Wiesbadener Tsgblstt.
so. Jahrgang.
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Klo. 593. Redaktions-Fernsprecher N». 52. StlMKttg, dkN 20. Dkfemlier« Verlags-Fernsprecher No. 2953. 1902»
Morgen-Ausgabe.
Wk dierWige irntt in Wen-M».
Nachdem im letzten Sommer die neuesten Anbauflächen der hauptsächlichsten Fruchtarten im Königreich Preußen durch Befragung der Guts- und Gemeindevorstände ermittell worden sind, haben im Ziovemder die von den Landwirthschaftskarmnern ernannten nahezu 6600 Vertrauensmänner, welche alljährlich über den Caatenstand zu berichten haben, ihre Ernteabschätzungen fiir das laufende Jahr dem Preußischen Statistischen Büreau eingereicht. Jeder Vertrauensmann hatte die Erträge anzugeben, wüche in seinem Bezirk durchschnitt- lich vom Hettar der bestellten Ackerfläche gewonnen sind. Auf Grund dieser Angabe und der vorher festgestellten Anbaufläche ist die Berechnung der geernteten Mengen ausgeführt und so ein ziemlich zutreffendes Bild von der diesjährigen Ernte ermöglicht worden.
Für die Provinz Hessen-Nassau ergaben sich folgende in Tonnen ü 1000 kg dargestellte Erntemengen: Winterweizen 145,901 T. Hafer . . . 289,651 T. Sommerweizen 2,972 „ Kartoffeln . 1236,578
Kleeheu Luzerneheu Wiesenheu
232,979
28,302
805,331
ist die Ernte in unserer
Winterroggen 249,803 Sommerroggen 787 Sommergerste 46,707
Nach dieser Aufrechnung Provinz, was die Quantität anbetrifst, erne ganz außer- gewöhnlich reiche gewesen, trotz der Ungunst der Witterung, die sich in einzelnen Gegenden geradezu beängstigend gezeigt hat. Der Winterweizen hat das große Manko aus dem Vorjahre, wo nur 95,392 T. geerntet wurden, ziemlich ausgeglichen; er übertrifst auch die ziemlich guten Jahre 1899 und 1900 noch um ca. 15 pCt. Dasselbe läßt sich vom Winterroggen sagen, ebenso von der Haferernte. Me Sommergerste hat sich auf der gleichen Höhe der Vorjahre gehalten. Me Kartoffeln sind trotz des nassen Sommers und nicht weniger feuchten Herbstes in befriedigenden Mengen eingebracht worden; im Vorjahre waren sie reichlicher gerathen, 1900 dagegen um fast 30 PCt. schlechter. Besonders erfreulich fiel die Heuernte aus. Die enormen Quantitäten Klee- und Wiesenheu übersteigen die letzten drei Jahre, sogar das so günstige Heujahr 1900, bedeutend.
Für das gesammte Königreich Preußen war das Jahr 1902 seit 1893 das bei weitem fruchtbarste, bis auf die Kartoffeln, die in den ostelbischen Provinzen, dem Eldorado der Spiritusbrennerei und Stärkefabrikation, nach Quantität und Qualität viel zu wünschen übrig lassen. Wie zufriedenstellend aber auch die Erntemengen sein mögen, so dürste doch die ganz ungewöhnliche, an
haltend sonnenlose^ und naßkalte Witterung die Güte, insbesondere den Stärkegehalt der Früchte sehr stark be- einträchstgt haben. Die Ernteergebnisse dieses Jahres wären wahrscheinlich so günstig wie noch niemals in der Vergangenheit, auch nach ihrer Qualität, ausgefallen, wenn nicht die Nässe so ungemein hemmend auf die Erntearbeiten eingewirkt, diese bis zu dem äußersten Zeitpunkte hinausgeschoben, stellenweise sogar ganz unmöglich gemacht hätte. Unseren Landwirthen wird die geringe Qualität der Früchte weniger wegen des beschränkten Nährgehaltes, als viel mehr wegen der Minder- werthigkeit als Saatgut große Sorge machen. Wo sich noch voll ausgebildetes und gut aufbewahrtes Körnergut vom vorigen Jahre vorfindet, dürfte man wohl zu diesem greifen. Ueberjähriges Saatgut von bester Qualität hat zwar einen wesentlichen Thell seiner Keimkraft verloren, ist aber immer noch werthvoller, als dies- jährige Körner von mangelhafter Ausbstdung und geringem Stärkegehalte. Durch eine ganz ausnahmsweise sorgfältige Kultur des nächstjährigen Ackerbodens, speziell durch reichlichere Düngung muß dafür Sorge getragen werden, daß eine kräftigere Entwickelung und überhaupt ein üppigerer Wuchs erwartet werden darf. Auch wird man nicht umhin können, das Saatquantum für das neue Jahr etwas zu erhöhen, um einen Ausfall an Pflanzen möglichst auszugleichen. Denn sollte das nächste Erntejahr abermals qualitativ schlechte Resultate zeitigen, so würde der deutsche Getreidebau einen Schlag erhalten, der bei der Konjunktur der letzten Jahre nur schwer überwunden werden könnte. A. M.
