagte Doktor Robertus streng. „Er wird nicht sterben, und wenn das wahr ist — das von Ihrer Tochter — wenn er wirklich dem Mädel nachgestellt hat, dann verdient er die Schläge und verdient auch, daß Sie ihn gebrand- markt haben! Aber wo ist denn Ihre Anna?"
„Fort ist sie, Herr Doktor. Wir finden sie nirgends!" jamnierte Fanny, noch immer ans den Knien.
„Fort!" rief er erschrocken. „Wer um Gottes» willen, so lassen Sie doch nach ihr schauen! Sagen Si« «das doch nicht so ergeben! Rühren Sie sich, Fannys Sie kann ja nicht weit gekommen sein seit gestern!"
Fanny stand auf und schüttelte den Kopf, müde und «apathisch, mit mattem, verstörtem Blick.
„Der Knecht vom Nachbar ist heute früh schon her» mngelaufen. Niemand weiß etwas von ihr!"
„Sie hat sich vor Ihnen versteckt — aus Angst. Vielleicht ist sie in die Stadt gefahren?"
„Sie hat ja kein Geld bei sich gehabt", murmelte Fanny düster.
„Oder sie ist hinauf auf die Asenhöhe, da oben auf dem Berg", sagte er, sich selbst beruhigend, während er sie tröstete. „Aber, wenn sie zurückkommt, nicht wahr,
