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Jahrgang.

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jjjtfl, 457 «. Redaktions-Fernsprecher No. 52.

Mittwoch, den 1. Oktober.

BerlagS-Fernsprechcr No. 2266.

1902.

Morgen-Ausgabe.

Iur Ersirhungsfrage.

Von H. Mommer.*)

I. Zur Einleitung.

Wo Einheit fehlt, muß Zwietracht herrsche»,

Aus Zwietracht geht der Krieg hervor.

Ein dauernd Glück im Menschcnherz,

Nur aus der Einheit bliiht's empor.

Einigkeit macht stark! Dieses Sprüchwort finden Wir in allen Sprachen vertreten; allein es bleibt überall bei der Redensart, von einem ernsten Bestreben, zur Einheit zu gelangen, ist nirgendswo etwas zu verspüren, weder im religiösen, noch im politischen und socialen Leben. Es wäre die denkbar größte Ungerechtigkeit, wollte man allen Denjenigen den Vorwurf der Bosheit machen, in deren Macht es liegt, einigend zu wirken, die aber, statt von dieser Macht Gebrauch zu machen, sich da­mit begnügen, bei allzu gefährlichen Zusammenstößen vermittelnd einzutreten. Es muß vielmehr angenommen werden, daß wenigstens ein großer Theil jener Menschen vom besten Willen beseelt sind, zu helfen, und daß sie nur aus Mangel an Erkenntniß sündigen. Seien wir also gerechter als die heutigen Gesetzgeber, welche die Un- kennttiiß der Gesetze an Allen bestrafen, obwohl sie die Kenntniß derselbe« nur von Wenigen verlangen.

Ueberall, wohin wir blicken, herrscht Zwiespalt, nicht etwa, weil er unvermeidlich wäre, sondern weil er syste­matisch der Menschheit von Jugend auf eingeimpft wird, in den Kirchen, in den Schulen und in den Familien, Überall säet man Wind und wundert sich, daß er zum Sturme gedeiht. Der Kampf ums Dasein ist der Mensch­heit durch die Natur aufgezwungen, aber er besteht nicht im Kampfe Aller gegen Alle, sondern im gemeinsamen Kampfe Aller gegen die Elemente.

Um diese Einigung der gesammten Kräfte — deren Nothwenüigkeit sich täglich fühlbarer macht — zu erzielen, ist es vor Allem erforderlich, der Jugenderziehung einen gemeinsamen Boden zu geben, und es soll die Aufgabe dieser Zeilen sein, hierfür einen gangbaren Weg zu zeigen.

II. Begründung der gemeinsamen Erziehung.

Bevor ich mich der Entwickelung meiner AnstaltS- Jdeen zuwende, scheint eS mir vor Allem geboten, die

*) Diese Aufsätze, Me wir zum Abdruck erwarben und die eine Fülle interessanter und anregender Gedanken enthalten, ent­stammen dem von uns bereits in einem Leitartikel gewürdigten, höchst empsehlenswerthen Heftchen: „Der Weg zum Glück durch einheitliche Erziehung und Schule". Eine Skizze von H. Mommer. Preis 80 Pf. Zu beziehen durch die Limbarth'sche Buchhandlung. Arth. Venn, Wiesbaden.

Beziehungen der Kinder zu den Eltern und der ge- samnrten menschlichen Gesellschaft mit Rücksicht auf ihre Rechte und Pflichten klar zu stellen.

Wenn es auch eine ganze Anzahl einsichttgerMenschen giebt, die sich klar darüber sind, daß sie nur Pflichten gegen, aber keine Rechte an die Kinder haben, so ist doch dieses Häuflein leider noch so klein, daß man sie ruhig als seltene Ausnahmen bezeichnen darf. Die allgemeine Anschauung ist zweifellos heute noch die, daß man ein ziemlich unbeschränktes Eigenthumsrecht über die Kinder besitze, wovon nicht selten ein recht barbarischer Gebrauch gemacht wird.

Aehnlich wie die Eltern, beanspruchen auch Staat und Kirchen ihre Verfügungsrechte über die Jugend, und gleich jenen trachten auch sie naturgemäß nur danach, das Kind in diejenigen Formen zu pressen, welche sie ihren Interessen am dienlichsten halten. Alle drei Parteien aber übersehen vollständig, daß nicht die Kinder ihretwegen, sondern sie derentwillen da sind.

Was nun das Recht der Eltern an der persönlichen Erziehung ihrer Kinder betrifft, so trage ich kein Be­denken, meine Ueberzeugung dahin zu äußern, daß sie zweifellos die natürlichsten Pfleger, zugleich aber die denkbar ungeeignetsten Erzieher ihrer Kinder seien, und ich werde mich bemühen, durch folgende Betrachtung den Beweis für meine Behauptung zu erbringen.

