Verlag Langgaffe 21
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Mittwoch, 4. fluguft 1913.
Abend'Ausgabe.
Nr. 358. ♦ 63. Jahrgang.
Der Krieg.
von öen östlichen Nriegskchauplatzen.
Nur noch 14 ttilometer von der Südfront Warschaus.
Br- Wien, 4. Aug. (Erg. Drahtbericht. Zens. Bin.) Die „Reichsposr" meldet aus dem Kriegspresscquartier: Die Verbündeten sind bis aus 14 Kilometer an die Lüdfront Warschaus herangckommen; Artillerie- feucr bestreicht die permanenten Befestigungs- »v e r k c.
Kuch Iwangorod und Nowo-Georgifewsk sollen ausgegeben werden.
Berlin, 4. Aug. (Jens. 58tm) Einer aus Petersburg in- virekt empfangenen Meldung der „Boss. Ztg." zufolge schreibt der „Nußkij Invalid", man werde wohl nicht nur Warschau, sondern auch die Festungen Jwangorvd und N o w o - georgijewsk aufgebcn müssen. Es sei zuzuqebe,», daß der Feind den Russen durch unerschöpfliche Borräte aid Handfeuerwoffcn, Geschützen und Munition hoch überlegen sei. Das russische Volk müsse ein Zeugnis strategischer Reife oblegen und der russischen Heeresleitung glauben. Das amtliche Blatt schließt mit Worten bezeichnender Selbsterkenntnis: Wir wissen, daß man wieder unseren Optimismus lerhöhncn wird. Wir wollen darüber auch nicht streiten. E8 gibt Leute, die einer anderen Strategie zugeneigt sind, aber welche ist die richtigere?
Drohende Abtrennung der «uffen in Gstgalizien von der übrigen Zront.
Die gänzliche Befreiung Galiziens rückt näher heran.
Berlin, 4. Aug. (Zenis. Blm.) Nach einer Meldung auS dem österreichisch-ungarischen Kriegsyreffequarticr droht den in Ostgalizien stehenden rnffischen Heeren eine vollständige Abtrennung von der ostpolnischcn Front. — Tie Lage des russischen Besatznngshecrcs in Ostgalizien ist überaus schwankend geworden und der Augenblick, in dem auch Österreich sagen kann, auf unserem Boden steh: kein Feind mehr, rückt allmählich Hera».
Ein norwegisches Blatt über die nahende Katastrophe.
W-T.-B- Christiania, 4. Aug. (Drahtbericht.) Der militärische Mitarbeiter des „Morgenbladet" führt aus: So wie die Lage ist, besonders nachdem Erzherzog Joseph Ferdinand und Generalfeldmarschall v. Mackensen ihre Offensive im Lnblin-Cholm-Abschnitt mit Erfolg wieder ausgenommen haben, mühte es als eine reine Halsstarrigkeit bezeichnet werden, wollte Großfürst Nikolaus an dem Entschlüsse festhalten. den Entscheidungskampf in den Stellungen, die seine Truppen jetzt innehaben, anzunehmen. Die Gefahr einer Katastrophe wäre alsdann zu drohend. Nach allem erscheint die Lage für die Russen äußerst schwierig. Die Meldung, daß allein im Juli über 170 000 Gefangene gemacht worden sind (dazu kämmen noch die 48 000 auf die österreichisch-ungarischen Truppen entfallenden Gefangenen, in Wirklichkeit sind es 221 000 im Juli. Schriftltg.), ist ein Zeichen dafür, daß die Moral in ihren Reihen e r n st l i ch erschüttert ist, was — weil von großer militärischer Bedeutung — bei der Beurteilung der allgemeinen Lage auf diesen Teil des Kriegsschauplatzes berücksichtigt werden muß. Seit Beginn ihrer großen Offensive machten die Verbündeten bis Mitte Juni bereits gegen Million Gefangene, also mit den 170 000 neuen ergeben sich run!v 700 000 gefangene Russen seit dem 1. Mai. (In Wirklichkeit 743 452 seit Anfang Mai. Schriftltg.) Der neue Zuwachs an Gefangenen bedeutet bei einem noch so großen Plus zugunsten der Verbündeten vielleicht ein noch größeres Minus zuungunsten ihrer Gegner.
Das vernichtende Artillsriefeuer der Deutschen. Englische Selbstbcruhrgungsversuchk.
