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Wo. 525* Morgen-Ausgabe*
Sonntag, den 9. November.
50* Jahrgang. 1902.
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Da« war ein Thor, der da« begehrt,
Daß seine Weise Jedem tauge.
Auch fremder Wort bat edlen Werth,
Und scharfen Blick hat fremdes Auge.
Der rechte Tadel hat mir still Stet« mehr al« jede» Lob gefallen.
Dem, wer das Sode suchen will.
Dem ziemt die Demuth wohl vor allen
K. Stieler.
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(29. Fortsetzung.)
Bürgermeisters Söhne.
Roman von Hermann Birkenfeld.
, Die senkt verwirrt den hübschen Schwarzkopf. Als Milly wieder einmal nach der Küche verschwinden muß, findet sie das keineswegs rücksichtslos. Denn eigentlich war dies Rezept zu des seligen Bürgermeisters Leibgericht nur ein Vorwand gewesen, den herrlichen Recitator, den „gottbegnadeten Sohn unserer Stadt", hieß es im Wochenblatt, wiederzusehen. Und nun athmet sie seine Nähe, lauscht dem musikalischen Rhythmus seiner Worte wie einem Evangelium. Daß nach einer viertel Stunde außer der wieder eintretenden Milly auch noch Lisbeth Sagert, eine gesund aussehende Brünette und Nichte des Konsuls, hereinkommt — nur auf eine Minute, Fräulein Grashoffs Rath in einer Gardinenwaschfrage zu erbitten — ist recht dumm. Und dann gar noch hinter diesen die Marchesa, im modebraunen Morgenrock, das Haar in einer einzigen schweren Flechte zusammengebunden, das Näschen auf einem Strauß Treibhausblumen, den soeben der Kutscher des Herrn von Kobbe für sie abgegeben hat.
„Entzückend, nicht?" ruft sie dem „Gottbegnadeten" zu, und dieser erwidert emphatisch:
„ „Himmlisch, Signora! Ach, — der edlen Frauenschönheit holder Macht kann widerstehen keine Macht auf Erden."
Dabei gleitet sein Blick indessen von der Marchesa zu Trude Christen» hinüber, weshalb Trude roth wird und sich mit Lisbeth Sagert, die sich vor Aerger auf die Lippen beißt, verlegen verabschiedet.
Der Blumenstrauß des Herrn von ■ Kobbe war nicht seine einzige Aufmerksamkeit für die Signora. Am folgenden Tage kam er selbst, der schönen Frau seine Aufwartung zu machen, und Doktor Theodor ärgerte sich, daß zufällig gerade er ihm die Flurthür öffnen mußte, freute sich aber der Geistesgegenwart, sofort nach Martha Dusing, der Zofe der Gnädigen, zu rufen.
Vor dem Anbeter dieser Dame ihren Lakai machen, das fehlte auch noch!
Uebethauvt hatte er sich da eine nette Bescheerung ins Haus geladen! Denn diese Besuche der jungen Damen — der Vorgang von Fräulein Christens und Lisbeth Sagert fand bald noch ein Paar Nachahmerinnen, die sich gleichfalls nach Millys Freundschaft sehnten — dieses Kommen und Gehen, Flüstern, Lachen und Komplimentetauschen mit Fritz, worüber auch Milly sich im Stillen ärgerte — es war schon kaum noch zum Aushalten, und er athmete auf, als der Sänger ein paar Tage später von der Nothwendigkeft eines Konzertes in einemNachbar-
orte redete. Das kam ja umso gelegener, als gerade Mlly zur Ordnung des Nachlasses nach Büntzow mutzte.
„Richtig •— habe von des Onkels Testament gehört", hatte Bruder Fritz hingeworfen, als Theodor ihm das sagte. „Du bist ja nun ein vermögender Mann, und da ich mich von der anri «aera Paine» vollkommen frei weiß, so gönne ich Dir edelherzigem Menschen den Mammon. Dagegen bitte ich Dich, der Marchesa die Ritterlichkeit zu erweisen, sie morgen Nacht zwölf Uhr zwanzig vom Bahnhof abzuholen, da ich als mein eigener Impresario gleich weiter reise, das Nöthige für eine Vorstellung in Anktam anzuordnen."
„Wie? Du meinst. — Aber Mlly bleibt ja auch mindestens zwei Tage, und ich sollte sie allein —"
„Signora Carlotta ist doch kein Wehrwolf!" hatte Fritz lachend ausgerufen. „Nebenbei denke ich auch unseren Benjamin zu besuchen, den flotten kleinen Lipp auf Neidhof."
„Er ist fast so lang geworden wie ich", lächelte Theodor.
„Hahaha, kann mir's denken! Wie ich mich freue, auch diesen Bruder an mein Herz drücken zu können! ?llso Du thust mir den Gefallen, nicht wahr? Wohl dem, dem die Geburt den Bruder gab!"
Wirklich tappte sich der Doktor durch die stockfinstere Nacht den Weg zum Bahnhof, die Signora zu empfangen. Zum Glück fand man für den Rückweg den Wagen aus dem Deutschen Hause leer.
Da saß sie nun, ihm gegenüber, das Haupt von einem weichen Seidensbawl umhüllt, verzog die Lippen zu einem Gähnen, reckte sich, schmiegte sich in das Eckpolster und zog die erschauernden Schultern unter dem Mantel zusammen.
„Ist Ihnen kalt?"
