Wiesbadener
so. Jahrgang.
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§5ür öcrs 4. fSmartaC 1902
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Die Mellausstellungsstadl AI. Louis.
St. Louis ist die viertgrötzte Stadt der Vereinigten Staateir von Nord-Amerika und hat, ohne Einrechrrung der Vorstädte, eine Bevölkerung von nahezu 600,000 Seelen. Ter Reichthum der Stadt ist eirorm. Produkte der St. Louiser Industriezweige finden, in allen Weltgegenden Absatz. St. Louis besitzt 7000 Fabriken. Ta-> Betriebs-Kapital der Banken und „Trust"-Gesellschaften rcpräsentirt eine Summe von 200 Millionen Mark. St. Louis ist der Knotenpunkt von 24 Eisenbahnlinien. In „Cupples Station" besitzt die Stadt den größten Speicher und Privatbahnhof der Welt, wo nur Kaufmannsgüter zur Spedition gelangen. Viele St. Louiser Industriezweige gehören zu den bedeutendsten der Welt. Der Pferde- und Maulesel-Markt ist ein Weltmarkt ohne Gleichen. In St. Louis befindet sich die größte Biscuit- bäckerei der Welt, das größte Troguen-Engros-Geschaft, die größten Zinkwerke, die größte Ziegelei, das größte Eisenwaaren-Engros-Geschäft, die größte Bleiweiß- Fabrik, die bedeutendsten Tabak-Fabriken, die größten Heiz- und Kochosen-Fabriken, und die größte Stuhl- Fabrik. Nirgends werden mehr Straßenbahn-Waggons gebaut. Das Miihlenwesen ist das zweitgrößte der Welt. Der Hauptmarkt im Putzwaarenhandel für Amerika ist in St. Louis, und im Kolonialwaaren-Handel nimmt die Stadt die dritte Stelle ein. St. Louis ist eine der ersten Industriestädte der Welt und steht in vielen Zweigen an der Spitze. Ihr Straßenbahnnetz ist 450 engl. Meilen lang. .
„Union-Station", der Centralbahnhof von St. Louis, der größte und schönste der Vereinigten Staaten.
setzt sind, soll
vollendet sein. . „ , T . . , ....
St Louis besitzt 64 große Hotels, doch wird die Zahl derselben stetig vermehrt, um dem wachsenden fremden- verkehr aerecht zu werden. Abgesehen von den jetzigen Neubauten^ sind viele Hotels speziell Jür die Weitaus- siellung geplant. Das Wasserlertungs-System steht unter Kontrolle der Stadt und liefert täglich 82,000,000 Liter Trinkwasser Gegenwärtig wird aii der Fertigstellung einer kolossalen Filtriranlage für den Gesammtbedarf aearbeitet — Zwanzig große öffentliche Parks zieren St Louis- sie bedecken eine Fläche von 2176 Morgen; der Botanische Garten (Shaws-Garden) gehört zu den schönsten der Welt. Das Klima der Stadt ist gesund, die Sterblichkeitsrate beträgt per Tausend nur Io,5 pCt. Das Sanitätswesen der Stadt ist in jeder Hinsicht perfekt Am rechten Ufer des Mississippi, m der Mitte zwischen den großen Seen im Norden und dem Golf von Mexiko in- Süden, im Herzen der Ebene zwischen dem Alleghany- und den Felsen-Gebirgen gelegen, erfreut sich St Louis eines bessereir Klinras, als irgend eine andere stadt aus dem gleichen Breitengrade. . ,
In nachstehender Tabelle wird die Durchschnitts Temperatur der letzten zehn Jahre gegeben, und zwar vom 1. Mai bis zum 1. November, in welcher Periode die Weltausstellung stattfinden wird.
