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Beilage jum Wiesbadener Tagblatt.

Uo. 381. Morgen-AttSKake.

Samstag, den 13. Dezember.

50. Jahrgang. 190L.

q Das Sittliche ist wie alles andere G»te durch Gott

* leider in die Welt gekommen. Es ist kein Produkt menlch» J «i lieber Restexion, fo idern es ist aiigeschaffenc und anaeborene

* schöne Naiur. Er ist medr oder weniaer den Menschen im .* J Allgemeinen angeschaffen, im hoben Grade aber einzelnen £ 4 ganz vorzüglich begabten Gemütbcr». Diese haben durch Z

* oront Tdaten oder Lehren ihr göttlicher Innere geoffenbart, * welche» sodann durch die Schönheit seiner Erscheinunfl die 0» Liebe der Menschen ergriff und zur Verehrung und Nach» *

* eiferung gewaltig fortzog.

Goethe, 1827.

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(L Fortsetzung.)

Ich.

Roman von Jda Boy-Ed.

„Und habe dort eine herrliche Zeit, verlebt. Vom schönsten Wetter begünstigt, habe ich die erhabenen Offen­barungen der Natur auf weiten und einsamen Fuß­wanderungen in meine Seele aufgenommen. Wie wird man doch so verstaubt, so müde, so abgearbeitet in der großen Stadt, und wie wird man doch wieder zum glück­lichen Kind in den Bergen. Die Einfachheit ruht den modernen Menschen am besten aus. Und was für luftige Trinkgenossen man in den Wirthshäusern an der Land­straße findet! Ich glaube, ich habe das ganze Jahr nicht so viel gelacht, wie in den paar Wochen dieser Berg- * Wanderung!"

„Erzählen Sie mir nichts. Albert, ich bitte Sie, denn von einem Zustand unter Leuten, die Kniestrümpfe tragen und Schnaderhüpfeln singen, habe ich nur Begriff, wenn die Münchener mir das auf der Bühne Vorspielen. Aber ich beneide Sie um diese Fähigkeit und Zähigkeit, mit der Sie es im Stande lind, sich jedes Jahr auf Ihrer Sommerreise zu amüsiren. Ich habe mich in Ostende gelangweilt."

Sie saß unbeweglich, und in den glänzenden Augen war — seltsamer Widerspruch! — trotz des Glanzes gar kein Leben.

..Ich glaubte aus Sans' Erzählungen entnehmen zu dürfen, daß Sie viel Unterhaltung gehabt haben."

„Nun, schließlich waren ein paar Menschen da, die Verständniß dafür zeigten, daß Olga und ich uns anzu- ziehen verstehen — aber im Ganzen und Großen war's dasselbe wie hier auch: Staub und .Konzert und Feuer- Werk und Gevatter Schneider und Handschuhmacher endimanchiSs."

„Und das Meer?" fragte Albert.

„Das Meer? Ich gehe nie wieder in ein Seebad. Es kleidet so schlecht. Was für eine ewige Sorge, seinen Teint zu hüten! Wir sind kaum aus den Schleiern heraus- gekommen, und die Heliodermkruke, als Schutz für die gefährdete Haut, ist die erste Eristenzbedingung."

„Wenn Ihre Badereisen Sie langweilen, Agnes, so sollten Sie diese aufgeben. Vielleicht würde es meinem Bruder nicht unwillkommen sein, die bedeutenden Summen, die Sie zu verausgaben pflegen, nützlicher

verwenden zu können", sprach Albert, während seine Stirne sich röthete. Die Verlegenheit ergriff ihn, die jeden feinfühligen Menschen befällt, der gezwungner Weise im Begriff steht, einem Anderen einen unbequemen Rath zu geben. Agnes sah ihn erstaurrt an.

„Man muß doch in ein Bad gehen."

„Ihnen erscheint sehr viel als „Muß", liebe Agnes, was, wie ich fürchte, sich früher oder später nicht mehr mst dem Vermögen meines Bruders verträgt, wenn es sich je damit vertragen hat", sagte Albert ernst.

„In der That", fragte Agnes mit dem harmlosen Erstaunen eines Kindes, „das wäre fatal; dann müßte Gustav sich einschränken. Ich glaube, im Klub giebt er viel Geld aus. Wie unbequem ihm das wäre!"

„Haben Sie denn nie daran gedacht, sich einzu­schränken?" sprach Albert ungeduldig.

„Ich?!" fragte die junge Frau, sich zurücklegend; „ach nein, ich kann es nicht. Aber sprechen wi' dock nicht von dem langweiligen Geld. Zum Glück kommt da Olga."

Albert erhob sich; seine Beqrüßungsworte wurden von einem hellen Gelächter übertönt.

„Es ist zum Todtlachen, es ist zum Todtlacheir!" rief das große, schlanke Mädchen und schwenkte emen Brief, den sie zwischen ihren Fingern hielt. „Ach, da ist Dein Schwager: grüß Gott, Albert! Me geht's? Um Gottes willen. Sie haben ja. eine braune Nase und braune Wangen und dabei die weiße Stirn! Grad so häßlich wie Lmtnant Tefsky, wenn er das Manöver über­standen hat."

