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fto 4 Redaktions-Fernsprecher No. 52.

Donnerstag» den 23 . Oktober. Berl-gs.Fer»fprecherNo. 226 a. L 962 .

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Der tolle Mullah.

England ist im „dunklen Erdtheil" nicht auf Rosen gebettet. Kaum hat es die eine afrikanische Gefahr mit schweren Opfern halbwegs, aber fetten auf die Dauer, gebannt, so erhebt sich auch schon regelmäßig eine neue Gefahr, welche die Engländer nicht zu Athem kommen läßt. Noch herrscht in Südafrika nichts weniger als Ruhe, und schon ist den Engländern in Ostafrika eine neue Ge­fahr erwachsen, die freilich an Bedeutung nicht der süd­afrikanischen gleicht, aber keinesfalls zu unterschätzen ist und von den englischen Staatsmännern auch durchaus nicht unterschätzt wird, wenn man auch in England dem Musland gegenüber so thut, als ob es sich bei den neuesten Kämpfen in Ostasrika um eine Bagatellsache handelt.

Der Mahdi der Somalis, Mullah Abdullahi, dem die Engländer den Bei- oder vielmehr Spottnamen „der tolle Mullah" verliehen haben, ist in der Thal durchaus keine Bagatellsache, sondern ein sehr respektabler Faktor, mit dem die Engländer rechnen müssen, und der den Eng­ländern schon manchen Strich durch diese Rechnung ge­macht hat. Die Somali, ein den Abessiniern verwandter äthiopischer Volksstamm, zählen zu den kriegerischsten Stämmen Afrikas und zu denen, wäche dem europäischen Vordringen und der europäischen Kultur bisher den ent­schiedensten Widerstand entgegengesetzt haben. Diese ihre fremdenfeindliche Gesinnung haben sie zuerst vor 37 Jahren den civilisirten Mächten „notifizirt", indem sie den deutschen Afrikaforscher Kart Klaus v. d. Decken am 2. Oktober 1865 bei Bardera ermordeten. Seit der Zeit haben insbesondere die Engländer und die Italiener Ver­suche gemacht, sich im Somalilande festzusetzen, ohne daß es chnen aber gelang, über die Küstenländer hinaus vorzudringen.

Die Engländer haben sich an der Nordküste, die Italiener an der Südküste des Somatitandes festgeietzt.

Während aber die Italiener, die ja überhaupt nach ihren schweren Mißerfolgen den Geschmack an der Koloifial- politit verloren haben, nach mehrfachen, nicht immer er­folgreichen Reibungen mst den Somalis zu der resignirten Ertenntniß kamen, daß es das Beste sei, sich auf den Schutz ihrerKüstengebiete im Somatstande zu beschränken, tragen die Engländer sich mit weitergehenden Plänen, die sie nur während des südafrikanischen Krieges zurück- gestellt hatten. Seit Jahren verfolgt England den Plan, weiter in das Somaliland vorzudringen. Es folgt hierbei weniger dem „eigenen Triebe", als der Eifersucht auf Frankreich. Wie an vielen anderen Punkten der Welt, so spielt sich auch in Ostafrika ein Stück englisch- französischer Rivalität ab.

Englands Hauptziel in diesem Theile Ostafrikas ist die Sicherung der Verbindung zwischen Berbera und Harrar, die äien durch den „tollen Mullah" bedroht wird. Berbera am Indischen Ocean ist britisch; die englische Macht erstreckt sich nur wenig ins Innere, aber die Sicherheit im Hinterlande muß eben wegen der wichtigen Handelsverbindung mit Harrar, das zu Schoa gehört, also dem Negus Menetik untersteht, und wegen der wei- teren Verbindung mit Adis-Adeba in Abessinien unter allen Umständen gewahrt werden. Seit die Eisenbahn von dem französischen Dschibuti nach Harrar im Bau be­griffen ist, fühlen sich die Engländer, die bisher den Handel nach Abessinien größten Theits beherrschten, stark bedroht, und sie suchen dieser Konkurrenz durch eine Bahn von Berbera nach Harrar zu begegnen. Aber be­vor dies möglich ist, muß zunächst die Herrschaft des Mullah gebrochen werden.

