Wiksba-em Tsgblstt.
*o. Jahrgang.
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N» 451.
ÜOB»gen-Aws§ialbe.
gtitr öcrs 4. HucrrtcrL 1902
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„Wiesbadener Tagblatt"
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Frauenurkert in Fabriken.
Dieser Tage hat in Köln die Internationale Der- einigung für gesetzlichen Ärbeiterschutz und deren deutsche Abtheilung, die Gesellschaft für sociale Reform, getagt, und dieser Tagung ist nicht nur von allenSocialpolmkern, sondern auch Seitens der Regierungen fast aller Kulturstaaten ein intensives Interesse zugewandt worden. Die Internationale Bereinigung für gesetzlichen Ärbeiterschutz hat sich, obwohl sie erst rm September vorigen Jahres be- gründet worden ist, schon eine außerordentliche und ständig wachsende Bedeuiung zu erringen verstanden, sind in der That verdienen die Ziele dieser Vereinigung allseits die thatkräftigste Unterstützung. Diese Ziele sind auf der Kölner Tagung wie folgt gekennzeichnet worden: Förderung der Entwicklung und Fortführung der Arbeiterschutzgesetzgebung von Land zu Land, Herbei- führung eines Ausgleichs der Konkurrenzbedrngungen der Export-Industrie und Förderung der Gesundheit und Kraft eines immer zahlreicher werdenden Standes und damit der Völker überhaupt. . t „
Diese Bestrebungen zu fördern, haben m der Phat alle Rationen die größte Veranlassung, die socialpolitisch fort- geschrittenen, wie Deutschland, Oesterreich, England und die Schweiz, weil sie schon aus Gründen der industriellen Konkurrenz ein Interesse daran haben, daß auch die anderen Länder die gleichen einschränkenden Bestimmungen einführen, und die socialpolitisch rückständr gen Länder deshalb, weil diese Rückständigkeit die Ge sundheit und die Leistungsfähigkeit der arbeitenden Be- völkerung auf die Dauer immer mehr schädigen muß. So hat denn auch der Vertreter der deutschen Regierung in Köln mit Recht darauf hingewiesen, daß die deutsche Arbeitergesetzgebung vorbildlich und bahnbrechend ge-
wirkt habe, und daß die deutsche Regierung ein Interesse daran habe, daß die deut,chen Arberterschutzgesetze auch m allen anderen Ländern eingeführt werden. .. .
Der Hauptgegenstand, mrt dem sich dre Internationale Vereinigung füR gesetzlichen Arbeiterschutz auf dem Kölner Delegirtentag befaßt hat, war dre Frage der Nachtarbeit der Frauen Es wurde auf der Versammlung ern Beschluß gefaßt, worin das Verbot der Nachtarbeit für Frauen grundsätzlich für gerechtfertigt erklärt und eine Kommission beauftragt wird, diesem Verbot Geltung zu verschaffen. In Deutschland besteht dies Verbot bereits seit dem 1 April 1893; die Fabrikarbeiterinnen dürfen danach von 8i/ 3 Uhr Abends bis 51/2 Uhr Morgens nicht beschäftigt werden. Aehnliche Bestimmungen bestehen m Oesterreich, England, der Schwerz, Rußland und Frank- reich, während in den anderen Staaten in dieser Beziehung nur sehr minimale oder gar kerne Schutze Vorschriften bestehen. Es ist sehr erfreulich, daß dre Filter nationale Vereinigung für gesetzlichen Ärbeiterschutz sich dies Gebiet zu ihrer besonderen Agitation erkoren hat, und es wäre außerordentlich wünschenswerth, daß sie hier praktische Erfolge erzielt. In der That ist hier und da schon der Boden für diese Reform geebnet, und tn Italien soll sie bis zum Jahre 1907 Ssir That werden.
