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Wiesbadener Tagmtt.

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Montag, 2. August 1913.

Abend-Ausgabe.

Nr. 354. ♦ 63. Jahrgang.

weitere Erfolge.

Dl- erst kürzlich geäußerte Ansicht, Latz die Trup- pen des Generals v. Woyrsch, nachdem sie am 28. Juli den kühnen Uferwechsel über die Weich- s e l ausgesührt hatten, die BahnJwangorod- Warschau durchschneiden würden, ist durch den Tagesbericht vom 1. August zur Wirklichkeit geworden. Die am 31. Juli bei Abwehr heftiger feindlicher An­griffe durch Nachstößen eroberten Höhen von P o d-s zambze liegen um 10 Kilometer entfernt von dieser Bahn. Ferner läßt sich hieraus erkennen, daß unsere Truppen auf dem rechten Weichfelufer rüstig vorwärts gekommen sind. Mit jedem Schritt ostwärts wird Platz geschaffen für die von Westen über die Weichsel drän­genden deutschen Truppen. Mithin ist der Erfolg ein doppelter: Ellenbogenfreiheit auf dem Ostufer und Vernichtung der für Jwangorod wichtigen Lebensader, wozu sich als dritter gesellt: die Ein­schließung Jwangorods auch auf der Nord- front. Diese zunächst noch strategische Bedrohung aus Norden hat die taktische Wirkung im Süden der Festung gehabt, daß die Russen unter den energischen Schlägen der verbündeten Armeen Mackensens bereits von der Hälfte des Lubliner Höhenrückens zurückge­drängt wurden. Nachdem am Freitag bereits öster­reichische Kavallerie in Lublin eingerückt war, haben am Samstag deutsche Truppen C h o l m erobert und durchschritten. Die im Samstags-Tagesbericht ge­nannten Orte, aus welchen die Russen herausgeworfen wurden, liegen bereits über 10 Kilometer nördlich der Bahn Lublin-Cholm. Wie groß der Gewinn des Eisenbahnknotenpunktes Cholm für uns ist, geht daraus hervor, daß hierdurch die Russen auf beiden Seiten des Bug ihre Stellungen geräumt haben. Nur so konnten sie der Gefahr entgehen, im Rücken gefaßt zu werden. Ohne Besitz von Cholm wäre ein weiteres Vordringen den deutschen Truppen un­möglich gewesen. In russischer Hand, konnten nach Cholm von allen Seiten Truppen herangeworfen werden, was sie sicher auch bisher im umfangreichsten Maße getan haben werden: von Norden her aus der Festung Brest-Litowsk, von Osten her über K o w e I, aus dem Innern Rußlands und von Südosten aus dam südpolnischen Festungsdreieck um Kowno. Dies ist nun unterbunden worden und dadurch rechte Schulter und Rücken der Armeen Mackensens der Gefahr benom­men, an diesen Stellen gefaßt zu werden. Nun wird Cholm der deutschen Armee ein fester Schulterpunkt. Das ist ein großer Gewinn und für die Russen ein schwerer Verlust, da ihnen eine weitere Lebensader zerschnitten ist. Aber noch weitere Folgen lassen sich hiervon ableiten. Die Truppentransporte aus der Festung Brest-Litowsk nach Jwangorod und den russi­schen Stellungen nördlich Lublin sind nur noch auf eine Bahnstrecke angewiesen u:rd da erscheint recht zweifelhaft, ob sie allein dazu reichen wird, die gegen­wärtigen gewaltigen Anforderungen zu bewältigen, sei es zum Antransport von Truppen und Kriegs­material oder auch gar zu ihrem Abtransport. Viel­leicht darf nian jetzt schon sagen, daß die russischen Armeen nicht zufammenbrechen werden durch einen Mangel an Tapferkeit, sondern durch das systematische Mkneifen ihrer rückwärtigen Verbindungen — ihrer Eisenbahnen. Ein Schieuengleis nach dem anderen wird ihnen durchschlagen, auf dem nördlichen, dem mittleren und südlichen Kampfraum. Während die letzten beiden Tage auf dem nördlichen und mittleren keine besonders hervorstechenden Ereignisse gezeitigt haben, ist der Raum zwischen Bug und Weichsel stark in die Erscheinung getreten. Wie die Erfolge hier weiter ausgenutzt werden, läßt sich aus den Berichten begreiflicherweise nicht entnehmen. Zwei Ziele scheinen für die Armeen Mackensens erstrebenswert: zunächst die Einschließung Jwangorods auch auf der noch offenen Süd- und Ostfront und zweitens nach Zurückweisung des Gegners über den Wiepersch Unter­brechung der noch freien Bahn Jwangorod- Brest-Litowsk. Man kann Wohl annchmen, daß nach dem bisherigen zähen Widerstand der Russen diese nicht daran denken, entsprechend dem Rat ihrer Verbündeten, ohne erbitterten Kampf die Weichsel­festungen aufzugeben. Die bisherigen Kämpfe waren -keine Nachhutkämpfe, sondern das Ringen mit allen verfügbaren Kräften. Hieraus ergibt sich auch, daß Brest-Litowsk nicht mehr den Wert für die Russen hat, den es entschieden vor einer Woche noch gehabt hätte. Der Freundesrat ist scheinbar nicht befolgt worden. Das dürfte aus den Ereignissen klar hervorgehen. Die gewaltige, bereits gemeldete Ge- fangenenzahl auf diesem südöstlichen Kriegsschauplatz spricht eine deutliche Sprache. Groß war die Juliernte hier wie auf den übrigen Teilen des östlichen Kampf­feldes. ein würdiger Abschluß unseres ersten ' Kriegs­

