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$ 1 * 523« Redaktions-Fernsprecher No. 52.
Samstag, den 8. KovrmKer.
BerlagS-Fer»sprecher N». 22SK.
190 «.
Morgen-Ausgabe.
Sonalpolilische Umschau.
— Anfang November. —
Es ist leider wahrscheinlich, daß der Reichstag neben der Berathung des Zolltarifs und Staatshaushalts wenig Zeu für socialpolitische Fragen übrig haben wird. Das ist sehr zu bedauern, denn einzelne dieserFragen verlangen gebieterisch eine endliche Erledigung. Zu ihnen gebürt namentlich der Gesetzentwurf, der die groben Mißbräuche beseitigen soll, die sich auf dem Gebiet der gewerbl'.chen Beschäftigung schulpflichtiger Kinder eingebürgert haben. ZumRachthell der Boltsgesundheit ist diese gesetzgeberische Aufgabe viel zu lange vertagt; die Frage ist durchaus klar, zahlreiche zuverlässige Erhebungen haben die Nothwendig- keit einer gesetzlichen Regelung dargethan, sie sollte also nicht hinarchgeschvben werden. Natürlich sollte der Schutz auch auf die von der Landwirthschast beschäfügten Kinder ausgedehnt werden, die in der Zeit der Rübenpflege und Ernte und ebenso in der Kartoffelernte vielfach mit derselben Rücksichtslosigkeit für chre Gesundheit ausgenützt werden, wie das in manchen Hausindustriem geschieht. Alles das, wie auch die mit der landwirthschaftlichm Kinderarbeit in gewisser Hinsicht verknüpfte sittliche Ge- fahr, wird wohl eingehmde Erörterung finden, wenn der Entwurf im Reichstage zur Berathung gelangt.
Das socialpolitische Programm des letzteren ist damit noch lange nicht erschöpft. Auch die Rechtsfähigkeit der Berufsvereine soll nach einem von der Freisinn i gm Bolkspartei und dem Cmtrum eingebrachtm Gesetzentwurf mdlich auf eine breitere und festere gesetzliche Grundlage gestellt werden. Auch diese Frage drängt um so mehr zur mdlichm Erledigung, je machtvoller und einflußreicher starke Unternehmervereinigungen ihren Einfluß auf das Verhältniß zwischm Kapital und Arbeit äutzem und die Verhältnisse die Arbeitervereinigungen zu positiver socialer Bethätigung zivingen. Die gesetz- liche Regelung der Industrie-Kartelle wird der Reichstag wohl einem glücklicherm Nachfolger überlassm müssm, dessm Bewegungsfreiheit durch die gigantische Last von 946 Zolltarifparagraphm wmiger niedergedrückt ist. Nach unserer Ueberzmgung wird bei der ganzen Kartell- gesetzgebung nicht viel herauskommm. Die besten Mittel gegen eine ungesunde Preis- und Absatzpolitik der Kartelle werdm niemals Gesetzesparagraphen sein könnm, sondem vor Allem eine verkehrsfrmndliche Handelspolitik und die mtschlossme Selbsthilfe starker Konsummten- und Arbeiterverernigungm. Ein besseres, unter einer freierm wmiger mgm Auffassung polizeilicher Befugnisse voll zur Geltung kommmdes Dereinsrecht wird im Kampf gegen Ausschreilungm der Kartelle siegreicher sein, als das behördliche Strafmandat. Alle diese großm Industrievereinigungen werdm Mittel findm, selbst gegm die schärfstm Strafbesümmungm nicht zu verstoßm und
trotzdem ihre Geschäfte gmau so vortheilhaft wie heute zu besorgm. Die Form wird vielleicht eine andere, der Geist bleibt derselbe.
