Jahrgang.
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|tö. 454* Redaktions-Fernsprecher No. 52.
Abend-Ausgabe.
Iür: öcrs 4. gmartaC 1902
auf das
„Wiesbadener Tagblatt"
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Die betrogenen Distllmlslhkii MiarMte.
Unser Londoner u ^Korrespondent schreibt unter dem 27. September:
Cecil Rhodos hätte seinen Freunden wahrlich keinen übleren Streich spielen können, als sich zur ewigen Ruhe nach den Matoppo-Hügeln zurückzuziehen, lange ehe sein Werk im Transvaal beendet war. Wenn er wenigstens noch Beit. Eckstein, Wernher oder irgend einem seiner- anderen Vertranten unter den „britischen" Patrioten die Pseife ausgehändigt hätte, nach der Chamberlain zu tanzen pflegte, so würde sein Scheiden nicht besonders viel auf sich gehabt haben. Der Kolonialminister, der sich als eigener Herr fühlt, seitdem die noch gerade historischen, auf den Transvaaleinfall bezüglichen Telegramme und die anderen kompromittirenden Dokumente gewissermaßen mit Rhodes begraben wurden, wagt es neuerdings, die Pläne 4er südafrikanischen Milliardäre in der kecksten Weise zu durchkreuzen. Selbstredend erheben dieselben darob ein fürchterliches Zetergeschrei und appellircn aus indirektem Wege an die öffenüiche Meinung. Aber dabei beweisen sie, daß sie ohne ihren einstigen leitenden Genius zu armseligen Stümpern geworden sind. Wie wäre es sonst möglich, daß unter Andereil ein leitendes hiesiges Finanzorgan, das s. Z. eine hervorragende Rolle in dem Verzeichniß der von der schändlich verkrachten Globe- Gesellschaft geführteil Liste von Empfängern milder Gaben spielte, jetzt in einem langen Artikel seiner Schadenfreude über die bstrere Enttäuschung der armen „Goldwanzen" Ausdruck geben konnte. Rhodes verstand die Geschichte besser, denn wenn es die Erreichung eines großen Zieles galt, kam es ihm nicht darauf an, Hunderte von Zeitungen mit Sack und Pack zu kaufen. Alles was dagegen seine trauernden Hinterbliebenen bisher thaten, war, daß sie von Johannesburg aus zahlreiche telegraphische Berichte nach London senden ließen, in denen die Angst und Sorge jener Stadt, wie überhaupt der
<1. Fortsetzung.) Ifa»!.
Von Jea»«e Mairet.
Autorisirte Uebersetzung aus dem Französischen von E. Otte«.
„Mtte, suchen Sie kein erklärendes Epitheton! Ich sehe, ich muß das Tüpferl auf das i setzen. Ich suche nur . . . die Freiheit; Sie wünschen, sich mst Ihrem Onkel nicht zu entzweien. Später werden Sie dann Ihr armes Mädchen heirathen, und ich, die ich dann denTitelMadame führe, werde das Recht haben, nach meinem Geschmack, im eigenen Hause und nicht unter einer mir verhaßten Vormundschaft zu leben. Für meine so erworbene Freiheit werde ich Ihnen stets eine ganz besondere Dankbarkeit bewahren. Unsere durchaus legale Heirath wird nur eine konventionelle Heirath sein. Wir gehen aus eine Hochzeitsreise, werden gemeinsam sehr schöne Dinge zu sehen bekommen, wie zwei Geschwister oder zwei gute Reisegefährten. In drei Monaten — so viel, glaube ich, mutz man,»rechnen, wenn die Sache einigermaßen wahrscheinlich aussehen soll — werden Sie sich als der Schuldige bekennen- — auf welche Weise, ist mir völlig gleichgültig, dann wird die Scheidung ausgesprochen werden, und wir Beide sind frei. Im Grunde widerstrebt es mir, eine geschiedene Frau zu sein, obgleich diese Frauen in unserer heutigen Gesellschaft eine gewisse Bedeutung erlangt haben. Besser wäre ich allerdings als Wittwe daran, aber ich kann wirklich nicht von Ihnen verlangen, daß Sie mir Ihr Leben opfern!"
