so. Jahrgang.
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IU 580* Redaktious-Fentfprecher N». 52.
Freitag, den 12. Dezember.
BerlagS-Fernsprecher No. 22SS.
1902.
Abend-Ausgabe.
Deutscher Keichstag.
Berlin, 11. Dezember.
Am Bunöesrathstische Graf Bülow, Posadowsky, Thielmann, Richthofen. Auf der Tagesordnung steht die Weiterberathung des Zolltarif-Gesetzes: 8 1 Absatz 1 nebst Antrag v. Kardorff und einer Anzahl von links gestellter Abänderungs-Anträge. — Abg. Basser - mann (nat.-lib.) bittet, sämmtliche Abänderungs-Anträge abzulehnen. Es handle sich hier um ein Kompromiß, von dem er glaube, annehmen zu dürfen, daß auch die Regierungen ihm zustimmen. Das Kompromiß trete in Bezug auf die Mindestsätze der Regierungs-Vorlage bei. Nur für Braugerste trete eine Erhöhung ein aus 4 Mk. Andererseits enthalte das Kompromiß im Generaltarif einige Herabsetzungen der von der Kommission beschlossenen Zollsätze. Der Verzicht auf weitergehende Wünsche war nicht allen Theilen der Mehrheit leicht, aber dieser Verzicht werde ihnen erleichtert dadurch, daß die Kommission den Tarif in 112 Sitzungen reichlich und reiflich erwogen habe, sowie dadurch, daß es sich hier nur um den autonomen Tarif handle, der ja doch nur als Grundlage für die Vertrags-Verhandlungen mit dem AuSlande dienen soll. Wir haben die Ueberzeugung, so fährt Redner fort, daß die Regierung, auch wenn wir auf die Bindung der Viehzölle verzichten und wenngleich bei den Jndustriezöllen einige Herabsetzungen erfolgt sind, dennoch Alles thun werde, um die Interest« sowohl der Landwirthschaft überhaupt und der Viehzucht, sowie auch die Interessen der Industrie bei den Handelsvertrags-Verhandlungen zu wahren. Ich bitte den Herrn Reichskanzler um eine Erklärung hierüber. Es handle sich hier um eine hohe nationale Aufgabe (Gelächter links). Wir freuen uns, daß der jahrelange Kampf zum Abschluß kommt, wir werden dadurch dem Lande die Ruhe wieder geben und damit die Interessen des Landes wahren. (Beifall.) — Reichskanzler Graf Bülow erklärt, er müsse hervorheben, daß es sich hier hauptsächlich um den autonomen Tarif handle, der bestimmt ist, als Grundlage zu dienen für die Handelsverträge. Entscheidend könne es daher nicht sein, wenn die Sätze des Tarifs einige Abänderungen nach oben ober nach unten hin erfahren haben. Die Regierungen müßten aber Werth darauf legen, daß die Sätze des Tarifs nicht allzu große Abschwächungen erfahren. Als erwünscht könnten es die Regierungen nicht bezeichnen, daß die Jndustriezölle verschiedentliche Herabsetzungen erfahren haben. Sie würden aber, falls der Reichstag solche Herabsetzungen beschließen sollte, dieselben in der Wichtigkeit der Sache entsprechende und wohlwollende
Erwägung ziehen. Die Regierungen seien entschlossen, der heimischen Viehzucht einen solchen Zollschutz zu sichern, wie er nöthig sei, um unserer Viehzucht eine gedeihliche Entwickelung zu ermöglichen und zu gewährleisten. Die Regierungen würden in die Handels-Verträge auch keine Bestimmungen aufnehmen, welche uns verhindern könnten, Veterinär-Maßnahmen zu treffen, um die heimische Viehzucht zu schützen. — Die Erklärung des Reichskanzlers wurde aus der linken Seite des Hauses mit Lachen ausgenommen. — Präsident Graf B a l 1 e st r e m theilt alsdann dem Hause mit, daß ihm Seitens des Abgeordneten Albrecht und Genossen (Soc.) zwei umfangreiche Amendements zngegangen sind, eins zu dem Anträge Kardorff, eins zu dem Tarif. Die Amendements umfassen 70 mit der Schreibmaschine geschriebene Seiten. (Große Heiterkeit.) Die Verlesung dieser Amendements Seitens der Schriftführer nimmt 1s/z Stunde in Anspruch. Der Präsident stellt die beiden Anträge mit zur Diskussion. (Heiterkeit.) — Abg. Bebel (Soc.) erblickt eine