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so. Jahrgang.

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Verlag: Langgasie 27.

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No 519. Redaktions-Fernsprecher N». 52.

Donnerstag» den 6. Uovrmder.

Berlags-Fernsprccher No. 2266.

1902.

BHoirgerc »Ausgabe.

Kllsere fianDclsnertrfiae itnö die llludvjMhsAst.

L. Berlin, 4. November.

Die agrarischen Uebertreibungen nöchigen immer wieder zu schärfster Abwehr. Sie nöchigen dazu, auch wenn man sich in Wiederholungen ergehen mutz. Hat denn die Landwirthschast durch die Politik der Handels­verträge wirklich Schaden gelitten? Wo ist der Nach­theil, den sie durch Herabsetzung der Getreidezölle von 5 auf 3,60 Mk. erfahren haben soll? Die Landwirch- schaft ist unter der Herrschaft der Handelsverträge incht etwa zurückgegangen, sondern sie hat größeren Gewinn abzuwerfen begonnen. Die landwirchschastliche Anbau» fläche hat zugenommen. Sie betrug im Durchschnitt der Jahre nach den Handelsverträgen etwa 230,000 Hektar mehr als in den Jahren des Fünfmarkzolls. Der Vieh- stand hat sich gewaltig vermchrt, wenn auch, wie jetzt die Fleischnoch beweist, noch lange nicht in dem für den Be- darf ausreichenden Maße. Auch die Einnahmen der Landwirthe haben im Durchschnitt zugenommen. Das Einkommen aus dem landwirchschaftlich genutzten Grund und Boden rst in Preußen allein für die mit mehr als 3000 Mk. Einkommen veranlagten Landwirthe (für die anderen fehlt es an amüichem Material) um etwa dreißig Millionen Mark höher geworden. Sprechend vor Allem sind die Zahlen der Konkursstatistik. Während in den fünf Jahren, 188691, vor den Handelsverträgen 18,660 landwirthschaftliche Betriebe zur Zwangsversteige­rung kamen, waren es von 189398 nur noch 9917. Den 2999 subhastirten landwirthschaftlichen Grundstücken des I als res 1892 stehen nur 1210 im Jahre 1899 gegen­über. Wir entnehmen diese Zahlen einem inhaltreichen Aufsatz, den der bekannte konservative Publizist v. Gerlach im Novemberheft derNeuen Deutschen Rundschau" ver- öffentlicht. Der Verfasser setzt gut und klar auseinander, welche großen Fortschritte unsere Volkswirthschaft Dank den Segnungen der Caprivi'schen Handelsverträge hat machen dürfen. Es wäre unnatürlich, wenn dieser Auf­schwung nicht auch der Landwirthschaft zu Gute gekommen wäre. In der That bedeutet für die Masse der Land- wirthe, für die Bauern, das Gedeihen der Industrie keinen Schaden, sondern direkten Nutzen. Wenn die Löhne der Industriearbeiter steigen, steigt ihre Nachfrage nach Butter, Milch, Eiern, Geflügel, Fleisch, Obst, Gemüse k. Der Bauer ist vom lokalen Markte abhängig. Darum ist er gerade in den industriereichsten Gegenden am besten vorwärtsgekommen. Er braucht auch vor dem über-

