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Verlag Langgaffe 21

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ÄÄÄgÄ Berliner Schriftleitung des Wiesbadener Tagblatts

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„Tagblatt.Haus" Nr. 6656-53.

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Jreitag, 30. Juli 1915.

ktbend-klusgabe.

Nr. 350. ♦ 63. Jahrgang.

Seichen der Not.

Ten besten Beweis für die Größe unserer Erfolge im Osten geben die jetzt vorliegenden neutralen Zeitungsstimmen, die wert sind, voll beachtet zu wer­den. Tiefe melden, daß aus den westpolnischen Städten Wilna, Grodno, Kowno und B i a l o st o ck die Gesamte Zivilbevölkerung entfernt wird. Viele Hundert­tausende werden in Polen von dieser harten Maßregel betroffen. Ist doch Wilna eine große blühende Stadt mit über 170 000 Einwohnern und gleichzeitig Haupt­stadt des gleichnamigen Gouvernements. Wilna liegt an dem Knotenpunkt der Eisenbahnlinien Peters­burg-Warschau, Warschau-Eydtkuhnen und Warschau- Rowno, treibt lebhaften Handel in Holz und Getreide sowie Lederindustrie. Eine besonders historische Er­innerung knüpft sich an diese Stadt, da von ihr aus Napoleon I. 1812 den litauischen Aufstand organisierte. Vielleicht ist sie jetzt der russischen Regierung besonders stark ins Gedächtnis zurückgekehrt. Unliebsame Er­innerungen pflegen besonders nachhaltig zu bleiben. B i a l o st o ck und die Festung Grodno sind auch recht ansehnliche Städte. Bialostock gehörte um die Wende des 18. Jahrhunderts zwölf Jahre zu Preußen und ging nach dem Tilsiter Frieden 1807 an Rußland verloren. Ebenso wie dieser Boden sind auch die Festungen Grodno und Kowno für uns Deutsche von historischer Bedeutung. In Grodno legte der König Stanislaus nach der zweiten Teilung Polens seine Krone nieder, in Kowno erinnert ein Denkstein an den Übergang der Franzosen und Alliierten über den Njemen im Jahre 1812. Ebenso wie Bialostock gehörte das Gouvernement Kowno zu derselben Zeit vorübergehend zu Preußen. Wir kämpfen also gegenwärtig und vielleicht in der nächsten Zukunft auf den Schlachtfeldern früherer Generationen. —

Die Gründe für die Entfernung so großer Be­völkerungsmengen sind sicher bitter ernster Natur. Sie werden am besten gekennzeichnet durch die Anweisung, welche der Gouverneur von Livland seinen Kreis­chefs gegeben hat. Er hat sie angewiesen, die gesamte Bevölkerung sortzuschaffen, und zwar „angesichts des vordrängenden Feindes". In den lebten vier Worten — angesichts des vordrängendcn Feindes — liegt der Kern der Sache. Die deutsche Heeresleitung hat dem Feinde das Gesetz des Handelns ausgeMungen und ihm muß er sich fügen. Diese Entfernung hat den Zweck, die Zahl unnötiger Esser in den bedrohten polnischen Festungen zu verringern, Spionage zu ver­hindern und nur den dort zu belassen, der zum Schutze des bedrohten Reiches eintreten kann. Hierdurch wird Meiseisfrei die Lebensdauer der gefährdeten Plätze verlängert, die Verteidigungskraft erhöht und das Leben manches Bürgers erhalten. Aber auf der anderen Seite ist die durchgreifende russisch- An­ordnung ein klarer Beweis dafür, daß der Widerstand ihrer Armee von der eigenen Leitung nicht sehr hoch veranschlagt wird, daß nran dem Schutz der Festun- gen nicht mehr traut und einem Hindenburg alles zutraut. Deswegen wird der polnische Bauer von seinem Acker vertrieben, muß der Handwerker unü Arbeiter seine Werkstätte verlassen. Die Früchte ihrer Arbeit werden vernichtet, soweit sie der Staat nicht fortnimmt, damit sie den Deutschen nicht in die Hände sollen. Tie Schwere dieser Maßregel trifft einzig und allein die polnische Bevölkerung, der man den ohnehin schon knappen Bissen Brot aus der Hand nimmt. Da­bei ist aber zu bedenken, daß diese Abertausende, von ihrer Scholle vertrieben, Angst und Sorge, Armut und Verzweiflung in die bisher verschonten Teile Polens hineintragen. Ihre Schilderung von den gesehenen und gehörten Schrecknissen des Krieges wird gewiß da­zu beitragen, den russischen Stumpffinn etwas auszu­rütteln. Zu einer Erhöhung der Kriegsbegeiste- r u n g in Rußland wird rhr Schicksal aber nicht führen. Ebenso ist es als ein Zeichen der Not anzusehen, oaß durch einen Aufruf Freiwillige gesucht werden, welche die Befestigungen von Reval verstärken sollen. Man befürchtet vielleicht, daß unter Mitwirkung unserer Flotte in diesem Kriegshafen eine deutsche Landung erfolgen könnte. Man sieht, wie weit die Sorge oer - russischen Heeresleitung geht. Zu Wasser und zu Lande fühlt sie sich nirgends sicher, selbst an den Teilen der Ostsee, wo so oft der russische Herrscher in politisch beweaten Zeiten Schutz und Ruhe gefunden hat. Auch die in der russischen Presse geäußerte Ansicht über eine Verlegung der russischen Hauptstadt in einen mehr russischen Ort sind letzten Endes nur von Angst und Sorge hervorgebracht. Noch vor wenigen Wochen wurde der deutsche Einmarsch in Kurland als eine belanglose Expedition der Deutschen angesehen. Erst jetzt wird von den Russen erkannt, daß sie nicht nur ein Straf- rua kür den Raub in Memel war. sondern ein gefähr­