Verhöhnung und Diskredi- tirung des Parlamentarismus in der kurzen Zeit, wie Abgeordneter Bassermann vorhin zu einer Frage von so ungeheurer Wichtigkeit gesprochen und den Antrag von Kardorff empfohlen habe. Ebenso werde der Parlamentarismus diskreditirt durch die i 1 /* Minuten lange Rede des Reichskanzlers. Redner wendet sich weiter gegen die Regierungen, die jetzt geschlossen Tarifänderungeil zustimmtcn, die zum Theil von ihren Vertretern in der Kommission als unannehmbar bezeichnet worden seien, und zwar, weil auf Grund derselben Handels-Verträge nicht möglich seien, und nun seien die Regierungen bereit, die Kommissions-Vorlage mit Haut und Haaren zu verschlucken! Das sei eine Blamage für die Regierungen. Heiße es doch bereits, die Regierungen nähmen die Kommissions-Vorlage nur mit der Absicht an, die hohen Sätze später auf dem Wege einer Novelle wieder herabzusetzen. Was sei das für eine Gesetzgebung? 'Seien hier noch Gesetzgeber oder Kesselflicker? (Heiterkeit.) Die Mehrheits-Parteien hätten mit dem Antrag Kardorff die Geschäftsordnung einfach nicöergetrampelt. (Lebhafter Beifall links.) — Vicepräsident Graf S t o l b e r g macht den Redner darauf aufmerksam, daß er so etwas nicht sagen dürfe. — Weiter verbreitet sich Redner über die Art des Entstehens des Zolltarifs. Nur agrarische Interessen hätten dabei mitgewirkt. Wenn man sage, an dieser Verständigung zwischen Regierungen undMehr- heit seien nur die Socialdemokraten schuld, so bemerke er, es möge ja im Lande noch Gimpel geben, die das glauben. Hier in diesem Hause glaube es Niemand. Sie sagten sich so: Die Taube in der Hand (Heiterkeit bei der Mehrheit) ... ich sage absichtlich: Die Taube in der Hand, denn das hier ist kein Sperling, ist uns lieber, als das Huhn auf dem Dache. (Stürmische Heiterkeit.) Und als dann die Beute Ihnen sicher war, dann kam die Gier über Sie. Sie werden eS jetzt fertig bringen, daß
Sie Ihren Klassengenossen diese Beute als Weihnachtsgeschenk auf den Tisch legen, aber bei den Wahlen wird man Ihnen klar machen, welchen Verrath Sie an dem Volke geübt haben. Ein Volksgericht wird über Sic Hereinbrechen, wie noch nie. (Lebhafter Beifall links.) — Abg. Müller- Meiningen (freis. Volksp.) geht kurz auf die Auseinandersetzungen mit dem Abgeordneten Bebel ein wegen dessen Aeutzernngen vom 1. Dezember über die Haltung der freisinnigen Volkspartei in der Kommission. Die damaligen Behauptungen Bebels seien falsch gewesen, wie aktenmäßig nachgewiesen werden könne. (Oho!-Rufe links.) Redner geht ausführlich auf den Zolltarif ein, namentlich aus die Positionen Gerste, Mais. Entsprechend dem zum Antrag Kardorff gestellten Abänderungsantrage Bargmann verlangt Redner weitere Herabsetzung der Zollsätze auf Hülsenfrüchte, vor Allem auch auf Hopsen, weiter auf Gras- und Klee-Saaten und Gemüse. Bekämpfen müsse er die Obstzölle, den Kartoffelzoll, den hohen Gerbstoffzoll, die Zölle auf Bich, Cacao, Thee, Heringe. Die Erhöhung des Eierzolles sei eins der stärksten Stücke einer volksfeindlichen Schutzzoll-Politik, ebenso die hohen Papierzölle. Daß die hohen Zölle des autonomen Tarifs noth- wendig seien süp die Verhandlungen über neue Handels- Verträge, das sei doch eine zu naive Auffassung des Reichskanzlers. Nachdem Redner noch die staatsrecht» liche Frage gestreift, erklärt er, daß seine Freunde diesen Zolltarif bekämpfen aus Handels- wie aus socialpoli- tischeu Gründen, weil er die Lebenshaltung der unteren Klassen beeinträchtigt, aber auch ans verfassungsrechtlichen Gründen wegen der Art, wie der Tarif unter Bruch der Verfassung zu Stande gekommen sei. (Beifall.) — Abg. Gothein (freis. Ver.) weist hin auf das Schweigen der Mehrheit, die sich mit den wenigen Vaster- mann'schen Ausführungen