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er Roman.

i . ' " = g Morgen.veilage -es Wiesbadener Tagblatts.

Nr. 176.

Samstag. 31. Juli.

1915.

(18. Fortsetzung.)

Zrau fl6ö$ Töchter.

Roman von Emma Hanshofer-Merk.

(Nachdruck verboten.)

Bruno, der einige Semester verbummelt hatte und keine Lust zu dem ernsten Studium fühlte, das doch notwendig gewesen wäre, wenn er an ein Examen Lenken wollte, lag ihr nämlich mit neuen heißen Wün­schen nn Ohr: Er wollte zuin Theater. Bei ein paar Dilettantenvorstellungen, bei Lenen er mitgowirkt, glaubte er sein Talent entdeckt zu haben und die Aus­licht, als jugendlicher Liebhaber den Beifall heiterer Menschen zu ernten, schien ihm viel verlockender als das mühevolle Lernen, als die ernste Praxis in einer Klinik unter Kranken und Sterbenden.

Frau Aba hatte erst gezögert, ihm zuzustimmen, weil sie den Widerstand ihres Gatten fürchtete. Aber es reizte sie doch sehr, mit dem Sohne in die Interessen­sphäre ihrer Jugend zurückzukähren, aufs neue in Fühlung zu kommen mit den Brettern, die immer noch für sie die Welt bedeuteten. So konnte sie dem Drängen und Bitten ihres Lieblings nicht auf die Dauer standhalten, und sie gab ihm endlich die Zusage, sie wolle ihm in den Landmonaten Unterricht erteilen.

Felicitas wollte bei dem Pater bleiben, die übrige Familie aber zag schon im Juni in ein reizendes Häuschen mit großem parkähnlichen Garten, nahe bei Fischbach.

Olly ging gerne in das stille Dorf. Jene Unrast und Unzufriedenheit >hatte sie ergriffen, die bei den

f ädchen aus guter Familie, die nichts zu tun haben, rmlich eine typische Krankheitserscheinung ist. Nach einigen vertanzten, verlachten Jahren werden fte mit einem Male niedergedrückt von der Nichtigkeit ihrer Beschäftigung, von der Ziellosigkeit ihrer Existenz. Nur ganz Oberflächliche und Gedankenlose bleiben von dieser seelischen Depression verschont. Olly war llug und fühlte eine heiße Lebenskraft, die sie nicht zu nützen wußte. Immer nur Tennis spielen, Schlitt­schuh laufen, rodeln — immer nur spielen! Sie hatte es satt! Zum Entsetzen der Mama packte sie ihren Koffer voll mit ernsten Büchern. Lernen, . studieren wollte sie und in der ländlichen Stille auch ihr schrift­stellerisches Talent versuchen.

Erfolg haben I Berühmt werden! Das waren ihre Träume!

So war denn jedes mit eigenen stillen Planen be­schäftigt und froh, von der Stadt sortzukommen. Nur auf den strengen Zügen Fannys lag ein ungewöhnlich verdrossener Ausdruck.

Frau Dr. Robertus hatte sich bisher im Sommer stets mit einer Aushilfsköchin beholfen, nur draußen auf dem Lande noch irgend ein Landmädchen für die grobe Arbeit engagiert. Fannys Tochter hatte in den Sommermonaten verschiedene Unterrichtskurse „mit- machen dürfen; i.m Nähen, im Frisier-en, im Bügeln und zuletzt im Servieren. Dabei hatte die Mutter, die bei Dr. Robertus in der Stadt bleiben mußte, das Kind unter den Augen behalten und Zeit gehabt, ihre Anna joden Abend abzuholen wie ein Kernes Schul- liiädchen, damit sie ja auf den: Heimwege kerne Be­

kanntschaft anknüpfte. In diesem Sommer aber er­klärte Frau Robertus, die immer dicker und unbeweg­licher wurde, sie wolle die Jungfer nicht missen. Anna habe jetzt genug gelernt, und sie sei ein vernünftiges Geschöpf, das sie wohl einige Monate lang sich selbst überlassen werden könne; überdies wäre sie ja auf der einsamen Villa vor allen Anfechtungen bewahrt.

Fanny, die Wohl anerkenneir mußte, wie lange dre Herrschaft Geduld gehabt und die eine namenlose Angst hatte, die gnädige Frau könnte am Ende eine andere Jungfer nehmen wollen, wagte keinen Wider­spruch. Wer es war ihr sehr bodrückend, daß sie zum erstenmal die Tochter aus ihrer Aufsicht entlassen sollte, während Annas Augen glänzten vor Freude, daß sie mit auf das Land durfte; vielleicht auch, weil sie end­lich der allzu strengen Bevormundung entrückt werden, sollte.

Fanny erging es wie vielen anderen verbitterten Menschen. Sie hatte die schmerzliche Erfahrung ihrer Jugend nicht vergessen und ihren Groll und Haß wrs einen düsteren Lebensinhalt aufgespeichert. Wer was sie in ihr Unglück getrieben: ihre eigenen jugendlichen Empfindungen, ihr Verlangen nach Heiterkeit, nach Lobenslust, die Rogungen ihres Herzens waren ihr aus dem Gedächtnis entschwunden. Anna sollte so ver­nünftig sein, wie sie es war mit ihren vierzig Zähren nach ihrer Enttäuschung. Sie gönnte ihr in ihrer Angst und Sorge keine Zerstreuung, nicht das harm­loseste Vergnügen, hielt sie von allem Verkehr mit Männern zurück, und predigte ihr nur immerfort, daß diese alle Gauner und Schufte seien, wie Wegelagerer bereit, sich aus ein junges Mädel zu stürzen, wenn es ihnen nicht entschlossen auswich. r , r , ...

Mer das Bedürfnis nach Liebe laßt sich ebeii nutzt sortgranlen, und da die hübsche Anna wie eine Ge­fangene gehalten war, hängte sie ihr junges Herz an den einzigen jungen Mann, der überhaupt in ihre Stühe kam: an Bruno. Die heimliche Schwärmerei

für den „jungen Herrn" war um so gefährlicher, als ihre Mutter, die sonst das ganze Geschlecht haßte, für Bruno, den sie seit seinem dritten Jahr überwacht, ver­sorgt, gepflegt hatte, eine Art miitterlicher Zärtlichkeit hegte. Überdies gehörte Fanny noch zu dem alten Schlag von Dienstboten, die eine tiefe Kluft zwischen sich uiid der „Herrschaft" anerkennen, und Anna war in diesem Respektgefühl erzogen worden. ,

Sie hielt sich auch für viel zu gering, als daß )e- mals das Auge des Gebieters, der ihr obendrein noch durch seine hübsche Erscheinung, durch seine Eleganz imponierte, auf sie fallen könnte. Sie begnügte sich mit dem bescheidenen Glück, seine Kleider.sluswirston, sein Zimmer aufrämnen zu diirfen und zärtlich über die schönen Krawatten hinzustreichen, die er herum- liegen ließ und die sie in die Schubfächer einoidnen

'"''Bruno hafte die strenge, energische Warnung der Vaters, damals als Anna zu ihnen m das Haus ftwn,