Was hat man nicht Alles von der Waarenhaussteuer in Preußen erwartet! — Erreicht ist so viel wie nichts; wenigstens sind die Hoffnungm der Freunde einer derartigen, aus voltswirthschaftlichen Gründm nicht zu erklärenden Steuerpolitik durchaus fehlgeschlagen. Das war vorauszusehen und es wurde ihnen vorausgesagt. Aber leider ist es nun einmal eine Besonderheit der Gegenwart, daß der mit der Unerbittlichkeit eines Naturgesetzes sich vollziehendm wirthschastlichm Entwicklung Hemmnisse in den Weg gelegt werden sollm. Zwar wird dadurch jene Entwicklung schließlich nicht aufgehaltm, aber dem Volkswohlstand wird doch manmgfacher Schadm zugefügt, der zuletzt freflich auf dmUrheber selbst zurück- fallm wird. So hat der gewerbliche Mittelstand, dessm politische Wortführer leidenschaftlich zum Erlaß des preußischen Gesetzes über die Waarmhaussteuer trieben, die Wirkung dieser Gesetzgebung jetzt am eigmm Leibe zu spüren. Er selbst hat jetzt als Strafe für seine volks- wirthschaftliche Einsichtslosigkeit die Lastm dieses Gesetzes theilweise zu tragm. Was vorausgesagt wurde, ist nämlich überall eingetroffm: Die Waarmhäuser wälzm dieSwuer glatt auf die Waarmproduzentm ab, unter denen der gewerbliche Mittelstand sehr stark vertreten ist. Auch eimüge Frmnde dieses unübertrefflichen Gesetzes möchtm es ;etzt gegm irgmd eine scharfe Umsatzsteuer eintauschen; natür- sich würde auch damit der gewünschte Erfolg nicht erreicht werdm. Handwerk und Kleinhandel werden immer ein großes Gebiet unseres wirthschastlichm Lebens be- herrschen, wmn sie sich dm ständig wechselnden Daseins- formm anzupaffm wissm, wie das heute jeder Erwerbs- thättge thun muß, wmn die Entwickelung nicht über ihn hinweggehen fall.
Neues läßt sich eigmtlich über derartige Fragen nicht mehr sagen. Die Gründe gegm eine nicht vorwärts, jon- dem rückwärts schaumde Wirthschaftspolittk sind schon so oft eindringlich erörtert, daß auf eine Ueberwindung der- artiger Anschauungm durch Gründe nicht mehr zu hoffen ist. Was Worte nicht vermögm, wird jedoch eines Tages die Erfahmng vollbracht haben. Me Politik wirthschaft- sicher Hemmnisse wird durch die gewalsigen focialm Auf- gaben der nächsten Zukunft bei Seite geschobm werden. Wir dmkm, die Zeit wird bald vorüber fein, in der sich unsere Staatsmänner dm Luxus aussichtsloser wirth- fchaftspolitischer Experimmte gestattm könnm. Man ttnrd vielmehr alle Kraft daran setzen müssm, dm Verlust wieder einzuholcn, dm unser Wirthschaftslebm durch das Abweichm vom geradm Wege des Fortschritts er- litten hat, man wird suchm müssm, jene gewerblichm Kreise, die hmte vom Altm nicht loSkommm könnm, so schmerzlos als möglich der neum Entwickelung anzu- fchließm, nachdem die sogmannte Mittelstandspolitik Schiffbmch gelittm hat. Reiche Anfänge dazu sind ja schon überall vorhandm, auch Beweise genug, daß sich langsam, aber unbedingt sicher eine größere, bedmtendere und
fruchtbarere Auffassung von den socialen Aufgaben des Staats bei den Regierungen selbst vorbereitet. Die Politik der Borbeugung socialer Uebel wird bald eine dev wichtigsten Lebensbedingungen der Staatm selbst sein« Man wird dem Wort „staatserhaltend" bald eine gänzliche andere Bedeutung beilegen, als es nach unseren heutigen landläufigen polizeilichen Begriffm hat. Einer Arbeitervereinigung Schwierigkeitm bereiten, kann z .B. recht wmig „staatserhaltmd" sein, dagegen ist das Staatswohl in hohem Grade betheiligt, wo es sich um die Bekämpfung der Wohnungsnoth, des Alkoholismus und dev Tuberkulose handelt.
Auch Äe vor wmigm Tagen in Berlin ab gehalten« internattonale Tuberkulosekonferenz hat den Eindruck verstärkt, daß hmte alle großen Kulturstaaten, und nicht zuletzt Deutschland, die ungeheuere Größe der Gefahr, die von dieser Seite droht, erkennm. Auf diesem Gebiet hat man sich jedoch schon im Anfänge zu der Ueberzmgrmg durchgerungm, daß die alte Form polizeilicher Mit- Wirkung völlig versagen würde. Man will vielmehr ohne polizeiliche Strafmandate eine Erziehung des Volkes zur Hygieine, zum Selbstschutz auf breitester Grundlage anbahnen. Nicht der Polizeiwachtmeister, sondern der Arzt, der Volkslehrer soll das Wort habm; die Indolenz soll nicht durch Strafen, sondern durch Belehrung über-' wunden werden. Im Zusammenhangs hiermit wird man allerdings das ganze sociale Mveau der minderbemittelten Klassen heben müsfm, dmn die Bekämpfung der Tuberkulose, des Alkoholismus, der Prostitusion und Wohnungsnoth hängt wie andere wichtige Fragen eng mit unserer Wirthschaftspolittk, mit der Entwickelung unserer gesammtm Volkswirthschast zusammen. In erster; Linie gehört hier auch die Abwendung jener brutalen Ver- theuerungspolstik her, wie sie von den Agrariern betriebst wird, wie denn überhaupt jede Erhöhung der Zölle auf, Lebensmittel vom Uebel ist! c.
