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so. Jahrgang.

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IO 586. Redaktions-Fernsprecher No. 52.

Dienstag» den 16. Dezember.

Berlazs-Fernsprcchcr No. 2266.

1902»

Abend-Ausgabe.

Der Streit mit Venezuela.

Die Verbündeten nnd Venezuela.

Unser Londoner n-Korrespondent schreibt unter den: 13. Dezember: Die Verbündeten hat man hier

Deutschland nnd England ihrer gemeinschaftlichen Expe­dition nach Venezuela wegen genannt, was an sich, in Anbetracht der bisher nichts weniger als deutschsreund- lichcn Gefühle in England, als recht erfreulich bezeichne! werden könnte. Es geschah indetz nur in einer einzigen Zeitung, über welche ein oder das andere Jingoorgan dafür promptest mit der Bemerkung herfiel, daß von Verbündetelt keine Rede wäre, weil England es Teutsch- land einfach nicht gestatten konnte, allein nach Venezuela zu geheit, ohne feine Interessen gefährdet zu sehen. Ledig- tich aus diesem Grunde hätte es in den sauren Apfel beißen nnd der Welt das Schauspiel scheinbarer deutsch- englischer Waffenbrüderschaft gewähren müssen. Es ist also recht vergebliches Liebesmühen, wenn besonders phantastisch begabte deutsche Blätter sich nun über den inöglichen günstigen Einfluß auf die Volkssfimmmig in Deutschland und England auslassen, den die Gerichtsvoll­zieher-Expedition nach Venezuela ausüben könnte. Den Regierungen beider Reiche läge übrigens gewiß nichts daran, im gegenwärfigen Falle als Verbündete betrachtet zu werden, denn eilt solches Schutz- und Trutzbündnitz der beiden mächtigsten Staaten der Welt zwei und einer halben Million Mischlingen gegenüber hätte nachgerade etwas Komisches an sich.. Im Allgemeinen entwickelt inan hier irr England den kriegerischen Untern ehMMgen seiner Regierung gegenüber, die in einem oder den: anderen Theil der Welt fortwährend betrieben werden, den größten Gleichmuts, ober im vorliegeudenFalle füllen die hiesigen Zeitungen täglich "lange Spalten über die vorläufig noch recht spärlichen Ereignisse am Schauplatz der deutsch-englischen Thaten. Weil sie nicht gut anders können, geben sie zu, jene südamerikanische Republik müsse unbedingt zur Verantwortung gezogen werden, aber sie behaupten zu fürchten, daß das Untenrehmen sich als ein gefährlicheres Herausstellen durfte, als allgemein an­genommen wird. So schreibt z. B. soeben ein leitender Blatt: ..Revolutionen und Kriege, bezw. fortwährende

blutige Händel bilden nachgerade ein Lebensbedürsniß der Südamerikaner. Telegramme aus Venezuela erzählen uns davon, daß die Bevölkerung der Republik bereit ist, dem Präsidenten thätigen Beistand zu leisten, undTruppen schaaren sich um seine Standarte. Wenn die Veneznelanet ernstlich kämpfen wollen, so vermöchten sie einen Guerilla- Krieg zu führen, gegen welchen derjenige mit den Buren reines Kinderspiel getvesen wäre. Tie Deutschen und Engländer würden dadurch gezwungen werden, sich auf

die Besetzung der Küste und der unmittelbar an derselben gelegenen Städte zu beschränken. Das deutsch-englische Programm, sich der Seezollämter zu bemächtigen, wird sich leicht genug ausfüyren lassen, aber unter solchen Umständen dürften die Zolleinnahmcn sehr ärmlich aus- fallcn, nnd der Aufwand, den die beiden Staaten im Zu­sammenhang , mit ihren kriegerischen Operationen zu machen hätten, würde bald jene Summe gewaltig über­steigen, um derentwillen sie sich irach Venezuela aufgemachl haben.. Selbstredend würden sie diese ihre Auslagen durch die Zolleinnahmen zu decken wünschen. Selbst wenn Venezuela imch acht bis vierzehn Tagen nachgeben sollte, würden seine Zolleinkünste dann bereits ans lange Zeit hinaus durch die Deutschland und England er- wachsenen Kosten aufgezehrt werden. Tie Frage ist aber die, für welche Zeitdauer die harmonischen Bezieh­ungen zwischen den Vereinigten Staaten und den beiden Mitgliedern der Strafexpedition im Falle einer längeren Occupation Venezuelas überhaupt anhalten würden." — Selbst in dem sonst bei anderen Gelegenheiten hier sehr kriegerisch gestimmten Theil der Presse wird unter den gegenwärtigen Umständen Zweifel ausgesprochen, ob sich das Vorgehen der beiden Großmächte dem winzigen Venezuela gegenüber rechtfertigen ließe. Sie, die vor dem Burenkriege stets so stürmisch verlangten, daß die Verhandlungen mit Präsident Krüger, die darauf be­rechnet- waren, diesen zur Kriegserklärung zu zwingen, einfach, abgebrochen werden sollten, werfen jetzt die Frage auf, ob es nicht besser gewesen wäre, es Venezuela gegen­über mit Diplomatie zu versuchen. Offenbar haben sie also seit Jahr und Tag geschlafen und wissen nicht einmal, daß jene südamerikanische Republik es seit geraumer Zeit nicht einmal mehr für nöthig hielt, die Vorstellungen Deutschlands und Englands auch nur einer Antwort zu würdigen.