Man wird mir beipflichten, wenn ich sage: die Gabe der Erziehung ist ein Talent wie jedes andere auch, nur daß es vielleicht sellener ist; ferner dürfte nur eine Meinung darüber herrschen, daß man, um erziehen zu können, vor Allem selbst erst richtig erzogen sein muß.

Wenn nun, wie schon bemerkt, das Erziehertalent nicht allzu häufig vertreten ist, so dürfte es noch viel seltener Vorkommen, daß beide Eltern durch diese seltene Gabe sich auszeichnen. Ueber den letzten, aller­günstigsten Fall wäre vielleicht kein Wort zu verlieren, auch nicht einmal über diejenigen Ehepaare, bei welchen ein Erziehertalent vorhanden und der andere Theil ver­nünftig genug ist, diese schwierige Arbeit dem fähigeren Theile zu überlassen, dagegen wollen wir uns den noch immer sehr günstigen ca8U8 etwas näher anschauen, in welchem der eine Theil — sagen wir die Frau — befähigt ist, und der andere nicht. In einer solchen Familie kommt es unzählige Male vor, daß der Vater dem Kinde etwas erlaubt, was die Mutter ihm versagen zu müssen glaubte, und umgekehrt, und wenn nun auch die Mutter, infolge ihres fast ununterbrochenen Verkehrs mit dem Kinde, einen bedeutenden Einfluß auf dasselbe erlangt, so sieht dieses doch andererseits, daß auch meist die Mutter sich dem entgegengesetzten Willen des Vaters beugt, und es muß deshalb zu der Ansicht gelangen, der Vater habe Recht. Das Kind wird alsbald wie ein Spielball vom Einen zum Anderen geworfen und es wird selbstredend am liebsten dahin fliegen, wo seine Wünsche die breiteste Willfahrung finden. Wie verderblich eine solche Er­ziehung dem Kinde sein muß, leuchtet auf den ersten Blick

ein, allein auch auf die Eltern übt diese Disharmonie ihren traurigen Einfluß dadurch, daß das Kind trennend zwischen dieselben tritt, statt sie fester zu verbinden.

Es bedarf gewiß keines besonderen Nachweises, daß die Lage des Kindes noch eine weit ungünstigere wird, wenn weder Vater noch Mutter Erziehergabe besitzt.

Aber selbst angenommen, die Zahl der Widersprüche zwischen den Eltern in dieser Richtung sei viel geringer, als von mir behauptet, so würde man diesen doch das Zeugniß der Qualifikation versagen müssen, weil die Anlage ohne Ausbildung nicht genügt, und sie diese letztere nicht haben können, weil der Mensch meist in einem Alter heirathet, bis zu welchem er noch keine Ge­legenheit hatte, reiche Lebenserfahrungen zu sammeln. Diese aber sind absolut unerläßlich, sofern das Kind nicht selbst das Lehrgeld der Eltern bezahlen soll. Ich weiß wohl, daß man mir den Etnwurf machen wird: „ja, aber Sie vergessen, daß man mit dem Kinde zugleich sich selbst erzieht." Zugegeben, aber ich wiederhole, daß die Zög­linge immer und die Eltern noch in den meisten Fällen die Kosten zu zahlen haben.

Aber selbst für den Fall, beide Eltern seien auf Grund ihrer Veranlagung, Bildung und Welterfahrung ganz geeignete Kinder-Erzieher, so würde ich sie doch in den weitaus meisten Fällen als ungeeignet zur Erziehung ihrer eigenen Kinder bezeichnen, weil sie gegen das eigene Fleisch und Blut meist zu schwach sind, denn gerade so wie man nachsichtiger gegen sich selbst als gegen Andere ist, so lobt man nicht selten beim eigenen Kinde dasselbe, was man beim fremden tadelt.