®!n neues Mießpulver und neue Geschnhe.
Gegenwärtig wirb, wie der „Engineer" versichert, von den französischen Militärbehörden auf verschiedenen Artillerie-Schießplätzen ein neues Schießpulver geprüft. Selbstverständlich wird das strengste Geheimniß über die Zusammensetzung und Wirkung des neuen Schießpulvers beobachtet, aber ein Sachverständiger, der bei mehreren Versuchen zugegen gewesen ist, hat einige Einzelheiten an die Oeffentlichkeit gebracht. Das neue Schießpulver soll sich danach von den besten jetzt in Gebrauch befind- lichen dadurch unterscheiden, daß es die Anfangsgeschwindigkeit der Geschosse steigern kann, ohne daß gleichzeitig der Druck im Lauf des Gewehrs oder des Geschützes erhöht wird. Die Eigenschaften, die für das neue Pulver in Anspruch genommen werden, sind ganz erstaunlich. Nach jenem Bericht soll während der bisherigen Versuche der Nachweis erbracht worden sein, daß die Geschwindigkeit eines Geschosses um 25—4» v. H. gesteigert werden kann ohne eine Steigerung des Druckes im Lauf. Wiederholte Experimente, die mit den in ver- schiedenen europäischen Heeren eingeführten Gewehren angestellt wurden, haben folgende Ergebnisse gehabt: Das
Mannlicher-Gewehr, das mit russischem Pulver eine Anfangsgeschwindigkeit von 525 Nietern crgiebt und nrit deutschem Pulver eine solche von 585 Metern, erzielte bet gleichem Druck mit dem neuen Pulver eine Geschwindigkeit von 71» Metern in der Sekunde. Das englische Lee- Metford-Gewehr, das mit Coröit dem Geschoß eine An- fangsgeschwindigkeit von 560 Metern ertheilt, bewirkte mit dem neuen Pulver eine solche von 725 Metern ohne Vermehrung des Druckes. Aehnliche Ergebnisse wuroen mit anderen Gewehren und namentlich mit dem französischen Lebel-Gewehr ermittelt. Obgleich die Resultate mit dem Lebel-Gewehr nicht veröffentlicht werden können, so kann es doch als Thatsache aufgefaßt werden, daß die Vortrefflichkeit der neuen Erfindung, namentlich wenn sie noch durch eine Anpassung der Geschosse unterstützt wird, ganz allgemein nachgewiesen ist. Die Steigerung der Geschwindigkeit und demzufolge der Tragweite der Geschosse wird eine ungeheure sein, aber das ist noch nicht Alles. Durch Annahme der neuen Bewaffnung für die Jnfanteriegerveyre wird eine solche Genauigkeit der Schießleistungen gewonnen werden, daß angeblich bei einer Entfernung von 76 Metern ein Gegenstand von einem Fuß Höhe mit vollkommener Sicherheit jedesmal getroffen werden kann. Die Hauptsache, in der sich das Pulver von dem jetzt gebräuchlichen unterscheidet, ist seine physikalische Beschaffenheit, die im Moment der Entzündung eine Veränderung erführt. Das Pulver gleicht zusammengerollten und in kleine Stücke geschnittenen Blättern und ist umso wirksamer, je kleiner die Stücke sind. Dadurch kann der Druck nach Belieben geregelt und verändert werden, und auch die Entzündung kann aus dem gleichen Wege eine Verzögerung oder Be. schleunigung erfahren. Der Augenblick der Entzündung und der Druck lassen sich wie nach einer Uhr bestimmen und demgemäß auch die Anfangsgeschwindigkeit, deren Steigerung je nach der Zurichtung des Pulvers mit mathematischer Genauigkeit festgestellt werden kann, des- gleichen natürlich auch der Druck in dem Lauf des Ge- wehrs oder Geschützes. Durch Verringerung des Drucke- wird der Rückstoß bedeutend abgeschwächt, waS sowohl beim Gebrauch des Gewehrs als bet der Bedienung de» Geschützes von größter Wichtigkeit ist. Diese Angaben des Londoner Fachblattes können selbstverständlich nicht nachgeprüft werden, jedoch ist zu bemerken, daß der „Engineer" zu den vornehmsten englischen Fachzeit, schriften gehört und eine ganz unzuverlässig erscheinende Nachricht kaum in seine Spalten aufnehmen würde.