begnügen zu wollen scheine. Nachdem Redner das Verhalten der Nationalliberalen gekennzeichnet, übt er Kritik an der Regierung, die jetzt trotz ihrer Unannehmbarkeits-Erklärung in Bezug auf Quebracho und Gemüse und andere hohe Zollsätze dennoch einen solchen Tarif acceptire. Als Redner darauf zu sprechen kommt, daß unsere ganze politische Beamtenschaft konservativ durchseucht sei, erhebt sich auf den konservativen Bänken ein ironisches Uhu! (Beifall links.) — Abgeordneter Liebermann von Sonnenberg (An- tisemit) hält den Socialdemokraten vor, sie hätten sich hier erwiesen als die Kraft, die stets das Böse wolle und stets das Gute schaffe. Bei den Socialdemokraten habe sich die Regierung zu bedanken, wenn jetzt dieser Tarif zu Stande komme. — Wenn alle vorliegender: Abänderungs-Anträge abgelehnt würden, müßten seine Freunde gegen den Antrag Kardorff stimmen, denn unter ersteren sei Manches, was seine Freunde für nothwendig hielten. Hierauf geht ein Antrag Spahn (Centrum) ein auf Schluß der Debatte über 8 1 Absatz 1, Antrag Kardorff und Abänderungsanträge. Der Antrag Spahn
Mchard Wagners erste Frau.
Lebensbild von Adolf Oppenheim.
V.
Das pvlithchc H-stheater i« Dresden. — Die königliche repnbli- kanilche Sängerin Wilhelmine Schrötcr-Devrient. — Intrrgnen hinter den Coulisien. — DaS nnterlaffene Konzert. — Mina rührt ihre» Gatten aus Dresden.
Die revolutionäre Bewegung, welche im Jahre 1848 init werügen Ausnahmen beinahe alle Staaten Europas mehr oder weniger berührte, hatte auch das Königreich Sachsen ergriffen. Mehr oder minder haben sich alle freiheitsliebenden Männer dieser Bewegung, die man durch Versammlungen und später auch an den Barrikaden vorwärts zu bringen glaubte, angeschlossen. Auch Richard Wagner ward mit August Rockel und vielen Andererr. die der königlichen Hofbühne irr Dresden angehörten, in den Strom der Bervegung gerisserr. Da wir kein Geschichtswerk, sondern nur die Lebensskrzze der ersten Frau Waqners fchreiberr, so werden wir die Tage der Revolution in Dresden und die Betheiligung und Flucht des königlich sächsischen Hofiapellmersters nrrr m soweit berühren, als dessen Frau dabei ihre Mitwirkung besichtigte. . _ ^ r ., . ,
Das königliche Hoftheater rn Dresden glich m den Sturmtagen der Jahre 1848/49 zum Entsetzen des Intendanten, Gehcimrath v. Lüttichau, einer Monarchie mit zahlreichen politischen Mitgliedern; sie waren unter den alten Musikerir und Beamten des Theaters und einigen Schauspielern zu finden. „Die Sänger und ein anderer Theil der Komödianten des Königs gehörten der Linken, die Mehrzahl der Musiker und Choristen und jüngeren Mitglieder unter Fübrung des Musikdirektors August Röckel der radikalen Gruppe an. Selbst Titatschck ent- deckte so lange kein konservativer Beainter in der Nähe war, sein republikanisches Herz, trug einen Heckerhut. wenn er in der Briidergasse bei Hempel einer Versamin- lung der republikanischen Gruppe beiwohnte, und eine gut konservative Angströhre, so bald er in dieNäbe derResideirz kam. Auch die Damm des königliche,: Theaters wurden von dem politischen Strom fortgerissm. Jhnm voran die berühmte Sängerin Frau Wilhelmine Schröder- Tevrient, die nach ihrem Wschied von der Bühne in
Dresden lebte. Mess hielt die republikanische Fahne immer hoch. Ihr damaliges politisches Glaubensbekennt- niß hat sie einer Darne ins Album geschrieben:
„Alles für das Volk, nichts für den Kaiser!"
Wilhelmine Schröder-Devrient, königliche Hofopernsängerin.
Das Wort „königliche", das die gute Wilhelmine bei ihrer Unterschrift nie hinzuzufügen vergast, tödtete freilich das revublikanische Glaubensbekmntiüsz, aber sie liebte es, so lange die Sturmbewegung dauerte, ihre politische Gesinnung sichtbar zur Schau zrr tragen.