D u r ch s ch n i t t s - T e m p e r a t u r.
historischen Monuineiite nicht so zahlreich und stammen auch nicht aiis dem Alterthum, dagegen bietet dav mit Riesenschritten vorwärts strebeiide Amerika in seiner nationalen Entwickelung und dem Aufschwung aller ^tt- dustrieen viel Interessantes für jeden Europäer, wahrend die Naturschönheiten der Vereinigten Staaten denen
Europas mindestens gleichkommen, falls
1892
1893
1894 1895,
1896
1897
1898
1899 1999 1991
Mai
13.8
14.8 18 18.2
18.8 14 18,6 16 16,1 18,2
An Vergnügungsplätzen St. Louis reich gesegnet
Juni Juli August Sept. Okt. Jahres-D.
20 29,4 20,5 17,1 13 19,8 R.
19 21,3 20 18 12 11
20.5 21 21 17 12,5 11,6
20 20 20,4 19 10 10,8
18,7 21 20,6 16 11,5 11,7
19 21,2 19,5 20 15 11,5
20 20,4 20,5 18,4 11 11;5
20 25 21,7 17 14,5 11
18.6 21 22,6 18,6 15 11,3
21 24,5 21,4 18 18 11,6
Auch eine Kriminalgeschichte.
Von Robert Kohlransch.
(20. Fortsetzung.)
Taver saß neben Marga — auch das schien ebenso selbswerständlich wie beglückend, — und auf seiner anderen Seite da, wo Marga nicht war, obwohl er sw häufig auch dort zu erblicken meinte, sah er das kindlich freundliche Gesicht von Hirlingers junger Braut, ^etzt erkannte er in ihr auch die Dame, die er von semcm Beobachtungsposten aus die Villa hatte verlassen sehen, und ein warmes Gefühl für die Neuverlobte ergriff sein Herz, als sie ihm mit lieblicher Schüchternheit die Hand ent- gegenstreckte und halblaut, mit bebender Stimme sagte. „Sie sind gegen meinen armen Vater so freundlich gewesen, — Rebekka hat mir's geschrieben, — ich danke Ihnen recht sehr!"
Eine Welle noch schwirrten allerlei halbunverstandene Anspielungen auf die Vergangenheit, plötzliche Fragen, Ausrufe des Staunens und halblaute Liebesworte ringe- ordnet durcheinander, bis Marga mit der Spitze rhres Messers ans Glas klopfte, ihre Gäste herzlich und ein- fach willkommen hieß, dann aber hinzufügte: „Und jetzt möchte ich unseren sehr verehrten, von der Polizei und anderen Leuten wochenlang schwer vermißten und mühevoll gesuchten Herrn Hirlinger bitten, uns einmal m wohlgeordneter Rede die Geschichte seiner Liebe und seiner damit eng zusammenhängenden Unsichtbarkeit in der letz- teu Zeit ausführlich zu erzählen. Vom Aufenthalt in der finsteren Dunkelkammer haben wir jetzt genug, nicht wahr, Herr von Soratroy?"
Er hob sein Glas, um ihr zuzutrinken. „Um mich ist's jetzt schon wieder ganz hell", sagte er mit liebevollem Lächeln, „ganz hell und warm." Alois aber versicherte mit Eifer seine Bereitwilligkeit, Margas Wunsch sofort zu erfüllen, und begann nach kurzem Nachsinnen über den Anfang seine Erzählung:
für die Sommermonate ist In dm öffentlichest Parks konzertiren gute Äkusikkapellen und außer den vielen kleinen Theatern besitzt die Stadt neben sieben Theatern ersten Ranges noch zehn Sommertheater.
Von nicht gut unterrichteter Seite wurde kürzlich die Behauptung aufgestellt, daß Europäer kaum dw Weltausstellung in St. Louis besuchen würden, weil eine große Zahl der reichen Amerikaner Europa besuchen, uni in dort gebotenen Natur- und Kunstgenüssen zu schwelgen, nnd dieses nur darum, well Amerika nichts dergleichen besäße. —
Das Pariser Leben, das historische London, die Schon heiten Berlins, sowie die Kunstschätze Italiens ziehen die Amerikaner an, und wem es möglich ist, der gestattet sich gern eine Ozeanreise und eine Tour durch Europa. Daß aber Amerika keine Sehenswürdigkeiten aufweisen kann, das ist eine thörichte Behauptung. Wohl sind die amerikanischen Kunstgallerieen an Umfang kleiner und die
„Zunächst muß ich Ihnen, Herr von Soratroy, wohl mitthellen, woher meine Bekanntschaft mit diesen beiden liebenswürdigen Damen stammt. — die dritte ist ja ohnehin durch zarte Bande der Verwandtschaft mit nur verknüpft." . .