Gleichzeitig bringt „English Mechanic" die Mit- theilung von der Erfindung eines neuen Geschützes durch zwei junge englische Ingenieure, Haqcock und Horne, die beide seit 41/2 Jahren an der Konstruktion einer noch wirksameren Schneüfeuerkanone gearbeitet haben, als st« bisher bestanden hat. Seit einer Reihe von Jahren hat die Maxim-Schnellfeuerkanone als die beste Waffe gegolten. Jetzt wird dieser Rang auf das neue Geschütz übergehen, das im Stande sein soll, ohne die geringste
Feuilleton.
Bobbi.
Eine lehrreiche Hundegeschichte für Micther und Bermtether.
Ja, wer hat eigentlich angefangen? Im gewöhnlichen Leben spricht man dann vom Karnickel, in diesem Falle jedoch war das Karnickel ein Hund. Er hieß Bvbbi und war in den Augen seiner Herrin der klügste Vertreter seiner Sippe. Bereits in seinen Säuglingstagen unter- schied er Milch vom Wasser, zog als erwachsener Hund ein Stück Braten jeder trockenen Brodkruste vor, ging perfekt auf allen Vieren und bellte Jeden an, der ihm nichts in den Weg legte. Kurz, er war ob dieser vorzüglichen Eigenschaften die Freude seiner Besitzerin, Fräulein X.
Und eines Tages begab es sich, daß er einen hoch- achtbaren Miteinwohner des Hauses, nämlich den Herrn Kanzleirath sh anbellte, ohne sich vorher bei ihm als Hausgenosse vorgestellt zu haben. Der Herr Kanzleirath war über das unbotmäßige Benehmen eines kontraktlich nicht zulässigen Aftermtethers so empört, daß ihm vorläufig die Sprache fehlte. Er fand sie erst bei Tische wieder, als er den unerhörten Vorfall seiner Frau Gemahlin erzählte.
Ein Sturm der Entrüstung durchbebtc den kanzlci- räthlichen Familienkreis, und als Minna, das Mädchen für Alles, noch von den duftenden Grüßen und feuchten Bisitentarten berichtete, die Bobbi tagtäglich vor der Kvrridorthür niederlegte und damit ihr Reinlichkeits- gefühl aus das Empfindlichste verletzte, beschloß man im Familienrath, bezüglich dieser Schandthaten Bobbis so- fort bei dem Hausbesitzer vorstellig zu werden.
Das Oberhaupt der Familie wurde mit dieser wichtigen Mission betraut, und entschlossen begab er sich hinab in die „Höhle des Löwen", d. h. zum Hausherrn, um diesen über Bobbi zu interpelliren. Der war ob des ungewöhnlichen Besuches nicht wenig erschrocken; er liebte es nicht, wenn ihn die Mtether mitten im Quartal beim Mittagstisch stören.
„In meinem Kontrakt," so begann der Herr Kanzlei- rath mit gehobener Stimme, „ist ein Passus, daß Hunde
nicht gehalten werden dürfen. Behandeln Sie in dieser Hinsicht Ihre Mtether verschieden?" — „Ilern, nein, beileibe nicht," verwahrte sich der Hauspascha, „halten Sie sich nur ruhig einen Hund, Herr Kanzleirath." — „Das möchte ich gerade nicht," entgegnete der Herr Kanzleirath, „meine Frau und ich können Hunde und Hundelärm absolut nicht vertragen, und ich muß Sie also dringend bitten, daß der Hund von Fräulein L. sofort
entfernt wird, sonst." Alle Gegenvorstellungen
des Hauslöwen halfen nichts, das Schicksal Bobbis schien besiegelt. Aber man hatte nicht mit dem Widerstande seiner Herrin gerechnet. „Niemals," erklärte sie dem Hauswirth pathetisch, als er sie bat, sich von Bobbi zu trennen, „eher ziehe ich auf der Stelle aus!"
