jl«, 589« Morgen-Ausgabe. Donnerstag, den 18. Dezember. 50. Jahrgang. 1V02.
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Man soll nicht nur wissen, war man will, sondern auch K wollen, war man weiß. Dies gilt insoweit, al» die Wissen- £ « . 5 ,nt praktische Tragweite für die Gegenwart oder m. Zukunft haben kann. £
^ v. Holtzendorff. »
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(ß. Fortsetzung.)
Ich.
Roman von Iba Boy-Eb.
Der Leutnant schwieg nur sekundenlang, lachte dann etwas geräuschvoll auf und öffnete die Thür des Coupss, das vor dem Eingang des Schauspielhauses als der letzte noch hier anwesende Wagen hielt.
„Steigen Sie also ein, meine Damen, wir bleiben ohne Licht und Leben zurück. Bitte, Herr Baron, spannen Sie den Schirm auf, es regnet Sackstrippen."
Unter dem Schirm des Barons schritt Agnes zum Wagen.
„Morgen Abeiid, Herr Baron, sehe ich nach meiner Sommerreise zuerst nieine Bekannten bei mir. Es ist keine feierliche Gesellschaft—nur ein halb improvisirter Abend, von dem ich nur diejenigen in Kenntniß setzte, die ein liebenswürdiger Zufall mir heute in den Weg brachte. Wenn Sie sich von Albert einführen lassen wollen — mein Mann und ich werden ersreitt sein."
Hellwang murmelte etwas Glückliches und hob dann Olga in den Wagen, welcher figürliche Ausdruck in diesem Fall so zu verstehen war, daß er den Schirm höher und die Wagenthür zurückhielt und dann sorgfältig eine Kleiderfalte und ein Schärpenende vor dem Zerquetschen bewahrte, indem er sie iit den Wagen hineinschob und gegen eine knisternde, dichte Stoffmasse drückte. Dann standen die drei Herren im Regen, und Defsky sagte:
„Also zu Dressei, und trinken wir noch eine Flasche zusammen."
Die Fahrdämme und die Bürgersteige waren schwarz und blank wie Spiegelflächen, die Gaslaternen flimmerten in der Nässe des Bodens wieder, auf den Scheiben war das prickelnde Geräusch fallender Tropfen hörbar, und an den vorbeifahrenden Droschken erschienen die Fenster von innen beschlagen und von außen mit schräg hingepeitschten Regenspuren überstreift. Die Pserdebahnschienen bildeten das schmale Bett für still fließende Bäche, und die Wagen, die zuweilen durch ihre Räder das Wasser aus den Schienen drängten, waren dicht besetzt. , Man sah durch die Scheiben Kopf an Kopf in dunstigem Qualm. Jeden Augenblick rannte Hellwang gegen einen Schirm, bis Leutnant Defsky, der ja an Körperlänge dem Baron wenig nachgab, ihn am Arm ergriff und ihn sicher weiter über die noch sehr belebten Straßenübergänge bugsirte. Albert ging allein und nachdenklich unter seinem Schirm hinterher.