„O, bitte, bitte!" sagte Karoline mit einer Handbewegung, als müßte sie ihre Vorfahren für das entschuldigen, was sie angerichtet hatten. Ihr Gesicht war zuerst recht sauer und unangenehm überrascht gewesen, sie hatte sich allmählich aber zu einer säuerlichen Süße durchgerungen. .
„Bei einem Aufenthalt in Toblach", fuhr Alois fort, „im vorigen Herbste, hatte ich das Glück, mit Fräulein von Gebhardt und meiner lieben Marie nebst ihrem Vater in einem Hotel zusammen zu wohnen. Fräulein Marga hatte ihre Zelte in München für das Jahr bereits abgebrochen, — es war schon Anfang Oktober, — und für den Vater meiner Braut hofften die Aerzte noch Heilung in der frischen, scharfen Gebirgsluft der Dolomiten. Er war damals schon leidend, sehr nervös und schwach von Gedächtniß, auch hatte die Leidenschaft sur immer neue, kindliche Erfindungen ihn bereits befallen, aber sein Zustand war doch noch verhältnißmäßig günsüg, und die Aerzte hofften, wie gesagt, auf Wiederherstellung. Wenigstens sagten sie das seiner Tochter. Ich war sehr froh, dort noch so spät im Jahre so angenehmen Anschlutz zu finden, und war Anfangs, wie ich nur gestehen will, von den beiden jungen Damen, die einander auch dort erst kennen gelernt hatten, gleich sehr bezaubert."
„Keine Komplimente, mein Herr", warf Marga mit einem leichten, fröhlichen Lachen ein. „Immer der Wahr- heit die Ehre."
„Ich schwöre, daß es so war! Aber allmählich — ja, es ist nun einmal nicht anders, und die Thatsachen würden mich überführen, ivenn ich es leugnen wollte, — allmählich trug das stille, kindliche Wesen meiner Marie den Sieg davon, und ich faßte eine tiefe, aufrichtige Neigung zu ihr. Damals hatte ich aber noch nicht den Muth, mich zu erklären; ich hatte den Eindruck, daß sie sich niemals entschließen würde, sich von ihrem kranken Vater zu
sie dieselben
nicht übertrcffen. Die Felsengebirge sind bei weitem aroßartiger als die Alpen; die Niagarafälle sind einzig in ihrer Art; die Riesenhöhle in Kentucky, „The Mammolh- Cave", gehört zu dcnWeltwundern, und der „Aellowstone- Park" bietet in seiner Ausdehnung mehr und großartigere Phänomen, denn irgend ein gleichgroßer
Wclttheil. . ..
Tie Wohnungen der „Cliff Dweller" m Neu-Mexrko nnd Arizona, die stuinmen Monumente cmer vor >?ahr- bunderten erloschenen Rasse, von welcher der Welt nichts Bestimmtes überliefert worden ist, sie allein sind Grund genug für den Besuch von europäische Gelehrten Mid Archäologen. Tie wundervollen Gold- und Silberberg- wcrke in Colorado, die Blei- und Zinkgruben von Missouri, welche dem Weltmarkt eilt Drittel derGesammt- produktion von beiden letzteren Metallen zusühren, sind gewiß nicht ohne Interesse für jeden gebildeten Europäer. Alle diese Punkte sind von St. Louis aus leicht erreichbar.
Kein Gebildeter wird daran glauben, daß alle Sehenswürdigkeiten der Welt in eiiieinLand allein zu finden sind.
