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Wiesbadener Tsgblatt

o 07 Slnreigcn-Preisr

so. Jahrgang.

Erscheint in zwei Ausgaben. BezugS-PreiS: durch den Verlag SO Pfg. monatlich, durch die Post s Mk. SO Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

Verlag: Langg asse 27.

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Iüv öcrs 4. Gucr^taL 1902

auf das

Wiesbadener Tagblatt"

Bezugspreis 1 Mk. 50 pst vierteliayrltch "W ju abonniren, findet sich Gelegenheit

im Urrlag Kanggasse S7, bei den Ausgabestelle», de« Zweig- Erpeditionru

der Nachbarorte,

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bei lämmttichen deutschen Reichspostanftatteu.

We Mm dm msUslhm MiitsliustzMs.

Unser Londoner n.-Korrespondent schreibt unter dem 20. September: Die Rechnungslegung des eng­lischen Schatzamtes erzählt uns alljährlich dieselbe Ge­schichte von ungcheuer gesteigerten Einnahmen und Aus­gaben. In derjenigen für das Mrthschaftsjahr 1901 / 1902 , die soeben erschien, ist das im ausfallendsten Maße schon darum der Fall, west in demselben der Transvaalkrieg noch einen besonderen Aufwand er­forderte. Vor zwanzig Jahren, also in 1881/82, wo eine liberale Regierung am Ruder war, beliefen sich dre Staatseinkünfte aus Steuern auf 24,000,000 Lstr. (l Lstr. 20,60 Mk.), diejenigen aus Zöllen einschließ, lich Bier- und Branntweinaügaben auf 46,500,000 Lstr., und die aus der Post aus 3,500,000 Lstr. oder zu- sammen auf 74,000,000 Lstr. Zchn Jahre später, unter e'net Toryregierung wurden mehr als 86,000,000 Lftr. erhoben, eine Zunahme, die indes in Anbetracht des Wachsthums der Bevölkerung nicht besonders bemerkens- wersth ist. Um so ausfallender erscheint der Stand der Dinge in 1901/02, wo an Steuern und Zollen 122,000,000 Lstr. vereinnahmt wurden, und sich die iGesammteinkünste aus nicht weniger als 131,600,000 Lstr stellten. Wie gesagt, wurden dre verschredenen Ern- nahmequellen des Krieges wegeir besonders angespannt, doch den eigenllichen Kriegsauswand bestritt man bekannt- lich mit Hülse von Anlecheir. Ganz besonders rnteressant sind die Ziffern, welche die hauptsächlrchsten Ausgaben darstellen, wie aus folgender vergleichenden Tabelle

hervorgeht: 1881/82 1891/92

Unter Anderem geht auö diesen Zahlen hervor daß während der zehn Jahre, dre am 31 Marz, 1892 endeten, die Ausgaben um 16 pCt. stregen, aber gleichzeitig betrug die Bevolkerungszunahme nur 8,2 pCt. ^n den darauf- folgenden zchn Jahren, wo letztere um 9,9 pC. wuchs, thaten erstere das gar um 40 pCt Der größte Mehr- aufwand fand für das Heer und dre Marine statt, o« Öen seckszehn Jahren, dre am Bl. Marz 1898 endeten, erhöhtm sich die Kosten beider von 27V 2 Millionen auf 40 Millionen, und in den nächsten vrer Jahren stiegen sie auf 60 Millionen. Für die Volksschulen werden jetzt bei- nahe 12 Mllionen, oder mehr als drermol so viel aus- machen, als noch vor zwanzig Jahren, ohne daß dre Volkserziehung aber entsprechend besser und allgemeiner geworden wäre. Wenn jene Zahlen auch auf der euren Seite zu Einschränkungen, bezichungsweise sparsamerer Wrrthschaft im Staatshaushalte zu ermahnen scheinen, so beweisen viele derjenigen auf der Einnahmeseite doch auch wieder, daß sich England während der letzten ^ahre überraschender Prosperität erfreute. Dre Lebenden hatten offenbar bedeutend gesteigerte Einkünfte zu verzeichnen, und die Todren lassen von Jahr zu Jahr größere irdische Güter zurück. Die Einkommensteuer von 8 Pence auf das Pfund Sterling lieferte in 1894/95 15,600,000 Lstr., in 1895/96 16,100,000, in 1896/97 16,650,000 Lstr^, in 1897/98 17,250,000 Lstr., in 1898/99 18,000 000 Lstr und in 1899/1900 18,750,000 Lstr. Seine stetig wachsenden Einkünfte bildet vielleicht auch die beste Er- fi ärung für die Gleichgültigkeit, die das Publikum dem unablässigen Anziehen der Steuerschraube gegenüber an den Tag legt. Außerdem aber scheinen sie zu beweisen, daß die Klagelieder, die man seit geraumer Zeit über den Rückgang der Prosperität Großbritanniens anjstmmt, der Berechtigung enrbehren. Die Erbschaftssteuer, dre m 1896 noch nur 8,719,000 Lstr. embrachte, lieferte iin vorigen Jahre 14,200,000 Lstr. Dre Abnahme des ur den Schulddienst aufgewendeteii Betrages hangt lediglich mit der durch den Kriegsauswand nöthig gewordenen Ulsterbrechung der Tilgung susammen, denn die Schuld ist gewachsen und betrug am 31. Marz 768,443,386 Lstr