wiegenden Industriestaat keine Furcht zu haben. Wie die dmnschen Bauern ohne Schutzzölle durch rationellsten Be­trieb der Vieh- und Geflügelzucht es zur größten land- wirthschaftlichen Blüche gebracht haben, so liegt auch für die deutschen Bauern mehr Zukunftsaussicht in der Steigerung des Absatzes, wie ihn eine gute Handels- Politik mit sich bringt, und in der Verbilligung der Pro­duktion, wie sie die Aufhebung der Futtermittelzölle dar­stellen würde, als in Prohibitivzöllen. Anders freilich liegt es beim Großgrundbesitz. Er kann sich nur in seltenen Fällen den Bedürfnissen des Industriestaats an­bequemen. Das Gros der Rittergutsbesitzer steht und fällt mit der Rentabilität des Getreidebaues. Hohe Ge- treidepreise sind für sie der Lebensnerv. Und daß, wie nun einmal die Tinge in den Hauptgetreideländern der Welt liegen, die Getreidepreise in absehbarer Zeit ohne exorbitante Zölle genügend hoch steigen könnten, um der Mehrheit der Großgrundbesitzer standesgemäße Renten zu sichern, ist durchaus unwahrscheinlich. Der Zollkanchf bedeutet also für den Großgrundbesitz wirklich emen Kampf ums Dasein in des Wortes wörtlichster Bedeutung. Bei dieser Gelegenheit sei eine Frage berührt, die in den Kämpfen um den Zolltarif sonst keine Rolle zu spielen pflegt. Es ist nämlich klar, daß ein Ueberwiegen der agrarstaatlichen Politik eine Verminderung der Volks- Vermehrung zur Folge haben müßte. Das spricht der be- deutendste agrarische Gelehrte, Professor Adolf Wagner, mit klaren Worten aus. Er als Malthusianer freut sich über diese Aussicht. Wer aber wünscht, daß Deutschland neben dm drei großen Weltmächten Rußland, England >md vor Allem Nordamerika als ebenbürtig seinen Platz einnehme, wird nicht leichten Herzens auf unsere gewaltige Volksvermehrung verzichten. Man kann himmelweit von derrage des nombres" entfernt sein und wird doch zugeben müssen, daß unter Völkern von etwa gleicher Kultur die Bevölkerungsziffer für die Machtstellung aus­schlaggebend ist. Was Frankreich dauernd seine Welt­stellung geraubt hat, was es heute allein zum Kamps gegen Deutschland unfähig macht, das sind nicht seine Niederlagen von 1870/71, das ist vielmehr sein Bevölke­rungsstillstand. Man sieht, in welch unmittelbarem Zu- sammenhang die Fragen der Handelspolitik und die der Wehrkraft stehen. Uebrigens noch in anderer Beziehung, woran Herr v. Gerlach in dem Aufsatz in derNeuen Deutschen Rundschau" erinnert. Oberst a. D. vr. von Renauld, Militär- und Nationalökonom zugleich, hch in einer bemerkenswerthen Schrift über diefinanzielle Mobilmachung" daraus hingewiesen, welch ungeheure Be­deutung in den Monstrekriegen der Zukunft die finanzielle Leistungsfähigkeit der kämpfenden Länder haben wird. Er führt überzeugende Gründe dafür an, weshalb die

Finanfiragen in Zukunst in den milfiärischen Dingen eme noch vrel größere Rolle spielen müssen als je zuvor. Und er ist der Ansicht, daß nur eine Polifik nach Art der Caprivi'schen, die uns wirklich eine Kapitalansammlung großen Stiles gestattet, unsere volle militärische Leistungs­fähigkeit sichert. Jedenfalls übernehmen die Befürworter des überwiegenden Agrarstaats auch die Verantwortung dafür, unserer bisherigen Volksvermehrung und Kapital­ansammlung einen Riegel vorzuschieben.

Deutsches Deich.

* Die deutsche Sprache im Ausland. Ueber die Be.

deutung der deutschen Sprache über See für Deutschtands Weltstellung hielt auf dem Berliner Kolonialkvngreß vom 10. Oktober 1902 Professor A. Brandt, der Vor­sitzende des Allgemeinen deutschen Schulveretns, einen Vortrag. Nach dem Bericht in der Lohmeier'schen Deutschen Monatsschrift" hob der Berliner Professor hervor, daß unsre Landsleute und ihre Nachkommen im Auslande, auch wenn sie loyale Bürger eines anderen Staates geworden sind, so lange sie die deutsche Sprache sich bewahren mit nns in einer Kulturgemetnschaft bleiben. Erst wenn sie die deutsche Sprache verlieren, schwindet diese Anhänglichkeit, sie werden Engländer, Portugiesen, Spanier rc. Als ein erfreuliches Zeichen der Zeit erachtet es Brandl, daß immer mehr Deutsche über See den Werth dieses Kulturgutes würdigen, das sie früher allzu oft bei der Landung in der Fremde sammt allem Deutschthum wie einen abgetragenen Rock über Bord warfen. Ein sicherer und nach Zahlen meßbarer Beweis dafür ist die Gründung von Hunderten deutscher Schulen über See aus den Mitteln unsrer Landsleute, häufig verbunden mit Kindergarten, Turithalle und Fest­räumen. Eine große und höchst rühmenswcrthe Opfer­willigkeit kommt darin zum Ausdruck. In seinem Vor­trage wies Brandl auch auf die wirthschaftliche Bedeutung der nationalen Sprache im Auslande hin. Jeder französische, jeder englische Missionar gilt dem Kaufmann dieser Völker als ein Pionier, und mit Recht. Der ge- heimnißvolle Zusammenhang zwischen Sprache und Sitte bringt es mit sich, daß man lieber vom Landsmann- Exporteur bezieht, Maaren heimathlicher Herkunft kauft und mit heimischen Schiffen fährt. Die Sprache ist ein mächtiger Vorläufer der Ausfuhr. Der französische Großkaufmann weiß das und leistet deshalb derAlliance frantzaise" beim Bestreben, möglichst viele französische Schulen außerhalb Frankreichs zu begründen, reichliche Hülfe. Der Engländer weiß es und pflegt deshalb in Ostasien jene cigcnthümlichen halbenglischen Mischidiomc, namentlich das Piügeon-Englisch, weil sie die einheimische Kundschaft an den Buden der Franzosen und Deutschen

Feuilleton.