Damit hat es nun freilich, wenn man die letzten Nach­richten über die Kämpfe im Somalilande kritisch be- trachtet, noch gute Wege. Der angebliche Sieg, den der Oberst Swayne über den Mullah erfochten haben tvill, gleicht ganz den „Siegen", wckche die Engländer schon wiederholt über den Mullah „erfochten" haben, und die immer damit endeten, daß die Engländer sich zurückzogen, und daß die Somali aufs Neue angriffen. Auch dies­mal mutzte sich ja, wie die englische Meldung selbst zuge­steht, der Oberst Swayne zurückziehen, weil „die einge- borenen Truppen sehr erregt waren". Unterdeß sammelt der Müllah, der bereits über 15,000 Mann verfügt, weitere Verstärkungen, und in England sieht man denn auch bereits die Nothwendigkeit ein, in ganz anderem Maßstabe als bisher zu rüsten. Und so dürfte man denn in Bälde von einem regelrechten Feldzug hören, den die Engländer in das Somaliland unternehmen.

Interessant ist die Meldung, daß sich bei dem Mullah auch der Abenteurer Karl Inger, ein ehemaliger öster­reichischer Offizier, befindet, der seit mehreren Jahren in Ostafrika umherabenteuert. Voraussichtlich halten sich

übrigens Lei dem Mullah noch mehr Europäer aus; wenigstens weiß man dies aus dem letzten Feldzug gegen den Mullah. Einen weit wichtigeren Bundesgenossen haben freilich die Somali' in den Terrainschlvierigkeiten ihres Landes und der Terrainunkenntnrß der Engländer. Komisch berührt die Hoffnung der Engländer, bei Italien und Abessinien Hilfe zu finden. Italien denkt gar nicht daran, sich in neue Abenteuer zu stürzen, und was den Negus Menelik betrifft, so gönnt er den Engländern aus aufrichtigem Herzen —- alle Niederlagen.

*

Der „tolle Mullah", Hast Muhammed Abdullah mit seinem eigenen Namen, der den Engländern im Somali- lande schon seit den letzten drei Jahren schwere Sorgen bereitet, wird als ein noch junger Mann, dunkel, groß und schlank, mit einem kleinen Ziegenbart, geschildert. Er hat während der letzten drei Jahre mehrere Pilger­fahrten nach Mekka unternommen und sich dort der Sekte von Muhammed Saleh angeschlossen, deren Vertreter in Somaliland er zu sein behauptet. Diese Sekte wurde vor etwa zwölf Jahren in Berbera begründet. Sie pre­digt mehr Regelmäßigkeit in der Gebetstunde, strengere Beachtung der Religionsformen und das Verbot des „arabischen Theestrauchs", dessen Blatt in Arabien und Ostsomali wegen seiner stärkenden und berauschenden Eigenschaften viel gekaut wird. Der „Mullah" ist nach Ansicht der Muhammedaner ein besonders heiliger Mann, eine Reinkarnation Muhammeös. Es hat schon viele „Mad Mullahs" gegeben. Es gehört dazu, daß sie voll religiösen Wahnsinns sind und sich das ganze Besitzthum ihrer Nachbarn, auch ihre Frauen und Kinder, aneignen: denn ohne einen großen Harem ist kein muhammedant- scher Prophet erfolgreich. Der „Mad Mullah" erklärt, daß Kugeln ihm nicht schaden können, und daß er auf seine Anhänger dieselbe Unempfänglichkeit übertragen kann, wenn sie ihm gehorchen. Tödten die Kugeln trotz­dem, so geschieht das wegen ihrer Sünden. Er reitet auf einem weißen heiligen Kameel, heult Gebete und feuert seine Leute an, noch sterbend Ungläubige zu tödten. Meistens geht er den Kugeln aus dem Wege, zeigt aber doch in der Verlegenheit keinen Mangel an Muth. Der Mullah ist von niedriger Geburt, aber sehr intelligent und schlau. Er hatte beobachtet, daß ein Kriegsschiff seine elektrischen Scheinwerfer nahe der Küste hatte aufblitzen lassen und berief zum folgenden Abend eine große Ver­sammlung. Zu seinem Glück warf der Scheinwerfer seine Strahlen auf das umgebende Land, und er bezeich- nete das als ein Zeugniß, das Muhammed direkt von Mekka gesandt hatte, um zu zeigen, wie sehr sein Diener ihm gefiele. Er ist ein Meister der Jntrigue, und durch überreiche Versprechungen, gelegentliche Geschenke und Heirathen zwischen seinen Anhängern und anderen Stämmen zog er allmählich einige Stämme zu sich, die

Feuilleton.

