Nr. 175
Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts.
ZI
Kreitag, 30. Iuli.
1916.
»7. Fortsetzung.) $1*011 6-0S Töchter. «Nachdruck verboten.)
Roman von Emma Hanshofer-Merk.
at'Q 01 ^i e t en . angstvollen, fragenden, drohenden Wwgen packte sie ein so tiefes, banges Gefühl ihrer mrverzochllchen Schuld, daß sie unwillkürlich zitterte, *P l f o n furchtsames Kind den Kopf schüttelte, während das Zucken um ihren Mund, ihr scheuer Blick sie doch Verriet.
Er packte sie bei der Hand.
»Sag, sag, daß du mir treu warst!"
Sre konnte seinen Blick nicht mehr ertragen. Sie wehrte sich mit heftiger Gebärde gegen den Arm, der sre festhrelt.
„Laß mich doch! Ich weiß nicht, was du willst! Warum quälst du mich so?"
. '-Felicitas!" stöhnte er. „Wenn du ein gutes Ge- Wissen hättest, »würdest -du dich nicht fürchte^ vor imr!" » , Auftrotzend hob sie das gesenkte Haupt. Fassungsloser Jammer schlug ihr entgegen. Nie hatte sie in ,emem Menschenantlitz einen solchen Ausdruck namenlosen Leids gelesen. Das bitterböse Wort, es war nur lwie ein Schrei gewesen, der wirre, sinnlose Schrei aus einem blutenden Herzen.
Die todtraurigen verstörten Augen, sie standen noch vor ihr, als sie schon fortgegangen war.
Sie hielt die Hände an die hämmernden Schläfen gedrückt, sie duckte sich förmlich, wie zitternd vor dem Unheil, das nun über sie hereinbrechen müßte. Aber »roch war sie wie betäubt, verständnislos für das, tvas geschehen war.
Sie hörte, daß Walter im Schlafzimmer einige Schubfächer öffnete, hörte seinen Schritt im Flur, hörte, wie er dem Diener befahl, seinen Koffer wieder zur Bahn zu bringen, zu dem Zuge nach Eltville.
Die Wohnungstür siel ins Schloß. Der dumpfe Schlag riß sie aus ihrer Erstarrung. Das war die .Entscheidung; ihre Verurteilung. Er reiste zu seinen Eltern. Er floh aus ihrem Heini. Nun «begriff sie erst, was sie getan, daß ihr Schweigen ihm verraten, Mls er nienials erfahren durfte, daß nun der Zusammenbruch kam, daß der Boden unter ihren Füßen schwankte wie bei einem Erdbeben, daß sie ihre friedliche Existenz zertrümmert hatte.
Und in die tragische Zerstörung mischte sich doch wieder die schlichte Alltäglichkeit. Die Köchin kam her- iein und fragte, ab der gnädige Herr denn nicht beim Essen bleibe, es verbrate ja.
Sie hatte -ein kleines Festmahl bereiten lassen, den Lisch mit Blumen geschmückt zu seiner Ankunft.
„Richten Sie nur an", sagte sie, und schöpfte mechanisch die Supze heraus, zwang sich, um der fremden Augen willen, zu essen.
Aber sie brachte keinen Bissen über die Lippen.
Wozu auch noch diese letzte Verstellung, da ja doch alles verloren war? Mochte das Mädchen denken, was sie wollte, wenn sie die Speisen unberührt wieder abtragen mußte!
Sie riegelte sich in ihr Zimmer ein und versuchte L» Merlegen, was sie nun tun sollte? Hier blieb sie
nicht! Hier, wo man es sich wohl in ein paar Stunden als willkommenen kleinen Skandal erzählte, haß ihr Mann sofort nach der Ankunft das Hans wieder ver« lassen habe. Hier, wo sie nicht eine Seele hatte, der sie vertrauen konnte! Aber ivohin sich wenden? Nur nicht heim zu den Eltern! Sie fürchtete sich vor den Augen des Vaters, noch mehr aber vor den lauten Fragen, vor den dramatischen Szenen der Mama.
Plötzlich fiel ihr ein, daß Olly morgen zu ihr kommen wollte! Nun war's zu spät. Nun durfte ike. Schwester, die sie so sehnlichst erwartet hatte, nicht mehr kommen. Sie warf die wenigen Zeilen hin und schickte sie gleich auf die Post.
Und dann packte sie ihren Koffer, ohne zu wissen, wohin sie reisen würde! Fort, nur fort! Hinaus aus dieser verhaßten Kleinstadt, die ihr Verderben geworden !
Mit dem ersten Morgenzug fuhr sie am nächsten Lage Ipeg; der Heimat zu. Ach, wie hatte sie sich nach ihr gesöhnt! Aber nun konnte auch der Anblick der geliebten Berge sie nicht froh machen, auch die frischer« Lust, die ihr über der Rauhen Alb entgegenwehte, das Schreckliche nicht inehr fortwischen: Diese todtraurigen Nutzen, die sie unablässig anblickten mit einer wilden Anklage, mit einer Mahnung an ihr« Schuld.
In einem stillen Dorf am Ammersee war sie einmal mit den Eltern gewesen. Dorthin flüchtete sie mit einem dunrpsen Verlangen, sich zu verstecken vor allen Menschen.
Olly, die schon ihren Koffer zur Fährt in die Pfalz gepackt hatte, mußte schließlich doch den Eltern Mitteilen, daß die Schwester ihr in einem seltsam aufge* rsgten Billett abgeschrieben hatte. Und da keine weitere Slachricht kam, Felicitas auch tagelang keinerlei Lebenszeichen von sich gab, ans ein Telsgramm, das man in ihre Wohnung schickte, nicht aMoortete, fing man an, sich zu ängstigen.
Dv. Robertus erschrak, als unvermutet sein Schwiegersohn in seinem Sprechzimmer stand, mit blassen, von Schmerz und tiefstem Seelenleid verstörten Zügen.
„Was ist geschehen, Walter?" fragte der Vater bestürzt.
„Frage mich nicht", erwiderte Walter tonlos. „Ich bin nicht gekommen, um Felicitas anzuklagen. Du weißt, wie ich sie geliebt habe, daß es etwas Unverzeihliches sein nillß, das mich aus immer von ihr trennt!' Aber ich möchte sie in eureni Schutz wissen. So viel Verantwortung habe ich noch für die Frau, die meinen I kamen trägt, daß ich sie nicht allein, nicht unter den schlechten Einflüssen, die auf sie «ingewirkt haben müssen, zurücklassen will."
Seine Stimme zitterte so vor verhaltenem Jammer, daß Dr. Robertus ihm nur mit gramvollem Gesicht die Hand drückte, keine Frage mehr über die Lippen brachte. Er ahnte in tiefer Erschütterung, was Qfif