Noch muß ich erwähnen, daß gerade am häuslichen Herde dem Kinde eine ganze Menge Laster, ja ich möchte sagen neuer Erbsünden anerzogen werden, welche ihm bei geeigneter Führung fremd bleiben und fremd bleiben müssen. Unter dem Zugeständnisse so vieler Ausnahme, als man haben will, frage ich: „wo wäre z. B. das edle und doch nur logisch und natürlich denkende Elternpaar, welches seinen Kindern den Umgang mit denjenigen ihrer sogenannten Feinde gestattet, gleichgültig ob diese Feind­schaft auch schon von den Eltern oder Großeltern ererbt wurde, oder ob sie erst gestern entstand, durch ein un­bedachtes Wort, durch ein schöneres Kleid, eine unter­lassene Aufmerksamkeit rc., der ernsteren Motive gar nicht zu gedenken? Welche Eltern kulttviren nicht den Hoch- muthsteufel in ihren Kindern durch Versagung des Ver­kehrs mit „armen" oder auch nur ärmeren Kindern? Welche nicht die Herrschsucht durch das befohlene Mtt- spielen der Kinder ihrer Bediensteten, wobei letztere jede Unart der Herrschaftskinder demüthig zu ertragen haben? Wo findet man mehr Unfrieden, als unter den Geschwistern — die es ja von den Eltern erlernen —, in welchem Hause befinden sich nicht die Brutstätten der schönen Tugenden: Haß und Neid, Lüge und Heuchelei und wie sie sonst alle heißen mögen?

Es ist ein trauriges Zeugniß für die Beobachtungs­gabe zahlloser gebildeter Menschen, ja fast aller, wenn

Feuilleton.

Wiener Brief.

Psychologie des Wiedersehens. — Verjüngung durch ElektricitSt. — Wohnungsnoth und leere Häuser. Unglück der Großen, Unglück der Kleine«. — Das bedrohte „Extrazimmer". — Hre

Fisch, hie Backhendl! — Bor und hinter den C-nüpen.

—, 26. September 1902.

Es ist ein merkwürdiges, sehr gemischtes Gefühl, das die Seele aufrührt, kehrt man nach längerer Abwesen­heit — und seien es nur zwei Jahre gewesen — zu einer einstigen Liebe zurück. Man bringt aus der Ferne den kühleren, leidenschaftsloseren Blick mit, der Manches kritisch zerlegt, was man früher mit rosigem Schimmer umkleidete. Ein nervöses Mißtrauen gesellt sich dazu, von alten schönen Erinnerungen bestochen zu werden. So fern haben mich zwei Jahre Wiesbaden Wien ent­rücken können, daß die erste Regung ans dem Boden der Stadt nicht befriedigte Sehnsucht, sondern kühle, kretische Prüfung ist. Und habe ich ein Jahr lang die schöne Pflicht erfüllt, die Integrität und Großmachtstellung Oesterreichs mitzuverbürgen, und kehre ich dann wieder nach Wiesbaden zurück, um meine Feder statt an Wiener Briefen Wieder an Wiesbadener Ereignissen zu versuchen, werden meine Gefühle beim ersten Schritt aus dem TaunuSbahnhof nicht ähnliche sein? So muh der Mensch, was er liebt, immer neu erwerben, um es zu besitzen. Bald flammt ja auch im Sturm der Empfindungen ern neuer Funke des alten Feuers in der Seele auf und will die kühle Ruhe der Fremde in Brand setzen. Welche der streitenden Stimmen Siegerin bleibt, hängt nicht vom Heimkehrenden, sondern von der einstigen Angebeieten ab. Waren die Jahre der Trennung für sie Jahre des Aufblühens, der Vollendung, dann liegt der treulose Flüchtling bald wieder in den alten Fesseln. Waren es Jahre des Alterns, dann vertieft sich jedes geschickt ver- schminkte Fältchen zu einem Abgrund, über den sich kerne Brücke des Wiederfinbens baut. Es giebt keinen echten Wiener der Wien nicht einmal mit der Leidenschaft des Zwanzigjährigen für sein erstes Mädchen geliebt hätte. Wiener Volkslied und Wiener Volkspoeste haben diesem Gefühl hundertmal Ausdruck gegeben. Und darum

die erste Frage des Heimkehrenden mit ihrem Wirbel­

sturm an Empfindungen: Wie wird „Sie" aussehen, wie wird „Sie" zu Dir sprechen? .