S

1901/02

Lgung ^28,500,000 25,000,000 £ 22,500.000

HcnundMattne . . 27 5M.0M 83,000,000 60,000,000 Leanste rc . . . . ' 15chM.0M . 17,500,000

. 2,500.000 . 2,500,000

. - . iwm

24,500*000

3,000,000

9,500,000

£ 74,000,000 85,500,000 £ 119,500,000

Der DeWeUei lantin)irtl)fd)üftlid)er GMdßncke in der Droviu; Kejsen-NnM.

Von Alfred Moeglich.

(Eigener Bericht.)

Ter häufige Besitzwechsel ländlicher Grundstücke ist eine der unangenehmsten Erscheinungen der Gegenwart. Grundstücke sind ein beweglicher Handelsartikel ge- worden, seitdem die altväterliche Eingesessenhett oÄf der ex-erbten Scholle immer mehr im Schwinden begriffen ist und sich die alten Anschauungen von Vererbungs- und Hcimathbegriffen umgebstdet haben, auch Grund und Boden mit ganz geringen Ausnahmen von Jahrzehnt zu Jahrzehnt steigt. Die Eigenthumsveränderungen bei den Privatbesitzungen bstden schließlich aus den Gründen der beschränkten Lebensdauer des Menschen und des Erb-

theilungsproblems eine Naturnothwendigkeit, solange sie

ich in normalen Grenzeli halten. Jede zu starkeBeweglich- keit des landwirthschaftlichen Bodeneigenthums aber zieht dunkle Schatten nach sich. In erster Lime geht regelmäßig und unaufhaltsam die Verschuldung des GurndbesitzeS mit chr Hand in Hand. Es ist durchaus nicht eine nmiere Erscheinung, sondern schon früher oft dagewesen, daß be- sonders größere Güter zu Preisen übernommen werden, die zu der Durchschnittsrentabilität in keinem .gefunden Verhältnisse stehen und damit die Ursache zum Wirtschaft, lichen Niedergang des Besitzers werden. Aus der mehr oder minder großen Häufigkeit des ländlichen Guter- Wechsels lassen sich daher ungefähre Schlüsse auf die tmrth- schaftliche Lage des Grundbesitzes machen

In den statistisch besonders sorgfältig ursterfuchteii Jahren 18961899 bleiben die Gesammtsummen des Güterwechsels im ganzen Königreich ziemlich dreselbm. Die Besitzveränderung derGrundstücke über 2 ha erstreckte sich in den vrer Jahren auf folgende Ziffern:

1896 . . . 58,932 Güter,

1897 . . . 60,132

1898 . . . 59,784

1899 . . . 58.874

die entweder bei Lebzeiten der ursprünglichen Eigen- tbümer freiwillig oder zwangsweise, oder von Todes- fingen in andere Hände übergingen.