Bis sie nach Dressel kamen, hatte der Leutnant sich bereits alle unbehaglichen Gedanken aus dem Sinn geschlagen, die ihm vorhin bei der Weigerung Alberts gekommen waren. Er war sehr lustig wie immer, setzte sich seitwärts an einen runden Tisch, legte den rechten Ellbogen beinahe bis in die Mitte desselben, nahm den Degen zwischen die Beine, drehte mit den Fingern der linken Hand an seinem Schnurrbärtchen und fragte den vor ihm stehenden Kellner nach ben Geheimnissen der heutigen
Abendspeisekarte. Hellwang schüttelte sich wie ein naßgewordener Pudel, und nachdem er seinen Mantel abgelegt, sagte er, daß er bedeutenden Hunger habe; die Auswahl zur Stillung desselben überließ er dem Leutnant. Aber was er gewählt, schmeckte ihm nicht. Er schob den Teller zuriick, machte eine neue Bestellung und an ihr die gleiche Erfahrung, bis er nach dem dritten erprobten Gericht auf den Gedanken kam, daß er am Ende doch keinen Hunger babe. Dafür trank er desw mehr, lachte laut über alle Geschichten, die Defsky zu erzählen wußte, und ermunterte den schweigsam essenden Albert, mitzutrinken. Allmählich erwies es sich, daß Defsky mit seiner Behauptung: „Der Stoff ist ein Laster, aber er befördert die Kameradschaft", sehr recht hatte. Sie wurden sehr heiter mit einander, und Hellwang schlug Albert endlich vor, daß sie Brüderschaft machen wollten. Albert war nicht im Stande, dem guten Mann etwas abzuschlagen, auch fühlte er sich ihm herzlich geneigt. Wohl oder übel mußte Leutnant Defsky mit in diese neue Brüderschaft gezogen werden, was der Baron, der in der Stimmung schien, die Welt zu umarmen, ganz selbstverständlich fand.
Es war lange nach Mitternacht, als sie endlich auf- brachen. Während sie im Flur noch eine Cigarre an- zündeten, erscholl hinter ihnen Gelächter. Umschauend bemerkten sie, daß eine sehr laute und heitere Gesellschaft über den Hof aus den hinteren Restaurationszimmern daherkam. Sie machten Front an der Wand, um die Herren und Damen vorbei zu lassen. Mbert und Defsky kannten alle. Es warm einige in der Lebewelt berühmte Frauen und einige Herrm aus dem Klub, dem auch sie beide angehörten. Gustav Mesmer befand sich zwischen ihnen; er führte eine junge Person am Arm, die an seiner Schulter über eine Bemerkung lachte, welche ein hinter ihr gehender Herr ihr zuflüsterte.
Die Blicke der beiden Brüder begegnete sich. Gustav Mesmer lächelte ein wmig. Ohne Gruß oder Erkennungszeichen schritt er vorüber. Leutnant Defsky hatte den Takt, sich in seine Cigarre zu vertiefen und sogleich über die Schlechtigkeit derselben zu scheltm, woran er dann auf der Straße eine Bemerkung über dm sich aufklärmden Nachthimmel schloß. Albert der- mied seinm Blick, vermied auch seine Hand, als sie dann an der nächsten Straßmecke voneinander schieden.
Mit schwerem Kopf und unglücklichem Herzm ging Albert in seine Junggesellenwohnung heim.
Zweites Kapitel.
Am nächsten Morgen suchte Albert seinm Bruder abermals in der Behrenstraße auf. In dem großm Comptoir, wo mehrere junge Lmte emsig schriebm, sagte man ihm, daß Herr Mesmer schon anwesmd und zu sprechen sei. Albert öffnete die Thür in der Hinterwand des Comptoirs und trat in ein kleines, nach dem Hof zu belegmes Zimmer. Dort deckte ein Teppich dm ganzen Boden, dunkle, geschnitzte Eichmschränke standen an der linken, ein Diwan an der rechten Wand und davor ein sauber gedeckter Frühstücksftsch mit einigm schon geleerten Selterswasserflaschen, einem Teller voll leerer Austern- schalm und eine Flasche Sekt in silbernem Eiskichler. Vor dem einzigen Fenster stand der Schreibtisch, auf dem eine große Unordnung herrschte. Den Aufsatz dieses Tisches zierten einige Moraständer mit Photographieen. Da war Agnes mit Hans in einer mütterlich zärtlichen Stellung, Olga mit einem Pelzmützchm und die Hände
in dem Muff, da war eine Ballerine in ihrer Berufs-, tracht und die kleine Person von gestern Abend in einer dekolletirten Rückmansicht. Das stand so in harmlosem Durcheinander, und dazwischen lag ein Cigarrmetui, eine, Salonpistole und ein Paar zusammengeknüllter Handschuhe. Vor dem Schreibtisch hatte Gustiv Mesmer gesessen, der sich bei Alberts Eintritt erhob. Die Brüder glichm sich in vielen Dingen der äußerm Erscheinung, die mäßig große, wohlgebaute Figur war bei beiden dre gleiche, auch die Züge hattm dm ähnlichm mergischen Schnitt. Gustav trug schmale Bartstreifen vor dm Ohrmuscheln und hatte eine sorgfälftg gescheitelte Haarordnung, seine Gesichtsfarbe war ein wenig bleicher und sein Auge nicht so fest und klar wie das Alberts.
