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so. Jahrgang.

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560. Redaktions-Fernsprecher No. 52. Montag, d-N 1. Dezember. Berlags-Fernsprecher No.2266._

Jtfoend-jlusgabe.

Die deutsche MuhnungsstatistiK.

Die Frage der Wohnungsreform wird sobald nicht von der Tagesordnung verschwinden. Mag ihre Be­deutung zeiüveilig zurückgedrängt werden durch andere brennende Tagesfragen, wie gegenwärtig von den Problemen der Handelspolitik, immer wird die Magnet­nadel des öffentlichen Interesses nach einigem Oscilliren mit der einen Spitze nach dem Pol Bodenrente, mit der anderen nach dem der Kapitalsrente zeigen. In weriige Fragen spielt ferner so die Gestaltung des Unternehmer- gewinnes und des Arbeitslohnes hinein, wie in die Wohnungsfrage. Wie man aber zu einer fruchtbaren Behandlung des Zollproblems nicht ohne die festen llnter- lagm der Einfuhr-, Ausfuhr- und Produktionsstatistik gelangen kann, so ist auch für eine in großem Stil ange­legte „Wohnungsreform" eilte gut durchgeführte und jahrelang verfolgte Statistik auf allen Gebieten, welche dcH städtische Wohnungswesen beeinflussen, nothwmdig. Die Bevölkerungsentwickelung wird ja schon statistrsch erfaßt, dafiir sorgt unsere Reichsgesetzgebung, aber hin­sichtlich^ der Wohnungsstatistik ist vorderhand die Für­sorge eigentlich nur den Städten und naturgemäß in erster Linie solchen überlassen, die über ein statistisches Amt verfügen. Das such vorderhand im ganzen Kelch nur 30. Abgesehen von den Stadt-Staaten Hamburg, Bremen und Lübeck hat nur noch Württemberg sich mit der schwierigen Aufgabe, in die städtischen Wohnungsver­hältnisse mttderFackelstaaüicherStaüsükliineinzuleuchtm: näher befaßt. Dagegen sind fast alle Städte mit stati­stischen Aemtern mit großem Kästen- und Kräfteaufwand an die Klarlegung der bezüglichen Verhältnisse heran- getveten und auch Städte ohne statistische Aeinter, wre Halle, Posen, Dessau, haben den Versuch einerWohnungs- staüsük unternommen. Wenn nun auch in Ermange- lung bindender Vorschriften und allgemein gültiger Deftniüonen der Begriffe, wie „Wohngebäude", „Wohnung", „Küche", „gewerbliche Benutzung", „Unter- miether" rc., keine Übereinstimmung in den Aufnahmen und Anschreibungen herrscht und mithin die Vergleich­barkeit der Ergebnisse der einzelnen statisüschen Arbeiten ziemlich getrübt ist, so tretm doch nach mancher Richtung hin in großen Zügen gewisse Thatsachen klar vor Augen. Der Mangel an kleinen (zwei- und dreizimmerigen) Wohnungen, die daraus folgende beklagenswerthe hohe Miethe für dieselben, das bedenkliche Eindringen fremder Elemente (Aftermiether, Schlafburschen) in die Familie sind fast überall wiederkehrende Erscheinungen. Welche

wonnenen Bilder aufweisen, hängt rn gewissemGrad von der Methode der Erhebung und der Intensität der Bearbeitung des gewonnenen Rohmaterials ab.

