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Verlag Langgaffe 21

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Dienstag, 3. Rugust 1915.

Abend-Ausgabe.

Nr. 356. ♦ 63. Jahrgang.

Der Krieg.

von den östlichen Kriegsschauplätzen« Mitaus Zoll.

„Mitau wurde gestern von unseren Truppen nach Kampf genomnren, die ganze Stadt ist im allgemeinen unversehrt." Mit diesen Worten von alleräußerster militärischer Knappheit wird ein Ereignis von der Obersten Heeresverwaltung mitgeteilt, das die Herzen der Deutschen und ihrer Verbündeten in Freude höher schlagen lassen wird. Die Einnahme von Mitau mag strategisch zu werten sein, wie sie will; politisch und stimmungsgemäß bedeutet sie wiederum einen wichtigen Markstein auf unserem Sieges- zlige. Die Hauptstadt K u r I a n d's ist in unserem Besitz — diese Tatsache ist ein neuer schwerer Schlag für das Selbstbewußtsein der Rüsten und ihrer Bundes­brüder. Mitau ist eine ansehnliche Stadt mit zahl­reichen öffentlichen Gebäuden. Von den 35 000 Ein­wohnern sind zwei Drittel Deutsche! Sehr stark (24 Prozent) ist auch die jüdische Bevölkerung; der Rest verteilt sich aus Letten, Litauer, Polen und Russen. Mitau ist eine Gründung des Schwertritter- ordcns (1235), der dort eine Ordensburg und Kom­mende besaß. Von 1561 bis zur Annexion durch Ruß­land (1795) war Mitau Residenz der Herzoge von Kur­land und besitzt aus dieser Zeit noch ein Schloß im Rokokostil auf einer Flußinsel, die durch Zuflüsse der letzt wohl die neue Linie unserer Stellung bedeutenden Kurländischen A a. die bei Rig« (50 Kilometer nordöst­lich von Mitau) in den Rigaischen Meerbusen mündet, gebildet wird. Die Eroberung Mitaus ist also gewiß von politischer Bedeutung. Während die russische Dampfwalze in Ostpreußen bald zum Stehen kam und die östlichen Heerhausen vernichtend aufs Haupt ge­schlagen wurden, vermag ein verhältnismäßig kleiner Teil der deutschen Armee auf einem Nebenkriegsschau­platz eine wichtige und große Stadt wegzu- nehmen, ohne daß der Millionenfeind diese Blamage verhindern kann. Welch ein Zeichen der deutschen Kraft und des kriegerischen deutschen Unternehmungs­geistes. daß man es riskierte, hier, weit vom Zentrum der eigentlichen, der schwersten Kämpfe entfernt, dem Feinde einen empfindlichen Stoß zu versetzen! Keine 50 Kilometer trennen uns noch von Riga, der wichtig­ste n Handels- und Hafen st adt Rußlands an der Ostsee. Unsere Feinde werden wohl wieder mit süß­saurer Miene sagen, die neuen deutschen Erfolge auch in Kurland seien ohne jede Bedeutung, ja, sie ent­sprächen nur der höheren russischen Strategie. Nun, solche Verlegenheitsreden werden das deutsche Volk nicht beirren in seiner Freude an dem Errungenen und in seiner frohen Zuversicht auf die weitere siegreiche Tätigkeit unserer Armee.

Kampflose Räumung Warschaus?

Lr- Krakau, 3. Aug. (Eig. Drahtbericht. Zens. Bin.) Polnische Zeitungen melden ans Grund von Mitteilun­gen von Personen, die aus Warschau nach P e t r i k a n gekommen sind, in Warschau herrsche allgemein die Meinung, die Russen würden ohne Kampf aü- zichen. Tic schwere A r t i l l e r i e sei bereits fort­geschafft worden. Die Militärmagazinc, die Lebensmitteln und Munition enthalte», wurden g e - räumt. Der serbische, französische und bel­gische Konsul haben Warschau Verlusten. Die Kanzlei des Oberpolizeimeisters hat ihre Tätigkeit einge­stellt, desgleichen die Funktion der Gerichte. Die Be­völkerung kauft in Massen Lebensmittelvorrätc. Aufhetzung der Bevölkerung Warschaus gegen die verbündeten Truppen.