Die Hauptfrage, nnt der sich die Gesellschaft für sociale Reform auf ihrer Kölner Tagung beschäftigt hat. war die Frage der Einführung eines zehnstündigen Maximalarbeitstages für die Fabrikarbeiterinnen. In Deurfch laiid besteht bereits ein Maximalarbeitstag von elf Stunden für Frauen, der an den Tagen vor Sonn- und Festtagen auf 10 Stunden beschränkt ist, wahrend für jugendliche Arbeiterinnen von 14 bis 16 Jahren eine Maximalarbeitszeit von 10 Stunden besteht. Auf der Konferenz in Köln ging die Meinung überwiegend dahin, daß die allgemeine Einführung des zehnstündigen Maximalarbeitstages für Frauen nicht nur geboten, sondern auch sehr gut möglich sei.
Daß die deutsche Regierung dieser Forderung keines Wegs von vornherein ablehnend gegenübersteht, geht daraus hervor, daß das ReichSamt des Innern vor nicht langer Zeit die Gewerbeaufsichtsbeamten aufgefordert hat, sich gutachtlich darüber zu äußern, ob es angemessen sei, die Arbeitszeit der erwachsenen Fabrikarbeiterinnen noch mehr als bisher gesetzlich zu beschränken. Daß es sich hierbei garnicht um eine so einschneidende Reform handeln würde, geht daraus hervor, daß, wie dies aus deii Be- richtm der Gewerbeaufsichtsbeamten ersichtlich ist, die Höchstdauer der Arbeitszeit der Arbeiterinnen schon jetzt zumeist weniger als 11 Stunden beträgt; im Durchschnitt dürfte sie etwa 10sch Stunden betragen. Voraussichtlich wird sich der Reichstag binnen Kurzem mit einem Gesetz entwurf über die Frauenarbeit in den Fabriken zu be schichtigen haben, wobei insbesondere die Frage des
Schutzes der verheirathetcn Frauen zur Berathung gestellt werden wird. Bei diesen Berachungen wird es sich in erster Linie um eine Herabsetzung der Maxrmalarberts- zeit in dem vorhin erwähnten Sinne handeln, und es ist mit einiger Sicherheit anzunehmen, daß sich im Reichstag für diese socialpolitisch hochwichtige Reform eine Mehrheit finden würde. __
HaMdspirl und Kleinstaaterei.
Es ist nicht zufällig, daß das Laster des öffentlichen Glücksspiels sich ganz besonders in kleinen Staatsgebildeu breit macht und dort sogar mitunter staatlicherserts ge- pflegt wird. Solange Deutschland aus einem Gemenge von souveränen Staaten bestand, blühte in den kleinen Staaten das Unkraut des öffentlichen Glücksspiels, ebenso wie das der Zettelbanken seligen Angedenkens, lustig fort. . Wiesbaden, Ems, Homburg vor der Höhe, Wil- düngen waren bekannte Spielnester, während in den bayerischen Bädern, z. B. in Kissingen, sich das öffenllrche Spiel sich nicht breit machen durfte. Im Pachtvertrag, den die Fürstlich Waldeckische Regierung mit der „Wil- dunger Mineralquellen-Aktiengesellschaft" 1855 schloß, heißt es ausdrücklich, daß dem Pächter auch die ausschließ, liche Berechtigung zur Einrichtung aller „in deutschen Bädern üblichen Hazardspiele" zu geben sei. Der werdende deutsche Großstaat, der Norddeutsche Bund, machte mit seinem Gesetz vom 1. Juli 1868 dem Unwesen der öffentlichen Spielbankerr ein Ende. Die Großstaaten haben charakteristischer Weise Spielbanken schon lange nicht mehr geduldet, selbst Rußland und Oesterreich mcht, dem die Versuchung betreffs der böhmischen Weltbäder gewiß nahe lag. Aber in kleineren Staaten frißt das Gift noch heute weiter. Von Monaco mit seiner Paradiesischen Spielhölle, die alle Staatsausgaben zu be- streiten hat, ganz zu schweigen, zeichnet sich heute ganz be- sonders Belgien und die Schweiz durch die Duldung des öffentlichen Hazardsvieles aus, obgleich dort wahrlich nicht die öffentliche Moral tiefer steht als bei uns. In kleinen Staaten, welche an den Weltverkehrsstraßen liegen, über die die Natur chre zauberhaften Reize ausgegossen hat, in denen Heilquellen und Dkeeresbrandung dem Kranken und Erschöpften Genesung und Stärkung verheißen, strömt der Fremdenverkehr zusammen. Hier ist der Ausländer natürlich eine viel mehr ins Gewicht fallende Persönlichkeit als in größeren Staaten. Der Fremde mit wohlgesüllten Taschen ist aber ein Steuerobjekt, das manchen Finanzkünstler schon gereizt hat. Kurtaren, besser Aufenthaltsgebühren, ziehen nicht, unmäßige Bade- und etwa durch hohe Steuern hinaufge- triÄiene Hotelpreise schrecken den modernen Reisenden ab, also man greift zum Mittel der Selbstbesteuerung, indem man das Steuerzahlen mit einem Vergnügen ver
Feuilleton.
