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Beilage Min Wiestmüener TaghlaN.

Uo. 507. Morgen-Ausgabe.

Donnerstag, den 30. Oktober.

50. Jahrgang. 1902.

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Ü . Das Schöne ist kein formaler Canon, etwa ein Geheim- niß der Linienführung in der Malerei . . . Das Schöne ist 2 das anschaulich gewordene Prinzip des wahrhaft und cigcnt- A *■ litt) Menschlichen. Schönheit ist Seele. ”

B Heinrich v. Stein.

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(20. Fortsetzung.)

Kürgermeisters Söhne.

Roman von Hermann Birkenfeld.

„Aber wieso denn?" fragte Lipp, seine runden Augen frei zu ihm erhebend. „Hat denn das irgend etwas mit der Pietät zu thun» daß mir die materielle Seite der traurigen Geschichte nicht gleichgültig ist — in meiner Lage? Ich bin eben nicht wie Du geschaffen, mich mit 'ner Brodrinde im Magen schlafen zu legen, bin von Natur ein bischen leichtsinnig, und wenn ich, dank Deiner letzten Liberalität, augenblicklich wenig Schulden habe, so denke ich doch an die Zukunft, die ohne irgend einen Zeus ex machina für mich greulich genug aussah. Denn — ich willDir's mir gestehen, Theo, ich passe zumJuristen wie der Wolf zum Schafhirten — ganz miserabel! Auch nicht die mindeste Neigung, kein Sitzfleisch — nichts — rein gar nichts! Lieber Gott, 's ist ja nicht viel, was sie da im Examen verlangen, und mancher dumme Teufel hat bestanden, aber — der ganze Krimskrams, das Studium jedweder Art ekelt mich einfach an. Ich halt's nicht aus. Habe, das kann ich Dich versichern, ein halb

Hundert mal den besten Anlauf genommen-'s ist

nun 'mal nicht! Nach zwei Tagen hatte ich's jedesmal so knüppeldick satt — und weißt Du, noch ein paar Jahr auf der Universität Collegia schwänzen, dabei kommt zu­letzt mich nichts Gescheidtes 'raus."

Theodor stand eine ganze Weile rachlos.

„Um des Himmels willen, Lipp! Was willst Du denn anfangen?" rief er endlich.

Lipp hatte sich gerade eine Cigarre angezündet. Nun sah er erst ein bischen hinter den blauen Rauchringeln her, bevor er antwortete:

„Eigentlich fragst Du mich da zu viel. Am ehesten noch — die Landwirts,schaft! Gebt mir 'ne Heugabel in die Faust, ein Gespann in die Hand! Auf die ganz ge­meine, rohe Arbeit kommt mir's nicht an. Nur das feudale Nichtsthun auf der Universität — das habe ich satt, und zwar gründlich. Sei so gut, Bruder, und mach' jetzt nicht so'n unbarmherziges Hohenpriestergesicht — bin auch ohne das just zerknirscht genug. Will Dir was sagen: ich traf kürzlich Herrn von Gebhardt — ein ganz vorzüglicher Mensch, der nicht übel Lust hatte, mich als Eleve aufzunehmen, vorausgesetzt, daß sein Inspektor Quase einwilligt. Der Gebhardt auf Neidhof — kennst Du ihn? Charmante Frau, die junge Gutsherrin das lernte sie bei seinem Besuch in Greifswald gleich mit­kennen. Sieh', da so'n Paar Jahr' gelernt, dann ein bischen inspektort und dann 'ne Pachtung! Nun verstehst Du, weshalb ich unseren neuen Trauerfall nebenbei auch von — na, von der praktischen Seite ansehe."

Mit seinen langen, stelzigen Schritten durchmaß Theodor das Gemach.

„Ich gebe zu, daß ich — über solche Dinge allerdings kein rechtes Urtheil habe."

„Stimmt."

„Und man müßte doch auch erst mit Herrn von Geb­hardt reden."

„Selbstverständlich."

„Und dann die Geldfrage —"

..Bleibt die Hauptsache."

Wieder einmal fuhr sich der Doktor, wie immer, wenn er in Aufregung gerieth, über den borsttgen Kops.

„Das kommt jetzt Alles so plötzlich, so — so — Dein rascher Entschluß, und des Onkels Ende, und der Umzug —"

„Unbesorgt, eher frfere, den besorge ich mit Mflly allein."

Zum Mendbrod erst erschien Milly wieder.

Am anderen Morgen in der Frühe klagte Dora dem Doktor, daß sie den Schmuck offen auf dem Seitentisch gefunden habe, wohin sie ihn beim Tischdecken _ gestellt hätte. Und so 'was ginge doch nicht. Wenn die Herr­schaften solche Werthsachen einfach herumliegen ließen und hernach etwas weg sei, dann — na, das kennt man doch, wie's dann geht, und „wenn Sie auch nicht so sind, Herr Doktor, andere Leute — —"

Mit gekränkter Miene verließ sie das Zimmer.

Das Collier aber, für das der sparsame Doktor die ersten Schulden seines Lebens gemacht hatte, blieb noch tagelang in einer Ecke liegen, bis Milly es bei der durch den bevorstehenden Umzug nothwendig gewordenen Packerei mit ein paar Schmucksachen aus dem Nachlaß seines Vaters, Broschen, Ringen und Armbändern der Bürgermeisterin und der goldenen Uhr des Bürger­meisters zusammenwickelte.

