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Morgen.veilage des Wiesbadener Tagblatts, i

_ Mittwoch» 4. Huguft.

( 81 . Fortsetzung.)

Krau Kda§ TSchter.

Roman von Emma Hanshofer-Mrrk.

(Nachdruck verbaten.)

J caf i)e i tn um zehn Uhr in Fischbach erfss'und um die Herrschaft nicht zu stören, klapste sie Ml dem Kuchenfenster, wunde von der wortkargen Kochni eingelassen und schlich gleich Hinauf zu der Mansarde, ln der sie auch iÜbernachten wollte. Die Ka mlmer war leer. Mit finsterem Gesicht kam sie wie» Der^heruntep und frug in der Küche: „Wo ist meine

Sie hat gute Nacht gesagt und ist in ihrem Zim­mer!" luar die Antwort.

Nein, das ist sie nicht!

„Da ist sie nicht!" schrie sie noch einmal, da sie nicht verstanden wurde.

„Dann weiß ich's nicht", brummte die Köchin Glegniatrsch und zündete sich ihre Kerze an. „Ich ach' M mein Bett. Gute Nacht! Vielleicht ist sie im Vahren. Sie geht oft am Äbenid in rden Garten hin? üus. Sie sagt, weil sie nicht schlaien kann."

Fanny stürzte mit heißem Kopf, mit geballten! Fausten in den Garten. Sie hatte schon genug gehört, «n den Garten ging ihre Anna! Am späten Abend. Am Finstern. Bei diesem Wetter! Go eine dumme lsrode, daß sie nicht schlafen könne! Ein junges del, das Len ganzen Dag arbeitete! Da steckte was .inter!

Im Dunkeln irrte sie in dem Garten umher, rief nach der Tochter und entdeckte endlich die AlMhlltte, «us der Licht schimmerte. Also hier war sie! Und sicht allein! Das lag auf flacher Hand. Sie drückte Ms Gesicht an das Fenster, aber die Vorhänge waren n fest zugezogen, daß sie nichts erkennen konnte. Doch hörte deutlich Stimmen, sie erkannte auch die ^trinnre ihrer Tochter und sie hob drohend die Faust, ckls sie auch noch das Weinen Annas vernahm. Nun pochte sie und rief den Namen ihres KiUdeS, erfaßt von der Raserei des Zornes, der wie eine dunkle Glut ihr Leben lang in ihr geglommen hatte, der in diesem Augenblick zur wilden Flamme ausgelodert war.

Der da drinnen sollte ihr nicht entgehen! Der «sollte es bereuen! An dom durste sie nun die eigene Schmach und die der Tochter rächen. O. das tat wohl! Einmal in Fleisch und Blut solch einen verhaßten INN vor sich zu haben! Es einmal einem ins Gesicht eren zu dürfen, was sie seit mchr als zwanzig — irert an Wut und Groll iiber männliche Niedertracht in sich verschluckt hatte!

Aus dem Zaun riß sie mit ihren starken Händen einen dicken Prügel heraus, und so bewaffnet, lauerte sie auf die beiden Menschen da drinnen, die ihr nicht ^twischen sollten und wenn sie die ganze Nacht hier 'e sichen müßte!

ie war überzeugt, daß der Mann nicht in das w» hineingehvrte. daß er sich eingeschlichen hatte in ... den Garten. Vielleicht ein Bahnbediensteter, der doch wieder an sein«? Posten mußte.

Wie eine Rachegöttin stand sie mit finsterem Ge-» sicht unter den rauschenden Bäumen und wartete.

I

Bruno hatte sich von seinem ersten Schrecken er» holt. Er fühlte, daß es nun darauf äNkKn, Geistes gegenwart zu bewahren.

„Höre, Anna!" raunte er dem fassungslosen Mäd- chen ins Ohr. „Du steigst zum Fenster dort hinaus!! Da stch'n die dichten Bäume, da kann sie dich nicht sehen und du kennst den Weg, der da durch den Garlen führt. Ein Fremder findet ihn unmöglich. Auf diesem Weg läufst du so schnell du kannst ins Haus. Dann flugs die Hintertreppe hinauf, die Kleider weg und in dein Bett! Ich gehe durch die Tür hinaus und werde trachten, Fanny so lange znrückzuhalten. Ich leugne alles. Ich weiß nichts von dir. Ich war allein hier und arbeitete: war über den Büchern eingeschlaifen. Mir kann sie ja nichts tun. Ich werde ihr schon mit der nötigen Sicherheit entgegentreten. — Du verstehst doch, was ich sage! Nur nichts zugeben I — So rühre dich doch!" stieß er zornig hervor, da sie immer noch wie gelähmt vor sich hinstarrte.

„Mach', daß du fortkommst!"

Anna konnte bloß einen Gedanken fassen: Nur der Mutter nicht begegnen! Nur fliehen vor ihr!

Alle die düsteren Drohungen, die leidenschaftlichen Beschwörungen, die sie oft gehört, standen ihr plötzlich klar in der Erinnerung.

„Ich erschlag' dich, wenn du mir Schand' machst!"

Aber auch auf die vielen Warnungen, auf all das Schlimme, was sie von Jugend ans über die Männer gehört hatte, besann sie sich nun, und zum erstenmal dämmerte ihr eine Ahnung, daß die Mutter doch nicht so ganz unrecht gehabt haben mochte, daß ihr feiner, eleganter Schatz auch nicht anders war als die andern.

So trotzig hatte sie vor der Mutter den Kopf er­hoben, solang an ihn geglaubt, als sie sich geliebt wußte. Aber nun war der Märchenglanz verschwunden, adge- streift die Prinzessin. Als armes Aschenbrödel saß sie da, allein mit der Schande, bis ins tiefste Herz durch- «fröstelt von seinen kühlen Worten, seinen lieblosen Augen.

„Rasch! Nur rasch!" drängte er, sie ungeduldig schüttelnd. „>So reg' dich doch! Wenn du so den Kopf verlierst, hättest du halt früher vorsichtiger sein sollenl Tu, was ich dir sage."

Einmal hob sie noch die Augen zu ihm, wie ver­wundet von seinem heftigen Ton.

Durch .das kleine Fenster konnte sie leicht hinaus­steigen.

Wie ein scheues Tier duckte sie sich unter dett Bäumen, in dem dichten Unterholz hin.

Aber in diesem nächtlichen Waldvauschen, bei dem drohenden Rollen des Wassers, in der düsteren Ein­samkeit wuchs ihre Angst riesengroß empor. Die Angst vor der Mutter, vor der Entdeckung, vor dem Unent­rinnbaren, was sich in der Zukunft an sie heranwälzte!

Nicht in das Haus wollte sie! Nicht in die Hellig­keit!^ Nicht vor das harte, grausame Gesicht! Lieber hinein in das schauerliche Dunkel. Nur das eine Der-