Die Wahrheit der Maske.

Bon Oskar Wilde.

lJm Auszug übertragen von Jda Roeßler.)

In den vielen ungestümen Angriffen, welche unlängst wieder auf die Pracht der Ausstattung gemacht wurden, besonders jener von klassischen Stücken und bei Shakespeare-Ausführungen, scheinen die Kritiker von der stillschweigenden Annahme ausgegangen zu sein, daß Shakespeare selbst mehr oder weniger gleichgültig gegen die Bekleidung und Verkleidung seiner Schauspieler war, daß für ihn die Handlung und das Spiel Alles, Masken und Kostüme nur untergeordnetes Beiwerk bedeutet habe. Was insbesondere die historische Genauigkeit der Kostüme betrifft, so hat Lord Lytton es in der „Maeleentb Oeutur^" als ein Dogma der Kunst niedergelegt, daß die Archäologie in Bezug auf die Darstellung historischer Schauspiele belanglos geworden sei, und daß der Versuch, sie wieder einzuführen, eine der dümmsten Pedanterieen einer wissenschaftlich-bigotten Zeit ist.

Lord Lyttons Stellungnahme werde ich später unter­suchen; was aber die Theorie angeht, daß sich Shake- speare selbst nicht viel um die Garderobe seines Theaters bekümmerte, so kann sich Jeder, dem es der Mühe werth erscheint, Shakespeares Methode zu erforschen, davon überzeugen, daß cs gar keinen Dramatiker der französi- schen, englischen oder athenischen Bühne gab, der gleich Shakespeare viel Werth auf die illusorischen Wirkungen der Masken und Kostüme der Schauspieler gelegt hätte. Wissend, daß das künstlerische Temperament immer durch , die Pracht und Schönheit der Kostüme bezaubert wird. ( schob er immerzu in seine Stücke Tänze, Verkleidungen } und Verwandlungen ein, bloß wegen des Genusses, den I sie den Augen bieten. Wir besitzen noch heute Shake- > speares Vorschriften für das Arrangement der drei großen Fest-Aufzüge in Heinrich VIII., Vorschriften, welche charakteristisch sind durch ihre ungewöhnliche Aus­arbeitung bis in die kletnstenEinzelheiten, bis zur Bestim­mung des vielgefältelten Halskragens Sr. Majestät und den Perlen tm Haare der Anna Buleyn. Ein moderner

Regisseur vermöchte wirklich sehr leicht den ganzen Prunk dieser Kostümaufzüge genau so wiederzugeben, wie ihn Shakespeare vorzeichnete. Die damaligen Bühnenauf­züge waren so peinlich genau der Wirklichkeit nachge­ahmt, daß ein zeitgenössischer Hofbeamter gelegentlich der letzten Aufführung des genannten Stückes im Globe- Theater in einem Brief an einen Freund über die nach seiner Meinung allzugrotze Wirklichkeitstreue klagt, be­sonders über die Darstellung der Ritter vom Hosenband­orden mit allen Ordensabzeichen und in der Ordens­tracht, ein Umstand, der wohl geeignet sei, die wirklichen Ordensgebräuche lächerlich zu machen — ganz ähnlich, wie vor Kurzem die französische Regierung einem Schau­spieler verbot, in französischer Uniform aufzutreten, weil es den Ruhm der Armee gefährden könne, wenn ein Oberst karikirt würde!

Die Pracht der Gewänder auf der unter Shake­speares Einfluß befindlichen englischen Bühne wurde von zeitgenössischen Kritikern weniger aus Gründen ihres demokratischen herabdrückenden Wirklichkeitssinnes angegriffen, als vielmehr aus jenen moralischen Grün­den, die zu allen Zeiten die letzte Zuflucht der Leute sind, die keinen Sinn für Schönheit haben.