Berliner Ktimmungsbilüer.
Von Paul Lindcnberg.
Mau!" — Auch ein „Zeitwort". — Der Jahresabschluß der Etadtvcrwaltuug. — Das Minus «ud die Steuerschraube. — Der Besuch der Burengcuerale. — Schlechte Aussichten. — nefcntn uu'erer Kunstausstellung. — Die Romane der Weltstadt.
„Mau" — es ist ein merkwürdiges, kleines Wörtchen und man legt hier einen merkwürdigen, spöttischen Ton darauf. Was mit „mau" bezeichnet wird, rst nichts weniger wie erwünscht und angenehm; er enthalt mne scharfe Kritik, dieser Einsilber, der nur in entscherdenden Fällen zur Anwendung gelangt, dann aber ein sehr eigen- thümliches Schlaglicht auf Personen und Dinge wrrft. „Bei Lehmanns war es mau" — na ich danke, Lehmanns werden für ihre Geselligkeit eine nette Nachrede haben, oder: „das ist eine maue Sache", nun, ich würd' kernen Pfennig dafür geben, denn die Geschichte ist überfaul I Charakteristisch ist es, daß man jenes Wort recht haufrg jetzt vernimmt, leider meist mit großer Berechtigung.
Mau beispielsweise ist der dieser Tage verösferrtlrchte Jahresabschluß unserer Stadt-Ver- waltu'sig, der ein Deficit aufweist; es beträgt zwar nur 86,000 Mark^ welche Summe bei den im Haushalt- buche Berlins verzeichneten Riesenzahlen wenig bedeuten will, aber die letzten Jahre hatten stets Ueberschüsse von 6 bis 12 Millionen Mark ergeben. Und da liegt eben der Hase im Pfeffer; wo sich erst ein Mnus eingemstet hat, ist es schlecht wieder herauszubringen! Man hat 'nen bischen sehr aus dem Vollen gewirkt, schäftet und ge- legentlich gethan, als ob das Geld in unerschöpflicher Fülle vorhanden wäre, und das rächt sich nun in arger Weise. Daß man sofort 60,000 Mark für die Opfer von Martinique spendete, und zwar noch ehe die DArtterstadt Paris etwas gegeben hatte, erregte schon damals hier Befremden und gab zu manchen ErörterungenVeranlassung; was bezweckte eine so schnelle Bewilligung einer solch großen Summe, fragte man sich mit Recht, wollte „man''
sich, neben dem eigentlichen guten Zweck, der hohen Pro- tektorin der Sammlungen gefällig erweisen oder wollte „man chr, die „blos" tausend Mark gegeben — welcher Betrag übrigens durchaus angemessen war — imponiren? Auf jeden Fall wäre weniger mehr gewesen — für die Armen und Bedrängten unserer Stadt, die uns doch näher sieben, wie die Nigger der westindischen Insel. Es ist etwas sehr Schönes um die Wohlthätigkeit, aber man kann auch in dieser Beziehung zuviel des Guten thun. Und das werden lebhaft unsere Bürger empfinden, wenn die Steuerschraube fester angezogen wird. Denn daß wir damit erfreut werden sollen, geht aus allerhand ver- schämtenAndeutungen in derPresse hervor, die sichtlich aus dem „Rothen Hause" stammen: „an Ersparungen wäre vorläufig nicht zu denken, Alles kostete mehr" rc. — Ja, ja, letzteres merkt man besonders, wenn man den erwähn- ten Hauptjahresabschluß durchsieht, über 70,000 Mark m eh r erforderten die Geschäftsbedürfnisse des Magistrats und darunter sind allein 27,000 Mark mehr für Schreibmaterialien! Daß, wo Alles steigt, nicht die städtischen Schulden zurückbleiben wollen, ist selbstver- stündlich; um 26 Millionen Mark sind sie vergnügt im letzten Jahre hochgeklettert und werden in wenigen Monden das niedlich-rundeSümmchen von 300 Millionen Märker erreichen. Wie man munkelt, plant man aus diesem Anlaß eine festliche Beleuchtung des Rathhauses, ein feierliches Bankett im Bürgersaale und die Veranstaltung einer Wohlfahrtslotterie für dieHöchstbesteuer- ten, da diese bedauernswerthen Mitberliner unter deni Steuerzuschlag ja am meisten leiden!!
