Wiesbadener Tsgblsü.
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Dir Angiistrung itcs Transvaals.
ltnfer Londoner u-Korrespondent schreibt untei dem 28. November: Die Frage, auf welche Weise de, Transvaal und in zweiter Linie auch die Oranjefluß. Kolome anglisirt werden könnte, bildet noch heute wn schon vor dem Friedensschluß den Gegenstand eifriger Erörterungen. Als sie seiner Zeit Cecil Rhodes, dem Anstifter des südafrikanischen Krieges, vorgelegt wurde erwiderte dieser: „Lediglich durch Ansiedelung von Enw U! V 3 öanze Gesellschaft, beziehungsweise
das Kolonialamt, nach der Pfeife des südafrikanischen Krösus tanzte, so wurde die bekannte Arnold-Forster'sche Kommission eingesetzt, um iiber die besten Mittel und Wege zur Ausführung der „großen" Idee Ermittelungen anzustellen. Mr. Ehamberlain selber hatte ja einmal einen Gedanken gehabt, der kennzeichnend für dieQualität seines Genies war, den er aber ausgeben mußte, weil die Buren sonst womöglich weiter gekämpft hätten Es handelte sich da um die Konfiskation der Güter aller nach einem bestimmten Datum noch im Felde sichenden Burger und um den Verkauf derselben an ausgediente englische Soldaten. Ten neuesten Anglisirungsplan arbeitete Lord Mttner aus, und soeben trafen auf draht- lichem Wege Einzelheiten desselben hier eiik Wenn wir nichts thun", schrieb dieser Herr seiner Regierung beretts im letzten Januar, „so werden wir uns früher oder später einer ihrem Empfindeii nach fast voll- ständig brittfchen Industrie- irnd Stadtbevölkerung und einer ausschließlich holländischen, landwirthschastlichen und reakttonären Landbevölkerung gegenüber sehen" Daran knüpfte er sodann Vorschläge bezüglich der Ladung von Kolomeen sorgfälttg ausgelesener eng. lischer Ansiedler, die die Verpflichtung übernehmen konnten, in ihren Bezirken Ordnung zu halten. Das nothrge LanD aber sollte auf dem Wege der Expro- priatton, also durch die Verdrängung der Buren beschafft werden. Um diesen Vorschlag nicht gar zu gewaltthätig erscheinen zu lassen, fügte Miner noch hinzu: „Es ist unsere Pflicht und liegt in unserem Interesse, den Buren als Landwirth zu erhalten, aber gegen beide würde es verstoßen, wenn wir ihm gestatteten, auch fernerhin die Rolle eines faulenzenden Großgrundbesitzers zu spielen " WÄche Gegensätze! Daheim wird gerade diese Faulenzer- nasse als das Rückgrat des Staates betrachtet, und das Prinzip, welches dem Expropriattonsplane zil Grunde liegt, verurtheiltc bisher, wenn von anderen Nationen an- gewendet, Niemand hefttger als die Engländer Mr Chamberlain gab dem Milner'schen Projekte seine volle
Zustimmung, denn er hoffte mtt Hilfe desselben die neuen Kolonieen gewissermaßen durch Garnisonen von geprüften Loyalisten regieren zu können. Was den soeben drahtlich gemeldeten neuen Plan anbetrifft, so geht aus dem Aus- zuge zur allgemeinen Ueberraschung nur hervor, daß die neuen Ansiedler entweder dem Corps der sogenannten Nittional-Scouts (Nattonales Spähercorps) angehört haben oder _ der Klasse der sogenannten Bhwoner entstammen müßten. Die ersteren sind jene elenden Buben, die aus den Reihen der Buren zu den Engländern übergingen und somit an dem eigenen Volke Verrath übten, und die letzteren dieiiten bis zu Beginn des Krieges auf den Gehöften als Knechte. Diese Leute auf das den alteingesessmen Buren abzunehmende Land setzen zu .ein geradezu teuflischer Plan, und lvürde selbst dre abfälligste Beurtheilung, welche Mflner als Mann und Polittker bisher gefunden, noch als zu milde erscheinen lassen. Es ist aber nicht unwahrscheinlich, daß der telegraphische Auszug nur neue Einzelheiten meldet und man nach wie vor englische Ansiedler in erster Linie heranzuziehen gedenkt. Ten National-Scouts ist die englische Regierung freilich eine Belohnung für ihren Verrath schuldig, aber wenn dieselbe die bewußte Form annehmen sollte, würde man den Buren iiur aufs Neue Anlaß zu dem Bedauern liefern, das blutige Ringen aufgegeben zu haben, so lang' noch ein Arm die Büchse spannen konnte.