jahres. Rechnet man zu den in der Montag-Sonder- ausgabe mitgeteilten, auf die deutschen Truppen entfallenden Gefangenen von 171065 die nach dem letz­ten österreichisch-ungarischen Tagesbericht auf unsere Verbündeten entfallenden 50592 Gefangenen hinzu, so erhält man dir Summe von 221657. also rund einer Viertel Million neuer russischer Ge­fangenen im Juli! Immer schärfer drückt nun der Zangenflügel in der Hand des Marschalls Hln d en- burg nach Süden, während der des Marschalls Mackensen in scharfer Richtung sich nach Nor­den bewegt.

Nicht minder erfreulich sind die Leistungen unserer Truppen im Westen. Weder bei H o o g e, noch der S o u ch e z, noch auf dem Reichsack er köpf ver­mochten unsere Gegner irgendwelchen taktischen Erfolg zu erringen. Entweder sind die Engländer und Fran­zosen gegenwärtig nicht in der Lage zu einer größeren Aktion oder sie wollen eine günstigere Gelegenheit ab- warten oder sie geben sich immer noch trügerljchen Hoffnungen hin über die schwindende Stärke Ruß­lands und die lebendige Kraft des Deutschen Reiches. Die heftigen Stöße sind nur als ein kurzes Aufslackern zu bezeichnen, ohne die jeweilige Stärke des Angriffs verkleinern zu wollen — keinesfalls eine g r o tz- angelegte Offensive. Nicht nur auf dem Larwe und zu Wasser, auch in den Lüften zeigt sich deutlich die deutsche Überlegenheit, in der Zielsicherheit des Bombenabwurfs wie im Kampfe selbst, sogar gegen einen fast dreifach überlegenen Gegner. Es verlohnt sich auf diese deutsche Überlegenheit in der Lust de^ wegen besonders hmzuweisen. weil unsere Gegner sich als die Stärkeren fühlend, schon bei Kriegsbeginn un­seren Aufmarsch hemmen wollten durch Bombenwürfe auf Brücken und Tunnels uiid alle die Kunstbauten, welche ihm dienen sollten. Nichts von diesen fürchter­lichen Drohungen jst zur Tatsache geworden. Wir dagegen 'haben unsere junge Waffe in den Lüsten zu einem Höhenpunkt gebracht, daß sie nicht nur keinen Gegner scheut, sondern auch in der Minderzahl erfolgreich überlegen fft. Würdig reihen sich die Hel­dentaten unserer Flieger an die ihrer Kampfgenossen: zu Lande — zu Wasser — und unter dem Meere. M.

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Der Ssterreichisch»ungarische Tagesbericht,

Die Fortschritte zwischen Bug und Weichsel. — Die Gefangenen der unter österreichisch»unga­rischem (vberbefehl kämpfenden Truppen im Juli. — Neue schwere Verluste der Italiener

bei abgeschlagenen Angriffen.