Jedenfalls „maue" Aussichten für die Buren- generale, die schon wiederholt dm Besuch Berlins ankündigten, aber bisher nicht ausführten. In der Wilhelmstraße steht nämlich ein langgestrecktes zweistöckiges Gebäude, es benennt sich Auswärtiges Amt, schlicht und altfränkisch schaut's aus, aber, gleich so vielen scheinbar ruhigen Menschen hat's jenes „in sich", und zwar eine Menge kalter Wasserstrahlen, die recht unangenehm wirken können. Auf die Berliner ja nicht, aber auf ihre Besucher. Und daß die letzteren, derer: Heimath das ferne Burenland ist, nicht hierher pilgern ob der
schönen Augen der Berlinerinnen oder um in der Sieges
allee ihre geschichtlichen Kenntnisse an den Markgrafen, Kurfürsten und Königen aufzufrischen und den viel- bew . . . undertm Rolandsbrunnen. anzustaunen, ist doch so klar, wie es das Spreewasser sein sollte. Der von den Generalen erlassme „Aufruf an alle gebildeter Nationen", welcher überaus geschickt abgefaßt ist und mit dramatischer Leidenschaftlichkeit die verheerenden Greuel des unglückseligsten aller Kriege schildert, hat uns über des Besuches Zwecke aufgeklärt. Ob diese sich hier erfüllen, ist trotz aller Sympathieen für das tapfere, unterlegene Volk recht zweifelhaft. Große Summen sind be- reits deutscherseits für die gleichen Ziele gespendet worden, dann wurde die öffentliche Mildthätigkeit für unsere Chinakrieger in Anspruch genommen, auch nach Martinique flössen ein paar Millionen —• und, ach, das Entscheidendste, es giebt so sehr vieleThränen bei uns noch zu trokstren, zumal jetzt, wo der Winter vor der Thür steht und ein Heer von Sorgen im Anzuge ist.
Klagen, wohin man hört! Meist dringen sie nicht in die Oeffentlichkeit, aber die, die verstohlen ertönm und in den seltensten Fällen vernommen werden, sie sind die erschütterndsten. Unsere Künstler leiden mit am schwersten uÄer der drückenden Ungunst der Zeiten, und manch' Atelierraum dürfte jetzt seiner letztm Ausschmückungen entkleidet werden, nur damit das Geld für die Miethe und die nöthigstm Lebensbedürfnisse herbeigeschafft wird. Wie viele Hoffnungm har das Ergebniß unserer diesjährigen großen Kunstausstellung zerstört, wie viele Erwartungen getäuscht! Die Verkäufe sind ge- ringer gewesen wie in den letzten Jahren, und selbst Maler, die hoch in der Gunst des Publikums stehen und gewohnt sind, daß ihre Werke wie warme Semmeln abgehen, sie müssen diesmal ein leidvolles Wiedersehen mit ihren Bildern feiern. Auch die aus den Eintrittsgeldern und Abonnements fließenden Einnahmen der Ausstellung sind erheblich zurückgegangen, und wenn hier auch zum Theil das böse Wetter des letzten Sommers mit ichuld ist, so spielen doch noch andere Gründe mrt. Gründe, die unsere Künstlerkreise auf das Engste berühren und sie endlich aus ihrer schlafmützigen Gelassenheit aufschrecken