Das Dew-Dorker EhrenrvortMem.
Wer sich in New-York an einem bestimmten Fr fttag rm Monat in den Verhandlungssaal des Ortskrimiual- gerichts begiebt, wird Zeuge einer Scene fein, d e er sicherlich nicht sobald wieder vergißt. Der Saal ist zum größten Theil mit Knaben und Jünglingen gefüNi, die hierher bestellt werden, um die Berichte über sich selbst anzuhören. Die jugendlichen Gesetzesüberschreiter wer- oon nämlich nach dem neuen System zunächst wed?r ins Gefangnlß, noch in eine Besserungsanstalt geschickt, es wird ihnen vielmehr feierlich das Ehrenwort abge- nommen, sich zu bessern, ehe sie nach einer eindringlichen Mahnrede des Richters vorläufig auf freien Fuß gesetzt werden. Auch müssen sie dem betreffenden Richter kort- laufende Berichte über ihr Thun und Treiben zukommen lassen. Von diesen am besttmmten Freitag öffentlich ver- leserien Berichten, welche natürlich kontrollirt werden hangt die Zukunft der unter Ehrenwort Entlassenen ab, denn je nach ihrer Aufführring werden sie entweder unter Erneuerung ihres Ehrenwortes für eine besttmiiite weitere Frist auf freien Fuß gesetzt oder eingesperrt oder leder Strafe enthoben; zumeist ist letzteres der Fall
Häufig sind bis hundert unter Ehrenwort stehender
Knaben in jenem Saal versammelt. Sie werden dev Reihe nach mit Namen aufgerufen und fteten einzeln vor die Schranke. Hr. David Willard, dem vom genannten Gerichtshöfe alle unter Ehrenwort Stehenden zugetheflt werden, sitzt auf der Zeugenbank mit einem ganzen Stoß Papieren vor sich. Er liest mit lauter Sümme die Be- richte des vor den Schranken stehenden jugendlichen Verbrechers vor, der z. B. seinen Chef bestohlen hat und seit zwei Monaten unter Ehrenwort steht. Der einsichtsvoll«! Chef hat ihn wieder ausgenommen, und da der Bursche während der ihni auferlegten Probezeit nicht nur nicht rückfällig geworden ist, sondern getreulich seine Pflicht erfüllt hat, giebt ihn der präsidirende Richter gänzlich der Freiheit zurück und ermahnt ihn, ein tüchtiger Bürger des Staates zu bleiben, da die Natton tüchtige Menschen brauche. Mit stolz erhobenem Haupte und voll Selbstbewußtsein infolge des über sich' errmrgenen Sieges verlassen die freigesprochenen Jünglinge den Saal. Freilich komnit es leider noch oft genug vor, daß die unter Ehrenwort Stehenden nicht die moralisch«! Kraft besitzen, sich gleich das erste Mal aus dem Sumpfs zu erheben._ Schlechte Gesellschaft, traurige Verhältnisse! in der Familie, Noth und Elend bringen Manchen dazu§ wortbrüchig zu werden. Ihre Berichte laufen unregelmäßig ein und zeugen von Rückfällen. In solchen Fällen ertheilt ihnen der präsidirende Richter eine strenge Mahnung, sich zu bessern, erneut das Ehrenwort auf einen oder zwei Monat und erinnert die jungen Leuts daran, daß man ihnm diese Probezeit nur deshalb auferlegte, damit sie aus eigener Kraft wieder nützliche Mitglieder der Gesellschaft würden. Oft stachelt der Nichts auch das Selbstbewußtsein und den Ehrgeiz cm, den Ver- suchungen tapfer zu widerstehen. Auf diese Art wird der Gerichtshof Rathgeber und Führer zugleich; eK waltet nicht die „strenge Gerechttgkeit", sondern die ioeise, wohlwollerrde Menschlichkeit, und sie erzielt viel besser« Erfolge.