W.T.-B- Wien, 1. August. (Nichtamtlich.) Amtlich der- lautet: 1. Au«ust, mittags:

Nufsifcher Nriegsfchauplatz.

Zwischen Weichsel und Bug entbrannte gestern er- neuert an zahllosen Punkten hcfttger Kamps. Unsere Ber. hündcten warfen den Feind westlich Dubienka, südlich von Chol m, und südlich von L e c z u a. Nördlich Lublin wiesen unsere Truppen starke Gegenstöße ab und setzte« seit, her ihren Angriss fort. Bei K u r - w stürmte eine im Ber- bande der Armee des Erzherzogs Joseph Ferdinand stehende deutsche Division zwei hintereinander liegende feindliche Linien. Österreichisch-ungarische Truppen erkämpften sich den Weg bis N o w o - A l e x a n d r i j a. Während hier am O st- ufcr der Weichsel und bei Lublin der Gegner noch Wider­stand leistet, setzte er weiter östlich im Raume bis zum Bug seit heute früh den Rückzug fort. Deutsche Regimenter haben bei seiner Verfolgung vormittags Cholm durch­schritten.

In Ostgalizien ist die Lage unverändert.

Nordöstlich Jwangorod entriffen gestern die auf das ö st l i ch e Ufer vorgedrungenen deutschen Truppen den Russen einen wichtigen Stützpunkt.

Bei den unter österreichisch-ungarischem Oberbefehl stehenden Streikräftcn der Verbündeten wurden im Juli 527 ruffische Offiziere und 126 311 Mann als Gefangene eingebracht, 16 Geschütze und 262 Maschinengewehre er­beutet.

Italienischer Kriegsschauplatz;

Kleinere Gefechte im Tiroler und Kärntner Grenzgebiet waren auch gestern für uns von g ü n st i g e m Ausgange. In der Gegend vom Kastell T e s i n o wurden zwei feindliche Kompagnien überfallen und erlitten starke Lerlnste. Angriffe von B e r s a g l i c r i gegen unsere Stel­lungen gegenüber dem hohen Trieb (Grenzhöhc östlich dcS Plöckcn) gelangten stellenweise bis in die eigenen Linien, der Sturm unserer Reserven warf jedoch den Feind, welcher namentlich durch unser Artillcriefcucr schwere Verluste er- hielt, wieder zurück.

An der küstenländischen Front herrschte vom Krngebict bis einschließlich des Görzcr Brückenkopfes, abgesehen von Artillericfcucr und kleinen feindlichen Au- griffsversnchen, im großen Ruhe.

Dagegen unternahm der Feind im Laufe des gestrigen Tages und der heutigen Nacht wiederholte starke An­griffe gegen den nach Westen vorspringenden Teil unserer Stellungen am Rande des Karst-Plateaus; östlich Palazzo ist der Kampf noch nicht abgeschlossen. Ein von Selz und drei von Vermegliano augesetzte feindliche Nachtan­griffe wurden untere schweren italienischen Ver­lusten abgeschlagen. /

Der Stellvertreter des Chefs des Gcneralstabes. von Höfcr, Feldmarschalleutnant.

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Lin russisches Bekenntnis:

Die Lage schlimmer als im japanischen Kriege.

Stockholm, 2. Aug. (Zens. Bln.) „Nowoje Wremja" schreibt: Eine dunkle Ahnung beschleicht uns. Die Lage ist schlimmer als im japanischen Kriege» doch ist diese Ahnung bis jetzt noch nicht Gewißheit.

W. T.-B. Kopenhagen, 2. Aug. (Nichtamtlich.) Wie „Politiken" meldet, sind die englischen Meldungen ans Petersburg voll Besorgnis über die große Gefahr, die der ruffischen Armee durch die Armee B e l o w droht, die jetzt außerhalb der Festung Kowno am Njrmen steht. Falls eS ihr gelingen sollte, diese Festung zu nehmen und das ö st - liche Flußuser zu besetzen, sei die ruffische Rückzugs.

I i n i e in großer Gefahr. Die englischen Meldungen weisen dann noch darauf hin, daß der Feind über große Massen von Reiterei verfügt, die schneller vorrücke« könne, als sich berechne« läßt. Man sieht es deshalb für einen klugen Plan des ruffischen Generaliffimus an, die W e i ch s e l f e st u u - gen zu räumen, die doch den modernen Geschütze« nicht standhalten können.