Er fragte nicht danach, wo es blick.

Zum ersten Male im Lcken hatte sie ihn empfindlich gekränkt.

Uebrigens blieb ihm zum Spinüsiren nicht viel Zeit; denn wenn auch Lipp bezüglich seiner für den Umzug zu- gesagten Hilfe Wort hielt, so gab es für ihn, als den Aeltesten, doch immer noch genug zu schaffen. Allein die ordnungsmäßige Verpackung seiner Bücher und der Zettelkästen, die er jetzt in solcher Anzahl aus allerlei Winkeln, Nischen und Schubfächern herausholle, daß er sich selbst wunderte über dieFülle dieses, thells gesichteten, thefls nur halb geordneten, in der Hauptsache aber noch nicht oder nur thellweise ausgenutzten wissenschaftlichen Materials, von dem sich zu trennen ihm natürlich nicht einfiel, so sehr auch Lipp von der Zweckmäßigkeit faselte, alte Brücken hinter sich zu verbrennen. Was verstand Lipp davon! Und ob er nicht von Milly unten aufaehetzt war? Kein Mensch konnte wissen, wozu diese Menge kleiner quadratischer Zettel noch einmal zu verwerthen war, so wenig wie irgend Jemand eine Ahnung hatte von dem Bienenfleiß, der sie nächüicherwefle zusammen- gellagen.

Dazu waren allerlei Berathungen nöthig mit dem Auktionator, der den größeren Theil des Mobfliars unter den Hammer bringen sollte und zu allerlei tückischen Listen rieth, einem wurmsttchigen Möbel durch rasch trocknenden Lacküberzug den Anschein der Unverfehrchei: u geben, mit Tischlern, die den Möbeltransport nach em Hause Werner übernahmen, und dergleichen mehr.

Endlich — endlich —-

„Herr Doktor, wir wären so weit", sagte de» Auktionator.

Theodor stand in seinem kahlen Zimmer — wie

£ ßlich das jetzt aussah! Dieses Spinngewebe, das in irgen Fetzen an dm Wänden klebte, diese Sonnen- 'lecke auf der grünlichen Tapete, die Löcher hie und da im braunen Lack der Stubenthür, die unsaubere niedere Decke, von der sich an ein paar Stellen der pfeifenrauch- zckräunte Kalk gelöst halle — so kalt, so nüchtern das

Lanze-er kannte das Gemach gar nicht recht wieder.

Und doch war es seit seiner Räumung schon das dritte, vierte Mal, daß er in seinem bestaubten Paletot hier oben am Fenster lehnte. .

Nun sah er den Mann mft dem Aktendeckel m der schmutzigen Hand und der ledernen Geldtasche förmlich erschrocken an. , ^ .

„Viertausend dreihundert sechsundzwanzig Mark stebenzig Pfennige nach Abzug meiner Gebühren."

„Ach so, der Erllag der Versteigerung!" a 3Bie viel?" fragte in diesem Augenblick Milly, dre noch einmal von Werners herübergekommen und, da sie unten Niemand fand, die Treppe hinaufgeeflt war.

„Viertausend dreihundert sechsundzwanzig Mark sickenzig, Fräulein Grashoff", wiederholte der Auktio­nator; „die Leute boten ganz wacker. Fa, ich hab's mir auch Mühe kosten lassen; denn unserm Herrn Bürger- meister sein Nachlaß, das ist doch nicht, als wenn Krell und Plett Versteigerung hallen —" .

„Es ist gut", antwortete Milly. „Unten steht ja wohl noch Ihr Tisch, Herr Nehls; auf dem können wer

abrechnen." „ „

Als Doktor Theodor zum ersten Mal bei Werners in seinem neuen Wohnzimmer steht, zählt sie ihm dasGeld auf Heller und Pfennig vor, holt aber zugleich em Blatt Papier aus der Tasche. ,

„Das da sind wir noch schuldig — ich Hab s genau zusammengerechnet — zweitausend einhundert fünfzehn Mark fünfundvierzig. Blicken zweitausend zweihundert elf Mark fünfundzwanzig. — Mer, so hör' doch, Theo!" Er dreht sich langsam um. 1

„Was ist?"

,Ob ich den Leriten die rückständigen Rechnungen be­zahlen soll, möchte ich wissen", ruft sie gereizt

„Aber — ja doch natürlich, nun das Geld da ist — ' antwortet er. „Nimm Du das Ganze in Verwahrung; was geh'n mich die Geldgeschichten an! Doch — freilich

— wie sagtest Du? Der Bestand:-" .

„ Zweitausendzweihundertelf Mark fünfundzwanzig.^ „Hm! Das ginge denn in zwei, nein, wohl in drer Thelle; denn da ist ja noch mein Bruder Fritz, und man kann nicht wissen — hm, ja — laß doch sehen —" Um­ständlich holt er sein Noftzbuch aus der Tasche und beginnt zu rechnen: Zweitausend zweihundert elf fünfunü- zwanzig, durch drei gleich —" . 1

„Siebenhundert siebenunddreißig Mark acht Pfennig, für Jeden", ruft sie, die Division schnell im Kopf auS» rechnend, und zählt im Handumdrcken seinen Anthell «5« „Den Rest bringe ich auf die Sparkasse. Lipp kriegt für- erst nichts, ihm würd's doch nur in der Tasche brennen.- Er starrt auf die Münzen.

(Fortsetzung folgt.)

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