liches UmfassungsManöver, und fürchtet wer- tere Überraschungen. Aber auch an anderen Säulen des russischen Riesenreiches scheint es zu wankem. Der Glaube an die Uncrschöpflichkeit _ des' _ russischen Menschenmaterials gerät in die Brüche. Die Millionen Verluste in den Karpathen, auf den Schlacht­feldern Galiziens und Polens lassen gewiß jetzt schon den Boden des russischen Menschenvorrats erkennen, zum Schrecken Rußlands und zur Überraschung seiner Verbündeten. Der Glaube an die Unerschöpflichkeit wurzelte zu tief in den Herzen aller Welt. Der heutige Krieg hat schon ohnehin alle Begriffe von Zeit und Raum über den Haufen geworfen. Was früher un­möglich erschien, wird zur Wirklichkeit gebracht. So auch Rußlands Menschenreichtum. An ihm mangelt es, denn sonst findet sich keine Erklärung dafür, daß die russische Regierung entgegen dem finnischen Sondergesetz die Ausmusterung einiger Jahres­klassen dieses Landes angevrdnet hat. Es ist also N o t am Mann und in dieser Notlage wird ebensowenig nach den Rechten Finnlands gefragt, wie es bisher der Fall war. Unter Nikolaus I I. hat Finnland nicht min­der unangenehme Zeiten durchlebt wie unter seinem Vater. Wenn es auch bei seinem Regierungsantritt so schien, als sollte der begonnenen Russifizierung ein Ende bereitet werden, so wurde doch Finnland bald eines Befferen belehrt. Gegen den Willen des Landes wurde ihm durch das Fobriiarmanisest des Zaren im Jahre 1899 ein neues Wchrgesetzl aüfgabürdert, durch welches dos Friedenskontingent verdoppelt wurde, je­doch die Einreihung russischer Offiziere in das finnische Heer untersagt wurde, ebenso die Einstellung finnischer Rekruten in russische Regimenter. Dieses letztere finnische Recht durchbricht jetzt Rußland. Besondere Begeisterung wird diese Maßnahme in dem davon betroffenen Finnland nicht auslösen.