„Er ist im Gebirg zu Fuß herumgelaufen", erklärte Agnes, „aber sprich, was ist denn zum Todtlachen?"

Olga reichte dem jungen Mann die Hand und sah ihn mit ibren großen. arauen Augen aufmerksam, beinahe ein wenig dreist an. Unter diesem Blick erröthtrte Albert; zornig über diese seine Unfähigkeit, sein Blut zu be­herrschen, entzog er Olga mit unfreundlicher Mene die Hand.

„Meine Häßlichkeit braucht nicht so genau studirt zu werden", sagte er.

Olga blinzelte ihn schelmisch an, als wollte sie sagen: .Du bist ja doch ein schöner Mann!" Unwillig wandte er sich ab.

„Also diese Lächerlichkeit!" hob Olga an. „Denke Dir, Lejeune schreibt mir, daß er nicht ohne mich leben könne. Er wiederholt seine Werbung und flötet zu mir in dm jammervollsten Tönm von seiner ungehmrm Leidm- schaft."

„Das finden Sie lächerlich!" rief Albert emvört. „Sie habm ohne allm Zweifel diesem MannVeranlassung zu Hoffnungm gegebm."

„Wmn man ein klein bissel mit Jemand kokettirt, braucht dieser Jemand sich nicht gleich Hoffnungm zu machm. Ich habe mich bloß über ihn amüsirt", sagte Olga im Ton der Gekränktm und neigte das dunkel­haarige Haupt.

„An sich und an Ihr Dergnügm habm Sie gedacht, aber nicht daran, daß ein ehrlicher Mann für Wahrheit nehmen konnte, lvas nur verbrecherisches Spiel war!" sprach Albert schmerzlich. Das schöne Mädchm macht« ein verzogenes Mäulchen.

„Schulmeister", sagte sie, „von Jhnm will ich nicht erzogm sein!"

„Schlimm gmug für Sie!" rief Albert heftig. „Die Ereignisse des Lebms könntm noch rauher mst Ihnen umgehm als meine Ermahnungm."

„Meine Cousine und ich habm mehr und mehr das Unglück, Jhnm zu maßfallen", bemerkte Agnes.

„Agnes", sagte der junge Mann in sieffter Be­wegung, „möchtm Olga und Sie zu der Einsicht kommen, daß nicht launenhafte Tadelsucht, daß innige, liebevolle Besorgniß mich treibt, Jhnm warnend zuzurufen!"

In der Furcht, vielleicht noch mehr zu sagen, noch mehr Dinge, noch mehr Antheil zu verrathm, verließ er schnell das Gemach.

„Was war das?" fragte Agnes ein wenig erstaunt. Jhrm Schwager aus der gewohntm, ernstm Zurück­haltung tretm zu sehm, war ihr etwas vollkommm Nmes. Olga stampfte mit dem Fuß; in ihre Wangm war Purpurgluth gestiegen, so daß die Haut in ihrem warmen, hellm Broncetou wie von innerem Fmer durchglüht schien.

„Er ist unausstehlich!" rief das junge Mädchm und lief ans Fenster, um chm nachzusehm. „Unausstehlich — und doch mag ich ihn schrecklich, schrecklich gern leiden, so gerir, Agnes, daß ich, glaube ich wohl, die Dummheit beginge, ja zu saam. falls er mir einm Heirathsantrag machte. Wer glücklicher Weise hat Albert p viel Respekt vor mir; er weiß, daß ich nicht die Frau für einm Mann bin, der meine Schneiderrechnungm nachsieht."

„Lejeune hätte es nicht gethan", sagte AgneS ruhig.

„Pah — Lejeune", sprach Olga verächtlich, „der hätte sich von mir unter dm Pantoffel kriegm lassm."

In diesem Augenblick kam die Jungfer und meldet dm Lmtnant von Defsky.

„Ich bitte!" sagte Agnes mit lebhafter Sttmme und erhob sich schnell.

Als Albert die Trevve hinabstürmte, rannte er auf dem Flur mit dem Leutnant zusammen. Der junge Offfzier, der Albert nahezu um einm Kopf überragte und, wie Olga zu saqm pflegte, „mtzückmd" gewachsm war. grüßte erfreut. Albert, der sonst durch die unver- wüstlicke Heiterkeit und Liebmswürdigkeit des Lmtnant» entwaffnet wurde, fand hmte das bräunliche, lachend« Gesicht mit dem keckm Schnurrbart und dm rundm dunklm Augen unerträglich. Auf die Fragm DefskyS, wie er dm Sommmer verlebt habe und ob dir Dame» obm zu Sause seien, batte er nur knappe Worte, und in» dem er sich damit mtschuldigte. daß sein Neffe draußen seiner harre, ließ er den Lmtnant stehm, der ihm un­behaglich nachsah, als er das Hauschor hinter sich zu«

schlug. . .

(Fortsetzung folgt.)

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