M CesiiiM als Uerbrchcr-Manjtall.
Ein merkwürdiges Experiment im Gefängnißwesen wird in der Besserungsanstalt zu Elmira in den Ber- einigten Staaten gemacht. Die Anstalt ist, wie ein eng- sisches Blatt erzählt, ein „Gefängnitz der Paradoxe". Man sieht dort Gefangene, die Waffen singen, und un- bewaffnete Wärter. Es herrscht die strengste Disziplin, und dabei unerhörter Luxus. Die Verbrecher haben ihre Kapelle, ihr Banner, ihre eigene Wochenzeitung, die in der Anstalt verlegt und gedruckt wird, eine sehr schöne Turnhalle und ein prächtiges türkisches Bad mit Marmorwänden und Fußböden, Douchen und Nadel- bädern. Die besten Insassen dürfen ihre Nahrung nach sehr sorgfältig aufgestellten Speisekarten wählen; für ihr« geistigen Bedürfnisse sorgen eine große Bibliothek, Bor- träge mit Bildern und Unterricht in vielen Gegen- ständen, darunter Naturwissenschaften, Stenographie und Telegraphie. Sogar die Namen Gefängnitz und Ge- fangene sind verpönt; Elmira ist eine Anstalt, die Ge-
Feuilleton.
Merkliche Märtyrer.
Bon Karl Schenk.
Nc«-N«rk, Oktober 1802 .
Die große Menge ist nur allzu geneigt, sich ein falsches Bild von dem Leben zu machen, das die sogenannten Glücklichen dieser Erde führen, und zu meinen, daß sich ihre Tage aus nichts als Freude und Vergnüg. Ungen zusammensetzen. Wie theuer aber all diese Zer- streuungen oft erkauft werden, wie sehr selbst das schöne schwache Geschlecht, ja, gerade dieses, dafür leiden muß, davon hat sie nicht die geringste Ahnung.
Die Season steht jetzt vor der Thür, der Winterfeldzug, wie sie charakteristisch in New-York genannt Wirb; denn ist nicht die Eroberung von Männerherzen daS Ziel und der Endzweck fast all der Festlichkeiten der Saison? Aber um auf Eroberungen auszugehen, um Stege zu erringen, mutz man gut gerüstet sein, das weiß eine New-Yorker Schöne noch besser als die anderer Länder, und so scheut sie keine Mühe und keine Ent. Sehrung, um mit ganzen Kräften und in voller Glorie brn Anforderungen genügen zu können, die dann an sie heransieten. Eine Leuchte der New-Yorker Gesellschaft hat sich jüngst darüber vernehmen lassen, wie der Feldzug organistrt, was Alles gethan wird, um die Erfolge zu er- ringen, die seit den Tagen unserer Stammmutter Eva allen weiblichen Herzen so theuer sind. Was wir da erfahren, mutz von der Voraussicht, der Entsagung und Ausdauer, deren das angeblich so zarte Geschlecht fähig ist, wenn es auf ein bestimmtes Ziel hinarbeitet, den höchsten Begriff geben und selbst seine Verkleinerer mit Bewunderung erfüllen.
Mit welchem Bedauern ist schon so manchmal der Jockeys gedacht worden, weil sie ein so mäßiges, ruhiges Leben führen müssen, und der Entbehrungen, welche Ruderer und andere Sportliebhaber sich Wochen lang auf-
erlegen, wenn ein Entscheidungstag bevorsteht. Dies ist jedoch nichts im Vergleich zu der Entsagungsfreudigkeit, mit der die New-Yorker „belle" sich auf den Winterfelü- zug vorbereitet. Derselbe ist allerdings auch ein harter. Um 10 Uhr Morgens, so erfahren wir, erhebt sich dann die Dame der Gesellschaft, welcher wir all diese Erklärungen verdanken, und frühstückt, während ihr Kammermädchen ihr das Haar bürstet. (Manchen dürfte dies nicht allzu appetttlich dünken, aber es ist wohl auch eins der Opfer, die gebracht werden müssen.) Um 1 Uhr ist die Toilette Sendet, und dann begiebt sich die Schöne zu irgend einem Luncheon. Das gastliche Haus, in dem es stattfindet, verläßt sie, um drei oder vier Nachmittags- empfängen beizuwohnen. Um 6V 2 Uhr ist sie wieder da- heim, sich zu einem Dinner anzukleiden, dann geht's in die Oper und von dort noch oft zu einem Ball. Um 2 oder 8 Uhr Morgens sucht sie endlich ihr Bett auf.