„Ein wenig — Grazie", flüstert sie gleich darauf, als er das Fenster hochgezogen, lächelt ihn an und blinzelt schläfrig.
„Hast Du für eine Tasse Thee gesorgt, Martha?" fragte sie zu Hause ihr Mädchen, das mit dem Hotelkutscher ihr Gepäck heraufschleppt.
„Gnädige Frau hatten es ja befohlen."
„So kannst Du schlafen gehen. Aber Sie, Herr Doktor — darf ich Sie einladen? Eine Tasse Thee nach der frosttgen Fahrt —
Sie lehnt am Pfosten ihrer geöffneten Thür.
Draußen ist es in der That empfindlich kühl gewesen und da drinnen glüht unter dem rosa Seidenschirm die Onyxlampe so traulich, und noch zu arbeiten hat er ohne- hin keine Lust mehr.
Mit einer hölzernen Verbeugung nimmt er an.
Zum ersten Mal betritt er dieses Gemach, Frau Werners unbenutztes Prunkzimmer, dem die Bewohnerin aber mit ein paar Handgriffen die kalte Langeweile seiner stylvollen Nüchternheit genommen hat. Ein floren- ttner Shawl in losen Falten von der Ecke des _ hohen Pfeilerspiegels herab gehängt, ein Kissen hier, ein paar Blumenranken dort — und über dem Ganzen der Duft ihres Lieblingsparfüms — violette de Parme — und ein klein wenig Unordnung — eine schleifengeschmückte Mandoline und ein Packet Noteichlätter in die Sopha- ecke, Fächer und Handschuhe auf das Paneelbrett darüher geworfen — das ist Alles.
Wie behaglich, lauschig sich's hier sitzt, beim diskreten Gesumme des silbernen Kessels über der bläulichen Weingeistflamme! Und mit welcher spielenden Grazie ihre
weißen Hände das Theegeschirr ordnen, ihm die durch, stchttge Tasse reichen! , , . .
Von einem Seitentisch bietet sie ihm ein geschrritzteß Kästchen.
Er dankt, er rauche nie Cigaretten.
Aber er findet es ganz natürlich, daß sie sich «not von Frau Werners kleinen Demifauteulls dicht neben seinen Platz schiebt, eine Cigarette anbrennt und, einenj Fuß über den anderen geschlagen, den grauen Ringeln^ die chren gespitzten Lippen entquellen, nachschaut. Das gedämpfte Licht der Lampe überhaucht ihre Wange miti einem lebendspendenden duftigen Jncarncrt' unter den langen Wimpern ihrer Augen schlummert es wie düsteres Sehnen --
Er senkt den Blick.
„Haben Sie schon einmal eine Dame rauchen sehen? fragt sie plötzlich mit einem halben Lächeln.
Er zaudert eine kleine Welle, ehe er nachdenklich er- widert:
„Ich erinnere mich nicht gerade-. Indessen Sie
— die Cigarette steht Ihnen."
„Als Dekoration also?" lacht sie. „Jedenfalls bitte ich Sie, zu glauben, daß ich diese Gewohnheit erst auf meinen Reisen angenommen habe. Die Luft der Villa Sponsetti zu Meana dürste ich meiner Mutter nicht durch Tabaksrauch verdunkeln."
„Ihre Frau Mutter lebt noch?" fragt er.
Sie nickt, und ihre Wimpern senken sich über die glänzenden Augen, als sie mit einem leisen Seufzer ant- wartet: „Leider in bescheidenen Verhältnissen, Signor. Der Marchese Sponsetti starb ohne Vermögen. Ein langwieriger Prozeß um die Besitzungen meiner Väter wurde zu unseren Unqunsten entschieden, und heute ist sie auf den Ertrag meiner Kunst angewiesen. So durchstteife ich, wenn ich nicht, wie im Winter, ein festes Engagement habe, die Welt, der Mutter den Lebensabend erträglich zu gestalten, während es mich oftmals mit allen Fasern meines Herzens südwärts zieht, nach den steinigen Berghängen Piemonts, in die Mutterarme." Vorüber geneigt, stützt sie das Haupt in den auf ihrem Schoß ruhenden Arm und sicht ihn von unten herauf mit thränenum- flortem Auge an. „Nicht oft wird mir's so Mt wie in diesem gastlichen Hause, woJhre Güte mir vorübergehend ein trauliches Daheim gewährt, und deshalb bin rch Ihnen so dankbar. — Erst heute früh schrieb ich darüber cm meine Mutter und bin überzeugt, sie spricht, wenn sie den Brief erhält, eines ihrer gläubigen Gebete zu unserer Madonna della rocca."
Ein tiefes Athmen hebt ihren Busen.
So nahe ist sie ihm, daß er, den Hauch ihrer Lippe»
zu fühlen meint, als sie, noch immer den Blick zu ihm erhoben, noch einmal flüstert: „„Ich bin Ihnen so dank- bar, Signor Teodoro."
Ihn ergreift ein so innigesMitgefühl mit dem st Wesen, aber zugleich eine so lähmende Befcmgenh Und er fühlt seine Pulse klopfen.
Mt einer steifen BeweMng erhebt er sich,
„Ich glaube, es ist schon sehr spät —"
Da steht auch sie auf und reicht ihm die Hand. „Felicissima notte, Signor!" flüstert sie.
Auf seinem Zimmer reißt er für ein paar Minuten das Fenster auf.
Die Nachtluft! Wie das wohlthut!
(Fortsetzung folgt.)
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