lieber den „gegenwärtigen Stand der deutschen Wohnungsstatistik und ihre Bedeutung für die Wohnungsreform"*) hat kürzlich Dr. Karl Seutemann, wissenschaftlicher Hülfsarbeiter auf dem statistischen Amt der Stadt Dresden, im Auftrag des „Vereins Reichs­wohnungsgesetz" eine äußerst schätzenswerthe Arbeit herausgegeben. In gedrängter Form, aber übersichtlich geordnet und klar dargestellt, bietet das Heftchen die Frucht ernster wissenschaftlicher Arbeit dar. Auch giebt sie mehr, als der Titel verspricht, indem auch die vorbild­lichen Leistungen der Schweiz und einzelne österreichische Arbeiten auf diesem Gebiet eingehend gewürdigt werden. Es sind aber nicht die Ergebnisse der einzelnen Er­hebungen, sondern die innere Struktur und Methode der letzteren, welche besprochen werden. Von einzelnen social werthvollen Kombinationen seien erwähnt die des Miethpreises mit dem Einkommen der Bewohner, wie sie in dm Bearbeitungen von Charlottmburg, Essen, Magdeburg Vorkommen und wie sic in Hamburg als fort- laufende Sonderuntersuchungen eingeführt sind. Ferner scheinen die Essener Nachweise, die einmal die Ein­nahme aus der Zimmer- und Schlafstellmvermiethung in Kombination mit dem Miethpreise der Wohnung, so- dann die Zahl der von den Zimmermiethern und StUafleuten benutzten Räume in Kombination mit der Räumezahl der Wohnung überhaupt erkennen lassm, auch für andere Orte sehr nachahmenswerth.

Die Grenzen der Leistungsfähigkeit ,allgemeiner Auf­nahmen, die Nothwendigkeit der räumlich oder social beschränkten Enquete neben den ersterm, die Schilderung typischer Stichproben werden erörtert. Eine Reichs- Wohnungsstatistik hält der Verfasser für undurchführbar, ebenso warnt er Angesichts der überaus großen örtlichm Verschiedenheit der Verhältnisse vor einer Schematisirung der großstädtischen Aufnahmm. Anregend aber soll das Reich auf Vornahme einschlägiger Arbeiten einwirkm, mie es thatsächlich jetzt durch die fortlaufende Sammlung des wohnungsstatisüschm Materials für das vom Kaiserlichen Statistischen Amt geplante Reichsarbeits­blatt geschieht. Ferner wird bei der Durchführung methodischer Untersuchungen konkreter Wohnungs­zustände, wie sie Planvoll angelegte Enqueten ins Auge fassen, das Reich seine Mittel und Hülfskräfte nicht gänz­lich vorenthaltm können. Orte, welche eines eigenen

*) Die deutsche Wohnungsstatistik, ihr gegenwärtiger Stand und ihre Bedeutung für die Wohnuugsreform von Dr. Karl Seutemann. Herausgegeben vom Lerein Neichswohnnirgsgesktz. Güttingen 1802, Vandenhoeck n. Ruprecht. 02 S. 1 Mk.

statistischen Dezernats entbehren, könnm sich mit benach- bartm Großstädten ins Benehmen setzm betreffs Auf­bereitung des von ihnm gestellten Rohmaterials, wie es z. B. die Nachbargemeinden Berlins und Charlotten- burgs schon gethan haben, oder aber die statisüschen Landesämter könnm helfend bei der Aufarbeitung ein- springm.

Freilich die Wohnungsstatisük allein gmügt zur zahlenmäßigen Beleuchtung der in Frage kommenden Verhältnisse noch nicht, auch wenn sie mit einer Staüsük der Bau- und Abbruchsthätigkeit verbundm wird. Zum Verständniß der eingerissenen Uebelstände, die man unter dem Namen Wvhnungsnoth zusammmfaßt, gehört auch eine durch Jahre verfolgte Statisük der Grund- und Bodenprcise, des Grundstücks- und Häusermarktes und der hypothekarischm Verschuldung städtischer Grund- werthe.

Die Stärke der Statisük liegt in der ruhigen Beob­achtung des Ganges der Erscheinungen, in der allge­meinen Klärung der Anschauungm. Ihre Feststellun­gen veralten nicht so schnell, wie diejenigen meinen, denen nur das Nächstliegende und unmsttelbar Praküsche von Bedeutung erscheillt. Während flotter und flauer Ge- schästszeitm, während Krisen und Aufschwungsfieber muß mit naturwissenschaftlicher Objektivität beobachtet werden, um nach Jahren die Früchte erntm zu können.

Deutscher Reichstag.

Berlin, 29. November.

