Einzelbild herunterladen
 

j

I

I

so. Jahrgang.

Erscheint in zwei Ausgaben. - Beziigs-Prei«: «uech den Verlag S« Pfg. monatlich, durch die Post » Mk. so Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

Verlag: Langgaffe 27.

A8,FOO Abonnenten.

Älnzeigen-PreiSr

Die einspaltige Penrzeile sur locale Anzeigen 15 Pfg., für auswärtige Anzeigen 25 Psg. — Reklamen die Peritzeile für Wlcsbaden SO Pf-, für Auswärts 1 Ml.

A»;«ige«.An»»!,me LjLKMUL 3 » " ®*' * Mn ' t " """ ***•“

N« 561.

eaiu- i

Redaktions-Fernsprecher No. 52. _ Dienstag» d»N 8. D^ember.

BerlagS-FernsPrecher No. 2266. 1908»

fij©ii»fl©Bi »lusgabe.

Nie Frauenarbeit in Hessen-Nassau.

Von Alfred Moeglich.

Das verflossene Jahrhundert hat die Ertragfähig­keit der Arbeit in ungeahnter Weise gesteigert. Me Er­leichterung von Verkehr und Güteraustausch, die aus- giebige Benutzung von Dampf und Elektricität, von Benzin-, Petroleum- und Spiritusmotoren, Großbetrieb und Arbeitstheiiung, sowie unzählige wenig beachtete mechanische Verbesserungen berechtigen zu der Ansicht, daß durch das Alles eine enorme Entlastung der Arbeits- Hände herbeigeführt werden müsse. Aber das Gegen­teil ist der Fall. Mit der steigenden Kultur vermehrt sich ohne Frage die Schwierigkeit des Kampfes um das chirtl) schriftliche Dasein für den Einzelnen. Statt die Allgemeinheit zu entlasten, werden die Massen immer stärker in das Arbeitsjoch gespannt; die physische Kraft der Individuen, der Männer, der Frauen, ia selbst der Kinder wird von Tag zu Tag intensiver in Anspruch genommen. Standen 1882 nur 41,9 pCt. der Reichsbe- völkerung in einem ausgesprochenen Erwerbsverhältnitz, so waren es 1895 bereits 42,7 pCt. Vor Allem steigerte sich die Antheilnahme des weiblichen Geschlechts an' der Erwerbsarbeit. Die Zunahme der erwerbenden Männer belief sich für 1882/1895 auf 15,8 pEt., die der weib- lichen Bevölkerung dagegen auf 18,7 pCt. Noch schärfer erscheint dieser Gegensatz zwischen Männeracbeit und Frauenarbeit — wie wir das fortan kurz be- zeichnen ohne Unterscheidung von Mädchen und der- heiratheten Frauen — wenn wir die Jndnstrre allein berücksichtigen. Bei dieser betrug das Steigerungs- Procent für Mäner 28,3, für Frauen aber 35,0 pCt.

Ohne Frage ist diese Entwickelung der nationalen Frauenarbeit eine überaus bedenkliche, umsomehr, als sie zu einem sehr großen Theile verheirathete Frauen betrifft. Dagegen, daß die nnverheirathete weibliche Welt eine umfangreiche Verwendung ihrer freUiegenden Arbeitskraft findet, ist bis zu einem gewissen Grade und mit bestimmten Einschränkungen wenig einzrrweuden. Der Zug der Zeit, dieser alles nivellirenden Elementar- mackst, hat eben mit dem idyllischen Haustöchterihum gebrochen, und weder gesetzliche Maßnahnren noch social- philosophische Erörterungen werden unter den gegebenen unzulänglichen Zeitverhältnissen einen entscheidenden Wandel herbeiführen. Daß aber bereits im Jahre 1890 über 130,000 verheirathete Frauen allein in Fabriken erwerblich thätig waren, daß beispielsweise von samml- lichen Arbeiterinnen in den badischen Cigarrmfabrikm über 87 PCt. Ehefrauen waren: das sind beklaacnS- werthe Zustände, die zuguterletzt mit einem entschieocnen Oualitätsrückgang der Nation theuer bezahlt werden müssen. Bedroht schon im allgemeinen die intensive Fabrikarbeit das Physische und sittliche Wohl des Weibes, so erleidet das häusliche Familienleben, die Ernährung und das Befinden des Mannes, die Kindererziehung eine Störung, die schließlich zur sicheren allmählichen Ent- werthung bezw. Au flösung der Familien der tmrthschaft-

WWW " 1 »•■■WH . . . ... . .

sich schlechter gestellten Bevölkerung führen muß. Den fundamentalen Riß vermögen äenso wenig die Be­mühungen der religiösen Vereine, wie die landläufigen Wohlfahrtseinrichtungen zuzudecken.