„Was führt Dich zu mir? — Die Antwort auf meiner» gestrigen Bittgang in Dein Comptoir?" fragte Gustav, auf ein Packet blickend, das Albert in der Hand hielt.
„Diese Antwort, nämlich die Ueberbringung der vo« Dir zur Hinterlegrmg bei der Reichsbank gewünschten Papiere hätte Bach erledigen können", sagte Albert. „Ich suchte Dich schon gestern auf, ehe ich von diesem Deinem Wunsch wußte. Das mag Dir als Beweis dimm, daß ich aus der Erzeigung einer Gefälligkeit nicht das Recht herleite, gute Lehren drein zu geben."
„Diese Erklärung hättest Du Dir sparm können. Ich weiß ohnedies, daß Du nicht zu den Leuten gehörst, bie eine Wohlthat in eine Moralpredigt wickeln", sprach Gustav mit freundlichem Lächeln. Doch hatte Albert das Gefühl, als ob er mit dieser Bemerkung auch die Moralpredigt abwehren wolle, die von gestern her schon bei Albert für ihn in Vorbereitung war.
„Dennoch kann es manchmal. Du wirst es zugestchm, Pflicht werden, aufdringlich zu sein mit Warnung und, Rath l" rief Albert.
„Nein", sagie Gustav lachmd, „das gestehe ich nicht zu. Ich würde inir nie die Pflicht aufhalsen, Jemand was Unangenehmes zu sagm. Lassen wir Jedm nach seiner Faxon selig werden, oder präziser: laß mich mein« eigne Haut zu Markt tragen, mein guter Junge!"
„Gustav", rief Albert beschwörend, „ich soll nicht daS Recht haben, meinem geliebten Bruder in die Arme zu fallm, wenn ich ihn einem Abgrund zurasm sehe? Haltet ein, um Gottes Willen, haltet ein! Dein .Haus wird geführt wie das eines Millionärs, Agnes und Olga gebm Unsummen für ihre Kleider aus ..."
„Olga hat eigenes Vermögen."
„Die Zinsen desselben genügen nicht entfernt, ihren Aufwand, ihre Reisen, ihr Taschengeld zu bestreiten; sitz besitzt nur fünfundzwanzigtausend Mark."
„Wenn sie nicht wäre, müßte Agnes doch eine Gesell^ schaftsdame haben, da ich nicht immer zu Agnes' Verfügung bin. Was Olga also mehr braucht, hat sie sozusagen verdient. Sie isl sehr bequem für uns."
„Und Haust, Dein lieber, armer, verlassener Junget Wenn Agnes denn eine Gesellschafterin haben mutz» wählt eine, die dem Kinde zugleich Erzieherin und Genossin ist!" rief Albert immer erregter.
„Das habe ich Agnes auch schon vorgeschlagen", erwiderte Gustav, gemüthlich an den Tisch gehend, um fich ein Glas Sekt einzuschenken. „Mllst Du auch? — eS ist das einzige, wenn man einen so formidablen Kat« hat. — Ja, aber Agnes sagte: „Ich danke dafür; auf so eine Gouvernante hätte ich tausend Rücksichten zu nehmen, es wäre ein Gene für mich."
(Fortsetzung folgt.)
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