Von den Gütern des Gesammtstaates wurden beson- dcrs die östlichen Provinzen, rechts von der Elbe, die sich von jeher durch vielseitige Rückständigkeit auszeichneten, durch Besitzänderung betroffen: 53,81 pCt Noch wesent- lich ungünstiger würde sich dieses Verhältniß stellen wenn den Provinzen die zu Westdeutschland gezahlte Landschaft Schleswig - Holstein zugerechnet wäre Gera^ diese Provinz zeigt außerordenllich ungunsstge Verhältniste und bildet ein die westlichen Provinzen stark beeinträch­tigendes Moment. Weit schlimmer steht es freilich m Ost- und Westpreußen aus. Je weiter man nach dem Westen kommt, desto gesündere Zustande trifft man an.

Ein besonders vortheilhaftes Bild gewahrt die Provinz Hessen-Nassau mit ihren Nachbargebieten, , be- svnders dem Rheinlande. Von den 68,211 landwirth- scyastlichen Privatbesitzungen wechselten im lahrlicheir Durchschnitt 2664 ihre Besitzer, das sind 3,91 pCt Dieser Satz steht bedeutend unter dem Staatsdurchschnitt von 6 62 pCt. Verglichen mit den höchsten und niedrigsten Ziffern der übrigen preußischen Provinzen ergiebt sich folgende lehrreiche Skala:

Westpreutzen . . . 10,73 pCt.

Ostpreußen .... 9,07

Hessen-Nassau. 3,91

Rheinland .... 2,52

Bon der gesummten Staatssumme dürften ver- hältnißmätzig auf Hessen-Nassau 7,60 PCt. aller Besitz- Veränderungen kommen. In Wirklichkeit wird dieses er- wartungsgemäße Soll bei Westem nicht erreicht: nur

4,48 pCt. von der Staatssumme wechselten den Besitzer. Aehnlich liegen die Verhältnisse in Westfalen und Hannover; gerade entgegengesetzt in Schleswig-Holstem.

Feuilleton.

Ar Diamanten unü Carbanale von Sahia.

Bon Johann Stehr.

Seit einigen Jahren hat Süd-Afrika, bas ja so sehr im Mittelpunkte der allgemeinen Theilnahme stand, auch als Diamantenland das Interesse auf sich konzentrirt, und wohl auch nicht ohne Berechtigung, denn bei Kimber- ley wurden kürzlich diese kostbaren Edelsteine in Gra- naten und Gesteinen unzweifelhaft vulkanischer Natur gefunden; hieraus hat sich natürlich ergeben, daß suh das Mineral aus feuerflüssigen Lavamassen, die aus dem heißen Erdinnern hervordrangen, ausgeschieden habe, und zwar infolge des bei der Erstarrung des Magmas eingetretenen ungeheuren Druckes krystalliNisch, in

^Heutt^ber wollen wir unsere Aufmerksamkeit nicht weiter auf den blutgetränkten Boden der neuen englischen Kolonie richten, sondern einem bedeutend alteren Diamantenlande einen Besuch abstatten, dem Brasiliani- scheu Bundesstaate Bahia, in welchem diese Edelsteine seit dem Jahre 1821 gefunden, seit dem Jahre 1844 aber im Großen gewonnen werden. , _

Die Fundstellen lassen sich in zwei große Gebiete zu sammenfafsen. Das erste nimmt die Mitte des Staates ein und wird vom Paraguay-Flusse beherrscht, der in die Bucht von Bahia oder St. Salvator mündet, bas zweite liegt im Süden des Landes längs des Prado- Flusses, der bei Cannavieiras in den Ocean tritt.

Wir besuchen zunächst die erstgenannte Gegend. In Bahia besteigen wir ein Dampfboot, durchschneiden die landschaftlich schön umrahmteAllerheiligen-Bai" und steuern in den genannten Paraguayu-Fluß, den wir bis Tachoeira hinauffahrcn; nach etwa 7 Stunden sind wir hier angelangt, vertauschen das Schiff mit der Eisenbahn

und gelangen nach einer Reise von 254 Kilometer, die wir in 12 Stunden zurücklegen, nach Banderra de Mello. Nun ist noch ein Ritt auf dem Rücken eines Maulthieres über eine Strecke von 100 Kilometer nothwendig, und wrr sind im Diamanten-Centrum eingetroffen, die Städte Sincora und Lentzoes mögen es im Allgemeinen bezeichnen.