Im Gegensätze zu Westfalen, Schleswig-Holstein und der Rheinprovinz gehört die Provinz Hessen- N a s s a u zu den Landesgebieten, in denen das weibliche Element entschieden überwiegt. Neben 923,659 mättn- lichen Personen wurden 1900 974,322 weibliche gezählt. Me abnormenVerhältnisse in Westfalen undRhernland be- ruhen vornehmlich auf der starken fremden Zuwanderung des männlichen Elements, und zwar der jüngeren kräf- tigerenAltersklassen. Ae natürliche unmittelbareFolge ist eine bedeutende Entlastung des weiblichen Geschlechts von offener Erwerbsarbeit. So kommt es, daß das weibliche Element in Westfalen weit weniger erwerblich in An­spruch genommen wird, als in Hessen-Nassau. Abge­sehen von der der weiblichen Bevölkerung allgemein ungünstigen Provinz Schlesien ist die weibliche Erwerbs­ziffer Hessen-Nassaus neben Brandenburg die h ö ch st e im Staate. Nach der 1895er Berufszählung standen fast 210,000 Frauen — dieser Begriff immer ganz weit gefaßt und gleichbedeutend mit „weibliches Gesch'echt" — im Erwerbsleben; das sind 23,5 pCt. der gesammten weiblichen Bevölkerung. Vergleichsweise war die weib­liche Erwerbsziffer in

Westfalen.17,4 PCt.

Rheinland.19,9 „

Sachsen.21,7 „

Schlesien.28,4 „

Dieses Ergebniß ist in bevölkerungspolitischer und volkswirthschaftlicher Hinsicht ein sehr unerfreuliches. Allerdings scheint es durch machtvolle Nebenfaktoren zu einem guten Theil gemlldert zu sein, besonders durch eine gute Lebenshaltung und den allgemein günstigen kulturellen Stand der Bevölkerung. Denn wenn man die Provinz nach dem gerade für unsere Materie in Be- kracht kommenden „empfindlichsten Thermometer der Volkswohlfahrt", der Kindersterblichkeit im ersten Lebens- jahre, abschätzt, ergiebt sich ein überraschend gutes Resultat, welches das von Westfalen noch übertrifft, sich dem der Jdealprovinz Hannover stark nähert und un­glaublich weit von dem schlesischen absücht. Es storben beispielsweise von 1000 lebend geborenen Knaben während des ersten Lebensjahres im Regierungsbezirk

Aurich. 124,5,

Cassel.150.9,

Wiesbaden.154,7,

Breslau. 300,7,

Liegnitz. 805,0.

Trotzdem ist es einleuchtend, daß die weibliche Welt in physischer wie psychischer Beziehung nur günstig be- einflußt wird, je weniger sie in den selbständigen Erwerbs- kampf gedrängt wird. Parallel damit läuft die materielle Lage der Gesammtbevölkerung. Denn wo die Frau er- werblich stark hervortritt, wird die Männerarbeit zurück- gedrückt und die ohnehin schon schwierige Familien­gründung noch mehr in Frage gestellt.

Zu den mildernden Faktoren, die den Frauenerwerb in Hessen-Nassau fies beeinflussen, gehört ein Umstand, der Hessen-Nassau scharf von Westfalen und Schlesien,

noch mehr von Baden und Königreich Sachsen unter­scheidet, nämlich die Beschäftigung in industriellen Be­trieben. In diesen waren 36,572 Frauen erwerbs- chätig, eine auffallend niedrige Ziffer. Von der ge- sammten erwerbenden Frauenwelt waren industriell thätig in

Hessen-Nassau . . . . 17,4 pCt.

Westfalen.21,8 „

Schlesien.22,9 „

Baden ...... 24,3 „

Sachsen (Königr.) . . 48,7 „

Diese Erscheinung söhnt mit manchem anderen Mangel aus und wird von Denen, welche die Lage der sächsischen Frauenwelt genauer kennen, in chrer ganzen Bedeutung gewürdigt werden können.