So lastet schwere Not und drückende Sorge aus Rußland, ohne einen Hoffnungsschimmer von den Kampsstätten seiner Verbündeten. Die Darda­nellen werden immer noch vergeblich von unseren Feinden becennt, wobei sie mit dem Einsatz ihrer großen Kampsschlsfe vorsichtiger geworden sind. Ge­waltige Menschenverluste, eine drückende Hitze, Schwie­rigkeiten in der Zufuhr von Trinkwasser bringest die Verbündeten nirgends vorwärts. Also von dieser Seite aus kann Rußland ebensowenig auf Erleichterung hoffen wie auf den anderen Kriegsschauplätzen. Im Gegenteil, Rußland war dem Dardanellenunternchmen ssiner Verbündeten noch dadurch wenig hilfreich, daß es Anfang Mai die zur Landung an der türkischen Schwarzen Meerküste hesffmmte Armee fortnahm und in Galizien opferte. In Italien erstirbt allmählich die Meite zehntägige Jsonzo-Schlacht in dem ver­nichtenden Feuer der tapferen Verteidiger. Schwere blutige Verluste haben sich auch diesmal die Italiener geholt, Görz ist noch immer in österreichischer Hand und die unbefreiten Provinzen von dem Befreier Italien noch immer nicht befreit. Also auch hier kein Hoff­nungsschimmer. im Gegenteil, schwere Enttäuschungen zu Lande wie zu Wasser. Die österreichische Flotte beherrscht noch immer die Adria, verbreitet Schrecken an der italienischen Küste und vernichtet militärische wichtige Anlagen, wie die Bahn bei Ancona., Auf dem w e st l i ch e n Kriegsschauplatz aber ist nichts von einer entlastenden Offensive zu hören, nur von Eifer­süchteleien Mischen Franzosen und Engländern, weil letztere zu bescheiden waren mit ber Stärke ihrer Armee und der Breite des Kampfraums.

Wohin also Rußland blickt: Nirgends einen Er­folg seiner gewaltigen militärischen Opfer, nirgends Hilfe von alten Bundesgenossen, nirgends die Aussicht auf neue — das ist sein Kampf der Ver­zweiflung. 0

In Erwartung der Entscheidungsschlacht an der Narew- und vuglinie.

Br. Petersburg, SO. Juli (@ici. Drohibericht. Zeus. Bln,) „Rjetsch" erfährt aus russischen Genevalstabskveisen, daß die nächsten Tage auf dem polnischen Kriegsschauplatz nur vor­bereitende Gefechte bringen werden, da beide Teile alle Kräfte für die Entscheidungsschlacht an der Narew- und Buglinie versammeln.

Der Zweck der Dumaeinberufung.

Eine neue Lesart!

W. T.-B. Petersburg, 30. Juli. (Eig. Drahtbericht. Zeus. Bln.) Der Dumaabgcordnetc M i l j o k o w veröffentlicht im „Rjetsch" einen Artikel, worin er ausführt, die Duma sei zu dem Zwecke cinberufen worden, um die Bedingungen zu untersuchen, unter denen Rußland mit den Zentralmächtc» Frieden schließen könne. (Miljokow, der Führer der Ka- dettenpartei, ist während der Kriegszeit zu einer der bekann­testen Persönlichkeiten in maßgebenden Kreisen geworden. Schriftltg.)

Br. Petersburg, 30. Juli. (Eig. Drahtbericht. Zens. Bln.) „Birschewia Wjedemosti" erklärt, von besonderer Serie erfahren zu haben, daß Goremykin in seiner Rede ber der Dumaeröffnung ausdrücklich die großen Schwierig­keit e n betonen wird, die Rußland augenblicklich zu über­winden hat, andererseits jedoch den festen Willen der russi­schen Regierung zum Ausdruck bringen soll, unter allen Hut« ständen an den Verpflichtungen des Londoner Vertrages festzuhalten. Das Blatt glaubt weiterhin, daß der Duma ein umfassendes Reformprogramm der innerpolitischen Verhältnisse vorgelegt werden soll. Die vorgeschlagenen Reformen sollen bei weitem alle, auch die kühnsten Erwartungen, selbst der linken Dumapartei«: übertreffen. Nach dem Ministerpräsidenten werde der KriegS- minister das Wort ergreifen, um den Volksvertretern ein wahrheitsgetreues Bild der militärischen Lage vorzuführen.

Der neue russische Rcichsratspräsident.

W- T.-B. Petersburg, 29. Juli. (Nichtamtlich.) Kulom- sin, Staatssekretär und Mitglied des Reichsrates, ist zmn Präsidenten des Rerchsrates ernannt worden.

Beabsichtigte Verschickung der deutschen Koloniste« in Wolhynien.

Br. Kopenhagen, 30. Juli. (Eig. Drahtbericht. Zens. Bln.) In Anbetracht des Anrückens der Feinde sollen nach einer Mitteilung der Kiewer Zeitungen auf Antrag des Gouverneurs von Wolhynien alle Deutsche, auch die­jenigen russischer Nationaliät, sowie sämtliche Kolonisten in sibirische Gouvernements verschickt werden.