Auf der Tagesordnung sieht zuerst die Jnterpellatton Dziembowski-Pomian (Pole). betreffend ungerechte Be­handlung der Polen. — Staatssekretär Graf Posa- d o w s k y erklärt, wegen noch nothwendiger Erhebungen wolle der Reichskanzler die Jnterpellatton an einem späteren Tage beantworten. — Präsident Graf B a l l e st r e m bezeichnet hiermit diesen Gegenstand für heute als erledigt und fährt fort: Nach dem 8 60 der Geschäftsordnung liegt dem Präsidenten die Aufrecht­erhaltung der Ordnung in den Sitzungen dieses Hauses ob. Er bestimme daher, daß die Räume zwischen den Sitzplätzen der Abgeordneten und den Tischen des Hauses, respektive den Stenographenplätzen, von den Abgeord­neten nicht eingenommen werden dürfen, ebensowenig die Treppenstufen, welche zu den Rednertribünen führen. Auch auf den Referentenplätzen neben den Rednern dürfen nur die offiziellen Referenten sich aufhalten. Er habe diese schon längst bestehende Bestimmung wieder auf­gefrischt im Interesse der Würde des Hauses. (Beifall bei der Mehrheit. (Lachen links.) — Nunmehr ertheilt der Präsident zur Geschäftsordnung das Wort dem Abg. Stadt Hagen (Soc.). Dieser weist zunächst darauf hin, daß der Präsident am Donnerstag bereits die Be-

Melrich Lanken.

Aus einem stillen Leben.

Roman von Sophie Hoechstetter.

(21. Fortsetzung.)

In den Vormittagsstunden las er Schopenhauer, Hartmann und die früheren Schriften Carl du Preis.

lieber feinem Bett hatte er ein kleines Gestell mit aus- crwählten Büchein. Da standen:

Die Bibel.

Goethes Gedichte und Wilhelm Meister, Jacobsens und Novalis sämmüiche Werke.

Shakespeares Hanüet.

Nietzsches Zarathustra.

Kellers Leute von Seldwyla.

Bulwers Zcmoni.

Der Gösta Berling von Selma Lagerlöf. und Knut Hamsuns Pan.

Daneben Zolas Pascal und einige Jbsendramen, Rousseaus Julie.

Jmmermanns Münchhausen.

Mcht zuletzt das alte prächüge Bauernbuch llü der

Knecht.

Und wenn er des Mends zu Bett ging, holte er sich immer auf eine Stunde einen der „Freunde" herunter.

Manchmal, wenn er ein wissenschaftliches Werk vor hatte, schien es ihm ein Mangel, daß Niemand um ihn war, mit dem er über Alles sprechen konnte. Er glaubte noch ein wenig an die Macht des Erziehers.

Aber ganz instinktiv hatte er den einzigen Weg ge­wählt, den es für einen freieren Menschen giebt, die Selbsterziehung. —

Die Tage waren immer kürzer — die Abende länger: die Zeit vor Weihnachten.

Wenn die Nachmittage schweigender wurden — und hinter den kahlen Bäumen schon das letzte, blasse Gelb der Sonne stand, machte Dietrich gern einen einsamen Spaziergang um die alte kleine Stadt.

Er ging durch die Ruinen feines Schlosses — und dann durch weitläufige, verwilderte, parkähnliche Garten- anlagen hinaus auf die freie Höhe.

Sa war ein Spazierweg, auf dem Hm manchmal bk

Honorationen des Städtchens begegneten. Er achtete nicht viel auf sie — seit ihn aber einmal eine Dame, eine wirk­liche, aber in Hochachtung vor seiner Gräflichkeit er­sterbende Dame, zuerst gegrüßt hatte, nahm er schon von Weitem den Hut ab, wenn irgend etwas Weibliches sich näherte.

Kam er dann ins Städtchen, durch die schmale Berg- gasse, in der ein altes Kloster lag, dann riefen ihni alle Gassenkinder ein „guten Abend, Herr Graf" zu. Und manche sagten auch „Herr Dietrich".

Da mußte er lächeln.