„Alles das kann ich nicht für Ernst halten. Es gefällt Ihnen, sich in der liebenswürdigsten Weise über mich lustig zu machen, mein gnädiges Fräulein!"
„Durchaus nicht. Ich habe reiflich überlegt. Wenn ich auch lächelnd über meinen Plan spreche, so ist er mir doch deshalb nicht weniger ernst. Sie können sich gar nicht vorstellen,, wie unglücklich ich mich bei Herrn Baudreuil fühle, und wie sehr ich danach strebe, frei zu kommen!"
Montag» den 29. September.
ganzen englische» Bevölkerung des Transvaals der Be- steuerungspläne der Regierung wegen geschildert wurde. Der Rand oder richtiger die Minenindustrie, heißt es, könne keine größere Belastung ohne Lahmlegung ver- tragen. Da Mr. Chamberlain aber s. Zt. erklärte, mehr als 10 pCt. vom Reingewinn der alten Minen würde nicht beansprucht werden, und da ferner dieser Gewinn unter den neuen Verhältnissen ungleich größer auszufallen verspricht als, ehedem, so mußten also besondere Maßregeln ergriffen werden, um das Publikum sür die Sache der Milliardäre zu begeistern und durch die ösfent- liche Meinung einen Druck auf die Regierung auszuüben. Zu diesem Zwecke veranlaßte man cm der Börse zunächst eine künstliche Depression, was den großen südafrikanischen Häusern nicht schwer siel, und verbreitete allerhand Gerüchte über fernere Steuererhöhung. Als die öffentliche Meinung sich dann trotz der fallenden Kurse nicht regte und es dem Publikum nicht einmal in den Sinn kam, seine Minenaktien auf den Markt zu werfen, ließ rnan die „Daily Mail", die s. Zt. bekanntlich die sämmtlichen Gesandtschaften in Peking umbrachte und sich noch durch verschiedene andere derartige Neuigkesten einen Namen machte, vor wenigen Tagen einfach melden, die Minensteuer würde auf 16 pCt. erhöht werden. Befremdlicher Weise mochte das aber Niemand glauben, und inzwischen kennzeichnete man die Kunde von offizieller Seste als ein leeres Gerücht. Alles, was die Regierung zu thun beabsichtigt, ist, sich denjenigen Gewinn zu sichern, den ehedem die Zwischenhändler machten, indem sie Goldländereien spottbillig erwarben und schließlich für ungezählte Millionen an Aktiengesellschaften verkauften. Der Staat wird also fortab Bergbaukonzessionen nur direkt anMinen- unternehmungen vergeben, und darüber jammern Beit, Eckstein und Genossen.
Grasin Lonyay und König Leopold.
Bon einer im Gefolge der Gräfin Lonyay befindlichen Dame erhält das „Neue Wiener Tageblatt" folgende authentische Darstellung der so viel besprochenen Vor- gänge in Spm und Brüssel.
Calais, Tenninushotel. 24. Septencher.
Da es unvermeidlich ist, daß in den Zeitungen manches Unrichtige über die tragischen Ereignisse der letzten Tage verlautbart wird, sende ich Ihnen hiermit einen wahrheitsgetreuen Bericht über den Verlauf der Dinge, damst Sie im Stande sind, authentische Nachrichten zu veröffentlichen.
Ihre königliche Hoheit Prinzessin Stephanie erhielt Samstag, den 20. d., in Cromer, wo sie zur Erholung weilte, die Nachricht vom Tode ihrer Mutter, der Königin. Mit dem ersten Zuge, der nach London fuhr, begab sich die Prinzessin dorthin. In London hatte die Prinzessin viele Telegramme erhalten, doch nicht dasjenige, das von ihr so sehnlich erwartet wurde: nämlich die Erlauvniß, die todte Mutter noch einmal sehen zu dürfen . . . Trotz
„Sie gebrauchen mich also nur dazu, Ihnen die ge- gewünschte Freiheit zu verschaffen?" fragte Paul.
