Nr. 172.
Morgen-Veilage des Wiesbadener Tagblatts.
^_ Dienstag, 27. Iuli.
{14. Fortsetzung.)
ltnb an icm einsamen Morgen, beim selten noch
EfI^ U a n u^ om £ c, }? u fr Jl ? n9 ' ^ atte R c in der großen Stille Kritik schalten über sich selbst.
Auch sie wollte sich ihm unterwerfen, nur weil er reich war. Nur weil man ihn als eine hohe Nummer rn der Lotterie betrachtete, nur weil die andern sie be- Srerden tollten! ^n ihr aber würde Wohl immer ein heimlicher Zorn Prickeln gegen ihn, sie durchlchte wohl tau send mal die Empfindungen dieser gestrigen Fahrt und hatte Lust, 'herauszuspringen aus idem Wagen nnd sehnte sich mich der Freiheit, mit der sie nun da oben stand, so köstlich allein!
So stark und unerschütterlich war der Eindruck Dieser Augenblicke gewesen, daß sie nun mit großer Ruhe erwidern konnte:
„»Nein! Sie sollen Ihrer Mutter keine Nachricht schicken, die sie doch sicher schwer treffen würde. Soviel rch we-.ß, ist sie wieder im Bade, und Aufregungen wirken /dann äußerst schädlich!"
„Wie meinen Sie das, mein verehrtes Fräulein? Daß wir einstweilen noch nicht darüber sprechen wollen, — eine Vereinbarung nur zwischen uns beiden?"
,,Jch mache Sie darauf ansmerksam, daß Sie mich noch gar nicht gefragt haben, ob ich mich mit Ihnen verloben will!"
Er schaute sie mit einem so verdutzten Gesicht an, daß sie herzlich lachen maßte.
. „Daran haben Sie jedenfalls gar nicht gezweifelt!" rief sie.
,,Allerdings, gnädiges Fräulein", gab er ehrlich zu. „Nachdem wir nun, wie man zu sagen pflegt, miteinander ms Gerede kommen —"
. "Das Gerede ist mir ja in der Tat sehr unange- Nehm, aber deswegen eine Verlobung — das wäre doch Leige , Menschenfurcht! Unid sehen Sie, Herr Lütthardt. M) bin ^hnen wirklich ganz gut: man unterhält sich samos mit ^hncn! — Doch wenn ich Ihre Frau wäre, wurde rch mich wahrscheinlich über Sie zu Tod ärgern! Und das möchte ich lieber nicht!"
„Sie sind sehr spaßhaft gelaunt, mein Fräulein, und antworten recht frivol auf eine Frage, die ich in tiefem Ernst an Sie stellte!" warf er beleidigt ein.
„Auch meine Antwort ist ernst! Ich will keinen Tyrannen!" rief sie leidenschaftlicher nnd mit heißen Augen. „Und cm Tyrann — das würden Sie werden!"
„Ich ein Tyrann! Mit meiner Energielosigkeit, Nut meiner lethargischen Anlage!"
„O, glcuchen Sie nur nicht, daß die starke,r, die kauten, die kraftvollen Menschen die gefährlichsten Tyrannen sind! Ich bin überzeugt, an Ihrem passiven- Widerstand wurde jeder fremde Wille zerbrechen, und Vs hatte nichts Platz in Ihrem Leben, was Ihren Jch- Kultns stören konnte!"
- lö 2- r erstaunt, verblüfft, aber eigentlich nicht gekrankt. Es schmeichelte ihm fast, daß sie ihn doch für erne Herrennatur hielt.
Krau krr>as Tochter
Roman von Emma Hanshofer-Merk.
(Nachdruck verboten.)
„Sie sind wirklich ein originelles Mädchen!" sagte er mit einem Kopfschlltteln. ■ ?-
»Weil ich den Mut habe. Ihnen ldas zu sagen?"
„Daß Sie den Mut hoben, mich zu kritisieren, weiß ich längst, aber daß Sie wirklich meine Hand aus- schlagen, — aufrichtig gestanden — das macht mich sprachlos! Ich , habe bisher immer nur die Bemerkung gemacht, daß die Damen sehr gerne heiraten."
„Nun, um so besser, wenn Ihnen dann eimual eins andere Erfahrung wird!"
„Ach Gott, Olly, da scheu Sie jetzt, wie wenig ich eine Kämpfernatur bin! Ich sollte rasen, toben. Sie bestürmen, betteln und flehen, und mir geht es immer noch so wie als kleiner Knabe. Wenn mir etwas ver- weigert wurde, daun schwieg ich trotzig, und der leb- Hafteste Wunsch, der lockendste Anblick, das heißeste Verlangen konnten mir nicht das bittende Wort entreißen! Mir versagt die Stimme, ich verliere dis Kraft vor jedem Nein!"
Ein leises Spottlächeln huschte um Ollys Lippen.
„Das Leben sagt Ihnen eben allzu oft Ja! Und es. ist so vieles Schöne, Reiche, Augenersreuende um
Sie her,-Sie schwelgen so in dem Raffinement
Ihrer Umgebung, -daß Ihnen für ein Gefühl keine Warme mehr übrig bleibt. Ich habe gewußt, daß Sie auch mein Nein mit dem Geschmack des Ästheten tragen würden. Und das ist mir lieb, denn wir wollen keinen Groll gegeneinander haben!"
Er zog ihre Hand an die Lippen.
„Gar so leicht, als Sie glauben, wird mir diesg Entsagung doch nicht! Ich werde wohl reisen müssen, um zu vergessen!"
. Als Lütchardt fort war, stürzte Frau Ada aufgeregt in das Besuchszimmer.
„Nun, hast du dich verlobt?"
„Nein, Dürma! Herr Lütthardt läßt sich dir emp* fehlen. Er hat eine Abschiedsvisite gemacht!"
„Aber das finde ich unerhört! Bruno hatte ganz recht."
, „Ich bitte dich, Manial Wenn du nicht willst, daß ich sofort das Haus verlasse — irgendwo Gesellschafterin inerbe — den nächsten besten Posten annehme, dann mische dich nicht in Dinge, die nur mich allein an- gehen!"
Auch die tränenreiche Miene, auch die vorwurfsvollen Seufzer der Mutter entlockten ihr nicht mehr. Dem Vater sagte sie in einer stillen Unterredung, daß sie Lütthavdt einen Korb gegeben habe, und warum sie es getan. „Du wirst begreifen, Papa", sagte sie mit deni vollen Vertrauen, das sie zu ihm hatte, „daß ich nicht anders konnte!"
„Gewiß, Kind! Aber darüber mutzt du dir flau fein, daß man nicht an deine Weigerung glauben, fan« beim allgemein annchmen wird, er habe nicht Ernst niachen wollen! Die lieben guten Bekannten weiden sagen: Er hat sie kompromittiert urid mm ist er weg»