Br- Wien, 3. Aug. (Eig. Drahtbericht. Zens. Bin.) Ans Warschau wird über Krakau gemeldet: Die Be­wohner der Häuser in der Nachbarstadt der prächtigen Weichselbrncken erhielten den Befehl, ihre Wohnun­gen schleunigst zu räumen. Man glaubt, daß die Brücke gesprengt werden soll. Ferner wird berich­tet, daß von den russischen Behörden die Nachricht vcr- -brcitet wird, daß die Verbündeten Truppen nach ihrem Einzug in die Stadt große Kontributionen er­heben werden. Mit Hilfe der Regierung sind die Ochrana und ihre Stützen am Werke, um den Pöbel und die unsicheren Elemente aufzuhetzen, damit sie den einrückenden verbündeten Truppen Widerstand leisten.

Verwüstung und Gebe zwischen Weichsel und Bug

Wie die Bevölkerung zur Flucht getrieben wurde.

Br. Wien, 3. Aug (Eig. Drahtbericht. Zens. Bin.) Der Berichterstatter des „Az Est" meldet: Zwischen der Weichsel and dem Bug sieht es jetzt traurig aus. Die Dörfer, die nicht verbranirt wurden, stehen leer. Kaum zwei oder drei Leute sind zu Hause, die sich verstecken konnten. Die russische

Heeresleitung ließ verbreiten, daß die deutschen Soldaten die Kopfe der Bewohner abschlagen und auf Pfähle st e ck e n. Die Frucht konnte aber nicht weggeführt werden. Die Räumung der Gegend hat übrigens keine beson­dere Wirkung auf unsere Truppen; sie trifft in Wirklichkeit nur die Armen und unglücklichen Bewohner des Landes, die der größten Nor entgegengehen.

Die Siegesbeute im Osten feit Anfang Mai.

(Von einem höheren Offizier.)

Die auf dem östlichen Kriegsschauplatz seit Anfang Mai gemachte Siegesbeute beträgt:

•m Monat M a i Gefangene Geschütze Maschinengewehre :n Galizien . . 269 732 251 576

nördlich des N j e m e n 24 700 16 74

südlich des N j e m e n 6 943 — 11

Sa,: 301375

im Monat Juni

in G a l i z i e u . . 194 521

von den Truppen des

G.-F.v.H indenburg 25 695

267

96

7

661

364

62

Sa.: 220 216

100

416

ini MonatiJ u l i '

zwischen Ostsee und

Pi li ca .... 95 023

41

230

auf dem südöstlichen

Kriegsschauplatz . . 126 888

16

202

Sa.: 221 861

57

432

Die G e s a m t b c u t e beträgt

demnach:

743 462 Ge-

sangene, 424 Geschütze. 1509 Maschinengewehre.

Nimmt man die Gefechtsstärke eines Armeekorps zu 30 000 Köpfen an, so entspricht die Gesamtzahl der seit An­fang Mai gemachten Gefangenen der Gefechts st ärke von 24 bis 25 vollen Armeekorps. Um so viel ist also das russische Heer allein an Gefangenen ge­schwächt worden. Dazu treten noch die blutigen Ver­luste, die ebenfalls nicht unbeträchtlich sein werden. Daß die Offensivkraft des russischen Heeres dadurch bedeutend vermindert sein muß, ist einleuchtend.

Aus dem Reichsrat.

W. T.-B. Petersburg, 2. Aug. (Nichtamtlich. Peters­burger Telegraphen-Agentur.) Aus der Duma begaben sich die Minister in den Reichsrat, wo sie die gleichen Reden hiel­ten. Die Redner aller Parteien sprachen ihre Zustimmung aus. Die Palen begrüßten die Erklärung der Regierung, betreffend die Autonomie Polens. Der Pole VeliovolLkv sagte: Unsere Städte sind zerstört, unsere Dörfer in Asckie gelegt. Der Feind sieht vor den Toren unse­rer Hauptstadt. In dieser geschichtlichen Stunde erklären wir, daß das Ziel, das wir von Anfang des Krieges an im Auge gehabt haben, nicht von einem Sieg oder einer Niederlage ab­hängig ist. Wir hoffen, daß mit Gottes Hilfe Polen wieder hergestellt werden wird in der Vereini­gung mit Rußland unter dem Zepter unseres Monarchen.