„Allerdings!" erwiderte Germaine. „Ich gebe Ihnen aber dafür dieselbe Freiheit!"
„Und sind Sie der Ansicht, daß mein Onkel in zwei bis drei Monaten leichter zu überzeugen sein wird?"
„Zweifellos! Sie haben damit den Beweis Ihres guten Willens geliefert. Sie werden ihm sagen: „Der Versuch ist mißglückt. ■— ich wußte es ja. Eine einzige Frau wäre im Stande, mich glücklich zu machen." — Er wird gerührt sein und eine Verbindung segnen, gegen die er sich Anfangs gesträubt hat. Jedenfalls wird er Sie nicht mehr enterben."
„Es gehört zweifellos eine sehr geringe Lebenserfahrung dazu, ein solches Arrangement vorzuschlagen."
„Halten Sie dieses Arrangement — wie Sie es zu bezeichnen belieben — für undurchführbar?"
„Undurchführbar vielleicht nicht, jedenfalls aber für gefährlich!"
„Ich sehe nicht ein, weshalb. Aber da Sie eine Erfahrung haben müssen, die mir abgeht, wollen wir die Sache fallen lassen. Ich brauche meiner Mutter nur zu erklären, daß ich eine ausgesprochene Antipathie gegen Sie empfinde. Sie war ja selbst der Ansicht, daß ich in einer solchen Vereinigung mein Glück niemals finden würde!"
Germaine erhob sich.
„Mein gnädiges Fräulein, ich bitte, einen Augenblick! Sie haben mich so sehr in Erstaunen gesetzt, so außer- ordmtlich überrascht, daß ich nicht recht weiß, was ich dazu sagen soll!"
„So sagen Sie gar nichts! Gestehen Sie mir, reizt es Sie nicht, Italien, Spanien oder sonst ein schönes Land in Begleitung eines guten, lustigen Freundes — denn das bin ich — aufzusuchen? Ich amüsire mich über das Geringste und überwinde leicht jede Unbequemlichkeit auf der Reise. Sie verlieren eine Gattin, gewinnen dafür aber einen guten Freund!"
Verlags-Fernsprcchcr No. 2266. 1992»
des Ausbleibens dieser Bewilligung fuhr die Prinzessin Abends über Dover nach Ostende. Ta Graf Elemer Lonyay seine Gemahlin nur bis Dover begleiten konnte, wurde ein Arzt engagirt, zumal mau bei der hochgradigen Erregung der Prinzessin böse Folgen befürchtete. Ein bereits bestellter Separatzug erwartete in OstiPde die hohe Reisende, welche um 7 Uhr in Spa eintras. Auf dem Bahnhof empfing sie Baron Goffinet, Privatsekretär der verblichenen Königin. Dre Prinzessin wurde von ihm zum Wagen geleitet, welcher sie in die Villa „Maria Henriette" brachte. In der Gallerte der Villa erwartete Prinzessin Clementine ihre Schwester und laut. aufschluchzend fielen die beiden hohen Damen einander in die Arme und hielten sich lange lautlos umfangen . . - Bon 7 Uhr Früh bis 4 Uhr Nachmittags trennten sich die beiden Schwestern auch nicht einen Augenblick voneinander und erfüllten zusannnen die letzte Pflicht an ihrer so innigst geliebten todten Mutter.