Oders Wel öder die TMSMl-ArMerle.

Aus: Schiel, 23 Jahre Sturm und Sonnenschein in Südafrika.*)

Mit einer Artillerietruppe hatte das Corps damals allerdings noch wenig Aehnlichkeit, und der Geschütz­bestand ließ vielmehr glauben, daß die Regierung ein Museum alter ausrangirter Kanonen anlegen wolle.

Das Corps besaß im Jahre 1887 an Geschützen: 1 schwere Armstrong-Belagerungshaubitze, Vorderlader, 15% Centimeter, 1 vorsündfluthlichen Mörser, 15 Centi- meter, 1 langes Krupp-Feldgeschütz, 8 Centimeter, 4 Bergkanonen mit Krupp'schem Verschluß auf schweren, plumpen Feldlasetten, 6 Centimeter, 4 Krupp-Berg- geschütze, 6 Centimeter, 2 Witworth-Vorderlader-Feld- geschütze, 6-Pfünder, 2 Witworth-Vorderlader-Berg- geschütze, 8-Pfünder, 1 französische Mttrailleuse (Stempel 1880) und einige alte Schiffskanonen zum Salutknallen.

Das große englische Belagerungsgeschütz war in gutem Zustand, aber für unseren Feldgebrauch viel zu schwer. Der armselige 15 Centimeter-Mörser wäre bei Ueberfluß an Brennmaterial allenfalls zu gebrauchen ge­wesen, um Seise darin zu kochen, aber jetzt hat ihm bei der Belagerung von Ladysmith die englische Schiffs kanone desTerrible" aus immer das Maul gestopft. Friede seiner Asche! Das lange 8 Centimeter-Krupp- Fcldgeschütz war ganz neu und schoß ausgezeichnet. Leider wurde es später entsetzlich vernachlässigt, und als ich iw Jahre 1894 zum zweiten Male ln den aktiven Dienst der Artillerie eintrat, war es kaum wiederzuerkennen. Der Verschluß war zerstoßen und verrostet, die Züge beschä­digt und die Verschlußringe vollständig ausgebrannt. Man hatte damit Jahre lang Salut geschossen, und das will etwas heißen, denn wir knallen viel Salut in Pretoria. Für jedes gekrönte Haupt wird an den respek- tiven Geburtstagen geböllert, und wieviel außerdem noch für ungekrönte! Sogar Volksrathsmitglieder be kamen ihr Theil.

Die vier Bergrohre auf Feldlafetten waren ebenfalls in einem heiteren Zustand. Züge und Verschluß waren

*) Wir haben bereits wiederholt auf dies interessante, im Ver- läge von Fr. A. Brockhaus-Leipzig (Preis geb. 10 Mk.j erschienene Werk aufmerksam gemacht

total beschädigt. Man hätte sie höchstens noch für Fahr­übungen gebrauchen können, wenn solche überhaupt bei uns Mode gewesen wären. Bei diesen Dingern war beim Schießen die Bedienung in weit größerer Gefahr als das Ziel. Die Chance, mit ihnen zu treffen, war etwa 1 zu 500. Beim direkten Zielen hatte man über­haupt keine. Der einzige Weg war, dem Zufall zu ver­trauen. Man zielte auf einen beliebigen Punkt in der Nähe des Ziels, fünfzig Schritt rechts oder links davon ab, darüber oder darunter, ganz egal, das Ziel traf man doch nicht,- dann nahm man eine zwanzig Schritt lange Leine, kroch hinter die Felsen, wenn solche da waren, ver­traute der Vorsehung und brannte los. Dann sah man erst nach den eigenen Bedienungsmannschaften, dankte Gott, wenn sie noch Alle heile Knochen hatten, und tröstete sich mit der Hoffnung, daß vielleicht ein Kaffer zufällig so summ gewesen war, gerade auf demselben Platz zu sitzen, wo die Granate einschlug. Ich bin nie zu 500 Schuß ge­kommen, habe deshalb auch nie eine Chance zu treffen erwartet.