Br. Rotterdam, 4. Aug. (Eig. Drahtbericht. Zens. Bln.) Der Sonderberichterstatter der „Times" bei der russischen Armee in Warschau depeschiert vom 29. Juli: Wo die Russen sich zurückziehen, geschieht das. weil die Verteidiger der Laufgräben durch vernichtendes Artilleriefeuer sortgemäht wurden. Die Vorteile, die die Deutschen dadurch erzielen, werden aber durch Gegenangriffe zunichte gemacht. Die allgemeine Lage von Warschau bis Jwangorod sei für die Russen günstig. Dort stehe eine der besten ruffischen Armeen. Der Berichterstatter glaubt nicht, daß die Blonie-Linie direkt gefährdet sei.
Oie russische Rückzugs-vernichtungstaktik.
W. T.-B. Wien, 2. Aug. (Nichtamtlich.) Aus dem Kriegs- piessequartier wird gemeldet: Ein aus der Zeit der russischen Niederlage bei Grodek-Magierow stammender Befehl dcS Kommandanten des russischen 17. Korps, ist im Original erbeutet worden. Er ordnete a. u. an, daß die Bevölkerung bei einem Rückzug der Russen zum Mitgehen zu bewegen ist. Vieh, Pferde, alles, was der feindlichen Armee zum Vorteil dient, ist wegzutragen. Lebens - m i t t e l v o r r ä t e sind zu v e r n i ch t e n, alle wirtschaftlichen und Feldgeräte sollen mitgenommen werden. Das überftevelnde Volk ist in den im Befehl angegebenen
Orten zu konzentrieren. Alle arbeitsfähigen Männer und Weiber sind zur Arbeit heranznziehen. Die übersiedelnden Juden sind östlich der Wolga zu bringen, ohne daß ihnen vorher etwas davon gesagt werden darf. Beim Abmarsch der Truppen und beim Durchniarsch durch die verschiedenen Ortschaften sollen die zurückgebliebenen Kühe mit- genomnren werden. Alle zufällig nicht vernichteten Lebens- inittel und überhaupt alles, was dem Feind Vorteil bringen konnte, soll unbedingt vernichtet werden.
Eine DumaentsiDliehung für das Ourchhalten „bis zum vollständigen Siege".
W. T.-B. Petersburg, 3. Aug. (Nichtamtlich.) Die Duma bat folgende, von dem Grafen Bobrinskh namens der Zen- lrnmsgruppe, der Oktobristen und der Nationalisten einge- brachte Tagesordnung angenommen: Die Reichsduma veilen g t sich vor den glorreichen, und beispiellosen Leistungen unserer tapferen A r m e e und Flotte; sie bestätigt, daß die Armee trotz aller militärischen Mißgeschicke bei der ganzen Bevölkerung des Reichs den unerschütterlichen und einmütigen Entschluß gestärkt hat, mit den treuen Verbündeten den Kampf bis zum Enderfolg zu iühren und keinen Frieden vor einem vollständigen Sieg zu schließen. Sie erklärt, daß ein schnellerer Sieg durch den einmütigen Beistand Ser ganzen Bevölkerung und durch die Schaffung neuer Kampfmittel erreicht werden soll: sie fordert die Befestigung des inneren
Friedens, Beruhigung und Vergessen des einstigen politischen Kampfes, sowie wohlwollende Aufmerksamkeit der Behörden gegenüber den Jntereffen aller loyaler russischen Bürger ohne Unterschied des Namens, der Sprache und der Religion; sie hält dafür, daß nur eine innige Einigkeit zwischen dem ganzen Lande und einer sein volles Vertrauen genießenden Regierung zu einem schnellen Sieg führen kann, und indem sie die unerschütrerliche Zuversicht ausspricht, daß die bisher in den Armeelieferungen bestehenden Fehler unverzüglich mit Hilfe der gesetzgebenden Kammern und großen öffentlichen Gewalten beseitigt, die feftgestellten strafwürdigen Mängel gut gemacht und die Urheber der Vergehen von den gesetzlichen strengen Strafen getroffen werden, wie immer auch ihre amtliche Stellung sein möge, geht sie zur Tagesordnung über. — Rodzianlo, der mit 296 gegen 24 Stimmen zum Präsidenten gewählt wurde, hielt hierauf eine Rede, in der er sagte: Der Krieg einigt, und er hat alle? verschwinden lassen, was uns trennte, indem er alle Vertreter des großen Rußland zu einem festen Ganzen bereinigte mit dem einzigen Ziel: Dem Sieg. Er sprach den aufrichtigen Wunsch aus, daß die freundschaftlichen, auf gegenseitigem Vertrauen beruhenden Beziehungen, die jetzt gebildet sind, zwischen allen Parteien nach den: Krieg fortbestehen mögen.