Rutzland darf nicht auf Englands Hilfe rechnen:

London, 3. Aug. (Zenf. Bln.) Die „Times" entwickelt in einem Artikel die Frage, was nuin mit den Festungen: Nowogeorgijewsk, Warschau und Jwangorod geschehen werde. Werden sie geräumt oder werden sie besetzt gehalten? Durch diese Festungswerke laufen die Eisen­bahnen, die die Deutschen für die Fortsetzung ihres Vor­marsches nötig hüben, und dieser Vormarsch wird be­hindert werden, wenn die Eisenbahnein, sei eS auch nur zeitweise, nicht voll­ständig in den Händen -tzr Deutschen sinid. Werden jedoch Bcsatznngen in den Festungen zurückgelasien, dann sind dafür mindestens 100 000 Mann nötig, die man wohl niemals Wiedersehen wird, da gegen das deutsche Ge­schütz die Festungswerke sich dach nicht hrlten können. Es spricht also manches da­für, die Festungswerke den Deutschen zu über­lassen. Der G r o ß f ü r st werde Wohl wissen, was er im Interesse Rußlands zu kün habe, meint die „Times". Fetzt komme .ruch der Augenblick, im dem d-e Russen Hilfe ans dem Westen erbitten werden. Das Matt erklärt, daß diese Hilfe nicht gegeben wer­den könne. Auf dem west­lichen Kriegsschauplatz hiel­ten die Verbündeten zwei Millionen Deutsche fest, und an den Dardanellen verhinderten sie die Türken, sich nach der kaukasischen Front zu begeben. „Ruß­landwürde eS nichts nützen, wenn wir auf Aben­teuer (?!> ausgingen", sagt die „Times", „denn das Ärgste, was Rußland geschehen könnte, würde sein, daß Franzosen, Engländer und Belgier nicht mehr imstande wären, gegen Deutschland standzuhalten."

Auch die französische Preffe bereitet auf den Kall Warschaus vor.

W. T.-B. Paris, 3. Aug. (Nichtamtlich. Drahtberichi.) Tie Presse ist voin Gange der Ereignisse und der Schlacht in Polen überrascht. Die Ausgabe der Eisenbahn Lublin- Cholm durch das russische Heer und das Überschreiten der Weichsel durch österreichische und deutsche Truppen nördlich I w a n g o r o d wird von dem größten Teil der Presse als entscheidendes Moment betrachtet, der die Russen zwingt, bis Brest-Litowsk zurückzuyehen. Die neue Front habe neben anderem auch einen Vorteil, kürzer zu sein als die alte. Die Presse erörtert schon die Folgen einer Räumting Warschaus und glaubt, daß die Räumung auf die neutralen Staaten zugunsten der Zentral­mächte Einfluß ausübe, was inimerhin ein beträchtlicher Erfolg der Zentralmächte sei, außerdem werde die Stimmung in Deutschland gehoben. Die Presse macht daraus aufmerksam, daß der Fall Warschaus eine d e n t s ch e Offen­sive in Frankreich erwarten lasse. Diese wäre wohl d'» Nächstliegende strategische Folge des Falles der Weichselsestung.

Tine Rede Ssasonows in der Duma.

W. T.-B. Petersburg, 2. Aug. In der Reichsdumra hielt der russische Minister des Äußern. Ssasonow, die folgende Rede: Am Jahrestag des verhängnisvollen Tages, wo im Gegensatz zu unseren Bemühungen (!), den Frieden zu erhalten, Deutschland uns den Krieg erklärte, der ganz Europa in diesem beispiellosen Brand steckte, ist es nötig, einen Blick in die Vergangenheit zu werfen und ein Gesamtbild der Ereignisse des vergangenen Jahres zu entwerfen. In diesem Jahre nehme ich hier mit kaiserlicher Erlaubnis zum drittenmal das Wort. Durch meine früheren Reden so­wie durch den authentischen Briefwechsel des Ministeriums sind Ihnen die Tatsachen genügend bekannt, die zu dem großen gegenwärtigen Zusammenstoß der Völker führten, und Sie wissen, daß weder Rutzland noch seine Verbündeten die Ver­antwortung für die zahllosen Leiden tragen, die den Krieg begleiten. Deshalb werde ich nicht über schon besprochene Dinge reden. In diesem Augenblick von höchster Spannung aller Kräfte, wo wir alle hier vereint sind mit dem e i n z i g en Ziel, unfern heldenhaften Truppen siegen zu helfen, ist die Zeit für das begonnene Werk kostbar. Deshalb werde ich mich daraus beschränken, einen Überblick über die gegenwärtige politische Lage zu bringen, indem ich Ihnen schon von vorn­herein sage, daß, wenn Sie nicht die endgültige ' Lösung der Fragen finden, die Sie mit Sorgen er-

Zur Einkreisung von Warschau

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