!■— "'■! Morgen-Beilage der Wiesbadener Tagblatts.
Nr. 171. Sonntag, 25. Iuli. IW.
l13. Fortsetzung.) 1 Nachdruck verboten.)
Roman von Emma Hanshofer-Merk.
Er schaute ihr lachend in .das Gesicht. Sie hatte sich erhoben und flüsterte sehr gereizt:
„So! Also Sie finden es ganz überflüssig, für meinen Nuf nur dieses bescheidene Opfer zu bringen?"
Auch er erhob sich und zog ihre Hand an die Lrppen.
„Mein gnädiges Fräulein! Ich weiß, was ich Ihnen und Ihrem Ruf schuldig bin! Sie dürfen alles Vertrauen in mich setzen!"
Er sagte das sehr bedeutungsvoll mit der Überzeugung, daß ihr die Worte, die sin inhaltsschweres Versprechen in sich schlossen, großen Eindruck niachen müßten. Aber ihre Stirne entwölkte sich nicht. Sie fand in ihrer Gereiztheit gegen ihn, als sei sie mit einem Riale abhängig geworden von seinem guten Willen, und müßte dankbar sein, wenn er sich anständig hegen sie benähme.
So müde sie war, eine bittere, nagende Enttäuschung ließ sie nicht schlafen, und als es um vier Uhr dämmerte, zog sie sich leise an, verlangte bei der verschlafenen Kellnerin ihre Rechnung und ging allein den Weg zur Bahn zum Frühzug.
Es war so reizvoll, durch die stillen Straßen des v!lten Städtchens zü schreiten: die einsame Wanderung beim Aufgange der Sonne erschien Olly wie ein so seltenes unvergeßliches Erlebnis, daß sie nur eine Empfindung köstlicher Freiheit hatte und alle Enttäuschungen des gestrigen Tages wie fortgespült wurden von dem kühlen Morgenhcmch. Auf dem Hügelrande stand sie noch einmal still und schaute zurück auf die wunderlichen Häuser und Türme und Giebel, die wie auf einer Halbinsel da unten zwischen den grauen Anhöhcm nnd den Innwassern lagen, und dann flog jhr Blick auf die leuchtende Bergkette, die sich über dem Frühlingsland erhob, und ihr wars zumute, als schüttle sie Schlingen von sich ab, in die sie sich verstrickt, und hätte wieder das Recht, zu träumen von einem großen Wunderbaren Glück, das weit, weit von ihr in rosiger Ferne lag, an das sie plötzlich wieder glaubte: als erinnerte sie sich in dieser herrlichen Stille erst wieder an ihr wahres Ich und an die tiefsten Regungen ihres Herzens, die im lauten Stadtleben verstummten, verdrängt von der kühlen Vernunft, von den Alltags- anschnmingen der Umgebung.
Sie wußte, daß sie nun, unbeirrt, ihrem eigenen Empfinden folgen würde, auch wenn die andern sie unvernünftig und töricht fanden! Aber so schön der Freiheitsrausch des Morgens gewesen, so mutig sie dem Tage zugejauchzt, so peinlich war ihre Ankunft daheim.
Schon Fanny, die ihr das Tor öffnete, machte ein finsteres Gesicht.
„So, jetzt kommen Sie heim, Fräulein! Die ganze Nacht hat uns die Frau Mama nicht schlafen lassen vor Angst! Überall hat sie herumgeschickt und telephoniert!"
Und der Blick, der die brummigen Worte begleitete, sagte: „Du sollst meine Tochter sein! Ich würde dir's
austreiben, mit jungen Herren Landpartien zu unter* nehmen und die Stacht ausbleiben!"
Auch der Vater kam Olly mit vorwurfsvoller Mien«! entgegen.
„Aber Kind! Wie kannst du die Mama so ängstigen! Es ist überhaupt doch eine recht seltsame Art für eilt junges Mädchen!"
Sie hatte kaum -dem Vater erklärt, wie das ge« kommen war, als die Mutter im Morgcngswand herausstürzte und Rechenschaft forderte, und behauptete, sie habe Herzkrämpfe gehabt vor Sorge.
Beim Frühstück später mischte sich auch noch Bruno ein und sagte mit wichtigem Stirnrunzeln:
„Weißt du, Olly, dieser Herr Lütthardt ist einfach verpflichtet, sich daraufhin mit dir zu verloben. Und wenn er zögert, -dann werde -ich ihm eimnal auf die Bude steigen und ihm den Standpunkt klar machen!"
„Kümnrere du dich gefälligst nicht um meine Angelegenheiten!" fuhr Olly mit flammenden Augen ans. „Du hast mit deinen eigenen gerade genug zu tun! Das fehlte mir noch, daß ich mir einen Bräutigam erzwingen lassen müßte: daß mein Bruder ihm die Pistole ans die Brust setzte: Heirate sie oder ich schieße!"
Sie lachte laut auf — aber es klang bitter -und schrill, so weh und gereizt, als lachte sie nur, um nicht in zornige Tränen auszuibrechen. Den ganzen Tag hörte sie nichts mehr von ihrem im Stich gelassenen Autofahrer. Aber an: darauffolgenden Tag kam er feierlich in der Mittagstunde und bat, mit dem gnädigen Fräulein sprechen zu dürfen.
„Verzeihen Sie", sagte er, „daß ich Ihnen nicht schon gestern meinen Besuch gemacht habe. Es hat doch eine Welle gedauert, bis der Wagen instand gebracht war, und da ich leider allein Heimfähren mußte, ertrug ich den Aufenthalt mit heroischer Geduld. Sonst hätte es ein böses Donnerwetter abgegeben bei den schläfrigen Kerls. Aber ich hoffte, da Sie mittlerweile die etwas mißlungene Fährt vergessen und Ihren pelzenden Humor wiederfinden würden! Ja! Wieder! lustig?"
Sie hatte sich vorgenommen, ihn in heiterster Laune zu empfangen, und so sagte sie in der alten, leichten Weise, die ihr eine gewisse Überlegenheit über ihn gab:
„Aber natürlich! Ich grolle nicht lange! Allerdings wurde ich empfangen wie eine ungeratene Tochter. Von der Köchin angesangen, hat alles über mein Benehnren skandaliert. Ein Beweis, wie ungerecht zu- wellen auch die Nächststchenden sind. Ich hatte mich doch tatsächlich gar nicht „benommen", war NÜr ÜN- ausstehlich gewesen."
„Widerspruch wäre unhöflich!" bemerkte er tro'Ork.
Sie schauten sich lachend in die Augen, und et fuhr sehr befriedigt fort:
„Wie angenehm, daß Sie wieder nett sind. ^tRt nun kann ich Ihnen gestehen, daß ich diese 8lannt, fcife anscheinend ein kleines Menteuer veranlaßte, M