Enttäuschung über die Haltung der Negierung in Dumalrrersen?
Br. Kopenhagen, 4. Aug. (Eig. Drahtbericht. Zeus. Bln.) Trotz des strengen Waltens der rnffischen Zensur lassen die ans Petersburg hier ankommenden Depeschen, die den Eindruck der Dnmasitzung schildern, deutlich zwischen den Zeilen erkennen, daß die Haltung der Regierung große Enttäuschung erweckt hat. Man vermißt vor allem schmerzlich das völlige Fehlen jedes positiven Vorschlages über die innerpolitischen Reformen. Die Schilderungen der Blätter weichen im übrigen recht erheblich von dem offziellen Bericht über den Verlauf der Sitzung ad. Es hat durchaus den Anschein, als hätten sich gegen Schluß der Sitzung mehrere unliebsame Zwffchenfälle (?) ereignet, deren genaue Wiedergabe vom Zensor unterdrückt worden ist.
Die Versprechungen an die Polen.
W. t-B. Prag, 4. Aug. (Nichtamtlich.) „Hlas Narodna" schreibt in einer Besprechung der Erklärungen des Ministerpräsidenten Goremykin in der Duma, betreffend die Ausarbeitung eines Gesetzentwurfes für die polnische Autonomie: Schöne Worte, aber nur Worte. Gleichzeitig verkündet Goremykin, daß die Polenfrage ihrem ganzen Umfange nach erst nach dem Kriege gelöst werden könne. Daß die russische Regierung Versprechungen auszuteilen beginnt, ist ein untrügliches Zeichen dafür, daß es mit den Russen schlecht steht.
Wenn der Feind vor den Toren ist.
Br. Lugano, 3. Aug. (Eig. Drahtbericht. Zens. Bin.) „Eorricre della Sera" meldet ans Petersburg: Alle Blätter böschästigsn sich mÄ der NMvendigke.lt, die Weichsel, linie zu räumen. Die Stimmung ist sehr gehoben .und fest. Die „Birschewija Wjedemosti" schreibt:' Starke Nationen, wie die russische, können der Wahrheit fest ins Auge schauen, und diese ist: der Feind ist borden Toren.
Englische Besorgnisse.
\V. T.-B. London, 4. Aug. (Nichtamtlich. Drahtbericht.) Der militärische Berichterstatter des „Daily Telegraph" schreibt: Die beunruhigendste Nachricht ist dasVorrücken der kombinierten Heere unter der Führung Mackensens. Dieser gefährliche Heerführer hat trotz aller technischen Schwierigkeiten und Verluste in den Kämpfen einen ununterbrochenen Druck auf die Schlachtlinie von 50 Meilen Länge ausznüben vermocht. Sein Angrisssplan bezweckt eine wirkliche Umzingelung, und leider wird bestätigt, daß
auch Mackensens linker Flügel und die verstärkte öfter- reicht sch-ungarische Armee des Erzherzogs Joseph Ferdinand in Lublin eindrang und den rechten Flügel der Armee Alexejews umbog, während auf dem russischen linken Flügel die Deutschen einen ähnlichen Terrainge- winn hatten und die Eisenbahn nach Kiew abschnitten. Mackensens Truppen drangen auf einer Linie vor, die nur 160 Meilen südlich der Bahn Warschau-Brest-Litowsk verläuft, eine Lebensader der russischen Verbindungslinie für das Weichselheer.
Oie Russen in Beffarabien.
Bukarest, 4. Aug. (Zens. Bln>.) . Osterrrrchisch-nuLMnsche Truppen griffen in der Nacht zum 2. August die Russen an, die sich aus die an der Bukowinagrenze eingenommenen. Stellungen flüchteten und auf ihrem Rückzug russisch N o w o - Sreliza in Brand steckten. Ein in Dorohoj eingetroffener Flüchtling aus Beffarabien erzählte, daß in der Bevölkerung großes Elend herrsche, das noch gesteigert wird dnrcki Plünderung der Kosaken, die von: russischen Train nicht ge» nügsnid verpflegt werden.
Eine deutsche Antwort an Ssasonow.