Die drei Bergkanonen mit Krupp-Verschluß, von denen man nicht wußte, aus welcher Fabrik sie kamen (sicher war, daß Krupp solchen Schund nicht machte), wären allenfalls brauchbar gewesen, wenn die Munition zevaßt hätte. Der Bleimantel der Granate stand jedoch vorn zu weit vor und trennte sich beim Schutz durch den heftigen Ruck, den das Einbringen in die Züge des Laufs verursachte, von der eisernen Granate, die dann auf kurze Entfernung vor dem Geschütz niederfiel. Ich ließ später die Granaten in die Drehbank nehmen und den Blei- mantel etwas abdrehen. Es ging dann einigermaßen, und die Geschütze konnten wenigstens benutzt werden. Die englischen Vorderlader-Feldgeschütze waren für den Kaffernkrieg noch brauchbar.

Beim Uebernehmen beS Magazins sah ich sofort, daß mir Arbeit genug bevorstand, bis ich in das Chaos einigermaßen Ordnung gebracht haben würde. Bücher waren so gut wie keine vorhanden, nicht einmal die Be­zeichnung der Munition stand auf den Kisten, und Alles lag bunt durcheinander.

Als ich mir gerade überlegte, wo ich zuerst beginnen sollte, um Ordnung zu schaffen, trat in das Magazin ein Sergeant, der einige Mannschaften an einem der Ge­schütze hatte exerciren lasten, und brachte eine Krupp'sche Granate (altes System mit Vorstecker) herein, die er als Exercirgranate benutzt hatte. Der Zünder war nicht ab­

geschraubt. Ich nahm sie ihm auS der Hand und setzte sie auf ein Gerüst, bemerkte dabei jedoch, baß ich Pulver­körner in der Hand hatte, die aus dem Loche für den Vorstecker herausgefallen waren. Als ich den Zünder, der glücklicher Weise beschädigt war, und die Verschluß­schraube abgeschraubt und den Zündkolben herausgenom­men hatte, fand ich, daß die Granate vollständig mit Pulver gefüllt war! Also mit einer scharfen Granate wurde exercirt. Das war ja recht heiter!

Die Ordonnanz, die bisher im Magazin gearbeitet, resp. die Zeit todtgeschlagen hatte, erzählte mir, daß jeder von den Offizieren und Sergeanten, der gerade etwas nöthig habe, in das Magazin komme und sich nehme, was er wünsche. Rechenschaft wurde nicht abgelegt, und wer den geholten Gegenstand wiederbringen wollte, konnte dies thun, wenn nicht, dann war's auch gut!

Ich ging sofort zum Administrateur und bat um Ab­stellung dieser Zustände, da ich unmöglich die Verant­wortung über ein MunitionS- und Waffenmagaztn be­halten könne, zu dem Jeder freien Zutritt habe. Der Administrateur antwortete mir:

Thun Sie Alles, was Sie für gut finden, und wenn Sie spezielle Anordnungen getroffen haben wollen, sagen Sie es mir, damit ich diese in den Tagesbefehl setzen kann."

Bon nun an behielt ich den Schlüssel zum Magazin in meinem Zimmer, und Niemand hatte mehr Zutritt in dasselbe, außer in meiner Gegenwart.

Das Artillertecorps bestand damals ans einem Kommandanten, einem Administrateur mit Kapitäns- rang, einem Oberleutnant, drei Unterleutnants, einem Quartier- und Zahlmeister, einem Musikmeister und 120 Mann einschließlich der Unteroffiziere.

Die Begriffe über den Dienst waren die gemüth- lichsten, die man sich denken kann, und hätte nicht hie und da etwas Exerciren am unbespannten Geschütz stattge­funden, so hätte man gar nicht bemerkt, daß die Truppe eine Artillerietruppe war. Allerdings bot sich wenig Zeit und Gelegenheit, dem Artilleriedienst die nöthige Sorg­falt zu widmen, denn die Mannschaften wurden fort­während zu allen möglichen anderen Diensten verwendet, wozu man sonst eine Artillerietruppe gerade nicht benutzt. Vielfach war es Eskorte- und Genöarmeriedienst, oder um Botschaften zu besorgen, und wie oft ist es nicht vor­gekommen, daß nach allen Richtungen Patrouillen aus- gesanbt werden mußten, wenn einem Bolksrathsmttglied