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Beilage }m Wiesbadener Tagblatt.

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No. 487* Morgen-Ausgabe.

Samstags den 18. Oktober.

50. Jahrgang. 1908.

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Jeder Mensch darf über die Thorheiten der andern * lachen, wenn er es auch über die seinigen thut. Sonst hat er das Recht dazu verwirkt. v. Leixner.

(10. Fortsetzung.)

Zürgermeisters Sohne.

von Herma«» Birckenfel».

Während so im Wohnzimmer die Herren untek ge­mischten Empfindungen ihre Partie Mieder ausnahmen. verfaßte der Assessor an das Oberlandesgericht ein Schreiben, in welchem er bat. ihn „eingetretener Der- hältnisse halber" nunmehr dennoch dein Königlichen Amtsgericht in Düntzow zu überweisen — welchen Brief er noch den selben Abend eigenhändig in den Kasten be­förderte. Danach schritt er nervös in seinem Zimmer auf tmd ab, stöberte zwischen einem Packet Wen, versuchte eine Cigarre zu rauchen, die ihm nach zehn Minuten aus­ging und legte sich endlich zu Bett, ohne Ruhe zu finden. August Meyer- so widerwärtig er ihm war, hatte doch nicht umsonst gesprochen, und wenn er auch an eine „frivole Liebelei" zwischen Lisa und dem Doktor keinen Augenblick glaubte, so schien chm eine ernsthafte Liebe zwischen Beiden —- eben auf Grund der Dankbarkeit, die sie Theo schuldete, nicht nur nicht unmöglich, sondern je Mehr er darüber grübelte, sogar recht wahrscheinlich.

Indessen — was ging ihn die Kassirerin seines Daters eigentlich an? Bon früher her kaum mit ihr bekannt, hatte er sie ein paar Mal im Laden gesprochen, den er letzthin beinahe täglich betrat, da er immer neue Mängel in seiner Garderobe entdeckte. Und entgegen seiner früheren Gewohnheit hatte es ihm besonderen Spaß ge­macht. die gewähltenKleinigkeiten, Handschuhe, Kravatten, Hemdenknöpfe, ja einmal sogar Nadel und Zwirn, aus seiner Tasche zu bezahlen — „der Ordnung wegen", sagte er. Ab und zu hatte er dann wohl ein, zwei Minuten an der Kasse gestanden, die Augen auf ihrer durchaus nicht kleinen, aber schön geforutten Hand, ein paar Worte mit ihr gewechselt. Was man so hinspricht, über das Wetter, über ihre Thättgkeit, ihre Schwestern.

Sie bewohnte, nachdem das väterliche Anwesen draußen in den Besitz Meyer juniore übergegangen war. mit ihrer jüngsten Schwester Doris zwei kleine Sttchen, während die zweite. Anna, eine Stelle als Wirchschasterin auf einem benachbarten Gute erhalten hatte, und er konnte nicht umhin, die weibliche Genügsamkeit, mit der sie sich in die veränderten Verhältnisse gefunden, zu bewundern, um so mehr als sie in ihrem ganzen Wesen eine merkliche Ueberlegenheit über den Bildungsgrad der Lönitzer Ge­sellschaftsdamen zeigte. So hatte er sich immer mehr zu ihr hingezogen gefühlt, ward sich aber eigentlich erst jetzt klar, daß sie allein die unbewußte Ursache zu seinem Ent- schluß, noch einige Zeit in der Vaterstadt zu verbleiben auSgemackt hatte. Liebte er sie denn? — Lächerlich daran zu denken! Die Weiber waren ihm bisher sämmt- lich mehr oder weniger gleichgülttg gewesen, Elli Braune vielleicht ausgenommen — und eben sie!

Was ging sie ihn an!

Dennoch haßte er jetzt den Unverschämten August Meyer, der gemeinen Nachrede wegen, die er über sie ge- uhrt hatte. Aber — den zu strafen, gab es vielleicht ein Mittel. Vielleicht! Daß der rohe Gesell aus Eifersucht gegen den Doktor das junge Mädchen bei ihm und da­durch mittelbar bei seinenr Vater anzuschwärzen gesucht hatte, lag ja zu klar auf der Hand. Dazu der Ueberfall des Doktors am gestrigen Abend, gerade nach dem Aus-

wie einDlitz war ihm draußen.

einandergehen der $ wahrend des Gesprächs mit August so ein Gedanke ge­kommen, und die polizeiliche Angelegenhett, den Ucbel- thäter herauszufinden, gewann jetzt neben dem juristtschen r ihn ein sehr menschliches Interesse.

„Scheußlich!" brummte er, sich aus seinem Lager von der linken auf die rechte Seite drehend. — „So'n Schuft."

Dann erschien ihm im Halbschlummer August Meyer, mit einer Brechstange hinter einer finsteren Straßenecke stehen und auf thn, der, obwohl er die Gefahr vor sich sah, des Wegs kam, einfach wett er mußte, lauernd, dis er heran war. Der eiserne Stab hob sich, er wollte fliehen, rufen, sich wehren, er konnte nicht. Doch die Stange senkte sich auch nicht auf ihn herab. So, in Todesangst, meinte er Stunden gegen seine Regungslosigkett gerungen

zu haben-bis er mit einem Ruck erwachte.

Lange währte es, ehe er ruhigen Schlummer fand.

Am anderen Morgen klingelte er nach Petersen, dem Magisttatsboten.

„Wilhlem Klipper soll sofort zu mir kommen."

Petersen ging.