Der Punkt jedoch, welchen ich betone, ist der, daß Shakespeare nicht nur den Werth und die malerische Wir­kung der schönen Kostüme auf die Einbildung würdigte, sondern daß er die Kostüme als wichtige Mittel zur Her­vorbringung gewisser dramatischer Wirkungen verwen­dete.

Einige seiner Stücke, wie „Maß für Maß", „Winter­märchen", „Die beiden Veroneser", „Ende gut, Alles gut", „Cymbeltne" u. a. hängen bezüglich der Illusion zum großen Theil von den verschiedenen Gewändern ab, deren sich der Held oder die Heldin bedienen; die ent­zückende Scene in Heinrich VI., die sich auf das moderne Wunder der Heilkraft durch Suggestion und Sympathie bezieht, würde alle Wirkung verlieren, wenn Gloster nicht in Schwarz und Scharlachroth erschiene. Die Lösung des Knotens hängt in den „Lustigen Weibern von Windsor" von der Farbe ab, die Anna Pages Morgenrock hat. Zahllos sind die Fälle, in denen Shake­speare Verkleidungen anwenbet. Posthumes verbirgt seine Leidenschaft unter grober Bauerntracht; Edgar

seinen Stolz unter den Lumpen eines Blödlings; Porzia trägt den Talar eines Richters, und Rosalinde ist immer als Mann verkleidet; der Mantelsack Pisanos verwandelt Jmogen in den jungen Fidele; Jessica flieht in Knaben­kleidern aus dem Vaterhaus; Heinrich VIII. begehrt seine Dame als Schäfer und Romeo die seine als Pilgrim; die Prinzen Hal und Poins erscheinen zuerst im Leinenanzug als Straßenränder und dann im Leder­wams und Schurzfell als Kellner in einer Schenke; und Falstaff? Kommt er nicht als Strauchdieb, als alte Frau, als Jäger und als Wäscher? — Nicht weniger zahl­reich sind die Fälle, in denen die Kostüme zur Ver­stärkung der dramatischen Wirkung dienen. Nach der Ermordung König Duncans erscheint Macbeth im Nacht- gewanö, als wäre er eben aus dem Schlaf erwacht; Timon endet in Lumpen die Rolle, die er im Glanz begonnen; Richard schmeichelt in einer gemeinen, geringen Rüstung der Hoffahrt der Londoner Bürger, um, nachdem er durch Blut zum Thron gewatet, mit Krone, Schild und Hosen­bandorden angethan, durch die Straßen zu schreiten; im „Sturm" wird die äußerste Steigerung erreicht, wenn Prospero seinen Zaubermantel abwirft, die von Ariel ge­brachten Hut und Degen anlegt, sich als der große Herzog von Mailand zu erkennen gebend. Sogar der Geist im „Hamlet" wechselt seine geheimnitzvolle Gewandung, um verschiedene Wirkungen zu erzeugen. Und was Julia betrifft, so würde ein heutiger Schauspielschretber sie wahrscheinlich in ihrem Letchenlaken zur Schau gelegt haben, um den letzten Aufzug als Schreckensscene allein wirken zu lassen; Shakespeare aber kleidete sie reich in ein prächtiges Gewand, dessen strahlende Herrlichkeit das Grabgewölbe wie „ein Fest des Lichtes" öurchfluthet, und die Gruft zum Brautgemach verwandelt, und gab da­durch die Stimmung, den Grund zu Romeos letzter Rede, die in einem Lob auf den Triumph der Schönheit über den Tod ausklingt.

Just kleine, scheinbar nebensächliche Einzelheiten der Kleidung, wie die Farbe der Strümpfe eines Haushof­meisters, das Webmuster in einem Frauentaschentuch, der Aermel eines jungen Soldaten, die Form der Hofdamen- hüte sind bei Shakespeare Dinge von nicht geringer dramatischer Wichtigkeit, durch die in manchen Fällen die Handlung des Stückes bedingt wird. Andere Drama-