Kusstand im Petersburger Krsenal und in den putilowwerben.

Stockholm, 30. Juli. (Zens. Bln.) Aus Petersburg wird gemeldet, daß General R u ß k y, der rnffischc Höckistkomman- dirrendc, einen Tagesbefehl erlassen hat, aus dem her­vorgeht, daß die Petersburger Arbeiter in den Fabriken fstr Kriegsbedarf die Arbeit eingestellt haben. Der General sagt darin, der Streik laste schwer ans der Seele der kämpfenden Truppen und mache dem Feind eine boshafte Freude. Der Tagesbefehl bezieht sich auf einen pvlitischen Streik im Petersburger Arsenal und in de» Putilowwerken. Die staatliche Patronenfabrik wird durch Militär bewacht. Der leitende Generalmajor der staat- lichen Pulverfabrik hat den Arbeitern erklärt, daß er aus Streiklustige schießen lassen werde.

Schweden als Svione verhaftet.

Br. Stockholm, 30. Juli. (Eig. Drähtbericht. Zeus. Bln.) Die Verhaftungen von in Rußland lebenden Schweden ofö Spione häufen sich. Nach einer Meldung aus Riga würbe am Mittwoch auch der schwedische Direktor Fleischer dev Rigaer Nobelwerke als Spion festgenornmen.

Oie slrgonnenkämpfe vom 20. Juni bis 2. Juli.

ii.

Aus dem Großen Hauvtquartier wird uns geschriebene

An der von Binarvtlle nach Vienne le ChLteau führenden Straße ist das Gelände übersichtlich, der Wald ist ziemlich licht und zudem im Lauf der Zeit derartig zer- schossen, daß hier die in drei Terrassen übereinanderltegenden, ffanzösischen Gräben deutlich zu sehen sind. Der vorderste Graben war etwa 100 Schritt von der deutschen Stellung entfernt. Weiter nach Osten wird der Wald außer­ordentlich dicht, Dornengestrüpp und dickes Unterholz bedeckt den Boden, man kann kaum zehn Schritte wert sehen. Die deutsche und französische Kampfstellung war hier durch ein kleines Tal getrennt, dessen Sohle nicht einzusehen war. Auf der ganzen Front dieses Abschnittes, hatten Patrouillen festgestellt, daß die Franzosen im Talgrunde ein 3 0 Meter breites Hindernis angebracht hatten, bestehend aus einem Gewirr von Stacheldraht, einer Wand aus Draht­maschen und einem breiten Wassergraben, Jenseits dieses. Hindernisses auf halbem Weg befand sich cm dichten Unter­holz die französische Haupt st ellung, mehrere hintereinanderliegende Gräben mit starken Etndeckungen, Blockhäusern und Maschinengewehrständen. Außerdem hatte der Feind diesseits des Drahthindernisses in Postenlöchern und einzelnen Sappenköpfen kleinere Abteilungen bis nahe an die deutsche Stellung vorgeschoben.

Ruhig uud klar bricht der Morgen des 20. Jum an. Hüben und drüben ist heute alles früher munter als sonst: Bei den Deutschen in Erwartung des bevorstehenden Kampfes, bei den Franzosen, weil sie im Morgengrauen ge- rade die Regimenter 55 und 255 in der vorderen Linie ab- lösen. Punkt 4 Uhr vormittags eröffnen die deutschen Batte-, rren ihr Feuer. Etwas später beginnt das Schießen der Minenwerfer. Von Stunde zu Stunde steigert sich die Heftigkeit des Feuers; die Wirkung des Artillerie- und Minenfeuers ist verheerend. Beim Feinde drängt sich alles in den Unterständen und eingedeckten Teilen der vorderst«: Linie zusammen, denn weiter rückwärts legt die deutsche Artillerie mit ihrem rasenden Feuer über die Verbindungs­linie eine Sperre, die so leicht kein Mensch lebend durch­schreiten kann. In den deutschen Gräben werden die letzten Vorbereitungen getroffen: Hunderte von Sturmleitern zum Erklimmen der vorderen Grabenwand stehen bereit, die Bajonette werden aufgepflanzt, jeder legt sich seine Hand,