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1 Der Roman, i

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"i morgen• Beilage der Wiesbadener Tagblatts.

nt. 174.

Donnerstag. 29. Juli.

1916.

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Stau (Mas Töchter. <»«-»>,

Roman von Emma Hanshofcr-Merk.

Als sie allein rm Wagen zur Bahn fuhr, lag ihr noch eine schwere Betäubung auf der Stirn. Nicht wie wrEich Erlabtes erschienen ihr diese Stunden -— nur , ein Kapitel aus einem tollen Roman, an dem sie sich berauscht hatte. Noch begriff sie nicht, baß zwischen vhrer Ankunft an dem schwülen Nachmittag und diesem trüben, gewitter-schweren Zlbend ein Abgrund lag. Un­widerrufliches, Unverzeihliches, daß es nun immer, immer ein Etwas in ihrem Leben gab, das sie ver- hermllchen, verbergen mußte wie ein Verbrechen!

Ihr graute vor der Rückkehr in ihr Heim, und doch hatte sie nur das eine Verhängen, in Schlaf zu ver­sinken, in Vergessenheit.

Um keinen Preis hatte sie Sollinger erlaubt, sie zu begleiten.

Allein sein! Nur keine fremden Augen! Nur schweigen dürfen!

Als sie ganz versunken auf dem Bahnsteig auf und ob ging sagte plötzlich eine höfliche Stimme:

„Ah, gnädige Frau! Auch noch in Frankfurt?"

Mit einem wirren Ausdruck schaute sie auf und erkannte zu ihrem Schrecken einen Kameraden ihres Gatten, den Hauptniann Orlof. der schon einige Male bei ihnen gewesen war.

Wie ein Blitz durchzuckte es sie, daß sie nun schon die erste Lüge sogen, ihre Anwesenheit erklären, ent­schuldigen müßte.

„Ich war im Theater!" warf sie hin.

Zum Glück konnte man oben einsteigen. Doch in ihrer Verlegenheit ließ sie sich, statt in das Damen- corlP6 zu steigen, was doch ihre feste Absicht gewesen, von dem Schaffner in das Nichtraucherabteil weisen. Der Hauptinann nahm mit einem „Sie gestatten doch, gnädige Frau?" ihr gegenüber Platz.

Nun war es zu spät, dies zn ändern, obwohl es ihr ganz entsetzlich schien, sich nun stundenlang unter­halten zu müssen.

Der Offizier, der die Verpflichtung fühlte, ein Ge- sprach zu beginnen, fragte, als sich der Zug in Be- wegung fetzte:

,^Haben Sie sich im Theater gut amüsiert? Was wurde denn gegeben?"

Der Fluch der Lüge! Sie hatte keine Ahnung. Sie zermarterte sich den Kopf, ob sie denn nichts mehr von dam Repertoire wußte, das sie doch meist zu losen pflegte. Es fiel ihr nun ein, daß man ldas Lustspiel „Im weißen Röß'l" öfters ausfühvte, und sie warf gleichgültig hin:

„Ach, die unbedeutende Posse von Kadclberg!" Und dann änderte sie rasch das Thorna und redete nun leb­haft, alles Mögliche, was ihr gerade in den Kopf kam. Sie sprach, um sich selbst zu betäuben, und der Offizier, der gar nicht gewußt hatte, wie anregend die junge Frau sein konnte, unterhielt sich ausgezeichnet.

Er sagte abends zu seiner Gattin:

„Eine reizende, pikante Frau, diese Frau Ober- leutnant von Fahvenftein. Aber wenn ich ihr Mann lwäre, ließe ich sie nicht so allein nach Frankfurt!"

Er nahm dann noch die Zeitung, suchte nach dom Frankfurter Theater-Repertoire und pfiff seltsam vor sich hin.

„Was hast du denn so Drolliges?" fragte seine Frau.

„Ach, nichts, nichts!" Doch als sie weiter in ihn drang, vertraute er ihr doch an, Frau von Fahren­stein habe behauptet, sie sei im Theater gewesen, im „Weihen Roßt", einstweilen -war am Abend Grill­parzers „Msdoa" gegeben worden, die man -doch nicht wohl miteinander verwechseln könne!

„So, so! Hm Theater, sagte sie!" stieß die Frau Hauptmann höhnisch hervor. „Natürlich, sie verkehrt ia auch nur mit Lilly Schmidt, der ich auch nicht über den Wog trauen würde."

„Aber gelt — das bleibt unter uns!" bat Haupt- mann Orlof. „Ich möchte um keinen Preis, daß es eine Schwatzerei gäbe!"

Die Mahnung nützte nicht viel. Es war zu per- lockend, unter dem Siegel der Verschwiegenheit weiter zu erzählen, wie plump und ungeschickt die junge Frau Oberleutnant gelogen hatte. Frau Hauptmann Orlof fand, daß sie gar keine Ursache zu besonderer Diskre­tion habe, nachdem Felicitas nicht einmal bei ihnen verkehrte und man es ihr allgemein verargte, daß sie von der Geselligkeit in der Garnison nichts wissen wollte.

Am nächsten Tag kam es noch der Generalin zu Ohren, daß Frau Oberleiltnant von Fahrenstein mit hem Nachtzug von Frankfurt heimgefahren fei — an- giö&Iid) vom Theater, während sie gar nicht wußte, tvas gespielt worden lvar.

Felicitas hatte nicht zu schlafen vermocht, obwohl ihre Schläfen sie schmerzten und sie in bleierner Müdig­keit das Licht gelöscht hatte. Ihr war so bange vor Walters Rückkehr; so bange vor feinen Augen, vor dem Alleinsein mit ihm. Wie eine Erlösung schien ihr Ollys Karte, die nun bestimmt ihre Ankunft anzeigte. Mit Feuereifer richtete sie alles für die Schwester zu­recht, und der Gedanke, daß Olly vor ihrem Manne eintrefsen würde, war ihr wie der einzige Halt, an den sie sich klammerte. Nur ihm nicht gegenüber sitzen unter vier Augen! Nur eine fremde Stimme, die Leben, Unruhe. Zerstreuung, Ablenkung brächte! Wenn nur das Wiederschen überstanden war — die ersten Tage!

Sobald sie nichts KU tun hatte, überkam sie wieder di« schwüle Erinnerung, atemraubend, beklemmend.

Sie hörte wieder das Lied, das unselige Lied! Sie fühlte die heißen Küsse auf ihren Wangen und Lippen. In solchen Augenblicken glaubte sie dann, -daß sie Sollinger sich«, daß eine Leidenschaft, über die sie keine Gewalt mehr hatte, sie in seine Arme gerissen habe. Wie eine dunkle Schicksalsmacht schien ihr diese Liebe,