Wllhelm Kipper war ein vierschrötiger Gesell in den Fünfzigern mit borstigem grauen Haar über dem stark gerötheten Gesicht und einem lahmen Fuß, den er als Er» innerung an Gravelotte davon getragen hatte. Von Haus aus Schuster, hatte er am edlen Waidwerk solches Gefallen gefunden, daß nach berühmten Mustern der Lönitzer Magisttat, um vor seinen Wilddiebereien sicher zu sein, ihm die Stelle eines Feld» und Waldwärters über- ttagen hatte, weshalb Kipper mit nicht geringem Stolze eine grüne Mütze mit einem goldenen Eichenblatt davor trug und sich gerne „Herr Förster" anreden ließ. Da­neben wirkte er in seinen „Mußestunden", wie er die Zeit nannte, die Flurschutz, Jagd und Wirthshaus ihm übrig ließen, schuhflickend im alten Handwerk weiter, war aber auch sonst noch in mancherlei nützlichen, wie brodlosen .Künsten wohl erfahren. Er kochte Vogel- und Fliegen­leim, bereitete geheimnißvolle Witterung für das Wild, kurirte Hübnern den Pips, dressirte und schor Hunde und war vor Allem im Schnitzen sehr merkwürdiger Schiffe, Thiere und Koboldfiguren anerkannte Autorität der Lönitzer Schuljugend. Auf letzterer Eigenschaft für nehmlich beruhten — von alterst,er — seine Beziehungen zu Adolf Biedenweg.

Zu diesem zu konimen, fieß er sich nicht zweimal bitten.

„Na, Wilhelm gut zu Wege?'

„Ich denke dock, Herr Assessor: 'S geht ja wohl noch, wenn man auch mit den Fahren nicht jünger wird."

„Und die Pfeife?"

Wilhelm Klippers rothes Gesicht glanzte.

„Die zieht noch immer — das heißt, mit dem Tabak — ja, damit ist's alle, weil nicht vom besten bestellt."

„So, so!" machte der Assessor. „Sehen Sie, Wilhelm, ,ch kann das Pfelfenrauchcn nicht rechts vertragen und habe da so'n dämlichenGewinn gemacht, fünf ganze Pfund A. B. Böninger, in 'ner WohÜhäfigkeitslotterie."

Kipper sperrte die Augen auf.

„Fünf Pfund Sl. B. Böninger — Dunnerschlag!" Er genoß ordentlich vorahnend den brenzlichen Qualm „Fünf Pfund! Herr Assessor, da körmie Einer jo wohl vier Wochen lang Tag und Nacht schmökert. Und die sollte ich —" i

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was anderes.

„So!" rief der Flurschütz. „Also ich soll irgend war für Ihnen ausführen. Denn man los l Nur daß es nicht nobel ist, zu glauben, Wilhelm Kipper wär' nur für ne Belohnung zu haben. Hätfis Ihnen umsonst gethan.'

„Was ich bei unserer alten Freundschaft ja auch gar nicht anders erwartete."

„Hem!" schmunzelte der Alte.

„Denn die hält doch noch, Wilhelm?"

„Wie Eisen, Herr Assessor. Und wenn's 'n Fremrd- schaftsdienst gelten soll,

„Dann seid Ihr verschwiegen wie das Grab!

Hier machte der alte Krieger und Flurschütz ein unbe- schreiblich pfiffiges Gesicht, indem er die Augenbrauen förmlich zu zwei scharfen Winkeln hochzog, dre Lrvpen spitzte und mit verständnißinnigem Lächeln den Assessor anblinzelte, daß dieser wieder sich des Lachens mcht er- wehren konnte. _ . , , , ,

„Sagt mal, Wilhelm — Ihr kommt za gelegentlich

überall hin?" , .

„Soweit die Sonne scheust, das heißt, so wett

der Stadtgrund reicht."

Der Assessor nickte.

„Also auch ab und an in dieMrthschast von Ferdinand Schultz, da unten am Wasser?"

„Oh. hm — na, just nicht zu oft, Herr Assessor. Dann und wann'n; Ultfn Richtenberger-Schultzen seine Frau, die Rieke, ist ja mein Schwesterkind un zu ihrem lütten Theo wär' ich eigentlich Paihe. Ich un uns verstorbener Bürgermeister, ja", antwortete Wilhelm Kipper mit Würde. „Da muß ich denn zuweilen mal nachseh n, ;a.

„Und da verkehren denn so allerhand Leute, nicht wahr? Ich meine Schiffer, fremde und einheimische, Fischer Arbeiter, vielleicht auch mal einer von den Herren aus der Vorstadt, August Meyer zum Beispiel."

„Nee", antwortete Kipper. „Nee, der mch. Den. hat ja Ferdinand Schult zuletzt noch rausgefchrmssen. Wissen Sie, der ist ja ein ganz rüder Cuzon, saust, spielt, wildert,

pfui Deib^ Rar nicht gedacht, er ist doch eigent-

fich'"was BesiereS. und dann aus so 'ner Schifferknerps herausgewiesen zu werden —" . _ .

„Oho. Herr Assessor! Fernand Schult haü auf Ord- nung. und seine Frau,erst re#. Indem Lokal über- nimmt sich wohl mal Emer, aber Schlechttgkeiten — das

giebt s nich. (Fortsetzung folgt.)

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Heilte Samstag, den 18. Oktober:

Grosse Kinder - Vorstellung. Auftreten der 5 indischen Wnnder-EIephanten.

Auftreten der Duaaen« van Meeren mit ihrem Rohimmelheiigat „Hoiaad“.

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Abends 8 Uhr : Grosse Gala-Vorstellung.

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