*

lid. Berlin, 15. Dezember. Zu dem Bombardement von Puerto Eabello wird dem „B. L.-A." aus New- Uork über London gemeldet: Puerto Cabello wurde von dem britischen Kreuzer „Charybdis" und dem deut­schen Kreuzer „Vineta" bombardirt. Am Mittwoch wurde der britische Dampfer „Topaz" von den Einwohnern der Stadt überfallen und besetzt, nachdem sie die britische Be­mannung vertrieben hatten. Als die Nachricht hiervon in La Guayra eintras, dampften die „Charybdis" und „Vineta" nach Puerto Cabello ab. Eine Abtheilung von 50 Marine-Soldaten wurde an Land geschickt mit dem Aufträge, den „Topaz" um jeden Preis zu nehmen. Nach kurzen« Handgemenge wurde der „Topaz" genommen und die Venezolaner mit ausgepflanztem Bajonett vom Schiff vertrieben. Sofort nach der Eroberung des „Topaz" sandte der Kapitän der „Charybdis" ein Ultimatum an die Behörden der Stadt, worin er diese aussorderte, binnen zwei Stunden Entschuldigung und Entschädigung zu leisten. Da nach Ablauf der Frist keine Antwort an­

gekommen war, begann das Bombardement um 5 Uhr Nachmittags. Die Schiffe zielten auf die eine Strecke von Puerto Cabello entfernt liegenden Forts. Diese er­widerten das Feuer, ließen aber bald nach nnd stellten nach kurzer Zeit das Feuern ein. Hieraus wurde auch den Kriegsschiffen Befehl zum Einstellen des Feuers ge­geben. Die „Charybdis" und „Vineta" dampften sodann außer Schnßroeite der Forts. Der „Topaz" wurde unter den Schutz der beiden Kriegsschiffe gestellt. Die Stadt Puerto Cabello ist nicht beschädigt, und man glaubt, daß keine Verluste an Menschenleben zu beklagen sind. Ob­gleich das Bombardement von Puerto Cabello Mißtrauen erweckt, weil es als ein Bruch positiver Versprechungen erscheint und die Besorgniß vorhanden ist, baß wettere Schritte geplant seien, die gegen das Abkommen mit der amerikanischen Regierung verstoßen wurden, beharrt das Kabinett in Washington auf seinem Entschluß, nicht zu interveniren. Senator Cullom, der Vorsitzende des Kabinetts für auswärtige Angelegenheiten, erklärte, ein Angriff ans Venezuela durch Truppen-Vormarsch auf Caracas würde die Union zwingen, Halt zu rufen, weil die Invasion der erste Schritt zur Besitznahme von Terri­torien sei. — Weiter wird dem „Bcrl. Tagcbl." ans N e w - N o r k gemeldet, die deutsche und englische Kolo­nie in Caracas befänden sich in vollständiger Panik. An 114 Personen verlangten am Sonntag Morgen den Schutz des amerikanischen Gesandten. Die amerikanische Ge­sandtschaft verproviantirt sich auf alle Fälle. Biele Deut­sche wurden in der amerikanischen Gesandtschaft ausge­nommen und das Haus in eine Kaserne umgewandelt.