Die Antwort zu erfragen, bummelt der Herm- gekehrte zum ersten Mal wieder die klassische Straße Wiens, den „Ring", hinunter. Er findet die Gesichts­linien seiner Angebeteten ziemlich unverändert. Die großen baulichen Veränderungen, die Wien in der letzten Zeit erfahren hat, und von denen bei anderer Gelegenheit noch die Rede sein soll, entziehen sich hier dem Auge noch. Aber es ist, als ob frischeres, jugendlicheres Blut schneller und feuriger durch die Adern der Schönen pulsirte. Und in reizvoller Wechselwirkung fällt dadurch auch auf das Alte, Unveränderte ein weicher Schimmer der Ver­jüngung. Und diese Wunderkur hat die Vervoll­ständigung und Umwandlung des Tramway Ver­kehrs zu ausschließlich elektrischem Betrieb vollbracht. Das Bild, das der Verkehr nun an den Kreuzungspunkten bietet, steht dem Berlins und Paris' an Bewegtheit und Grandiosität nur wenig nach und hilft kräftig, den Glauben an eine steigende Weiter­entwickelung Wiens neu zu befestigen. Man hört mit ehrlicher Genugthuung, daß die reizendsten Bezirkstheile an der Peripherie der Stadt, in denen die landschaftlichen Vorzüge Wiens erst zu voller Geltung aufblühen, nun dem Herzen der Stadt so nahe gerückt sind. Eine Woh­nung in naturnaher, ländlich schöner Umgebung und eine Arbeitsstätte im Stadttnnern sind nun auch für den minderbemittelten Wiener nicht mehr unvereinbar.

Damit ist auch ein werthvoller Schritt zur Lösung der brennendsten aller Großstadtfragen — der Beseitigung der Wohnungsnoth -gethan. Wohnungsnoth! Man sollte angesichts einer amtlich-statistischen Notiz, die zu melden weiß, daß in Wien 55 ganze Häuser, an 7000 Wohnungen, 1200 Geschäftslokale leer stehen, gar nicht glauben, daß die böse Fee auch in Wien herrscht und den Familienvätern des Lebens Gemüthlichkeit trübt. Man fragt unwillkürlich, sind denn die armen Menschen­kinder, die im Schweiße ihres Angesichts ein passendes Wtnterheim suchen müssen, blind, oder sind die betreffen­den p. t. Herren Hausbesitzer so bescheiden in ihren An­sprüchen an die Bequemlichkeit und Sparsamkeit An­derer. Zu den Wohnungssorgen gesellen sich nun bei vielen kleinen Leuten die Geldsorgen aus einer ganz

neuen Quelle. Die großen Unterschlagungen des Länderbankbeamten Jellinek, die zu­erst die Zeitungsleser nur in angenehm aufgeschreckter Neugier aufregten, greifen mit ihren bösen finanziellen Folgen über den engeren Kreis großer Geldleute, der anfangs allein betroffen schien, hinaus in breitere Schichten. Einzelne Fabriksunternchmen, denen der Defraudant grotzmüthig zum nöthigen Betriebs­kapital verholfen hatte, sind nun unvermuthet am Ende ihrer Herrlichkeit angelangt, und unter ihren Gläubigern sehen sich vorwiegend kleinere Geschäftsleute und Hand­werksmeister betrogen. Die jüngste Wiener Zeitungs­rubrik: „Defraudation bei der Länderbank" ist damit für Biele über Nacht aus einem Gegenstand der Neugier eine Quelle der Sorge geworden.

Gemüther, deren Geldnerven durch die jüngste Wiener „Affaire" nicht tangirt wurden, haben einen an­deren, harmloseren Grund zur Aufregung, die darum bei Vielen allerdings nicht weniger temperamentvoll ist. Die Wiener Bacchustempel haben, nach dem Vorbilde älterer Brüder, einen Vorhof für das gemeine Volk und ein eigentliches Hciligthum für die Auserwählten. In dieses Heiligthum, vom gemeinen Volke ehrfürchtig „Extrazimmer" genannt, in dem die feinschmeckendsten Trinker und die seßhaftesten Tarokspieler ihre Stamm­tischplätze hüten, ist der schlimmste Gegner alles Gast­hauslebens, der A n t i a l k o h o l i s m u s, siegreich ein­gezogen. Die Stätte, die die schönsten Loblieder und kernigsten Schimpfreden über Bier und Wein hört, soll nun sehen müssen, wie sich kulturloser Durst an charakter­losen Limonaden und Fruchtsäften labt. Die Ursache des Sturmes im — Bierglase ist, daß zahlreiche Restau­rateure, um einer behördlichen Konzessionirnng eigener alkoholfreier Restaurants zu begegnen, in ihren Lokalen „alkoholfreie"Extrazimmer eingerichtet haben. Man findet, daß mit dieser Konkurrenz des „alkoholvollen „Extra­zimmers wieder ein Stück der berühmten Wiener „Ge­müthlichkeit" zu Grabe getragen wird. Die wird nun allerdings schon seit Jahrzehnten begraben und lebt doch immer noch. Freilich steht sie nicht auf der Gasse und giebt sich nicht Jedem für Geld preis.

In der Stadt, der Schiller einst den Vorwurf des ewigen Brathuhns machte, spielen eben Magenfragcn eine größere Rolle als sonst irgendwo. Ein großer Kamps