In New-Iork übermittelte man Knaben unter 18 Jahren, die bei Gesetzwidrigkeiten ertappt wurden, m ich früher einer Gesellschaft zur Verhinderung von Grau-^ samkeiten gegen Kinder, in deren Obhut sie bis zuml Verhandlungstage blieben, an welchem sie der Gerichtshof entweder einer Anstalt überwies oder freisprach ode» ihren Eltern überantwortete; aber für Nebelthäter übe» 16 Jahre gab es bis vor Kurzem nur Gefängniß. „Einig« Monate Gefängnißhaft und der jugendliche Gesetzesubertreter ist ein dem Untergang geweihtes Menschenkind", erklärte ein bekannter amerikanischer Richter. Z,r Gunsten dieser Jünglinge wurde das neue Ehrenwort- gesetz (die bedingte Berurtheilung) ins Leben gerufen* Ein Hr. Willard, seit 1896 Letter der städttsc^n Gs- fängnißknabenschule, erbot sich, die zum ersten Mal er- tappten jungen Menschen von 16—23 Jahren Versuchs-
Feuilleton.
Zu früh gelebt.
Ein Erinnerungsblatt für Leonardo da Vinci von Woemos.
„Die ungeheueren Umrisse von Leonardos Wesen wirb man ewig nur von ferne ahnen können." In diesen Worten des berühmten Kunsthistorikers Jakob Burck- hardt drückt sich die ganze gewaltige Tragik aus, die über dem Erbengange dieses italienischen Geistesriesen, dieses an künstlerischer Bedeutung unerreicht gebliebenen, an Dokumenten seiner Kunst aber weit hinter seinen weniger begabten Zeitgenossen und Epigonen zurückstehenden Schöpfers des Heiligen Abendmahls im Kloster Santa Maria delle Grazie zu Mailand ausgebreitei lag: wie er im Großen und Ganzen unverstanden blieb von seiner Zeit, so ist ihm auch der Ruhm der Nachwelt in dem Maße, wie er viel, vsel Kleineren vor und nach ihm zu Theil geworden, bis heute versagt geblieben. Erst in neuerer Zeit ist, dank den unermüdlichen Bestrebungen und Forschungen um die Kunsthistorik verdienter Männer, wie Lermoliesf (Morelli), Ucielli, Thausing, Müller-Walde, Adolf Rosenbcrg u. A., auch einem größeren gebildeten Publikum eine Ahnung aufgegangen von der gewaltigen Größe des Meisters, der als Maler der ganzen nachfolgenden italienischen Kunst seinen Stempel aufgedrückt, von dem auch die niederländische Schule ihre besten Anregungen empfangen hat: die natürliche Bertheilung von Licht und Schatten, die bis heute unübertroffene, zur höchsten Naturtreue gesteigerte Anwendung des Hell- Dunkels; der als tiefgritnüiger Forscher bereits jene ewigen Wahrheiten der Wissenschaft aufgefunden, die erst Jahrhunderte später zum Allgemeingut werden sollten, ohne daß man seiner gedachte: die natürlichen Gesetze der Mechanik, die Grundleyren der Anatomie und der Dflanzenphysiologte; der als weitschanender National- ökonom schon damals den hohen wirthschaftlichen Werth von künstlichen Wasserstraßen im ganzen Uinfange ebenso erkannt hatte, wie die hygteinische Bedeutung einer Regu- lirung der natürlichen Flußläufe und Riesenprojekte aus- arbeitete, die zwar nur zum geringsten Theil zur Aus
führung gelangten, die aber in ihrem Grundgedanken so
einfach logisch durchdacht sind, daß man kopfschüttelnd der Ignoranz weiter Kreise, ja selbst führender Geister unserer Zeit gedenken muß, denen die in so bescheidenen Grenzen gesteckten Ziele moderner Wasserwirthschaft unfaßbar scheinen; der endlich als Bildhauer, so weit sich nach der Ueberlieferung annehmen läßt, den höchsten Anforderungen gewachsen war, als Architekt, wenn auch nicht als ansführender Baumeister — dafür fehlen urkundliche Belege — der Baukunst zahlreiche Anregungen gegeben und auf dem Gebiete der topographischen Darstellung Leistungen aufzuweisen hatte, die die der modernen Kartographie weit in den Schatten stellen. Und dieser Universalmensch, der die höchste Vollendung in der Kunst und der Technik, die tiefste Tiefe und die höchste Höhe menschlicher Weisheit zu erreichen strebte, den „ein zweites Mal zu schaffen