Babia steht als Diamantenland aus dem Grunde ganz eigenartig da, weil hier allein das sogenannteCarbo­nat" gefunden wird. Dieses ist eine, wie der krystalli- sirte Diamant, aus reinem Kohlenstoff bestehende, aber derbe, in feinkörnigen, porösen, abgerundeten Aggregaten vorkommende Masse von bräunlich schwarzer Farbe und derselben großen Härte, die der klare Edelstein besitzt, es hat einen sehr großen Werth für Herstellung von Ge-

stciusbohrern. . , . ,. . ,

Sowohl die Krystalle, als die Earbonate finden sich in den weichen Sandsteinen und harten Ouarzekonglome- raten (Cascalho), welche als jüngere geologische Bil­dungen die alten, glühend aus dem Erdinnern ehemals aufgestiegenen Granitlager dieser Gebiete bedecken oder die in ihnen befindlichen Klüfte, Spalten und Em- scnknngen ausfüllen.

Diese einst zusammengefchwemmtenklassischen Ge­steine sind indessen nicht der Mutterschooß des edlen, kry- stallisirten Kohlenstoffes, sondern entstanden sind Dia­manten und Earbonate in den aus Gluthfluß erstarrten Graniten: aus ihnen wurden sie im Laufe der Aeone durch die Ströme und durch Fluthen ausgewaschen und mit den, jetzt als Sandstein und Konglomerat erhärteten. Schlamm-, Sand- und Geröllmassen wieder abgesetzt.

Aber auch hier haben die kleinen, funkelnden Stein- chen und die dunkelen Earbonate keine dauernde Ruhe gesunden: Die von den Gebirgen herabkommenden Flusse. Regengüsse, waschen sie aus den verhärteten Sandsteinen und Konglomeraten wieder aus, sie gerathen dadurch in das Schlemmland der Flüsse, - und der Mensch folgt dem Beispiel der Lehrmeisterin Natur, er schlemmt und wascht

mit Absicht und Vorbedacht das von ihm so heiß für Schmuck und Technik begehrte Material aus seiner Lager.

stätte aus. t _ , ,

Zu diesem Zweck werden aus den den Bergen herab- strömenden Flüssen in Gräben Gewässer nach den be­treffenden, auszubeutenden Stellen abgeleitet, an anderen Orten sammeln die Arbeiter das diamant- und karbonat­haltige Konglomerat an und setzen es, sobald die Regen­zeit eintritt. dem dann in Massen herabsließenben Wasser zur Zerkleinerung aus; an noch anderen Punkten wird überhaupt nur während der Regenperiode gearbeitet.

Bei der Gewinnung des kostbaren Materials werden verschiedene Methoden angewandt. Man baut dasCas­calho" entweder im Tagebau ab, d. h. man gräbt von oben her so viel ab, bis man auf die diamanthalttgen Konglo­merate und Sandsteine kommt, man macht also große und tiefe Gruben, oder aber man sucht diese Lager durch unterirdische Stollen, die von seitwärts in die Hügel ge­trieben werden, zu erreichen. In beiden Fällen wird das Gesteinsmaterial bis zum Ende ber Woche zusammen- getragen und dann erst der Wasch- und Schlemmbehand­lung unterworfen. Die schwereren Steine, mithin auch die Diamanten und Karbonate bleiben so natürlich zu­rück, indem sie auf den Boden ber Becken sinken; ein AuL- suchen mit der Hand bildet dann den Schluß.

Eine andere Art und Weise der Edelsteingewinnung besteht darin, daß man durch Taucher das in den Flutz- läufen die Konglomeratschichten bedeckende Schwemm­land abtragen und dann das so freigelegte Muttergestein hinaufbefördern läßt. Besonders herrscht dieses System am oben erwähnten Paraguayaflusse in der Umgebung des Dorfes Tamandoa. Hier stehen sechs Taucher, apparate, die aber durchaus nicht alle in Thättgkeit sind. Zwei Männer tauchen abwechselnd in die Tiefe und ar­beiten dort ungefähr 3 Stunden, indem ste dasCas­calho" in Säcke packen, die dann in Boote hinaufgezogen und an das Ufer zur weiteren Verarbeitung, zum