Demgegenüber muß wieder als ein offenbarer Krebs­schaden für Hessen-Nassau die Thatsache gekennzeichnet werden, daß sich unter den industriell beschäftigten werb­lichen Personen 2946 = 8,04 pCt. in dem jugendlichen Alter von noch nicht 16 Jahren befinden. Dieses Uebel theilt Hessen-Nassau mit Westfalen und dem Rheimand, und muß sich sogar von Schlesien hierin fies beschämen lassen. Hier beträgt der Procentsatz nur 5,08, in Hannover 4,44, in Schleswig-Holstein sogar nur 2,3. Was soll aus jenen 3000 jungen Mädchen werden, wenn sie in diesem Alter nicht geschont werden? Offenbar steht die Thatsache zu manchem klebrigen in einem grellen Mißverhältnis; und verdient eine nähere Untersuchung. Tenn in ihr bergen sich höchstwahrscheinlich die Anfang« einer ungesunden Entwickelung, die nicht früh genug be­kämpft werden können.

In Handel und Verkehr waren hauptberuf­lich 19,231 weibliche Personen thätig. Das sind 9,16 pCt. sämmtlicher erwerbenden Frauen. Westfalen und die Provinz Sachsen lveisen fast die gleichen Zahlen auf, Rheinland ficht mst 11,17 pCt. an der Spitze, der Staatsdurchschnit: ist 8,6 pCt. Das Verhällnitz

Hessen-Nassaus ist demnach normal zu nennen. Wenn wir auch im Großen und Ganzen die Beschäftigung der weiblichen Erwerbsthästgen irn Handelsgewerbe ange- messener finden, als die Arbeit in industriellen Haus- und Fabrikbetrieben, darf doch nicht überschen werden, daß nach dem Stande der gegenwärtigen Gesetzgebung die in den Fabriken Thätigen einen weit umfang­reicheren Schutz genießen. Die Arbeit in den Comptoiren und Kaufhäusern bedarf zum mindesten derselben sorg- fälstgen Beachtung. Besonders erheischen sowohl di« Beschäfttgungsdauer, wie in den offenen Geschäften dis Frage der Mittagspause, des abendlichen Ladenschlusses und der Sitzgelegenheit eine entgegenkommendere Regel- ung als bisher — zum Besten der Arbeit? fährgker: der Angestellten und damit auch zum Besten eines konkurrenz­fähigen Handelsgewerbes. Man begeht sicherlich darin einen Fehler, daß man in unserer Zeit, wo eine wuchtige mechanische Erfindrmg im Stande ist, ungeheuere Unv- Wälzungen binnen Jahresfrist zu verursachen, zu fest an dem überlebten Althergebrachten hängt, in der kurz- sichttgen Meinung, ökonomische Verluste befürchten zu müssen. Wie einst das so selbstverständliche Projekt der Sonntagsruhe nur schwer Aufnahme fand, so ergeht es heute beispielsweise dem 8-Uhr-Ladenschluß. Ter weib-

FenrUero».

Schnurleib und Frauen-Cmancipatron.

Der Zufall hat mir ein Buch in die Hände gespielt, besten Titel ich im letzten Jahre oft hatte nennen hören, von dem ich mir aber nicht denken konnte, daß es meine Theilnahme so lebhaft erregen würde, w-te es das tn Wirklichkeit gethan hat. Der Verfasser ist der Maler Paul Schultze-Naumburg, und das Buch heißt mit einem etwas weitschweifigen, wenig schlagkräftigen Titel: „Die Kultur des weiblichen Körpers als Grundlage der Frauenkleidung". Erschienen ist cs in dem bekannten kunstsinnigen Verlag von Eugen Diederichs in Leipzig, und von den 138 Bildern muß man sagen, daß sie nicht eines Bilderbuches wegen zusammengehäuft sind, sondern daß jedes zur eindringlichen Verdeutlichung der von dem Bcrsaffer gepredigten Lehren dient. Das Buch lehrt durch Wort und Bild, wie der unverkrüppelte, unverschnürte Körper des Mädchens und des Weibes tn Wahrheit auö- steht und was aus diesem schönen Gebilde die seit Jahr- Hunderten herrschend« Mode für eine Ungestalt geschaffen hat. Statt Mode kann man auch einfach sagen: Korsett, denn die wahre, ja fast die einzige Ursache der Berun- staltung des weiblichen Körpers liegt im Korsett.