Von Richard Wagners republikanischer Gesinnung hielt Frau Schröder-Devrient, die eine intime Freundin des Wagner'schen Hauses war, nicht viel. Als einst von Wagner und dein Märchen die Rede war, daß er, wie Kinkel, die Fahne des Ausstandes einer Schaar vorangetragen lind mls den Barrikaden Dresdens kämpfend gesehen worden. rief sie entrüstet: „Solchen Blödsinn glaubt in Wahrheit selbst Oppel (der Untersuchungsrichter in Sachsen gegm Wagner) nicht, und der glaubt doch Alles, was man ihm zuträgt. Die Barrikadenkämpfer waren aus ganz anderem Holz geschnitzt und hatten vor Allem nicht die Frau am Rockschotz hängm wie Wagner. Freilich habm gewisse Personen, dmen sein Genie im Wege war, ihn als Barrikadenhelden und weist Gott was noch ausgeschrieen. So", damit wandte sie sich einigen Herrm, die die Worte hörten, zu, „nun kann man mich wieder als Hochverrätherin dmunzirm und wieder einsperren, well ich den armm Wagner ver- theidigte."
Die wenigen drastischen Worte der Künstlerin zeichnen die Situation mehr als lange Beschreibungen. Wer die Leidmsstationen Richard Wagners gmau sürdirt, wer das Leben und Wirkeir des Komponistm auch in seinem traulichen Heim in Dresden, das bis heute weniger die Oeffensiichkeit beschäftigt, kennen zu lernen Gelegenheit hatte, wird erstaunt sein, immer von dem großen Revolutionär Richard Wagner zu lesen, dei in Folge seiner Beiyeiligung am Maiaufstand in Dresden im Jahre 1849 aus der Residenzstadt, und wei er mit bewaffneter Hand auf den Barrikaden stand, cm- Sachsen fliehen, und einen Theil fernes Lebens iii Kummer und Noch im Exil, fern der Heimach, ver-
bringen mußte. „Das Genie, die Kunst des Meisters, der als verbannter Revolutionär im Exil lebte, hielt freilich siegreichen Einzug selbst dort, wo die Königstreu« Wache am Thore der Kunst hält, noch bevor Richard Wagner den deutschen Boden wieder betreten durfte. Dies war keine Gnade der Höheren, sondern das Verdienst des Meisters, das sich selbst wider Willen der Gewaltigen Bahn brach." — Richard Wagner war, wie damals ein groster Theil der Bevölkerung Dresdens, theoretischer Republikaner, einer jener Helden des Jahres 1848/49, die später Ministerposten einnahmen oder als Führer der nationalen Partei zu Ehren und Würden gelangten. Ein Revolutionär mit einem Kopf voll liberaler Gesinnungen und einen: warmer: Herzen für ein einiges Teutschthum. „Bewaffnet hat der Here Hofkapellmeister nie auf den Barrikaden gestanden, daran hinderte ihn thatsächlich, wie Frau Schröder-Devrient, die Freundin des Hauses, treffend lachend bemerkte — seine Frau Mina. Und dieser Umstand war das Glück Richard Wagners und trug wesentlich dazu bei, daß der Komponist anrnestirt wurde. Frau Mina Wagner konnte es nicht verhindern, daß ihr Mann mit Freunden, Kollegen rurd Gesinnungsgenosse!: in Versammlungen
ging, sich der allgemeinen Bewegung anschloß und Reden hielt, aber sie bat Richard so lange, bis er ihr auf das Wort versprach, keine Waffe zu gebrauchen und die Barrikaden zu ineiden. Mina ließ in jener Zeit ihren Mann, der ein junger Brausekopf und Feuergeist war, nicht aus den Augen und hinderte ihn so, manche That zu begeherr, die später schwer ins Gewicht gefallen wäre. Me Anklage gegen Richard Wagner lautete bekanntlich: „Wegen Theilnahme an der Revolution in Dresden im Mai 1849."
Musikdirektor August Röckel, der Freund Richard Wagners, und der als letzter Märtyrer als Gefangener wegen angeblicher Betheiligung an den Mai-Aufständen !848/49 volle dreizebn Jahre saß, hält die bewaffnete getheiligung Wagners am Ausstande für ganz ausge- schlossen und schreibt: „Richard Wagner — dessen spätere, mgjährige Verfolgung ihren einzigen Grund nur in >m Zorn darüber haben konnte, daß er zwischen Berufs- flicht und Gewissen zu unterscheiden, und auch als .oniglicher Kapellmeister noch frei zu denken wagte —
