Mor gen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts. i ei-— » i
Mittwoch, 28. Iuli. iyi5.
.(15. Forlsötzung.)
aöö$ ^EÖd)tCr. (Nachdruck verboten.)
Roman von Emma Hanshofer-Merk.
Vollmger erzählte allerlei Theatergelschichten: — amüsant waren sie ja, nur manchmal -doch ein wenig srwol und ungezogen. Sie hatte überhaupt beständig bas Gasuhl, daß sie sich gegen ihn a»f der Defensive Halten und ein strenges Gesicht machen müßte, damit er nicht reck und zudringlich würde. Aber auch in Dreser Abwehr, in dieser leisen l ln ruhe wie vor einer Gefahr, lag eine gewisse Anregung, eine Spannung, die etwas angenehm Prickelndes hatte.
~* a 0 uoch immer nicht zurückkam, gingen sie rn das Palmenhaus und saßen auf eimer versteckten *irr ™ t ‘‘ e n tn öer wunderbaren Tropeirp rächt zwischen kolossalen Farren und Riesenpalmenwödeln, wie in einer fremden Welt. Die Treibhausluft, die schwüle Feuchtigkeit hatten etwas Beklemmendes, Betäirben- des. Felicitas ließ müde und schlaff ihre Hand herabhangen ; er berührte sie leise, zärtlich.
. «Wenn Sie wüßten, wie lieb Sie mir waren, — ernft als funges Mädchen!" flüsterte er zärtlich. „Wie es mich traf, als Sie mir dann mit so kühlem Gesicht zu verstehen gaben: Laßt alle Hoffnung! Auf dem ^Wege in die Valepp war's — auf jenem Leiterwagen. Da gaben Sie meinem Herzen den Todesstoß!"
„Sie haben ihn aber in recht guter Laune hinge- nommen!" lachte sie. „Man hat Ihnen nicht angemerkt, daß es weh tat!"
„Ja, du lieber Himmel! Man muß immer imstande sein, einen gewissen Galgenhumor aufzubringen! So haben Sie über mich weggeschaut!"
Er ahmte ihr Gesicht nach, und während sie hell lachte, streichelte er ihre Hand.
Als sie dann aus dem schwülen, grünen Dämmer- lrcht wieder heraustraten, ging Lilly mit dem spitzen- besetzten Sonnenschirm im Garten auf und ab und schnitt jeden Vorwurf über ihr langes Ausbleiben mit der Bemerkung ab: „Ich bin seit einer Ewigkeit zu- rück! Aber wenn Ihr Euch förmlich versteckt!"
Die Damen waren einsilbig bei der Heimfahrt. Felicitas schloß die Augen, doch sie schlief nicht. Immer Mlte sie noch ein erregtes Klopfen ihres Herzens, wenn sie an Sollingers heiße Micke, an die schmeichelnde Stimnre dachte, die ihr zugeflüstert hatte: „Wie lieb Sie mir waren!"
Es war ja Unsinn! Was sollte das nun? Warum von den vergangenen Zeiten sprechen! Wer der Tag war doch ein Erlebnis.
Zu Hause fand sie einen eiligst hingeworfenen Mief ihres Gatten. Er schien ihr sehr trocken. Kein zärtliches Wort der Sehnsucht. An eine Matrone hätte er auch so schreiben können: Meine liebe, gute Frau!
Immer nur Dienst! Dienst! Der verknöcherte ihm so das Herz!
In der Langeweile der nächsten Tage dachte sie manchmal an Sollingers lustige TheatevgeWchte-n und lachte vor sich hin. Drüben stand der Posten und ihre Bekannten, die Hunde, trieben sich auf dem Platze Herum.
Aber sie war entschlossen, Sollinger nicht mehr Mi sehen, wenigstens nicht rn der nächsten Zeit. Einmal mußte sie zwar noch zur Anprobe ihres Kostüms nach Frankfurt. Doch sie war für Nachmittags bestellt. Lilly bonnte nicht mit, weil sie Besuch Hatte, und wenn sie ohne weitere Nachricht in die Stadt kam, dann war es ja höchst unwahrscheinlich, daß sie dein Sänger wieder begegnen sollte.
An einem drückend warmen Tag fuhr sie um 4 Uhr weg. Die Hitze, die so plötzlich eingesetzt hatte, wirkte wie ein Überfall, erschlaffend, aufreibend. Sie fühlte sich ganz erschöpft, als sie in Frankfurt ausstieg.
Sollinger stand auf dem Perron und wartete auk sie. Sie schaute ihn mit Entsetzen an.
„Wie konnten Sie wissen daß ich mit diesem Zuge eintrcsfen würde?"
„Gnädige Frau! Ich habe in Ihrem Notizbuch ge» lasen, wann Sie zu dein Damenschneider bestellt waren. Allzu viel bequeme Züge gehen nicht aus der Pfalz hierher — demnach war es nicht sehr schwer!" meinte er lachend.
„Ich werde mich gar nicht aushalten! Sie können mich zu dem Schneider hinbegleiten und dann niuß ich mich verabschieden. Es wird eine lange Weile dauern, bis ich fertig bin, und mit dem Zuge um sieben fahre ich zurück!"
, „Ich freue mich, daß ich Sie nur überhaupt begrüßen durfte!" sagte er ergeben mit einem zärtlichen Blick.
Sie mußte in dem Vorzimmer des Damen- schneiders lange warten. Ihr schien es eine Ewigkeit, bis sie endlich die Treppe wieder Hinabstieg.
Sollinger stand noch unten vor dein Hause.
„Was fällt Ihnen ein?" fuhr sie ihn zornig an in übelster Laune. Sie war müde von dem Stehen, der Kopf schmerzte sie.
Gleich darauf tat es ihr doch leid, daß sie ihn so hart ängelassen, ihn sichtlich tief gekränkt hatte. Nun mußte sie doch wieder liebenswürdig einlenken.
„Mir ist wirklich ganz elend vor Kopsweh", sagte sie zu ihrer Entschuldigung. „Diese schreckliche Hitze!"
Er war voll Besorgnis. „Wenn ich nur wüßte, wa3 sich tun ließe, liebe gnädige Frau."
„Ach, da hilft nichts als Ruhe. Hinlögen, fort vonl dem Lärm, dem grellen Licht."
„Aber lassen Sie sich -bod> in einem Hotel ein Zimnrer geben und schlummern Sie ein wenig! Ich führe Sie in eine kleine, stille, im Garten gelegene Pension, Nur wenige Schritte, wenn Sie sich noch schleppen können."
Es war wirklich nur eine Straße weit zu gehen. Aber als sie langsam nebeneinander hinschritten, kam ihnen, hoch und steif wie eine Königin mit dem diademartigen Hut, Frau General Friedenbrink entgegen. Felicitas grüßte mit einer höflichen Verbeugung. Ein forschender, kritischer Blick aus den strengen Augen musterte sie und den Begleiter.