So hatte sich der Bermtether also glücklich zwischen zwei Stühle gesetzt. Was thun? sprach er mit Zeus, und that, was er für das am wenigsten Anstrengendste hielt, nämlich — Nichts. Er wollte es als Diplomat von Haus aus mit den beiden Parteien nicht verderben, und da die Zeit, wie er sich sagte, alle Wunden heilt, schenkte er ihr auch in diesem Falle sein Vertrauen.
Die lanzleiräthliche Familie war über die Thaten- losigkeit des Haustyrannen höchlichst verschnupft; der Kanzleirath war aber ein Mann von Wort. Und als aus Morgen und Abend der dritte Tag wurde, drehte der Vermiether zögernd einen eingeschriebenen Brief wiederholt in der Hand um. Er liebte eingeschriebene Briefe nicht, sie enthalten selten etwas Angenehmes. Sein ahnungsvolles Gemüth täuschte ihn nicht. Der Herr Kanzleirath schrieb ihm mit dürren Worten und steiler Handschrift, daß er sich leider genöthigt fühle rc.... die Wohnung zu kündigen.
Der Herr Kanzleirath war damit aber noch nicht zufrieden; er hatte sich vorgenommen, sein Ziel zu erreichen, Bobbi mußte fallen. Ihm war es als alter Militär längst unangenehm anfgefallen, daß Bobbi stets unvorschriftsmäßig bekleidet, ö. h. ohne Maulkorb und Hundemarke die Straße unsicher machte, und so gab er einem guten Bekannten, der gleich ihm die vornehme Pflicht hatte, die Gesetze zu hüten, einen Wink mit dem Zaunpfahl. Da Geiz die Wurzel alles Nebels ist, und diese Eigenschaft einer Sage nach auch Fräulein X. zieren sollte, vermuthete er bezüglich Bobbis eine Steuer- befraudation.
Er hatte sich nicht getäuscht; eines Tages ließ sich bei Fräulein •£. ein Mann mit drei Lilien melden, die er allerdings nicht in der Hand, sondern an der Mütze trug. Der erkundigte sich leidenschaftlich nach den inttmsteu Verhältnissen Bobbis, wie alt er sei, wie lange er schon die Freude seiner Herrin bilde rc. Gerührt über das Interesse, das man an ihrem Liebling nahm, gab Frau- lein X. dem höflichen Herrn die gewünschten Aufschlüffe. Als der höfliche Herr Alles genau erfahren hatte, wurde er sehr unhöflich, sprach von Steuerhinterziehung und Strafzetteln, verordnete Bobbi noch einen Maulkorb und empfahl sich.
Nach einigen Tagen erschien wieder ein Mann mit drei Lilien und überreichte mit strenger Amtsmiene ein gelbes Couvert. Und als Fräulein X. das Couvert öffnete, war ihr Bobbi um soviel werthvoller geworden. Aber: der Kanzleirath hatte sich doch verrechnet. Lieb« ist größer als Geld. Fräulein T. bezahlte, wenn auch schweren Herzens, und hütete von nun an Bobbi wie ihren Augapfel. Die kanzleiräthliche Familie gerieth außer sich. Die Bombe mußte platzen. Und sie platzte!
Es war eines Vormittags, als die Äanzleiräthin von einem Ausfluge nach dem Markte zurückkehrte. Bobbi saß vor der Hausthür; die blanke Hundemarke glänzte im Sonnenlichte, und er schien förmlich Hohn zu lächeln, als er seine Widersacherin kommen sah. Aus „Versehen" stieß sie ihm mit dem Regenschirm ln die empfindlichste aller Hunöcnasen, so daß Bvbbi laut auf- heulte und seine Herrin, die ihn von, Balkon aus zärt- lich beobachtete, vor Erregung und Schmerz zitterte.
Und als die Frau Kanzleiräthin die Treppe herauf, keuchte, öffnete sich bei Fräulein X. die Kvrridorthür, und man entbot ihr zum Gruß eine Verbalinjurie erster Güte. Die Folgen dieser Bemerkung waren die im bürgerlichen Leben üblichen. Die Frau Kanzleiräthin bekam einen Weinkrampf, der Schiedsmann konstattrte einen erfolglosen Sühnetermin, und der Rechtsanwalt konstruirte eine Beleidigungsklage gegen Fräulein L.
So weit war nun Alles ganz gut verlaufen; da trat ein nnvvrhergeschencs Ereignis; ein. Bobbi war plötz. lich verschwunden! In allen Zeitungen und an allen Plakatsäulen war seine genaue Personalbeschreibung zu lesen und daß „Derjenige, welcher", einer hohen Beloh. nung theilhafttg würde. Aber Bobbi war und blieb ver-