Es war 4^Uhr, als König Leopold, von Luchon kommend, in Spa eintraf. Prinzessin Stephanie kniche in der Sterbekapelle an dem Sarge ihrer Mutter, in tiefster Andacht versunken. Um %5 Uhr erschien plötzlich Prinzessin Clementine, die sich eben erst entfernt hatte, begleitet von der Obersthofmeisterin Gräfin Grünne und anderen Hofdamen der verblichenen Königin, um ihrer hohen Schwester anzukündigen, daß:
1. der König seine Tochter nicht sehen wolle;
2. daß er sie nicht empfange, und
3. daß er ihre Amoejenheit beim Begräbniß nicht gestatte. ~
Prinzessin Stephanie, am Sarge der geliebten Mutter knieend. verrichtete noch ein kurzes Gebet und verließ dann tief erschüttert das Haus der Mutter, aus dem sie durch ihren Vater hinausgewiesen wurde.
Die angesammelte Menge war Zeuge dieses Aktes
bitterster Grausamkeit und-(hier folgt ein Wort,
das wir ans preßgesetzlichen Rücksichten nicht wiedergebcn können) und begleitete den Wagen, der die Prinzessin ins Hotel brachte, mit allen Zeichen aufrichtigster Verehrung und Sympathie.
Um Uhr erschien Prinzessin Stephanie auf dem Bahnhofe, wo sich eine große Menschenmenge angesammelt hatte, die der Prinzessin irr ostentativer Weise ihre Sympathie bezeugte und sie ununterbrochen mit den Rufen: „Vive la princesse! Vive la comtesse Lonyay!" begrüßte. Es war interessant anzusehen, wie so viel Menschen durch mehr als zwanzig Mnnten unbedeckten Hauptes aus dem Perron standen und nicht aufhörten, die Prinzessin zu akklamireu. Ehe sich der Zug in Bewegung setzte, beugte sich die in tiefe Trauer gehüllte Prinzessin aus dem Coup6fenster und sagte mit bewegter Stimme: „Ich danke Ihnen, meine theuren Landsleute!", was einen neuerlichen Sturmesausbruch zur Folge hatte.
In jeder Station wiederholten sich ähnliche Scenen. Es war eine noch nie dageivesene Ovation, die das ganze Volk, unter dem sich rasch die Nachricht von dem Vor-
„So ist es Ihnen wirklich Ernst mit dem, was Sie mir da Vorschlägen?"
„So Ernst, wie mir nur etwas sein kann. Ich halte Sie für einen Ehrenmann und zögere nicht, mich Ihnen anzuvertrauen. Es wird eben eine Heirath — auf Kündigung."
„Freilich!" rief Paul Dubourg lachend. „Genau wie in Romanen, wo die Liebenden sich auf einen in einen Abgrund endenden Weg begeben. Sie sagen sich, vier, sechs, vielleicht acht Wochen lang werden wir uns lieben und dann zusammen sterben. Das ist das Schlußkapitel. Seit dem Doppelselbstmord in einer königlichen Familie verfolgt diese Lösung das Hirn all unserer Romanschrist, steller."
„Ich ziehe eine Scheidung vor", sagte Germaine schmollend, „die ist weniger tragisch!"
„Weil", fügte der junge Mann hinzu, „unser Roman der direkte Gegensatz sein wird . . ."
„Ich verstehe Sie nicht!"
„Sie sollen mich auch nicht verstehen, mein gnädiges Fräulein!"
„Also abgemacht?"
„Abgemacht!"
In dem Augenblick, als die beiden jungen Leute einander halb scherzend, halb verwirrt die Hand reichten, traten Frau Baudreuil und der alte Herr Dubourg ins Zimmer.
„Sagte ich Ihnen nicht, die Beiden seien wie flir einander geschaffen?" rief der gutmüthige kleine Herr lachend. „Umarmen Sie mich, meine liebe Nichkd!"
„Von ganzem Herzen, lieber Onkel!"
„Also wirklich?" fragte Frau Baudreuil.
„Allerdings, Mama! Gestatte, daß ich Dir hier Deinen Schwiegersohn vorstelle. Paul Dubourg und ich, wir verstehen uns ausgezeichnet."
Die Vorbereitungen zur Hochzeit wurden sehr rasch betrieben. Germaine nahm die Glückwünsche ihrer Freundinnen mit großer Ruhe, sogar mit solcher Ruhe ent-