lick. Berlin, 15. Dezember. Wie die „Post" berichtet, ist der Wunsch Castros nach Verweisung der schwebenden Streitfragen vor ein Schiedsgericht der deutschen und der englischen Regierung durch Vermittelung des diplomati­schen Vertreters der Vereinigten Staaten mitgetheilt worden. Die Regierung in Washington hat sich jedoch ihrerseits jeder Andeutung darüber enthalten, ob sie diese Idee eines Schiedsgerichts billige oder nicht. Sie hat ihrem Vertreter in Caracas lediglich erlaubt, die deutsche und die englische Regierung von der betreffenden Mit­theilung in Kenntniß zu setzen. Tie Maßnahmen beider Mächte gegen Venezuela werden hierdurch jedoch nicht aufgehalten.

wb. Caracas, 15. Dezember. (Reuter.) Auf Er­suchen des holländischen Gesandten, der in Caracas krank darnieüerliegt, hat der amerikanische Gesandte, Bowen, den Schutz der Interessen der in Caracas lebenden Holländer übernommen. — „Vineta" geht nach der Marguerita-Jnsel ab. Das venezolanische Kriegsschiff „Miranda" ist entkommen und in Maracaibo ange­kommen. Die venezolanische Regierung meldet, das Kanonenboot „Panther" gehe nach Maracaibo ab, um die Forts zu zerstören.

hd. Berlin, 16. Dezember. Wie der „B. L.-A." über London meldet, hielt Präsident R o o f e v e l t gesterrr Vormittag mit dem Staatssekretär Hay nnd Root und

Mchard Wagners erste ^rau.

Lebensbild von Adolf Oppenheim.

(Schluß.)

VIII.

Richard Wagner nnd die graue». — Mathilde Wcsendonck. —

Scenen in Zürich. — Trennung. - Einsam gestorben.

Bekannt aus jener Zeit ist Wagners Verkehr mit der schönen Schweizerin Frau Kapellmeister Emilie Heim, das Urbild der Sieglinde, bon Wagner nur mit dem Kosenamen „Frau Sieglinde" angeredet, Frau Johanna Spyri, der reizenden Mathilde Wcsendonck, eine sas- cinirende Franengestalt. Als Franz Liszt mit seiner Freundin, der Fürstin Wittgenstein, zu Besuch Wagners in Zürich eintras, äußerste Mina: „Die Fürstin betrachtet mich offenbar als überflüssig in unserem Hause, sie sprach init mir in einer Art, die auch Richard für unangebracht hielt, nur müsse man aus Rücksicht, sagte er mir dann, gegen Liszt, dem wir ja Alle großen Dank schulden, die Sache übersehen. Ich schloß wieder die Augen und beiße mir die Lippen wund, wenn ich sehe, wie sie mir Richards Herz mit jedem Tage mehr abwenden."

In dieser Situation litt natürlich der Komponist furcht­bar und wollte, nur ihr zu entgehen, nach Weimar über- siedeln. Wieder wandte er sich in derselben an den er­probten Freund nnd Retter Liszt. „Vielleicht", schreibt Wagner, „klänge mir auch da und dort ein Wort der Liebe entgegen, aber so — hier?? hier muß ich an aller- kürzester Zeit verderben!" — Und an Freund llhltg schrieb der Komponist von der gleichen Stimmung be­herrscht: „Ich gäbe all' meine Kunst für ein rückhaltlos liebendes Weib hin!" .

Man sagt, daß gerade diese Stellen m Wagners Briefen bewiesen, wie unsäglich derselbe unter der Tragik der Ehe mit Mina litt. Ein Biograph des Meisters meint sogar: „Gewiß „liebte" Mina den Gatten, ober nach ihrer Art, wie weibliche Philister nun eben lieben. — Diesen Zustand andauernden Uebefriedlgtfems und des Mangels an künstlerischem Sichausleben muß man in

Betracht ziehen, um die Ausbrüche der Glückseligkeit Wagners beim Besuche Liszts in Zürich zu verstehen."

Nichr doch, an diesem Zustand, wie der objektive Leser zugestehen wird, trug nicht Mina die Schuld, sondern der nach 20-jähriger Ehe durch andere Frauen plötzlich her- vorgetretcne Trieb des „Sichauslebens". Welche Frau, die ihren Mann von Herzen liebt, wird dieses „Sichaus­leben" im Kreise anderer Frauen ruhig mitansehen?