W. T.-B. Berlin, 3. Aug. (Amtlich.) Die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" schreibt über Ssasonows Rede:
Die Reden, die in der russischen Reichsduma gehalten wurden, haben für Deutschland nur ein beschränktes Interesse. Wir haben wenig Veranlaffung, in einem Augenblick, wo von unseren heldenhaften Truppen einer der größten Kämpfe der Weltgeschichte ausgefochten wird, in einen Streit um Worte einzutreten. Wir werden Beweisgründe für unsere gute Sache mit Taten liefern und im übrigen denjenigen, die ihre Berechnungen und ihre Politik durch den Gang der Ereignisse wie ein Karten- bous zusammen stürzen sehen, es überlassen, durch Morte sich vor sich selbst und anderen zu rechtfertigen. Nur die Worte, mit denen Herr Ssasonow seine Ausführungen c: n l e i t e t e, können wir nicht unwidersprochen laffen. Nicht die Kriegserklärung Deutschlands hat Europa in Brand gesetzt, sondern die Mobilmachung der gesamten russischen Armee, die den Frieden Deutschlands und Österreich-Ungarns bedrohte und die angeblichen Bemühungen Rußlands, den Frieden zu erhalten, in bündiger Weise dementiert.
Die Angriffe, die Herr Ssasonow vor der Reichsduma gegen die Ehre der deutschen Armee und der deutschen Marine vorgebracht hat, können diese nicht berühren. Es ist von jeher der Stolz unseres Heeres gewesen, seinen Schild unter allen Umständen und zu jeder Zeit reinzuhalten. Es hat es auch in diesem Krieg getan, und keine Verleumdung unserer Gegner ist fähig, diesen Schild zu beflecken. Wir wollen uns damit trösten, daß man in Rußland solche Mittel braucht, um den „patriotischen Geist" im russischen Volk anzufachen, in diesem Volk, das, wie noch neulich der Erzbischof Nikon anerkannt hat, vom Krieg nichts weüß, das von seinen Führern betrogen worden ist, und das nicht begreift, warum man es in den blutigen Kampf mit allen seinen unsäglichen Opfern gestürzt hat. Aber es gehört doch ein gewisser Zynismus dazu, wenn eine Regierung, von der alle Welt weiß, daß sie von Galgen, Knute und Sibirien als Hilfsmittel ihrer Regierungskunst den ergiebigsten Gebrauch macht, es wagt, fremde Ehre so anzutasten, wie es in der Reichsdumasitznng geschehen ist.
Won dem, wa-'Ssasonow über die politische Lage sagt, sind seine versteckten und offenen Liebeswerbnngen an Neutrale und andere Staaten, die nur ein Zeichen der Schwäche sind, weniger interessant, als was er im Worbeigehen streift. „Der Krieg, der uns vor einem Jahre aufgezwungen wurde", sagt Ssasonow, „warf Probleme auf, die uns im Juli 1914 nur als ferne Träume erschienen. Die Träume der russischen Politiker entsprechen von jeher ihrem aus Gewalt und Eroberungslust zusammengesetzten Naturell. Sie sind auch jetzt im weitesten Sinne auf die Er - oberungfrem den Gebiets und auf die Vergewaltigung fremder Völker gerichtet, eine Tatsache, die wir nicht nur den englischen und französischen Sozialisten, sondern auch allen Balkanstaaten, die bisher vom russischen Joch noch frei sind, zur eingehendsten Erwägung empfehlen möchten. Serbien erntet jetzt die Früchte seiner inffophilen Politik. An seinem Beispiel ist der Wert der russischen Freundschaft so rech: zu ermessen.
Würden die Träume der Russen, die auf den Besitz Konstantinopels gerichtet sind, je in Erfüllung gehen, dann wehe den Balkanvölkern. Auch da« Beispiel Italiens, das Ssasonow anführt, dürfte kaum zur Nachahmung verlocken. In n n e r h ö r l blutigen Kämpfen geht jetzt die Jugend des iialienischen Voltes an allen jenen Grenzgebieten, die Italien chne Schwertstreich hätte haben können, zugrunde. Das in» tereffanteste an seinen Ausführungen ist die Enthüllung, daß las Ministerium Salandra schon im Lauf der e r st e n K r i e g s m o n a t e sorgfältig den Eintritt in die Aktion gegen die Verbündeten Italiens vorbereitet habe. Demgegenüber sei hier daran erinnert, daß dasselbe Ministerium gleichzeitig Versicherungen wohlwollender Neutra» lität in Berlin und Wien abgab und bis kurz vor dem Eintritt in den Krieg immer wieder den Wunsch eines friedlichen Ausgleichs mit Österreich-Ungarn betonte.