Es fällt mir nicht ein, zu den unzähligen Straf­predigten gegen das Korsett noch eine zu fügen. Ich bin weder Arzt noch bildender Künstler, kann also mit be» sonberer Sachkunde weder die gesundheitliche noch die künstlerische oder vielmehr unkünstlerische Wirkung des Korsetts fachmännisch beleuchten. Zum Glück ist das auch gar nicht mehr nvthig: bei allen denkenden Menschen, und nicht bloß bet Männern, herrscht nachgerade Ucber- ciustimmung darüber, daß es unmöglich ohne die

empfindlichsten Schäden für die Gesundheit des Weibes bleiben kann, wenn vom zarten Mädchenalter, in der Mehrzahl der Fälle wohl schon vom 12. oder 13. Lebens­jahre an, der weibliche Körper in der Leibesmitte cin- geschnürt wird, und zwar so stark, daß tiefe Ein­buchtungen entstehen, die dem Mädchen wie dem Weibe ungefähr die Umrisse einer Bunzlauer Kaffeekanne geben. Daß dies keine Uebertreibung ist, zeigt eine Reihe von Photographieen nach der „Natur" in dem Schultze-Naumburg'schen Buch, zeigt aber auch hundert­fach der tägliche Augenschein der in unseren Straßen wie in unseren Zimmern wandelnden verschnürten weib­lichen Wesen. Das Ideal dieser Richtung würde die Form der Sanduhr sein; cs ist aber hiermit wie mit alle» Idealen: sie können nicht erreicht werden, denn die ge­quälte Natur widersetzt sich dem Unverstand, und über ein gewisses Maß hinaus erträgt selbst der von früher Jugend auf gemarterte weibliche Körper die einschnürende Ber- krüppclung nicht. Die Grenze der Korsettverschnürung liegt etwa da, wo der Umfang der sogenannten Taille (zu Deutsch: Einschnitt!) dem Umfange des Halses gletch- kommt. Selbstverständlich entstehen, wenn man den ver­schnürten Frauen glauben wollte, was aber keinem ver­nünftigen Menschen einfällt, diese Taillen ohne jede Ein­schnürung, und das Wort: „Ich schnüre mich nicht", kann man von jeder lebendigen Bunzlauer Kaffeekanne hören, mit ber man über die Schädlichkeit oder Häßlichkeit ber Korsettverschnürung spricht.

Alle diese Dinge sind so abgedroschen, daß man ernst­haft nicht mehr darüber schreiben mag. Ganz Neues läßt sich ja über die Verzerrung ber natürlichen Schön­heit des weiblichen Körpers durch das Korsett kaum noch sagen. Auch das Buch von Schultze-Naumburg mit seinen vielen überzeugenden Bildern lehrt Männer wie Frauen nichts, was sie nicht längst gewußt haben oder hätten

wissen können. Kein warnendes Wort der Aerzte, kein Gedanke an die erschreckend wachsende Zahl der soge­nannten Frauenkrankheiten hat bisher den größten Theil der weiblichen Welt in seiner Anbetung des Korsetts wankend gemacht. Auch keine Zunahme der künftleri- schen Bildung, des eifrigen Besuches heimischer wie frem- der Kunstsammlungen, keine angebliche Bewunderung nackter oder bekleideter weiblicher Bildwerke des griechi- schen oder römischen Alterthums. Dieselben Frauen, die in Paris die Venus von Milo, in Florenz die von Medici, in Rom die vom Kapitol bewundern und schön, herrlich, natürlich finden, bewundern auch die Kaffee- kannengestalt, die sie selbst und fast alle ihre weiblichen Angehörigen und Freundinnen zur Schau stellen. Ob und wann durch die schwache Bewegung zur sogenannten Reformkleidnng hierin je ein Wandel erfolgen wird, er- scheint fraglich. Wir stehen also vor der unleugbaren Thatsache, daß dem weiblichen Geschlecht bei allen Kultur» Völkern als Schönheitsideal der bekleideten Frau eine Gestalt erscheint, die der Natur vollkommen zuwider ist, die unbedingt unschön, ja, für ein künstlerisch empfind- liches Auge geradezu scheußlich ist.

Ueber diese Seite der Frage mögen Aerzte und Künstler nach wie vor predigen und schelten, und sie werden es gewiß noch recht lange thun. Es fließt aber, wie bei allen großen Kulturfragen — und dies ist eine — mehr als eine Seite für die Betrachtung, und solch eine zweite Seite möchte ich einmal hervorkehren. Wie soll sich der Staat, wie soll sich auch nur ein der freien Entwicklung des weiblichen Geschlechts grundsätzlich ge­neigter Mann zu der sogenannten Frauen-Emancipation, das heißt zur Befreiung des weiblichen Geschlechts von willkürlichen äußeren Hemmnissen stellen, wenn er die Haltung der Frauen in einer der Grundfragen ihres Ge­schlechtes erwägt: tu der Behandlung ihres eigenen

Jt