Daß es St. Louis möglich sein wird, das kolossale Unternehmen in seiner ganzen Ausdehnung plangemäß und mit Erfolg dnrchzuführcn, dafür ist einem Jedem die Thatsache Bürge, daß dem Unternehmen ein Kapital von 160 Millionen Mark zur Verfügung steht. lftid diese ungeheuere Summe findet Verwerthung in Ge- winnung der besten Kräfte für den Aufbau der Weltausstellungs-Paläste und Schaffung prächtiger Anlagen; ste ermöglicht eine durchgreifende Thötigkeit erster Kommissare im Ausland und die Gewinnmig der sehens- würdigsten Spezialitäten auf allen Gebieten der Wissenschaft, Kirnst, Industrie re.
Da die St. Louiser Weltausstellung ihre Vorgängerinnen wi Größe sowohl wie auch in jeder anderen Hinsicht übertresfen soll, so war es nöthig, sie um ein ahr zu verschieben, von 1903 bis zum 1. Mai 1904, um genügend Zeit für alle Vorbereitungen zu gewinnen und um irgend welche Ueberstürzung zu vermeiden.
Die National-Regierung verwilligte 6,308,000 Doll., gegen 24,400,000 Mark, und istGarantie für die würdige Ausführung aller Pläne.
Ter Versuch pessimistisch angehauchter Berichterstatter, europäische Aussteller unter Hinweis auf die Einfuhrzölle abzuschrccken, zeigt nur, wie schlecht mancheLeute unterrichtet sind. Die Regierung der Vereinigteii Staaten bat jeden Zoll auf Ausstellungsgegenstände ausgehoben, ausgenommen solcher Artikel, welche für den Verkauf in diesem Lande bestimmt sind. Niemand wird wohl er-
trennen, und so reiste ich ab in der Befürchtung, sie im Leben iiicht wieder zu sehen. Ten Winter über hörte ich auch nichts von ihr; Fräulein von Gebhardt war in Italien, ihre Adresse wußte ich nicht, und so mußte ich bis zum Frühjahr warten, bis ich persönlich bei ihr Nachfragen konnte. Damals bin ich oft hier herausgefahrcn nach Nymphenburg und habe mit großerSehnsucht darauf gewartet, daß endlich einmal die Jalousiem und die Fenster in der Villa geöffnet wurden."
„Das ist ja Alles sehr hübsch und sehr aufklärend", warf Karoline ein, „und man kann sich ganz gut vorstellen, wie die Sache so in Toblach gekommen ist, und ich möchte wohl auch einmal in die Dolomiten fahren, in der „Gartenlaube" sind schon ein paarmal wunderschöne Bilder davon gewesen, aber wie war denn nun eigentlich die Geschichte mit dem Stock und mit der Isar, denn das möchte ich ganz furchtbar gern wissen."
„Mit welchem Stock?" fragte Alois ohne Verständniß; er hatte von den nächtlichen Ereignissen am Jsarufer offenbar noch nichts gehört. Marga klopfte jedoch abermals an ihr Glas und sagte: „Ich muß Fräulein Karoline Sedlmayer zur Ordnung rufen. Redner dürfen nicht durch Fragen unterbrochen werden." _
„Nun, die Sache mit dem geheimnißvollen Stock wird sich hoffentlich im Laufe des Abends auch noch aufklären", sagte Alois, „vorläufig will ich erst einmal erzählen, wie die Geschichte meiner Liebe weiterging. Als das gnädige Fräulein endlich im April zurückgekommen war, habe ich ihr mit etwas auffallender Eile meine Aufwartung ge- macht, ich habe dann noch ein paarmal wiederkommen dürfen, und eines Tages im Juli — ich weiß ganz zufällig noch, daß es der siebente war, — überraschte sie wich damit, daß sie mich nicht allein empfing, sondern in Gesellschaft von Fräulein Marie Gericke. Nnd meine — wie ich nicht leugnen will, sehr freudige — Neber- raschung wuchs noch mehr, als ich hörte, daß diese junge Dame Aer an meiner Seite beschlossen hatte, mit ihrem Vater ganz in die Nähe von München zu ziehen. Er war inzwischen leider so krank geworden, daß er sein Leben nicht mehr selbst bestimmen tonnte, sie aber hoffte immer