Wenn man. um Richard Wagner mit dem Heiligen­schein zu unigebcn, seiner ersten Gattin vorwirft, daß sie ihren Mann „gewiß liebte" aber eben nach Art der „weib­lichen Philister", weil sie seinen Verkehr mit anderen Frauen nicht dulden wollte, dann wird mau eben alle Frauen, die sich gegen die Beziehungen ihrer Männer zu Nebenbuhlerinnen auflehnen, „philisterhaft" nennen müssen, denn die Gesetze des Herzens und der Gefühle sind für Alle gleich. Man darf nicht für den großen Meister, den wir in Richard Wagner verehren, auch nicht für das allergrößte Genie Ausnahmsgesetze und Ansichten fordern und der Welt aufdringen wollen. Hätte Mina sich tödtcn oder kainpflos den ihr angetrauten Gatten, an dessen Seite sie muthpoll zwanzig Jahre um die elende Existenz und das jämmerliche Leben gekämpft, verlassen und ihn freigebcn sollen, nachdem er erklärt, nun „künst­lerisch sich ausleben" zu wollen? Hätte Frau MinaWagner ihren Gatten nicht geliebt, wäre sie eine minder aufmerk­same, sich für ihren Mann aufopfenide Frau gewesen, läge die Sache anders. „Man braucht", bemerkt ein Vertheidiger von Frau Mina Wagner, „deshalb nicht „philisterhaft", sondern nur objektiv zu denken, um Mina, welche eine sehr kluge, gebildete und brave Frau war, der nur die Kunst mangelte, neben ihrem genialen, hoch­strebenden Gatten mit gleicher Gewandtheit sich „in Scene zu setzen" und von''dem Ruhm des Mannes mit weniger Herz und Gemüth, aber mit Noblesse zu zehren, die Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, daß sie eine stille Dulderin, eine liebende, für ihren Mann besorgte Gattin war, deren Herz ihre Nebenbuhlerinnen, die sich sin dem Ruhm des Meisters sonnten, in der vollsten Bedeutung des Wortes zu Tode gemartert." —

Als die fromme Fürstin Wittgenstein erfuhr, daß Frau Mina Wagner eifersüchtig sei, ineinte sie: „O, das wird dem Teint der Frau schaden — die Männer lieben dies nicht — und ich wette, daß dann Herr Wagner Frau Wcsendonck noch lieber sehen wird." Dieselbe, äußerst fromme FürstinWrtgenstein, welche im Leben Franz Liszts eine so hervorragende Rolle spielt, schrieb, als sie von den angeblich sehr nahen Beziehungen Wagners zu Mathilde Wcsendonck und die wahrscheinliche Trennung Minas nnd Wagners erfuhr: „Ich glaube hier nicht an.den schlimmsten Fall, aber selbst diesen vorausgesetzt, kann man immer­noch sehr wohl sagen, daß Alles auf dieser Welt relativ ist, selbst Gerechtigkeit und Treue! Bedenkt, daß Genie's Jedermaun gehören, daß Jedermann seinen Theil daran habcrr null nnd ihn von Rechts wegen fordert!" In der That soll Wagner damals, wie cS schien, Frau Mathilde ganz auffallend seine Huldigung bewiesen haben.

Wir wollen ein Lebensbild der in letzter Zeit viel ge­schmähten Frau Mina Wagner schreiben und bemühten uns dabei, so weit als möglich nicht zur SSeröffentlicffomg gehörende Private Vorgänge zu umgehen. Wir begnügeir uns daher, nachdem wir das Bild der ersten Frau des Meisters skizzirt, ihre Seelenstimmung gezeichnet, nur noch den Unlaß. welcher zur Trennung Wagners von seiner Frau führte, anzuführen. Der erste Anlaß war, daß Frau Wagner Briefe von Frau Heim und Mathilde Wcsendonck, die an ihren Gatten gerichtet waren, in einem Anflug von Eifersucht öffnete. Im Hotel Baur am Seo fand später ein Gcsellschaftsabend statt. Wagner hatte sich bereden lassen, was sonst nicht geschah,,seine Frau mit- zubringeit. Frau Mathilde Wcsendonck war au diesen! Abend sehr mißgestimmt und entfernte sich früher. „Richard gab dieser Frau den Arm", so beschrieb Mina die Scene, „um sie nach Hause zu begleiten, weil ihr Wagen nicht gekommen war. Es war jedenfalls ein Vor­wand, run mein Herz zu zerreißen! Die Männer sind wunderlich: einem fremden weiblichen Wesen vermögen

sie nichts zu versagen nnd Diejenige, die am meisten zarte Rücksicht verdient, wird gerade am allerwenigsten berücksichtigt. Weder nieine Bestürzung noch mein