Ein neutrales Urteil über die Lage im Dften.

W. T.-B. Ber«, 1. Aug. (DrabKericht.) Der „Bund" schreibt zur Kriegslage: Mit dem Durchbruch bei Pia Ski kann, wenn den Russen nicht rin kaum zu erwartender Gegen- angriff glückt, di« Lateral-Verbindung Jwangorod» Cholm als verloren betrachtet werden. Durch den Weichselübergang bei Koszienny wurde bvt Verbindung Warschaus-Jwangorod so pick wie zerschnitte«- An der Nordfront stehen die Deutschen zwischen N o w o- georgijewSk und Goworowo unerschüttert; in drang, voller Enge kämpfen die Ruffen jetzt, der Not gehorchend, nicht dem eigenen Triebe, auf ihrem Rückzug aus der polnischen Zentralstellung, um hinter dem Bug auf einer ausgerüsteten und verkürztem Front einer weit zurückgeschobenen Frmrtlnne den Feldzug behelfsmäßig noch einmal zu beginnen. Ihre Hofswrngen, zwischen Weichsel umfe Bug stand zu halten, sind vielleicht noch nicht ganz geschwunden. Aber unverkenn­bar haaren sie ab. Sie haben sich endlich zu dem einzig vernünftigen, aber bitteren Mittel, zum allgemeinen strategischen Rückzug, entschlossen. Stegemamr be­leuchtet dann kritisch die Ausführungen des „Rußkji Invalid", dessen Strategie man zwar in gewissem Sinne als richtig, ober auch als behelfsmäßig und etwas invalid bezeichnen müsse. Im Zeitalter der Maschinenindustrie den Feldzug von 1812 zu wiederholen, ist sehr gefährlich. Krieysgeschichtliche Analogien sind oft trügerisch; -das gilt besonders vom der er­wähnten, die jetzt in allen Zeitungen spukt.

Aufruhr in Finnland?

Br. Kopenhagen, 2. Aug. (Eig. Drahtbericht. Zens. Bln.) Seit zwei Tagen ist jede Post aus Finnland ausgeblieben. Schweden, die über Finnland in Haparanda angckommen sind, erklären, daß in Finnland ein Aufruhr ausgebrochen sei, weil die russische Negierung entgegen der finnländischen Berfaffnng die Mobilisierung der Jahrgänge 1882 bis 1894 ungeordnet habe.

Italiens Betrübnis um die Räumung Warschaus.

Genf, 2. Aug. (Zens. Bln.) Die Nachrichten wegen der Räumung Warschaus erregen in Italien beispiellose Be­stürzung, nachdem man dem Publikum seit drei Tagen er­logene Erfolge von einer russischen Gegen-, offensive vortäuschte. Der „Corriere della Sera" erklärt, daß die Räumung Warschaus für die Mittelmächte kein Er­folg, sondern eine gescheiterte Offensive, ein ausgcbliebener Sieg, eine versäumte Gelegenheit sei, freilich muß das Blatt rnelancholisch zugeben, daß man augenscheinlich in den Vier­oerbandsländern so kurzsichtig sei:: werde, das Ereig­nis als einen Sieg der Mittelmächte anzusehen.

Lin Lagesbefehl des Saren:

IV. T.-E. Petersburg, 1. Aug. (Nichtamtlich.) Anläßlich des Jahrestags des Kriegs hat der Kaiser an die Angehörigen von Heer und Flotte einen Tagesbefehl erlassen, in dem ge­sagt wird, daß. obwohl trotz aller Anstrengungen, die ihre Fahnen mit neuem Ruhm bedeckt hätten, des Feindes Kraft noch nicht gebrochen sei, sie doch nicht den Mut verlieren und nicht zurückschrecken dürften vor neuen Opfern und neuen Prüfungen, die nötig seien, um Rußland dem friedlichen Leben wieder zuzuführen. Der Kaiser sagt dann weiter: Gott hat oft dem Vaterland schmerzliche Prüfungen ge­sandt, aber das Land ist stets mit neuer Kraft und neuer Stärke daraus hervorgegangen. — Der Tagesbe­fehl drückt dann den unerschütterlichen Glauben und die feste Hoffnung aus einen glücklichen Ausgang des Kampfes aus und fleht weiter deu Segen Gottes auf Rußlands bewaffnete Macht herab.