Er liebte es, durch den kleinen, verschlafenen Ort zu gehen. Es waren klare, klare Wintertage, und die Leute verkrochen sich in ihre Häuser. Es sah Alles so friedlich und still aus, als wenn überall ein Gück ruhen müßte.

Er fühlte dieses Glück selbst.

Er ging ja umher in der seligen Erwartung, daß es zu ihm käme.

Und er sah Alles mit Augen an, die suchten, ob sie es lieb haben würde, wenn sie einmal hierher kommen wollte.

Manchnial trat er in einen Laden und kaufte Spiel­zeug und Pfefferkuchen.

Es machte ihm. Spaß, das Alles auszufuchen, und er schickte eine ganze Ladung solcher Tinge in die Kinder- bewahranstalt.

Er hätte so gerne für Liane auch etwas gekauft. Aber er wußte nicht, ob er ihr etwas schenken dürfte. Da kam ihm endlich ein Ausweg.

Er ließ sich alles Mögliche schicken, was ihm schön dünkte und packte das in eine Kiste. Die stand in seiner Stube, und er dachte sich, einmal würde sie doch die Sachen auspacken — es brauchte ja nicht Weihnachten zu sein.

Tann saß er manchmal davor und holte die Gegen­stände wieder heraus und freute sich selbst daran.

Auf dem Kaminsims lagen Fichtenreiser — und er rauchte seine Cigaretten — und dachte daran, wie es sein würde, wenn —

XXV.

So näherte sich der Winter seinem Ausgang.

Es war noch immer ein vollkommen unpersönlicher Briefwechsel, den er mit Liane führte. Und schließlich

war keine Frage, der Erkennüiiß niehr für ihn, die cv nicht mit ihr besprechen konnte.

Er lebte von einen: Brief zum anderen.

Alles, was sie schrieb, hatte ihm eine außergewöhn­liche Bedeutung.

Aber er fühlte sich nun gedrängt, ihr einmal seine Ver­gangenheit anzudeuten, das Erleben in Clärens sowohl als auch, daß er immer noch seines Vaters Leben wie eine eigene Schuld fühle.

Es war ihm peinlich, diese Dinge offen auszusprechen. So machte er etwas ungeschickt die Einkleidung, er hätte diese Verhältnisse in einem alten Buche gelesen. ■

Dann aber vergaß er seine Erfindung und rebeie plötzlich davon, daß er selbst ein Mensch sei, der nur in der Sülle lebe und noch nichts Großes gethan habe und es auch wohl nicht vermöchte.

Er hätte jetzt nur gelernt, zu arbeiten, aber das sei doch auch das Wenigste, was man von einem Menschen fordern konnte. Darauf erhielt er diese Antwort:

,,Mein lieber Freund,

ich kann nicht denken, daß, was Sie mir sagten, wts der Einsicht entsprungen ist; es muß, trotzdem Sie Ihren Worten ein geborgtes Kleid leihen und Gelesenes schil­dern, aus der Wahrhasügkett des eigenen Erlebens kommen.

„Es würde mir unmöglich sein. Ihnen daraus un­persönlich, objektiv zu antworten.

„So will ich einmal zu Ihnm sprechm, als ein Freund, der Sie verstehen kann, weil es nichts Fremdes ist, was von Ihnm zu mir aus Ihrem letzten Briefe klang,

„Sie tragm schwer an einer Herkunft, die Ihnen früh ein schmerzliches Wissm brachte und die Ihnen ein Erleben schuf' das Sie nicht vergessen könnm.

„Aber liegt denn soviel an der Herkunft? Sie wissm doch wohl, daß es die beste menschliche Fähigkett ist, sich selbst zu schaffen. Sie wissen wohl, daß wir unser Mmschmideal nicht ererben, sondern daß in diesem für sedm Einzelnen allein sich seine Persönlichkeit offenbart. .Es ist ja unsere selbsterzieherische Lebensaufgabe, sich dem eigmm Ideale gemäß zu bttden.

„Da stehm wir allein.

„Wir brauchen nicht Erziehe^, nicht Vorbttder, nicht Ererbtes. Aber wir brauchen die Einsamkeit dazu, weil,