nicht mehr in der Macht der Natur liegt", wie sich der treue Gefährte seiner letzten Lebensjahre, Francesco Melzi, schmerzvoll ausdrückt, ist vielen, selbst Gebildeten, auch heute noch nür ein entfernt bekannter Name, der nur schwach mit der Erinnerung an das durch zahllose Nachbildungen schon volksthümlicher gewordene Hauptwerk seines Lebens und zugleich das größte malerische Kunstwerk aller Zeiten und Völker, das bereits erwähnte Heilige Abendmahl, verknüpft ist, während man seinen berühmten Zeitgenossen, der seiner Anregung sein Bestes verdankt, Raffael Santi, auch in den ärmsten Hütten nennt. Und doch erreicht Raffael selbst in seinen besten Schöpfungen nicht die geistige Vertiefung, die nach Hermann Grimms schönen Worten in Leonardos Bildnisien „beinahe daö Klopfen des Herzens Derer lesen läßt, die er darstellt." Leonardos Monna Lisa Gioconda wird Denjenigen, der sich in der Absicht künstlerischer Anschauung in den Anblick dieses auf die Nachwelt, wenn auch in verblaßten Farben, so doch noch in leiblich erhaltenem Zustande ge- kommenen herrlichen Frauenbilbes vertieft, auf die Dauer stärker fesseln, als Raffaels Sixttnische Madonna, obwohl es Geist von Leonardos Geist ist, der auch dieser künstlerischen Gcstaltting jenes Leben verleiht, daö nicht verlöschen wird, so lauge noch ein Schimmer des ur- sprüuglichen Farbcuglanzes daran haftet, der Geist, den wir in seiner Erhabenheit nur noch zu ahne» vermögen,
der uns aber mit stummer Andacht erfüllt, wenn wir tat Refektorium von Santa Maria delle Grazie vor dem Heiligen Abendmahl Leonardos in stille Bettachtung versunken stehen, wenngleich der Unverstand stümperhafter Restauratoren und der Vandalismus roher Krieger- schaarcn Alles versucht hat, dieses herrliche Meisterwerk bis auf den letzten Schatten zu vernichten. Schatten nur sind es ja noch, die uns dort in Mailand von der Wand des klösterlichen Speisesaals herab anblicken, aber auch in diesen Schatten empfinden wir noch die einsame Grüß« des Meisters, der sie einst zu blühendem Leben erschuf.
Fragt man nun: worin liegt der Grund, das Ge» hcimniß dieser Unverstandenheit Leonardos, bei Mer An- erkennung, ja höchster Werthschützung seines künstlerischen Genius, zu Lebzeiten, dieser geringen Volksthüm- lichkeit trotz der in Hunöerttausenöen verbreiteten Nachbildungen seines Abendmahls bis auf unsere Zeit? dann ist man gewöhnlich sofort bei der Hand, und auch die liebevollsten seiner Biographen fällen die Endsumme ihres Ur- theils in diesem Sinne mit der Antwort: er zersplitterte sich zu sehr in Versuchen auf den verschiedensten Gebieten« anstatt seine ganze Kraft auf die bildende Kunst zu richten' vergeudete er sie in spitzfindigen theorettschen Untersuchungen; in Allem nach dem Unerreichbaren strebend vollendete er nie etwas, weil es ihn selbst nicht zu b<> friedigen vermochte, ja ihn selbst mit Widerwillen erfüllte, je langer er daran arbeitete. Dies Urtheil scheint mir nur bedingt, mit ganz wesentlichen Einschränkungen rich. tig. Man legt dabei zu wenig Gewicht auf das Hauptmoment, obwohl man es nicht stillschweigend übergeht: auf die nach allen auf uns gekommenen Dokumenten von dem geistigen und künstlerischen Schaffen Leonardos unumstößliche Thatsache, daß er mit seinem kühnen Ge. dankenfluge und seiner ganzen Veranlagung nach seiner Zeit um Jahrhunderte vorausgccilt war; daß man die Verschmelzung des Künstlers mit dem Gelehrten in ihm nicht zu fassen vermochte, diese Mischung vielmehr als eine übernatürliche, teuflische ansah; kurzum - daß er um Jahrhunderte zu friih gelebt hat. Und wenn wir unS heute in erhöhtem Maße dem Studium der geisttgen Hinterlassenschaft deö Meisters zuwenden, wenn sich in immer weiteren Kreisen das Bedttrfniß fühlbar macht, von Leonardo da Vinci etwas mehr zu wissen, als dis