Ein solches Leben Tag für Tag zu führen, dazu gehört eine kräfttge Konstitutton. Diese sich zu erhalten ober zu erringen, darauf ist das Bestreben einer New- Yorker Schönen gerichtet, und sie hat sich ein vollständiges Trainirungssystem dazu zurecht gelegt. So geht sie in der stillen Zeit jeden Abend um spätesten» 10 Uhr zur Ruhe und schläft bi» um 7 Uhr. Bevor sie sich erhebt, wird ihr eine Schale guter, siäftiger Bouillon gebracht, die sie genießt. Dann, ehe sie an weiteres Frühstücken denken darf, begiebt sie sich inS Freie, macht einen langen Spaziergang ober Ritt oder radelt, um, heimgekehrt, ein höchst einfaches Mahl einzunehmen. Keins von den guten Dingen, die schon am Morgen in New-York die Tafel zieren, ist für sie da, sie ißt nichts als ein Gericht von Hafermehl, bas Oatmeal porridge, welches nahrhaft und kräftigend, aber für Biele nicht gerade der Inbegriff des Guten ist. Nach dem Frühstück geht die Schöne „Shopping" oder beschäftigt sich sonst in einer Weise, ist aber pünktlich zum Luncheon daheim. Dieses, sowie daS Dinner sind äußerst einfach, selbst für letzteres ist nichts gestattet als abermals Bouillon, Roastbeef und Brod und Butter, keine Kartoffeln, keine süßen Speisen. Bei Personen, deren Vermögensverhältniffe ihnen die kost
spteligsten Delikatessen gestatten, ist diese Enthaltsamkeit entschieden bewundernswerth, aber sie ist noch das kleinsts Opfer, das die fashionable junge Dame bringt. Um Hals und Arme daran zu gewöhnen, daß sie sich nnver- schleiert den Blicken zeigen müssen, erscheint ste allabend- Nch auch im intimen Familienkreise im ausgeschnittenen Gewände und mit kurzen Aermeln, da sonst nicht nur eine Erkaltung die Folge sein könnte, wenn sie dekolletirt zum ersten Male im Ballsaale erscheint, sondern wenn sie, was schlimmer, verfroren und daher unvortheilhaft aussieht uub bre Arme statt der so begehrten weißen Farbe eine röthliche Nüance zeigen. Und was wird nicht Alles an- gewendet, um Hals und Armen ein schönes Aussehen verleihen! Denn selbst mit dem letzten Mahle des Tages endet daS Martyrium der Nerv-Yorker jungen Schönen nicht. Wahrend voller zwei Stunden hält ste still und latzt sich von dem Kammermädchen Hals und Arme mit Glycerin und Rosenwasser „poliren", worauf dis Kammerzofe eine Stunde lang das Haar bürsten muß. Vielleicht werden Manche meinen, daß das Martyrium auf Serien des Kammermädchens sei, ja, es ist aerade-cn erstaunlich, daß seine Arme und Hände drei Ssinben lang einer solchen Ansttengung widerstehen können. Weniger Wunder nehmen kann eS nach diesem, daß die Klagen über den Mangel an guten „maids" in New- |)orf so ständige und diese noch schwerer aufzutreiben sind, als andere brauchbare Dienstmädchen. Eine Zofe, die während der Saison ihre Herrin ungefähr viermal täglich ankleröen und frisiren und in der stillen Zeit 5--ei Stunden ihre Glieder poliren und ihr Haar bürsten muß, muß eine Widerstandsfähigkeit besitzen, die noch größer ist als dre ihrer Gebieterin. Und für sie giebt es keine Trarnirungszeit.
, „Immerhin wird man zugeven müssen, daß auch dis fashionable ;unge Dame ihre Vergnügungen theuer er- kauft, so theuer, daß wohl auf der anderen Sette des Oceans, und besonders in Deutschland, die Meisten oder Alle meinen dürften, der dafür gezahlte Preis sei ein zu hoher, selbst wenn ein Dutzend entflammender Männer. Herzen die Siegestrophäen der Saison bilden sollten.
